Meine Traum ist keine

Schissdrägg Strasse schlafen,
Kalt ist Nächte jetze,
Leute hier sind Hetze,
Alle wollen strafen,

Bettler keine Menschen
Oder was, meine Frau
Weint, dort Commandau,
Habe keine Händschen,

Denke immer Kinder,
Denke immer Arbeit,
Denke immer wird schneit,
Werde fast behinder,

Meine Traum ist keine,
Möchte nur noch heime.

Alterität verwirklichen

(Dieser Text ist eine Reflexion auf ein Lyrikertreffen, das kürzlich zum Thema „Das Gedicht als Waffe“ abgehalten wurde.)

Ich beginne mit der Frage nach der Urheberschaft: Wer setzte dieses Thema?

Vetreten wurde das Thema von den drei leitenden Männern.

Meine eigene Reaktion auf das Thema war sofort eine begeisterte. Diese Begeisterung stammte einerseits aus meiner eigenen Poetik, die eine der Wut und der Auflehnung, des Widerspruchs ist. Wenn auch meine Gedichte inzwischen explizit in «Stimmen» geschrieben sind, so sprechen diese Stimmen doch immer aus einer Verletzung, aus einer Randständigkeit und aus einer Empörung heraus. Sie wollen treffen, «zurück verletzen», eine Reaktion und/oder im besten Falle eine verändernde Bewegung, eine andere Haltung bewirken. Insofern würde ich meine Poetik durchaus als ein waffenförmiges Sprechen beurteilen, ihre Gewaltbereitschaft bejahen. Es handelt sich dabei um eine Form der Gewalt aus und in Sprache, die ich von Rimbaud und Lautreamont gelernt habe: die Sprache zum Äussersten treiben, bis sie blossstellt oder blossgestellt ist.

Um es noch ehrlicher zu sagen: Ich hasse «brave» Poesie genauso wie ich unkonkrete Poesie hasse. Ich hasse die Poesie, die Harmonie predigt oder (ver)sucht. Ich muss mich immer sehr zusammenreissen in ihrer Gegenwart. Das heisst nicht, dass ich ihr ihre Existenz absprechen will, vergessen denn: kann. Ich finde nur, dass die Welt, in der wir leben, so nach Veränderung schreit, dass diese Veränderung nur in Radikalität, in der Sehnsucht nach Aufwurf, Ausbruch und Zerstörung gesucht werden kann. Und – das Wichtigste!: Ich weiss, dass diese meine Position ein ausgesprochen männliche, also patriarchale ist.


Im Exkurs, in der Einleitung, die unsere Debatte im Forum anregen wollte, erkannte ich und/oder glaubte ich zu erkennen, wie sehr sowohl dieses Thema als auch meine oben beschriebene poetische Haltung auf den in unserer westlichen geprägten Weltordnung auf den fast manichäisch zu nennenden Dualismus abstellen. Ich weiss ebenso, dieser Dualismus ist ein durch und durch patriarchaler.

Ich weiss auch, dass ich seit einigen Jahren schon auf dem Weg bin, diesem Dualismus entfliehen zu wollen, neue (Deutungs-?) Routen zu finden, um das weite Feld zwischen den beiden Polen (Frieden-Krieg, Frau-Mann, etc.) zu entdecken und eröffnen. Denn dieses weite Feld ist der eigentliche Handlungsraum, in dem wir Lebewesen uns befinden und einzig lebenswert bewohnen können.

Oh, es geht nicht um die Erweiterung dieses Raums!: Er ist gross genug für «alle/s dazwischen»!

Was es in meinen Augen mehr denn je braucht ist das Einnehmen von Positionen, die den ambivalent-grauen Bereich zwischen den beiden Polen eröffnen.

