Das Dorf ist an den Abhang gekräuselt: Menschen mit Bodenhaftung leben dort
Sie kennen den Wert der Dinge
Die Kosten eines Schwerts: eines Hufs
Die Kosten eines Saumtiers über die Pässe im Osten
Die Kosten für Wegelagerer: wie Stiere schauen sie
Auf das Bollwerk des Kii hinauf:
Jeder Schritt zeichnet sich an ihrem gereckten Kinn ab: am stumpfen Winkel ihrer Mäuler erkennst du
Den Glauben an die Fakten aus denen sich ihr Leben schafft: sie glauben nicht das den Westen spiegelnde Eisen meines Geliebten mehr: das auf der Engawa steht wie eine Menschenscheuche: sie glauben nicht an die Befreiung in der Armut: in ihren Töpfen schillert das Silber wie der Brunnenboden vom Mond: in ihren Schalen klumpt sich das Reis wie eine gestochene Schnecke zusammen: die See zu ihren Füssen bespritzt ihre Rücken mit dem weissen Schleim der Träume
Menschen die vorsichtig geben: die ihre Münzen drehen und drehen und drehen
Ohne die Rückseite je zu beachten vergessen denn zu betrachten: und die Berge sind ihnen unbegreiflich und unbesteigbar und deine Bosheit
Die längst nicht mehr an Taten glaubt: deine Demut
Die ihre Brust wölbt unterm Do der selbst verantworteten Demütigung
Deine selbst verantwortete Demut und dein Hass gegen diese gutmütigen aber nicht genügsamen Land-Tiere
Die du kaum sehen kannst mit deinen Welsaugen
Die fett vom Land und Fluss und mit dem anschwellenden Mark der Vernunft gemästet glotzen auf deinen wankenden Gang: glaubst nur noch an die Kunst der Unvollkommenheit und du kämmst
Die Haare deines Geliebten
Kämmst all das Stroh heraus und den Sand
Wäschst das schwarze Blut aus seinen Haaren: der Trog füllt sich schwarz mit Wasser: und staunst über die weisse
Weisse Haut im Nacken: es gibt nichts zu sagen: keine Fakten binden dich an diesen Mann
Diesen Eidechsenleib mit seiner Eidechsenrute: wie das Dorf kräuselst du dich am Abhang deiner Zuneigung: zu drei Vierteln abgedreht wie ein Dorfmädchen: die Unschärfe seiner Worte
Klingt wie der Ruf eines Ochsen: einen dumpfen warmfeuchten Laut stösst mein Geliebter aus zum Abschied und kehrt mir seinen Nacken zu
Kehrt mir immer seinen Nacken zu: ich kenne jedes Plättchen und die Färbung des Leders und das Knarren des Sode wenn er mich umarmt: da
Trampelt er durch das Gemüse meines Gartens und ich hebe meinen Kopf hinauf zum Stiernacken des Hügels
Wo die blosse Behauptung Fakten schafft: schon watet er durch den Bach und an seinem Ufer entlang in Richtung der silbernen Fläche des Sees: sein Shidoko glänzt in der Morgensonne wie Schiefer.
