Ich möchte hinter Mauern schauen. Nicht hinter Mauern leben. Vor Mauern vor Mauern Sagen die hinter den Mauern. Denken die an die Mauern Wenn sie sie schon nicht sehen? Denn die Mauern sind zu sehen Wen sie stören. Hinter ihnen Erwarte ich das was ungetrennt Fruchten könnte: Aber die Mauern Sind doch gut sagen sie und schauen daran vorbei Als wäre das das Leichteste. Vor den Mauern ist hinter den Mauern Sagen sie und umgekehrt.
Ich möchte nicht nur hinter Mauern schauen. Ich möchte ohne sie leben. Meinen Karren in jede Richtung ziehen können. Was hinter den Mauern ist Gehört auch zu dem Was vor den Mauern ist. Seit ich schauen kann denke ich Halb mit und halb ohne Mauern. Füchte ich mich davor Was dahinter ist: dasselbe Land Mit seinen Kirschen einfach Ohne das fruchten müssen Und mit der leichten Furcht Und niemals umgekehrt.
und er erinnert sich an die Plastizität der Hirne, an dieses geduldige Ticken der Impulse, das Einfahren der Reize, das schwammige Gefühl von saurem Schwindel, an den Halskragen nach der Operation, an das Versprechen ihrer Blüte, eines Booms, an das Spritzen von Plastik-Synapsen, den ersten Geruch nach verschmortem Schaumstoff, auch wenn das jetzt nur Restpunkte sind, die verhuschen, von den Elektronen zusammengetrieben, zusammengesammelt werden, und während er sie ausliest, hat er für Nanosekunden den Eindruck, eine Art schwabbeliges Erkennen im Formaldehyd seiner Exis-tenz, und er erinnert sich an die Ungeduld, in Hast ein Kleidungsstück verkehrt herum angezogen zu haben, der leise Druck am Adamsapfel, die unerwartete Weite am Hintern, und er möchte einer Traumatologin rufen, eine Art Unschärferelation der Wirklichkeit, er höre ich lehmiges Schwappen den Ruf aus dem gelähmten zeitlosen Himmelen herabdringen, mehr Sprache als Sprache, hojotoho, hojotoho, er knirscht mit den Zähnen, was für ein Durcheinander, die Schalttafeln leuchten mit ihrem Purpurlächeln, was dür ein Furcheinander, er spürt den erdigen Geschmack von Walnüssen auf dem Zahnfleisch, das sich anfühlt wie Steinschmelz, das Häutchen einer Walnuss hat sich festgesetzt irgendwo in seinem Sensorium und verbietet die Erinnerungen von irdischen Qualen und Erfahrungen, thain-mom, denkt er, thain-mom, das nächste Leben, im nächsten Leben, er überwacht das leise Boomen seiner Elektronik, das wie Wind in den Zedern des Libanons klingt, und für einige Minuten, solange die Applikationen das überhaupt zulassen, die Lamellen über Lamellen an Aktionen, Promotionen, Tänzeleien, Kleidchen, Bömbchen, Bäuchlein und Fahrzeugen, die seine Wahrnehmung leise flüsternd lieb haben im Säuseln der Klimaanlage, im Hüsteln elektrischer Promiskuität, für diese runden Minuten denkt er an das weiche Kehrfleisch der Flughyänen, die apere Kälte unter ihren ersten Flügelschlägen, den Kunsteinblas aus ihren Katzen-Näschen, für diese Zeit, die er sich wie einen Raum voller Isolatoren und Elektroden vorstellt, die ausgehängt auf einer Wäscheleine im sauren Atem der Abgase mit ihren Porzellanstimmchen ein Lied tirilieren, ein wenig Kalk und ein wenig Salz, denkt er, und lässt die Zeit wie ein Band nochmals abrollen, mit dem leisen Zischen des Widerstands auf der Spule, für diesen Moment, wie er, früher, vorhergesagt hätte, ist er als glücklich zu bezeichnen, bevor er weiter vordringt in die einsamen Gefilde, unter dem grünen Himmel, über den die Sterne schippern wie Pilze bei einem Erdbeben, ein Scout der Umkehr, auf der Suche nach der Zwischen-Verbundenheit, auf der Suche nach Botone, nach diesem Zelt eines Menschen, das wie eine Sanduhr auf der Prärie stand, den Unterleib im sandigen Untergrund vergraben und geschützt, geschützt vor den ungeworfenen Losen der Sterne, vor den losen Fäden der Ereignisse, denn auch er war ein Seiler, ein