Dafür ist es vonnöten, dass die Männer in einer gemischten Runde zurücktreten, zurückhören, wahrnehmen lernen und können. Ich selbst weiss mit grosser Gewissheit von der Leichtigkeit, der Selbstverständlichkeit, mit der ich in einer Runde das Wort ergreife – häufig, ohne die andere Person, die andere Rede(nde) ausreden zu lassen, bevor diese Person in der Rede überhaupt erst so weit kommen konnte, um ihre eigene Position entweder darlegen oder aber finden und/oder erkennen zu können. (Denn wenn du «aus dem Schweigen» kommst, weil dir gesellschaftlich eine «schweigende Rolle» zugewiesen bekommen hast, dann kannst du nicht sofort sprechen, verbalisieren, was deine Position ist; du glaubst unter Umständen gar nicht, dass die Worte dir gehören, du hast ihren Gebrauch vielleicht nicht einmal erlernen können.)

«Ich habe begonnen, lerne es noch, mich zurücknehmen» heisst auch: Meine Ansicht, meine «Erkenntnis» weder für «logisch», «selbstverständlich», «selbsterklärend» oder «von gesundem Menschenverstand» (der bisher noch immer ein durch und durch männlicher ist) noch als «abschliessend» (im Sinne von «letztgültig») zu halten. Heisst auch, bereit zu sein, von dieser Position leicht und bereitwillig Abstand zu nehmen.


Mit einer Waffe zielst du auf etwas, auf eine Sache oder ein Lebewesen.

In Anwendung von LeGuins «Tragetaschentheorie der Erzählerin» möchte ich allen zurufen: sammelt statt zu zielen, vergesst die Gerade, die Linie, die Grenze, den Zweck!

In Anwendung des vorgängig Erläuterten möchte ich sagen: Verwendet das Gedicht nicht nur als eine Waffe zur Öffnung von Möglichkeitsräumen, sondern gebraucht das Gedicht absichtlich dazu, um in diesem Möglichkeitsraum, in diesen Möglichkeitsräumen Positionen einzunehmen, zu verdeutlichen, euch darin heimisch einzurichten – damit diese im Ambivalent-Grauen verborgenen oder vom Patriarchat bewusst vergessenen oder verschütteten Positionen auch lebenswert werden.


Ich wünschte mir den subsidiären Mann: Eine Person, die vom andern, von der anderen zu hören wünscht, der anderen, dem anderen eine Sprache zutraut; eine Person, die Abstand nimmt von ihrem biologischen Geschlecht und in den ambivalent-grauen Bereich eintritt; eine Person, die freiwillig den Raum des Sprechenmüssens (der ein Raum des Sprechendürfens ist) verlässt und Platz macht für die andere, den anderen.

Denn ich bin zutiefst überzeugt davon, dass dann geschehen könnte, was ich mir so sehnlich wünsche: die Ermächtigung des anderen Sprechens, des Sprechens der Frauen, der Transmenschen, der People of Color, der Lesben und Schwulen, der Queeren und natürlich all derer, die «unserem» Abziehbild des «normalen Menschen» nicht entsprechen können, weil ihre Beeinträchtigung, ihr Anderssein – das «unsere» «Normalität», die es nicht gibt, an der «wir» aber trotzdem festhalten, – in Frage zu stellen scheint – in Tat und Wahrheit ein Reichtum ist.

Dass ich diesen Wunsch so bestimmt und brüsk vortragen und vertreten kann, fast ohne mit einer Wimper zu zucken, entlarvt mich wiederum als einen aktiven Vertreter des Patriarchats, der sich des Sprechens für die anderen anmasst.

Ich will meine Worte jenen Stimmen schenken, die in mir wohnen und leben, die nicht männlich sind, die nicht schweizerisch oder mittel- und westeuropäisch sind, die nicht weiss sind, die nicht den Normen von «körperlich und geistig gesund» entsprechen.

Denn mein Problem ist: Ich kann nicht schweigen, ich muss sagen, ich muss dichten, schreiben, das ist stärker als ich. Das ist ein Auftrag, eine Verantwortung, die ich nach langem Kampf mit den herrschenden Normen und Werten dieser westlichen Gesellschafts- und Wirtschaftsform angenommen habe und zu verwirklichen versuche.