Kategorie: 80 Gedichte in 80 Tagen
Ich habe die Handlungen der Menschen gesehen
Ich habe die Handlungen der Menschen gesehen: auf schmalen Schultern: auf engsten Schultern wogen sie sie mit ihren Handlungen
Das leere Saugen in ihrem Kopf auf: Gesichter voller Entsargung trieben ihr Spiel mit dne unbegriffenen Dingen der Welt: es ist ein Fehler
Dem Schlürfen der Wellen am Land keine Absicht einzugestehen: es ist ein Fehler
Dieses Saugen am Land: in der Beharrlichkeit des Ozeans auch nur eine Spur von Menschentum erkennen zu wollen und doch: selbst die lauen Muscheln die du schlürfst haben mehr Rückgrat als du in deiner überhobenen ungezwungenen Entsagung am Rand von Sturm und halb noch Mensch und halb schon
Vampir: zeige mir einen guten Menschen und ich werde die Menschen nicht mehr kennen mit ihrem entsargenden Lachen
Ihrem unfruchtbaren
Ihrem wirbellosen Kuss: die verschlossensten Wesen
Die gegen aussen verschlossensten Wesen habe ich anstürmen gesehen gegen die offenen Türen der Vergebung: die Türstöcke selbst einreissen habe ich sie gesehen: mit kunstfertiger Geschwindigkeit und sich steigender Leidenschaft die blanken Gedanken an eine Schöpfung
An eine Vollendung in der Schöpfung mit Flüchen und Anathemen belegen
Denen jeglicher Weltensinn fehlte: hier in meiner eigenen Entsargung: in meiner eigenen
Unfruchtbaren Betrachtung der wirbellosen Wellen und im Flug der Möwen über den in der Bucht ausgelegten Fischernetzen: erfüllt mich bis zum schmalen Rand
Bis zum engsten Rand meines salamandrischen Wesens der Salmiakgeruch von Vorsehung und Abwendung: ich entsage
Ich entsage der Bosheit gegen die Menschheit: der Bosheit aus Armut Ertüchtigung und Demütigung
Nicht: ich trage auf meiner Stirn das Mal der wiederkehrenden Verhaftung: des anklebenden Ansturms gegen die Landmasse
Der Verschmelzung mit dem Subjekt: Einschluss in dem und mit dem Subjekt: die Wände meiner Hütte rücken zusammen wie der Körper einer Muschel beim ersten Tropfen Zitrone zusammenzuckt: selbst die Dielenbretter heben ihre viel geschlagenen und getretenen Stirnen mir entgegen und pressen sich hart wie das Herz des Menschen ans Gesicht: ein Kuss bitte
Man stirbt für weniger: ein Kuss.
Chotto matte!
Chotto matte: von den versumpften verlassenen Landstrassen auf die Enge des Marktes hinaustretend: ohne Gesellschaft
Keine Inspiration: wie die unregelmässigen Häupter der Wellen am Biwa kommen die ächzenden jaulenden Gesichter der Bauern auf mich zu: auch ein Samurai lässt seinen bärtigen Abscheu durch die Menge laufen: auslaufen und trägt
Eine Erheiterung zur Schau: du verfestigst dich und schwankst doch wie eine Feder die ein Gott angeblasen hat: oh dieser saure Zwiebelatem: ein anstürmendes Gefühl von Vergeblichkeit oder Vergebung: Nicht-allein und
Allein harrst du der Dinge nicht anders als der stumpfe feuchte Blick des Schweins im Gatter
Die erdige Schnauze der Erde zugekehrt in leisem Wiegen und Warten
Ein leises Schauern wellt seine schabige Haut: Chotto matte: die Kinder umringen dich mit ihren tiefschwarzen Mäulern und zerren am schäbigen Tuch deiner Schürze: nicht anders als die Wolken aus dem Westen mit ihrer Schieferfarbe
Und die trübgrünen Schatten in ihren Augen spornen dich zu einem Gesichtsausdruck an: als komme ganz oben auf der Stirn des Berges ein einzelner Fels ins Rollen: du fühlst den Knall in deinem Sternum
Als du fällst und sitzt: ja sitzen kannst du: hast du geübt: und die Dorflümmel setzen sich mit dir in den knöcheltiefen lauen Schlamm: ihre trübgrünen trügerisch zärtlichen Augen spannen Stricke von der Dicke eines Ochsenhorns in deinen frontalen Kortex: der wie du merkst
Schwamm geworden wäre: durchlässig wie der Sand am Strand: die abwehrend wedelnden Blätter der Eschen im Rücken des Hüttchens: Sickergrund: doch hebst du den Blick wie eine Erwachte: Obasan
Bitte erzähle uns vom Krieg: Chotto matte: ich bin doch noch nicht hier: die lärmende Brut streichelt meine Knie die ich heftig wieder zudecke und wird still: ohne Gesellschaft
Keine Inspiration: die Wellen sind gut für die Einsamkeit
Die Berge sind gut für die Demut
Papier und Tusche sind gut für die Übung: und hörst du den Regenpfeifer rufen und den Kranich klappern
Weisst du wohl um die Unbeginne
Um die Aberenden von nicht-wesenden Wesen: weisst du wohl um dieses Aufatmen des schwarzen schwarzen
Weltalls in diesen Kinderstirnen
In den aufgereckten Knorpeln ihrer Nasen
Die sie zu dir recken wie die Kletten ihre Knöpfe an deine Knie legen
In den entzündeten Schleimhäuten
In den fast silbernen Blasen ihrer Wangen: Chotto matte: weisst du wohl um ihre Erdhaftung und fühlst den Dreck an deinen Knöcheln erkalten und trocknen
Und blickst über die grob gemusterte Fläche Selbst-Sein hinweg: beruhigt euch doch
Ich will erst von euch hören
Wer ihr seid.