Seeler, sein Körperkran ein Kürbis, ein gewundener Tanz, ein entbundener, entfundener Mensch, der dem nächsten Leben bereitet war, kreischend im Kreis, den Kopf hinausgelehnt, drehend im Wissen um die Flugbahn eines abgeschossenen Pfeils, der sich im schwachen Bogen senkt, bekannt mit dem Kreislauf wie Jonatan, hol mir die Pfeile, doch Botone in diesem unerhobenen, in diesem immer weiter abfallenden Land, dieser aufgeschürften, fallenden Madre Tierra, über die Quetzale stürmen mit ihren granatklaren Schlägen, von dem selbst gichi-ziibi sich abgewandt hat, denn hier herrscht ein Kapennû des Aufschwungs, alle Beutel sind von Boliden zerrissen, hier herrscht ein Geheul und Gezische wie in den Anfangstagen, bevor es Theia fand, und wäre die Welt eine Trommel, / sind wir ihre straffe Haut, / von ihren Botschaften / vibrierend, / und sier klammert sich an die Eindrücke, an die stimmlosen Eindrücke, die mit Daten wie Federschlag auf siehn einstürmen, jetzt, wo die Blut-Hirn-Schranke gefallen ist, in seinen Wundhöhlungen wuchert die Brunnenkresse, ein aufwelkender dunkelgrüner Boom, ein drachenartiges Kiesen, das im Schrein von Bethelheim einen Anfang gemacht hat, und sier beschwert sich nicht über die dunkle Ökologie der roten Steppe, über die magere Atmosphäre, die für es als Multifeed nicht ideal ist, aber in sihrer Plastikwolke ist sier vom Flug der Sandkörner geschützt, bis zum nächsten von seinen Modellen vorhergesagten Sturm, sier wird sich in siehren Beutel verkriechen, der ihm wohlweislich mitgegeben wurde, und wart, wart, warten, in das innere Blitzen und Funken starren, war ich nicht auch einmal Quoetoti, ein gutaussehender junger Mann, ich werde meine Anhängsel verlassen, / ich werde mein Zuhause verlassen, / und ich sage es noch einmal, ich werde meinen Sohn verlassen, / einige Wissenschaftler denken, / sie könnten eine Welt aus / Stoff getrennt von sich selbst studieren, / doch es gibt kein / Universum Ohn-Betrachtung / (von dem wir wissen können), / nichts kann gewusst werden / ohne hindurchzugehen / durch die Sinne einer Kreatur, / das ohnbetrachtete Universum / kann nicht besprochen werden, / denn wir, die Beobachtenden, / seine einzige Beschriftung, seine wirkliche Beschreibung, / sind sihre Augen und Ohren, / seine tatsächliche Gestaltung, seine Verwirklichung / ist unsere An-Sicht von ihr, / unsere Empfindung von ihm, / denn in Wirklichkeit hattest du, im Aufbruch, in der Abreise, dich einverstanden erklärt mit dem System, das dich unterdrückte, du wolltest nur deinen Platz innerhalb seiner ändern, du hast es nicht in Frage gestellt, von innen wie von aussen verachtet zu werden war dein alltägliches Los geworden, du, die vitale Herde, und wenn die Wetterlage günstig ist, knäuelt sier sich vor dem Tso-ai hin, in seiner Liegeform des Stehens, wirft seine Betrachter-Blicke mit ohnmächtiger Instanz hinauf in den Himmel wie einen Haufen Samen über einem Himmelsfeld, das im Winter grünt, die Kälte ist nur ein Signal, sier versucht sich an dieses Portal im Körpersack zu erinnern, das doch Atmen hiess, oh, sier hat es noch nicht ganz vergessen, aber eine Übung wäre verhängnisvoll, denn drängen nicht alle die Bakterien, die sich in der Kälte ans Überleben gemacht haben, in seine Atmosphäre ein, die ihr sein Überleben sichern, wirft sihren Blick hinauf in den ungekrönten Himmel, der von keinem Los mehr spricht, denkt an Gliese 581c, ein gichi-ziibi jenseits des Winterbachs, fühlt sich stitched together, ein Knopf nach dem andern, kein Plan, oder ein Knopf nach dem andern, oder eine Narbe nach der andern, in diesem Höllenbeutel, unter dem abgesungenen Himmel, unter dem abgeklungenen Himmel, die Worte fehlen sihr für das Schicksal, das sier sich ausgesucht zu haben vermeint, so