Jederzeit bereit, die Personen zu hören, zu achten und schätzen, die aus diesem Ambivalent-Grauen heraus sprechen, aus diesem Zwischenraum, der recht eigentlich Lebensraum ist, heraus zur Sprache, zum Wort finden, weil sie in ihm so lange schon Halt gesucht haben, den ich in der Nähe des einen Pols schon längst gefunden zu haben scheine.

In Hilthausen

Dort in Hilthausen haust ein Grauen
Unter der alten Linde
Die noch alle sehen
Sie steht seit Varrus nicht mehr
Liegen zwei Menschen
Rechts und links vom in Marmor geformten Strunk
Die Wurzeln umarmen ihre Sarkophagleiber
Und sie tragen Helme mit Geweihen und Hauern
Und dort im staubigen Schatten der Autobahnbrücke
Die niemand mehr befährt
Seit der Tunnel verschüttet
Wo noch letztes graues Moos sich hält wie die einst grünen Tränen des grossen Waldes
Dem das Land gehörte
Dort im hallenden Raum der angehaltenen Zeit
Wo sich manchmal eine Gruppe chinesischer Touristen hinverirrt
Ihre Aliensprache wie das Raunen einer Invasion
In Hilthausen kam ich zu spät
In Hilthausen kam ich zu früh
Es fehlen dazu genaue Berichte
Du hattest deine Arme einmal gehoben für meinen Hals und
Dein Mund hauchte den grauen Schatten des Lebens aus
Aber ich kam zu spät
Aber ich kam zu früh
Genaue Berichte dazu gibt es nicht
Und ich fand dich nicht wieder
Und tobte und tobe und kratzte mit meinen Fingernägeln an den Sarkophagen
Die zu leuchten begannen mit Lettern
Wie Augen sich öffnen in der Nacht auf ein fremdes Gesicht
Unter der alten Linde
Der Wind hauchte in die Farnbüschel
Die du im Warten niedergetreten hattest
Dort in Hilthausen
Unter der alten Linde
Die noch alle sehen
Sie steht seit Varrus nicht mehr.

Unter den Brettern

Ich seh dichs ja mit dankbar gesenktem Kopf erdulden,
Das Brust-an-Brust-Gedrücke, die Hände auf dem Rücken,
Das leicht verschenkte Kosewort, sauer wie ein Gulden,
Den viele Hände hin- und hergedreht; aus freien Stücken

Hervorgetreten aus der Scham möchtest du die Lüge entblössen
Wie freigelegte Gletscherbahn, fein geschliffne Steine,
Ein Rieseln halb aus Schande, gespiesen von Verstössen,
Die niemand meinten als wieder nur dich selbst, ja, weine

Und schneuze dich im Morgen, gestiegen aus dem Schragen,
Der ungeteilten Schweissstatt, dem Gleisbett fremder Träume,
Erschöpftes Nieseln unter den Brettern, die kaum tragen
Den ausgelassnen Tanz und das Stampfen, dort in Räumen,

Wo Hände unumwunden den kalten Sand erkunden;
Dass jemand Lügen traut, das ist doch nicht dein Verschulden.

Der Schwindel

Du weisst, wie selten unwirklich nahe Ziele sind,
Wie rasend sie im Auge verlieren ihre Wut, das Kreissen
Nach mehr und mehr vom Gleichen, von Leere voller Spind,
In dem die feinen Beine mit kühlem Streichen kreisen,

Die Nähe dehnt sich aus, Universum tollen Sinns,
Die Zungen lappen schal, Allianzen finden Zwecke,
Die Reibung stillt die Töne; der Einfluss dieses Dschinns
Mit Namen «Bin gleich da», wie erklingt er aus den Hecken,

Als könntest du hineinragen lang und bis zum Steiss
In diese Kehren-Welt, in das dichte dünne Toben,
Wo rasend um dich dreht die Bedingung ihre weiss
Geglühte Kost, mit spitzem Gefinger schält ein Oben

Aus all dem Schwindel, kauerst du in schweissgetränkten Mulden.
Ich seh dichs ja mit dankbar gesenktem Kopf erdulden!