Mit gefurchten Stirnen
Mit gefurchten Stirnen schlägt das Wasser auf das Land ein: ausdauernd streitet es an
Gegen diesen beklemmenden Unterschied der durch keine Entscheidung aufgehoben werden zu können scheint: womit ist der denn zu vergleichen: und die Berge stemmen ihre Buckel mitsamt ihren Nebelyukatas dem Himmel entgegen
Obwohl oder weil
Schon Teil davon: und in meinen silbernen Tränen
Die noch und nicht mehr zu meinen Augen: zu meinem Körper gehören: die vom steilen atemraubenden Wind
Gegen den ich mich am Ufer stemmen muss
Ausgetrieben werden als handelte es sich dabei um eine Form von Nektar
Die ihn nährt: in diesen Springbrunnen meiner Anwesenheit will ich erreichen will ich verankern
Noch einmal: im Angesicht der tobenden Wellen und im Gesichtsfeld dieser wieder blanken Berge im Osten
Mein Geschlecht: über meine Brüste und über meinen spitzen Bauch sollen sie rollen unaufgeleckt rollen in meinen Schoss
Als könnten sie dort das Unheil eines Kindes für diese Welt anrichten: anrichten
Ja: so steigt mir der Geruch dieser handtellergrossen Füsschen herauf
Ein wenig Erde und ein wenig Staub und ein wenig zuckriger Essig
Die kalt und von der Morgensonne vergoldet sich mir in die Nase bohrten
Bevor ich mich abwandte von ihnen: einen Unterschied machte zwischen meinem Gesicht und ihren leise zuckenden Regungen: Zeichen: das Kind war wie ein Pendel in meinem Bett
Ein beklemmend herandrängendes Zeitmass
Mit grossem Ausschlag und Träumen wie der weittragende Klang einer Tsurigane: bereut bereut bereut: aus ihren Gesichtchen die Verzweiflung über die fortgesetzte Ausweglosigkeit von Traum und Wahrnehmung und mit siedendem Weinen an meine Brust gestürzt: als könnten sie den Richterstab von Emma-o zum Schmelzen bringen dort unter der Erde im Westen: als könnten sie die Bienen herauslocken aus ihren Rüschen: als könnten sie
Die Berge versanden lassen und die Wellen verdorren: alles aus meinem Schoss
Den meine silbernen Tränen niemals mehr erreichen werden hier in der Einsamkeit angesichts der Zornesstirnen der Wellen und der Unzugänglichkeit der Bergpfade nach Schneefall: und ich rufe in die anschwellende Sturmstille meinen Namen: in die anschwellende weisse Brust des Sturms: Nicht-Mann mehr
Nicht-Frau mehr: in meiner Nase kitzelt der Geruch der Füsse meines Kindes: selbst die Bienen sind nie allein in ihren Rüschen: womit ist mein Geschlecht nur zu vergleichen…
Der grabende Mogera wagura
Der grabende Mogera wagura
Der hüpfende Mejiro
Das fliessende Sandkorn
Der nicht-eine Tropfen
Der nachgiebige Schiefer
Die erstorbenen Nerven im Bananenblatt über deinem Kopf
Der taumelnde Hyakusho auf dem Heimweg aus der Spelunke im Morgengrauen
Der fallende Schwan: sind Mu: gehören sich selbst: die anschlagenden Hunde und die Abgesandten des Kaiserhofs: die gewundene feuchte Mamushi: wie festgebunden
Auf den Bogen
Auf die Speichen des Raumes und die schiefen Latten der Zeit: du verkleidest es mit deinen Obs und deinen Als-obs: selbst die leergepickte Eibe und die baren Eschen sind nicht eins: Hebung ist