liegt sier unter den ledernen Pukahs, die über sihren blutigen Klumpen ihre Kreise ziehen, leise wummernd oder schnurrend, zusammengeflickt wie die Erinnerungen an Gliese 581c, die zermalmende Schwerkraft, das leise Wandern des Eises, das Kreischen der Hitze in den Äquatorialbahnen, wo die Sonnenseite beginnt, die bronzen flackernden Nebenstäbe der Stationen, die ziegelgrauen Graupelfälle, die atmosphärischen Verzerrungen wie aufbrechende Brandblasen, das Granulationsgewebe der röhrenden Eisplatten und einmal in der zweiwöchigen Dunkelkammer des Tages kommt der Angethut an der Station vorbei, mit seinen klickenden Augen, dem Steinblick, bietet Versen-Küsse und offene Scheiden an, kalt und klinisch sauber, Medzin, doch das Schicksal unter diesen verrückten Sternen ist ein einziges triumphales Vergess, ein Vergess-Exzess, taumelnd und besonnen, ein Vergess-Abszess, Regress in den Vergess, und mit den Zähnen klappernd und knirschend häuft sier sihre Gebeine in die andere Lage, unterm boomenden Stöhnen von Mutter Erde, seine leuchtenden Titaniumgelenke und sihre schwellenden Moosbärte, allen und ohne Entschuldigung, ein Sack voll Rüben, schnell verfault und schlaff wie sein Glied, und während er sich nochmals über die Sanduhr des Virus beugt, behält er Pugets Bericht im Gedächtnis, Die Häuser scheinen noch vor Kurzem Wohnort der Indianer gewesen zu sein, die Wohnstätten waren noch nicht im Verfall begriffen, das Innere, genauso wie ein kleiner umgebender Bereich, der noch vor Kurzem bewohnt war, waren von Unkraut überwuchert, dazwischen fand man mehrere menschliche Schädel und andere Knochen, wild durcheinander gestreut, im ganzen Durcheinandertal hatte es sich verbreitet, wie die Lachse, die im Frühjahr landeinwärts ziehen, ein ganzes Volk mit abgestorbenen Augen, ein Flächenbrand von Hautblasen, und auch die Erinnerung an Tse-whit-zen wiegt schwer, als trügen sie Schuld an der Erkrankung, hatte man einigen den Kopf abgetrennt, die Körper übereinandergelegt, halb in Umarmungen verstrickt, und den K’lallas folgten die Tsimokam, die Tlingit, die Haida, die Kanus von seinem Kanonenboot Grappler gezogen, nordwärts, immer nordwärts, bei derzeitigen Sterblichkeitsraten können nur wenige Monate verstreichen, bis die Nördlichen Indianer dieser Küste nur noch in der Geschichte existieren, und lange starrt er dann hinaus auf die Klüfte des Durcheinandertals, die roten Schöpfe der Gräser, die kleinen Staubwirbel, das Huschen der kleinen Vögel, und ich hatte den Minze-Stein eng an meine Brust gedrückt, sein Geruch ist schmelzend und warm und weich wie die Haut eines Säuglings, fest haben ihn meine Hände umschlossen vor der Brust, als wollte ich so begraben werden, kauernd, die Hände vor der Brust verschränkt, angstvoll an meine eigene, letzte Person geklammert, erfüllt von Unverständnis und vom Vergessen umsungen, tse-with-zen-dü-dü-dü-dü-dü-dü, twih-twih-twih-tsi-tsi-tsi-tsi-tsi-tsi, nie war mehr Hölle als jetzt,
Unter Eichen: Keller im Sommer. Moment meiner Kleinheit angemessen. Weiter unter ihren schwankenden Hüften Fehlen mir Hände dafür.
Lippen wie kaum getrocknete Illuminationen In lange schon aufgeschlagenen Büchern. Hüften warten. Türangeln zu anhaltenden Umgebungen: Halten können was nicht zu halten ist.
Deine leichte alte schwere Hand an der Stirn. Aber sie fand mich doch. Mein Atem reichte nicht aus für diese Freude. Selbstverständliche Hände meiner Kinder.
An Füsschen riechen. Auf Bäuchlein prusten. Zum Einschlafen die Hand schenken. Ihre sandige Haut und meine sandige Haut. Mein Atem schwebt immer noch über ihren Schürfungen.
Mollige Haut auf meinem Bauch. Ich hatte nachts noch am Feuer geschrieben. Abstieg in die ruhigen Atemzüge meiner Familie. Oben das Kreischen des letzten Trams.