Feuerschale

Ich seh dich Fünfer wenden mit brühend heissen Händen,
Vergessen hast du schon die Erfahrung, dass Geburt
Entbehrung ist und Umkehr sich anfühlt wie Verenden,
Genau wie Narben unter dem Kreuzstich, dass die Furt

Die du beschreitest, ungetan werden wird in Bränden,
An denen gut zu schnuppern, erquickend blaut Geruch
Daraus nach Kreuzen, Kreuzwegen, dumpfen Unterständen;
Du hast noch nichts getan, hingehockt im stillen Bruch,

Und hörst wie leicht die heulenden, lang gedrehten Tänze
In Hälse voller Zungenbruch, Strecken voller Wut
Und Trampeln ausgestreckt sind und gleich den Feuer-Schwänzen
Der Sommersonnenwende sind, reif in träger Glut.

Ich seh dich aus der Schale geschlüpft und stier und blind:
Du tust, was du getan hast, und gehst von Hind nach Sind.

Keine Stunde

Du musst nicht gleich ein Bärtierchen sein, aus Moos geschält,
Bescheiden-krumm, Sporophyt im trocknen Sand der Kunde
Von Dankbarkeit und Abkehr, wo niemand mehr erhellt
Von Zeiten-Wechsel oder Geduld, und keine Stunde

Vom Zornesfall Erleichterung bringt und nichts vom ungezählt
Im feuchten Bruch verklingenden Röhren aufgehoben,
verschlungen wird wie Himmel; Geduld, Geduld ist Geld,
Ein Speerwurf in die Bärlauch-Gedichte, aufgestoben

Aus platten Lettenpfaden, grau und ausgewählt
Als Mittel gegen Schamrückfall, niemals gut beraten
Von abgekehrter Dankbarkeit; keine Stunde stählt
Dich mehr als diese, um die Gemeinschaft zu verraten.

Ich seh dich stehn im extremen Geländ mit nassen Lenden.
Ich seh dich Fünfer wenden mit brühend heissen Händen.

Haut der Zweiheit

Denn wer will immer kümmern? In heisser Kälte weilen?
Die Enge dieses Lands und die Schwere dieser Haut
Mit Fassung tragen lernen, auf schnellen Beinen eilen,
Gehorsam ausgeschwärmt, in der Fläche aufgestaut?

Nicht du, nicht ich: die Kluft hat die längste Zeit gehalten
Geschlecht und Körper, Geist und Gehirn wie Wachs verkrümmt,
Und wollt uns weiter zwingen, an Zweiheit festzuhalten:
Wo keine Zombies, unmündig-mild, aufgetürmt,

An spitze Hüte ängstlich geklammert, ist Gedeihen:
Wo Krümmung Gräde wird, und der Kreislauf warm spiralt;
In Spalten wollen Unterschied, Widerspruch wir seihen,
Aus Haut und Heimat aussteigen, – die schon längst verstrahlt.

Ich seh dich schon im Wandel, entfremdet dieser Welt:
Du musst nicht gleich ein Bärtierchen sein, aus Moos geschält!

Ein Gedicht schreiben: die Welt anders wahrnehmen und darstellen

Von Giotto di Bondone – Ursprung unbekannt, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2941674

Auch wenn ich weiss, dass Aufzählungen sowohl die Leserin als auch mich erschöpfen, ja als ein Zeichen von Schwäche gelten können, liebe ich diese Form der Weltstreifung, der Weltdurchstreifung.

Es ist mir dies eine ganz natürliche, quasi instinktive Art und Weise zu sprechen: weit greife ich aus mit der Sprache, werfe mein Netz mit Schwung ins braune Wasser des Nildeltas. Je mehr sich in meinem Netz verfängt, umso besser, und je entlegener und verschiedener die gefangenen Arten und Formen sind, desto besser: in Differenz und Entlegenheit liegt eine reichhaltige Poesie.

In der letzten Zeit, angefangen mit den buddhistisch grundierten Gedichten der «Ginkakuji-Variationen», beschäftigt mich nicht nur Vieldeutigkeit, vieldeutiges Sprechen, sondern das Ausbrechen aus dem herrschenden dualistischen Denken und Handeln.