Senkung und Atmen ist Ertrinken und Reiskörner auf der Zunge
Gehören sich selbst: nicht eines davon ist nicht auch das Gegenteil und du kämmst dir die wenigen silbernen Haare aus dem Nacken und bindest sie im Scheitel zu einer schilfdünnen und schilfbrüchigen wippenden Rute zusammen: wippend wie der Vogel auf dem Ast und deine Gedanken auf deinen Lippen und im Garten keift der Wind in den Kräutern und im Wacholder: ist auch der Wind
Nicht-ein: ist Mu wie ein Ochse in seinem bedächtigen Raufen im Stall: der fallende Schwan
Der blinde Mogera wagura
Der ungetrennte Tropfen
Die gefaltete Stirn
Die schrundigen Felsen
Der verklumpte Schnee
Die umgekippte Schale des Mondes
Der rasende Okoto auf der Ginza
Die rohe rollende Macht eines Brechers
Das aufgeteilte und aufgeteilte Sandkorn: sind Mu: gehören
Nicht sich selbst: zerstören den Lauf der Zeit mit ihrer Anwesenheit
Höhlen die Möglichkeiten aus wie meine leckenden Lippen die Wörter dieser Sprache
Die erst wie ein Inoshishi
Auf dich zustürmt um dich von den Füssen zu holen
Auf die du zählen konntest bisher
Und dann wie die Kamelie voller Spatzen sich in Verspottung übt: sind Mu: du kannst sie zählen wie deine himmelnahen Füsse
Wie der Dreck unter deinen Nägeln und die Schwärze deiner Zähne und Gedanken: gehören
Sich selbst: unbeziffert und unbeschriftet im rauschenden Raum
Im ruckenden Zeitmass
Das nicht stockt und nicht fliesst: das keinen Weg zurücklegt wie der fallende Schwan durch die atembare süsse Luft oder der Mogera wagura durch die rieselnde flüsternde luftraubende bittere Erde: und als ob der Ochse bedächtig raufte an seiner Krippe und die Vögel in der Luft nicht den Halt verlören
Bellst du durch den Raum mit deinem wunden Rachen: gehörst nicht
Sich selbst und bewegst dich doch nur aus eigener Kraft in deinem Morgenkreis im Garten: auch der Garten ist nicht-eins: Mu.
Es gibt nie einen Hund
Es gibt nie einen Hund der bellt
Und doch bellt immer einer
Wenn du nachts vor die Hütte trittst: weder Mensch noch Hund
Weder Haus noch Hilfe
Und doch bellt ein Hund in das seidene Schweigen der Nacht hinaus
In den Bergen im Osten wie Augen brennen Feuer und du
Kurzatmig und barfüssig in deinen Garten gelaufen: blinder
Blanker Mensch
Allein wie eine zu weit gerollte Murmel
Stolperst in die Dornenbüsche und zerreisst dir die Hakama: stehst lange und lauschend im Scherenschnitt der Nacht: es gibt nie einen Hund der bellt
Vielleicht ist es der Atem der Nacht: und doch bellt immer ein Hund
Den eine Ratte gebissen hat: in deinem Kopf haben bereits die Murmeln mit schwerem Kugelgepolter über die Planken des Schifferstegs zu rollen begonnen und verschwinden mit einem gierigen Klatschen da drüben im See: du denkst an die Stoff-Falten über den schlafenden Kindern
Und an den einen Freund
Plötzlich wie der schrei eines Hundes den es nicht geben kann
Der am andern Ende des Landes seine Stirne beugt in die Hände oder in das Kissen drückt: du bist ein Wels
Langsam unter den aufgeregten Furchen der Wellen hindurch gleitend
Den silbernen Staub
