Ein Gedicht schreiben: Das Gegenteil einer Meditation ist auch eine Meditation

Das Ziel einer Meditation, sei es eine ignatianische Stille-Übung oder eine Zen-Meditation, ist das «Ausschalten», das «Gehen-lassen» der ständigen Gedankenflut. Denn dein Kopf ist in einem steten angeregten, fast geschwätzigen Zustand: hunderte von kleinen Ameisen-Gedanken beineln an den Wänden deiner inneren Vorstellung herum.

Dieses «Vorüberstreichenlassen» der eigenen Gedanken, die ja meistens Impulse aus Begierde und Interesse sind, ist eine schwierige, schwierig zu erlernende Aufgabe. Es dauert einige Zeit, bis du diese innere Stille herstellen kannst, und selbst dann noch zwitschert und flirrt es dir plötzlich auf in den stillen Höhlen deines Gehirns. Irgendein Bedürfnis, irgendeine Regung ist immer.

Die Entstehungsgeschichte eines Gedichts jedoch liegt genau in diesen sirrenden und undeutlichen Spuren der Gedanken in deinem Kopf. Assoziation um Assoziation, unwillkürlich, aber willkürlich angespornt, häuft sich in deinem Kopf, wie ein Schneebrett, das ins Rutschen gerät. Hunderte von kleinen Gedankenflocken regnen auf dich nieder. Du kannst sie kaum fassen, du musst innert weniger Sekunden deinen Kopf zu einem riesigen Rezeptakel, einer riesigen Weltraumantenne umfunktionieren.

Vielleicht bist du am Anfang gar nicht aufmerksam, machst etwas ganz anderes als an ein Gedicht denken, obwohl das ja sehr selten der Fall ist, aber vielleicht bist du am Kochen oder liegst im Bett und liest in einem Buch. Wenn dieser Neutronensturm in deinem Gehirn losgetreten ist, bist du hellwach. Du kneifst fast die Augen zusammen, so hellwach, aufgeregt und angeregt und neugierig und konzentriert / unkonzentriert bist du.

Denn Konzentration schadet jetzt nur. Wie während einer Meditation die Konzentration auf die schädlichen, von Bedürfnis und Begierde geleiteten und herbeigeführten Gedanken nicht zu einem Zustand der Meditation führt, darfst du dich jetzt keinesfalls festlegen, festhalten, etwas Bestimmtes wollen, deine Gedanken etwa lenken wollen.

Du wartest, bis der Hirnsturm abklingt. Das dauert meist nicht länger als 5 bis 10 Minuten. Aber dann hast du eine ganze Seite vollgekritzelt mit Wörtern, Begriffen, Bildern. Und du bist wie innen und aussen gewaschen, rein und wie neugeboren. Die Stille um dich ist herzerschütternd, die Stille in dir ist herzerwärmend.

Erlöst weisst du, jetzt kann ich die Gedanken fahren lassen. Doch für die 5 bis 10 Minuten des inneren Orkans warst du in einem Zustand der Meditation. Denn das Gegenteil von einer Meditation ist auch eine Meditation: der Moment, da ein Gedicht in dir entsteht und von all deinen Nervenrezeptoren willkommen geheissen wird.

Wie ich Gedichte lese

Um die Lektüre von Gedichten ranken sich unabwendbare Klischees und unausweichliche Missverständnisse – ebenso wie um die Interpretation oder Deutung von Gedichten. In diesem kurzen Blogeintrag will ich damit Schluss machen. Hier handelt es sich also um ganz und gar parteiische und subjektive Vorschläge.

1.    Lies das Gedicht immer laut

Bitte lies das Gedicht immer laut. Ein Gedicht, das du nicht laut lesen kannst, ist kein Gedicht. (Das gilt nicht nur für konkrete Poesie, sondern auch für die verkopfte Lyrik aus dem deutschsprachigen Raum.) Du kannst es natürlich auch nur flüstern, aber am Besten ist es, wenn du ihm deine ganze Stimmkraft verleihst. Das kannst du im stillen Kämmerchen tun oder aber im Kreis deiner Liebsten, die du damit herrlich terrorisieren kannst. (Bald kannst du das Vortragen oder Vorlesen eines Gedichts als Droh- und Druckmittel einsetzen!)