***
«Nadler» sagte ich und stiess ihm Meine Hand vor die Brust wie die Zunge eines Froschs «Nadler» sagte ich und sah ihn zurücktreten von mir Und in seinem Gesicht das taube Widerstreben «Nadler» wiederholte ich und legte meine Hand auf sein Schulterblatt Zog ihn so schnell zu mir heran Dass er nicht einmal seine Ellenbogen in meine Brust stossen konnte Hielt ihn mit beiden Armen fest Kurz streifte mich sein herber Atem Und ich sagte «Nadler freut mich freut mich» Und spürte wie seine Brust vor Nähe knirschte.
***
Halte mich noch einmal so fest. Meine Muskeln durchbohrend mit deinem Fingerdruck Auf dass ich dir genau zuhöre Und nicht auf den Puls in deinen Fingerbeeren horche.
Meine Kinder bergen mich in sich. Selbst wenn ich gestorben bin Wird ihr Körper noch von mir sprechen. Höre noch einmal das verschwommene Singen von Blut im Bauch.
Lange warte ich auf die Rede der Borke. Mein Bauch ist ausser sich vor Kälte. In der Tiefe schürfen Organe mein Leben. Gerüche steigen auf – Hymnen und Flüche.
Ich schriebe gern auf eine seidige flaumige Fläche Grosse Zeichen vom Krüppelwald auf meinem Rücken. Weder habe ich deine Sommersprossen ausgezählt Noch die dazu gehörenden Sätze gefunden.
Bevor es dir geschieht Kannst du nichts begreifen. Und dann wird dir die Zeit nicht reichen.
Die Zeit war dein Feind. Du stauntest nicht darüber Wie du immer anranntest.
Du kamst zu spät zum Frauenarzt Sie war schon im Ultraschall. Du setzt dich ins Kalklicht des Wartesaals.
Auch bei der Geburt würde dir die Gala die Treue halten. Langsam trocknete der Schweiss. Er roch süss nach Kohlestaub.
Da seid ihr auf der Strasse. Mitten im Steinkalmar der Stadt. Die Häuser äugen aus ihren Schusslöchern.
Sie redet nicht und heult undeutlich. Sie geht langsam. Ihre Hand fehlt dir jetzt. Die hätte dich getröstet.
«Warst du schon einmal ausser dir?» Davon hast du keine Ahnung. An einer Mauer schürfst du dir den Handknöchel.
Einmal ist sie eine Mauer Trocken und hart und dann ist sie Weich und warm und zieht an deinem Glied.
Die Zeit ist nicht dein Feind. Du rennst gegen die Sicherheit an. Davon begreifst du nichts.
Du dachtest ein wenig an die Prinzessin Caroline von Monaco. Und an ihren Prügelprinzen. Ihre Hand lag auf deinem Bauch. «Ich brauche dich hier und jetzt,» sagt sie.
Die Amsel ist sehr laut Von der Regentraufe herunter. Ob das andere Geschrei Von hinter den Dächern Antwort heisst? Ich beginne so sage ich Mit meinen täglichen Verrichtungen. Bald wird die Amsel Kinder haben Aggressive Anflüge üben. Ich habe auch Kinder. Ich sage das bewusst. Mit Bedenken. Es ist angesagt Dass ich mich um sie kümmere. Kümmern ist wie trösten Nur besser. Was kann es mir Dass ich beides nicht kann? Ich esse immer das Gleiche. Ich sage immer das Gleiche. Ich finde meine Bücher nicht mehr Auf doppelt und dreifach beladenen Regalen Rechnungen auf Tischen begraben Unter Katzenhaar und Katzenstreu. Ich räuspere mich. Bleibe redlich. Verrichtungen Ermöglichen Verantwortung Verantwortung erschöpft sich im Gleichen Das ich immer esse. Im Waschmittel Und Toilettenpapier. Bevor die Amsel schreit Halte ich mein Können aus dagegen Dass es gleich ist: das Wiederholen Macht es nicht gültiger. Die Kinder gleichen mir zum Fürchten. Bald sind es keine Kinder mehr. Da bin ich aber froh. Vielleicht ist die Amsel so laut Vor Schrecken? Dass das Leben Saglos gilt? Ich kümmere mich nicht Um Antworten. Ich mache nichts Weniger als gleichen. Trösten Ist nicht kümmern. Ich habe weder Ahnung Noch Meinung. Beides ist gültig. Im Regen Rückt die Birke heran und drückt Im Wind ihr Haar an meine Fenster Wie forschende Augen. Oh nein Den Geruch des Kellerlochs vergesse ich nicht: Gleichheit und Gleichmachung gelernt. Interessiert Erkunde ich Vernichtungen. Was ich kann Bleibt sich gleich. Gültig ist es nicht. Aggressives Anfliegen Üben will geübt sein.