Da ist endlich auch der Mensch mit seinem Himmelsrasen
Den silbernen Staub des Grundes aufwirbelnd: niemand sieht ihn
Niemand hört ihn
Und du hörst die Murmelgedanken der Wellen über dir wie die Winde in den Hinoki-Kiefern und das aufgeregte Tuscheln der Eschen in deinem Rücken
Aber der Hund schweigt wie eine Muschel die deinen Fingernägeln widerstrebt: du siehst im Mondweg des Wassers das Gesicht deines einen Freundes
Abgekehrt wie das Geknäuel eines vom Sturm ausgerissenen Wacholders am Berghang: zu viel Fels und Kies und zu
wenig
Wirkliche Erde und wankst mit blanken blinden Schritten zurück zu deiner Hütte: die Talgkerze russt dir ins Gesicht wie eine fremde Sprache
Immer gibt es einen Hund der bellt
Und doch bellt nie einer
Wenn es darauf ankommt
Und lange liegst du wach und kratzt dich an unmöglichen Stellen mit den leisen Geräuschen eines Hundes
Der in seinem Fell nach den Zecken schnappt
Die ihn geweckt haben.
Serielles Schreiben
Wenn ich auf meinen Schreib-Pfad zurückblicke – denn ein Pfad war es, kein Highway: schmal und gewunden und ein erst spät erkanntes Hyperobjekt -, werden mir seine drei wesentlichen Phasen deutlich.
Der ursprüngliche Impuls: etwas sagen, was nicht zu sagen ist
Die erste Phase ist der ursprüngliche Impuls, der mich als Schreib-Person und meine Schreib-Persönlichkeit generierte und ermöglichte: eine unerwiderte Liebe, die mich ins Ausdrücken, ins „das Unmögliche in Andeutungen erstmals Aussprechen“ trieb. Dabei zeichnete sich früh ab, dass das Andeuten, das „Aussprechen ohne es auszusprechen“ (zu „es“ siehe meinen Eintrag Ein Gedicht schreiben: Es) für mich wesentlich würde. Es wurde bald zum Bedürfnis, Metaphern zu finden, die ungenauer trafen als vom Leser erwartet. Es wurde bald zum Bedürfnis, die Bilder quer in die Erwartungslandschaft der Leserin zu stellen.
Von der metrischen Strenge in den freien Vers
Die zweite Phase durchlief zwei Stadien: nach einer Vertiefung meiner metrischen Fähigkeiten liess ich die so erworbene Disziplin fallen. Dabei gestand ich mir erst spät ein, dass ich kein Lyriker bin, der diszipliniert reimt. Ich bin ein Lyriker, der den Wildwuchs liebt. (Genauso wie ich ein Religionslehrer bin, der die verqueren, die allzu fantasievollen, die autistischen Schüler*innen mehr über alles schätzt, den menschlichen Wildwuchs, der so herrlich glänzt und schimmert, dass einem fast schwindlig darüber wird.) Wenn Reim, dann unvorhersehbar oder in Alliterationen, Binnenreim. In der Ausübung der metrischen Strenge wurde mir immer enger und verlorener zumute: ich würde mich noch selbst erwürgen.
Umso herrlicher war die Befreiung im freien Vers. Umso schwieriger gestaltete sich diese. Gewiss konnte ich auf meine metrischen Grundlagen zugreifen, doch war mit diesen der Anspruch auch gestiegen. Ich musste fast alles neu erlernen. Denn trotz oder gerade wegen der gewonnenen, errungenen Befreiung im freien Vers musste ich in dieser „Form“ oder „Gestalt“ neue Strukturen finden und erwerben. Meine Themen standen neu zur Disposition: neue Metaphern mussten gewonnen werden.