Achte darauf, dass du jedes Wort deutlich aussprichst. Achte auf jeden Vokal, sprich auch die Vokale deutlich aus. Gib ihnen Farbe, indem du sie längst oder kürzt. Gerade die Vokale sind das Herz jedes Gedichts. In Kombination mit den Konsonanten (in Fällen von Alliteration) beginnt jedes gut geschriebene Gedicht zu singen.

Ach ja, und versuche zu singen. Versuche zu erkennen, ob das Gedicht verschiedene Stimmen oder Stimmungen beinhaltet oder wiedergibt. Passe deine Stimmlage diesen Impulsen an.

Du wirst bald merken, dass damit auch deine eigene Ausdruckskraft wächst.

(Nebenbemerkung: versuche, Autor*innenlesungen ohne Schauspieler*innen zu meiden. Die Autor*innen sind meist nicht in der Lage, ihren Gedichten Stimme zu verleihen. Nur im englischsprachigen Raum gibt es – auch Spätfolgen der Beat-Revolution – wirklich Leser unter den Autor*innen. Und wenn du doch auf eine Autor*inlesung gehst, brich deine Zelte sofort ab, wenn es sich um eine «Wasserglas-Lesung» handelt; die Autor*in also hinter einem Tisch versteckt ist, ein Glas auf dem Tisch steht und alles im sicheren Bereich läuft.)

2.    Lies keine Gedichte aus der Zeit vor 1900

Und versuche dich nicht zuerst an klassischen deutschen Gedichten wie «Erlkönig» – die vermitteln dir nur einen ganz und gar falschen Eindruck von Gedichten. In solchen Gedichten aus dem 19. Jahrhundert begibst du dich in eine Art «Brockenhaus», in ein mittelgut gepflegtes Antiquariat. Lass Göthe, Schiller und die Biedermeier-Konsorten hinter dir. Steige gleich mit den Expressionisten ein: von Hoddis, Trakl und vor allem (immer wieder) Gottfried Benn.

Denn du bist ja nicht ein Bewohner des 19. Jahrhunderts. Vor 100 Jahren entstand die moderne Lyrik, die mit Brentano und Novalis gewiss schon ihre ersten Zuckungen erlitten hatte.

3.    Lerne lauschen und lies das Gedicht immer wieder

Und lies ohne Hemmungen, querbeet. Lerne auf Töne, Stimmen / Stimmungen und Metaphern lauschen. Lasse sie auf dich wirken, indem du das Gedicht probeweise immer wieder liest. Schmecke das Gedicht ab, verkoste es.

Lass es dir von anderen vorlesen, lass es von anderen probeweise für sich entdecken, und du lauschst auf ihre Intonation und ihren Ausdruck, ihre stimmliche Reaktion darauf.

Grabt gemeinsam (oder allein) nach den Wörtern, die euch oder dich berühren (lautlich und auf der Ebene der Sprache, in Metaphern).

4.    Höre nicht auf, wenn du nichts verstehst

Beim Gedicht bist du nicht verpflichtet, etwas zu verstehen. Lege deine Vernunft oder Vernünftelei ab. Stelle dir vor, du bist bei einem guten Freund*in eingeladen und kostest einen guten Wein oder ein speziell für dich gekochtes Gericht. Denn in die Gedichte, die du liest, sind viel Energie und Lust geflossen.

Versuche nur sprachlich zu ergründen, zu erfühlen, was im Gedicht geschieht. Denn in Gedichten geschieht viel nur auf der Ebene der Sprache, nicht auf der Ebene der Logik.

Mir geschieht es oft, dass ich ein Gedicht sehr mysteriös finde, keinen Anhalt finde, aber wenn ich es zu «geniessen», abzuschmecken beginne, erwecke ich sehr viel in mir (und in ihm).

Und natürlich passiert bei einigen Gedichten nichts. Dann legst du das Gedicht (und häufig auch den Lyriker*in) weg, um nicht mehr (oder sehr viel später) wiederzukommen. Denn ich garantiere dir, dass dir der Lyriker*in nichts sagen wird – oder eben, erst viele Jahre später.

5.    Lies in fremden Sprachen

Und scheue nicht vor französischen, englischen, amerikanischen, brasilianischen, herzegovinobosnischen Gedichten zurück. Insbesondere der englische Sprachraum bietet einen guten Einstieg für Gedicht-Neulinge, weil die anglosächsische Poesiewelt mehr vom Erzählen als vom Ziselieren hat als die deutschsprachige hat. Auch hier: suche dir moderne Autor*innen!