Die so geliebten Aufzählungen, beginne ich zu verstehen, bieten mir genau diesen Ausweg aus dem Entweder-Oder. Und die Sprache ist da durchaus ein Hindernis, denn sie kann nur linear und kausal sein, immer stellt sie grammatikalisch und syntaktisch Verbindungen her. Eines kommt nach dem andern, eines kommt von dem andern.

Immer schon habe ich Mühe gehabt, Kausalitäten zu verstehen und darzustellen. Immer schon hat sich meine Wahrnehmung gegen eine lineare Abfolge von Perspektiven und Geschehnissen gesträubt. In den Aufzählungen habe ich ein Ventile dafür gesucht und gefunden.

Das Gleichzeitig-Verbundene und das Gleichzeitig-Unverbundene: so möchte ich darstellen, was ich wahrnehme und was mich be-eindruckt. Im Buddhismus ist alles – Belebtes wie Lebloses – leer, wird aber von uns Menschen «gefüllt», sodass es Bedeutung erhält und zu behändigen ist; Gegensätze und Dualismen sind also nicht «wirklich», sondern gemacht, ebenso wie Unterschiede und Erkenntnisse.

In der Beschäftigung mit der hebräischen Sprach- und Bildwelt, was ja auch immer eine Beschäftigung mit anderen Denk-, Vorstellungs- und Verstehensmustern darstellt, treffe ich nun im Rahmen meiner neuen Gedichtreihe «Psalmen für Saul» auf weitere Alteritäten des Sprechens. Dabei handelt es sich einerseits um das aspektivische Sprechen (der Aspekt einer Sache, eines Wesens oder eines Zustandes steht für das Ganze), das in Merismen seinen Ausdruck findet. Andererseits erlebe ich im «Parallelismus membrorum», dem zweifachen, aber veränderten Aussagen des Gleichen oder Ähnlichen eine neue Freiheit.

In den Sätzen der hebräischen Sprache werden selten eindeutige kausale oder temporale Beziehungen eines Sachverhaltes oder eines Ereignisses zu einem andern ausformuliert.

(Schroer / Staubli)

Was jedoch viel wichtiger für meine sich wandelnde Poetik ist, das ist das Bewusstsein einer stereometrischen Wahrnehmung der Welt: eine mehrdimensionale, eine Tiefenperspektive in der Darstellung wird möglich, ebenso wie die Gleichzeitigkeit alles Geschehens und Empfindens.

Ich denke dabei immer an Giottos «Einzug in Jerusalem» (Padua, 1304-1306), in dem drei Figuren in der rechten unteren Bildhälfte darstellen, wie jemand sein Kleid auszieht du auf der Strasse ausbreitet. Dieses Bild hat mir in meiner Jugend zum ersten Mal gezeigt, dass eine Aushebung der zeitlichen Linearität in der Kunst (oder durch die Kunst?) möglich ist. Oder um mit dem Prediger zu sprechen:

Was in Zukunft geschehen wird, ist schon da gewesen; und was in der Vergangenheit geschah, war zuvor schon einmal da. Gott lässt alles wiederkehren wie in einem Kreislauf.

Koh 3,15

So entwickelt sich das Leben eines Lyrikers, ebenso kreisförmig, und so entwickelt sich seine Sprache und sein Sprechen, ebenso zyklisch. Was aus einem anfänglichen Impuls des «möglichst viel und vollständig Einfangens» entstanden ist, wird mit der Zeit – in der spiraligen Zeit der Kunst – zu einem bewussten Handeln in der Bemühung nicht mehr nur um die bereits als unmöglich verstandenen Vollständigkeit, sondern um eine absichtliche Verschiebung von Massstäben, Sichtweisen und Sprechweisen, um eine Auflösung der Gefangenschaft im Definitiven und Faktisch-Empirischen, in der Bemühung um eine andere, weiter gefasste (aber nicht «fassbare») Weltsicht, die in der Bejahung der Gleichzeitigkeit von Unterschieden und Unterscheidung auch eine neue Welt erstrebt.