Gleichbleibend blieb ein Thema: die (auch Selbst-) Enttäuschung, die Ernüchterung, die Wut. Sie waren und blieben die Treiber meines Schreibens. In dieser zweiten Phase wurde auch klar, dass das Andeuten immer zentraler wurde, das Indirekte nicht nur über Metaphern, sondern auch über ganze Bild-Konvolute und -Typologien und Chiffren gewonnen wurde. (Auch dafür ist der Eintrag „Gedichte schreiben: Es“ sehr aussagekräftig).
Das serielle Schreiben
Inzwischen hatte sich mein Leben grundlegend verändert. Ich hatte begonnen, keine Kompromisse mehr zu schliessen, was mein Schreiben betrifft. Ich hatte begonnen, nicht mehr daran zu glauben, was mir meine Umwelt weismachen wollte: dass ich einer Lebenslüge nachjagte, wenn ich daran dachte, „nur zu schreiben“. Ich gestand mir endlich zu, dass dies der eigentliche Sinn meines Lebens ist. Ich begann, mich als Lyriker zu benennen. Ich trennte mich von meiner Frau, verlor fast meine Kinder, gewann sie allmählich zurück. (Sie gewannen mich auch allmählich wieder zurück und lernten mich besser kennen als viele Kinder ihre Väter. So denke wenigstens ich.)
Ich schrieb inzwischen längst täglich, stündlich, immer. Der Schreibprozess nahm zunehmend überhand. Ich dachte und denke ununterbrochen an das Schreiben. Ich bin von Beruf Lyriker. Punkt. Mir das einzugestehen, hatte viel zu lange gebraucht.
Und damit setzte meine (bisher?) letzte Wandlung ein. Wenn du täglich schreibst, spielt die Disziplin, die Strukturierung des Geschriebenen eine grosse Rolle. Du beginnst thematisch reicher zu werden. Du beginnst wirklich den Tagebau, von dem du so gerne sprichst. Unablässig gräbst und grübelst du am gleichen Werk. Am gleichen Werk heisst auch: du schreibst unablässig das gleiche Gedicht. Du versuchst unzählige Schattierungen.
Und immer ist dir vor Augen die Musik. Du willst seit frühester Schreib-Zeit das Sibelius-Violinkonzert „versprachlichen“. Auf diesen Weg machst du dich jetzt, in dieser dritten Phase, auf.
Dann liefert dir dein Freund ein Alibi. Einen Ansporn. Das Heft, das er dir zum Geburtstag schenkt, hat 80 Seiten. Du als vehementer Vernianer (Apostel von Jules Verne) kannst nicht anders, als die Hand Gottes (oder wenigstens seinen Fingernagel) darin sehen. 80 Gedichte in 80 Tagen.
Plötzlich ist die jüngste maximale Herausforderung vor dir: nicht nur jeden Tag ein Gedicht schreiben, sondern „Variationen“. Die Ginkakuji-Variationen. Ein sprachliches Anreichern, ein Ausdeuten des Andeutens. Jeden Morgen sitzt du vor dem berühmten „leeren Blatt“. Und du erkennst, dass alles dich hierhergeführt hat: du bist parat.
Für einige Tage kämpfst du mit dieser Professionalisierung: heisst das nicht, dass du dich jetzt „verkaufst“, dass du jetzt „auf ursprüngliche Impulse“ verzichtest? Heisst das nicht, dass du nichts mehr zu sagen hast, weil du dich ja in das Konstruieren hinein wirfst wie jemand, der einen Roman schreibt?
Alles wird sich entsprechen, denkst du, ganz wie Baudelaire das in seinen „Correspondances“ gemeint hat.
Alles wird ein einziger Wirbel sein, ein wildes Treiben von Metaphern und konkreten Dingen.
Bist du glücklich?
Du bist es.
Alle Vorbehalte schmelzen dahin unter der täglichen Verve. Serielles Schreiben ist grossartig: es erlaubt dir, dein Schreiben als das Rollen des Steins zu verstehen. Und nach dieser Serie wirst du gewiss einen andern Stein finden, der auch auf der andern Seite hinabrollt und verloren geht. Aber das ist eine andere Geschichte, wie Michael Ende so schön geschrieben hat.
Empfindet ein Pfeil
Empfindet ein Pfeil auch Schmerzen wenn das Fleisch
In das er eingebrochen ist ihn im Sturz
Bricht nach einem hohen Flug über die Burgmauern: sein Gefieder stimmte eine Art summendes Lied an hinter ihm und hat erst einige Töne davon singen können und im Moment des Brechens
Der nie nur ein Vorher und Nachher ist: wie der Lauf des Mondes im See
Ein Ziehen Nachgeben Fliehen papierenes Reissen und ein Enthärten ist
Und der Mond kann das Wasser ja nicht trüben: nach der kühlen säuselnden Luft die ihn singen liess die Hitze und feuchte Dichte eines Körpers erfahren: Leiden
Ist getrübte Sicht: ist wie der verlorene Glanz in der Eberesche: keine Beere mehr übrig
Allein die immer starrenden harrenden Nadeln: auf einen Herbst oder eine Axt
Die sich nur mehren können: ist auch das
Leiden und Schmerz: leiden die Sperlinge und Meisen am leergefressenen Baum
Und wenn die Berge unterm Erdschub buckeln
Der mit Pfeifen und Röhren und Stottern die Erde selbst schüttelt wie eine alte Eiche am Steilhang im Herbst vom Sturm geprüft wird
Die Wellen aus Schmerz
Wenn von einem Augenblick zum andern Augenblick das Gleichgewicht von Garten Mauern und See zerstört ist und im Kippen schon
In den ungewohnten Winkeln schon
Ein Beharren wieder möglich ist: in der Umgeworfenheit im Sturz der Landschaft bereits
Dauer ist: empfindet auch das im abgedeckten Stall stehende und rufende Vieh mehr als nur Verwirrung: denn Sturz ist Flug und Flug ist
Sturz in ein Leben
Das sich dinglich erfährt und erhoben hat: jeder Gegenstand und jedes Lebewesen erfährt die leuchtende Fahrt des Mondes über den See und die abgeschrägten Lichtwinkel und die aufgehobenen Grenzen
Als Leiden wie auch der Pfeil
Abgesandt ohne ein Ziel zu sehen und kennen
Die Brust den Schenkel die Kehle findet
Ein willenloses Geschoss wie du und doch im Leiden begriffen
Die papierleichte Haut zerreisst wie der Ast eines Strauchs lange gegen die Shoji geschlagen hat bis auch der Wind der feuchte kalte Wind
Einlass erhielt sein Brausen ausbreiten konnte in einem neuen Raum
Den er dringlich und beharrlich ertastet und erstrebt hat ohne ihn zu sehen und kennen: und im Fallen
Seitwärts wie eine zu schnell gewachsene Fichte im Wald dort im Osten
Im Fleisch stecken bleibt und der Mensch um ihn herum schreit auf im Augenblick fast danach: die Wellen von Schmerz ersticken seinen Ruf und seine Augen trüben sich in Voraussicht:
Lebt noch
Lebt noch
Wenn im Lazarett der Feldscher das Holz herauszieht
Geschmack von Leder auf der Zunge
Damals in den Hügeln von Yoshino.
Mit schmalen Schultern
Mit schmalen Schultern rollen sie heran: als verfügten sie über die
Härte von Stahl die denen gegeben ist
Die nach Ruhm streben und sich versteifen
Sich verrenken und immer mehr versteifen wenn die scharfen Hinterköpfe
Gesichtszüge annehmen und die Landschaft aus ihrem Nicken und Wippen
Aus ihrem Ululieren und ihren unerwarteten Hornklängen
In eine quäkende und krabbenhafte Aussicht
Ausbricht wie der Winter im Sommer: du siehst das Lächeln des Kindes gegen seine eigene
Mutter in diesen schmallippigen greinenden Wellen heranrollen
Wie Gegenstände die jemand für verzichtbar gehalten hat: du siehst das gelegentliche Azur
Dessen Schönheit du niemals einzugestehen bereit sein wirst: mit tief im Schädel versunkenen Augen – cerclés
de bagues vertes – rollen sie ohnmächtig wie der geringste deiner Freunde heran und ächzen zu deinen Füssen aus mit diesem Ausdruck auf der Stirn
den du von den Gesichtern kennst: die Härte von Stahl und die Charakterkraft von Priestern
in einem tollkühnen Lauf entgegen der Güte und dem Guten:
die nach Ruhm streben mit knirschenden Zähnen
mit in Voraussicht schon mahlenden Zähnen: denn die Kiesel am Strand werden sie auflaufen lassen und zerstreuen wie eine Herde von Schweinen vor dem Abgrund: und doch werden sie
stürzen auf das Land wie jedes Mal: den Ruhm vor Augen wie ein unsichtbares Geschirr und du siehst
ihre schmalen Schultern wie in Unterleibsschmerzen gerafft und auf nachfolgende Schmerzen gefasst: oh wenn die Ohnmacht sich wandelte in
Allmacht: selbst dann könnte ich nicht glauben an ihre Freundlichkeit: ihre heissen verklärten Gesichter
Ihre verzogenen angeschmolzenen Gesichter starren wie Metall voraus
Auf den Schlammpfad des Grossen Regens gerichtet: du siehst
Die aufgestülpten Schreiner ihrer Lust und letzten Hoffnung weit in der See draussen
In der heimtückisch menschlichen See heraussen
Die ihre Faltenwürfe beispielhaft ans Ufer schickt: Emissäre deines stählernen Starrens und Harrens: auch deine Schultern sind schmal geworden mit der Zeit
Nachbarn deiner Ohren: auch deine Augen glühen noch von einer sengenden und hasserfüllten Reue
Am abgelegenen Ufer deines Exils im Alter.
Mit dem Regen kommt
Mit dem Regen kommt das steife Starren: die langsamen
Fliessenden Partien im gekämmten Sand und die strebenden
Striemen von Glast auf dem tränenden Auge: das fleischigste
Wollen und das zäh heischende Verlangen des Morgens fesseln die Gedanken: den Vögeln haben sie die Kehlen
Umgedreht und nur die Amphibien haben noch die Kraft ihre blökenden Rufe und ihre kalten Leiber über die unerschütterliche Erde zu schleppen wie die ersten
Zeichen eines stotternden Gedichts: bei der Betrachtung der Sicheltanne denke ich an die gelblichen Augen und die wie verwunderten hohen Brauen meiner letzten
Frau und ihre wippenden Mundwinkel beim Sprechen: wie lange ist das her und fast keine Zähne gab es dabei
Und ich streiche durch das raue nasse Fell der Streunerin
Die um Milch bettelt oder Wärme
Und stemme meine Masse durch die Räume und werfe Tassen und Vasen von den Möbeln und stehe am klemmenden
Hoftor und reisse es auf mit einiger Mühe und höre das tippelnde Bitten der Äste in den Büschen des Abhangs: nur die
Schlieren des Nebels wandern vorüber wie die Nachzügler eines Saubannerzugs fast noch in den Windeln
Und rufe die Amme mit ihrem bekümmerten kümmerlichen Gesicht auf dem sie mir eines ihrer Schuppenlieder singe die wie
Ausufernde Erstickungsanfälle ertönen und streiche mit dem Finger meiner linken Hand über die rillenreichen und unebenen Bohlen der Engewa: meine Fussspitzen scharren im Kies und mit dem Regen kommt
Das Stelzen durch die Stille: die fliessenden beknöpften Arme der Sicheltanne deuten
Einen Flug an: Zentimeter nur über dem Kies und doch
Meilenweit entfernt von jedem menschlichen Anspruch an Freiheit oder Zuneigung: die Alte
Kämmt mein Haar nochmals und spricht ihre alten Trostworte wie ein Naturphänomen während ich den Holzstecken in der Hand balanciere mit dem ich mir im Hof mit schlurfenden weiten Schritten den Kampf gelernt habe: immer mit beiden Füssen ganz auf dem Boden und das Gewicht im Knie
Und ich denke an das harte pockennarbige Gesicht des Sensei: wie lange habe ich geübt
Mich vom Schwert führen zu lassen.