Denken Sie sich ein Wäldchen. Gleich am Ausgang der Stadt. Ruhig, grün und nicht sehr dicht. Denken Sie sich dann einen Baum. Nicht irgendeiner; aber ein hundertjähriger Baum, der alle möglichen Unwetter erlebt hat. Stellen Sie den Baum in die Mitte des Wäldchens und hören Sie der Morgenbrise zu:
Es gab einmal einen Baum, der sich von menschlichem Fleisch ernährte. Er verschlang die Kinder. Die Gören verschwanden spurlos. Die Familien und die Behörden begannen sich ernsthaft Sorgen zu machen. Die Gerüchte, die herumgingen, sprachen von einem Oger, der die Kinder entführte, um sie dann einer Aktiengesellschaft für Konservenfleisch weiterzuverkaufen. Man sagte auch, dieses Unternehmen mit modernen Technologien habe es sich zum Ziel gesetzt, der leidenden Menschheit zu Hilfe zu eilen, weil es mit amerikanischen Spitälern einen Vertrag über die Lieferung von für Transplantationen bestimmten Herzen und Nieren abgeschlossen habe. In Tat und Wahrheit suchte man diesen Oger schon eine ganze Weile. Man sprach in den Familien mit Betrübnis von ihm und hatte es geschafft, ihn zu einem Mythos zu machen, zu einem legendären Helden, den man in den dunkeln Jahren zurückzudrängen versucht habe. Während des Krieges und der schwierigen Zeiten erschienen, hatte er sich in unsere frühesten Sorgen eingeschlichen. Einige sagten, es handele sich dabei um eine Persönlichkeit aus Fesseln, einen über jeden Zweifel erhabenen Mann, der durch seine Zusammenarbeit mit den Christen reich geworden sei. Er musste die Patrioten erledigen. Er erwürgte seine Opfer im maurischen Bad und warf sie anschliessend in den Ofen. Die Gerüchte waren aber hier nicht zu Ende. Die Attentate und die Tode vermehrten sich, und niemand konnte ihn entlarven. (Vielleicht gab es diesen Oger ja wirklich. Man hat die Wahrheit nie herausgefunden. Der Baum und das Wäldchen werden es uns vielleicht eines Tages erzählen.) Was den Baum anbelangt, verströmte er, jenseits aller Zweifel, das Aroma eines unwiderstehlichen Weihrauchs, das den Kindern Herz und Kopf verdrehte, sie liessen sich sanft verleiten. Sie waren verzaubert, und auf ihrem Weg öffneten sich ihnen alle Spiegel. Die Himmelsschirme traten zurück, und die Sonne verfärbte sich im Takt ihrer Schritte. Der Wind umfasste unordentlich und sanft ihre kleinen Körper und opferte sie dem Baum. Ohne Bedenken liessen sie sich verschlingen. Im Austausch erlaubte ihnen der Baum, seine Borke mit ihrem Lachen zu formen. Beschädigt, hielt das Astauge das Blut zurück und erbrach die Abwesenheit von beweglichen und grünen Gestalten. Nur das in zarten Rinnsalen fliessende Harz hob sich gegen den Stern ab, liess eine Öffnung für das Gebet und die Schahada. Der Baum spannte von Zeit zu Zeit den Puls an und hob seine Wurzeln an. Die Kinder profitierten davon, indem sie hinauskamen und im Wäldchen einen Reigen tanzten. Nackt. Glücklich. Die Morgendämmerung fuhr durch ihre Finger und öffnete ihnen die Arme des Himmels. Die Morgen flohen zwischen den Wurzelknollen, um vom Schiffbruch des Zugvogels zu zeugen. Es kamen verdurstende Soden hervor. Aber die Jahreszeiten, die klamme Auflösung und die schwarze Erde bewohnten die Ketten des Baums, der nicht aus Lehm war, der nicht die Klarsicht geschenkt hatte, nicht den Tag und nicht das Meer mitten in der Stadt. Aber der Baum sorgte schon für das Glück der Nackten und der Verdammten. Das Glück der Kinder, die schamlos auf das Zeichen und das Bild gespien hatten, das Glück der Kinder, denen man die Barmherzigkeit verweigert hatte, der Kinder, die umgedreht hatten die Grabsteine, die Totenköpfe, die Heiligen ausgepfiffen und die Fatiha rückwärts aufgesagt hatten, der Kinder, die den Fluch in den Fingerspitzen trugen und aufs Brot spuckten, bevor sie daraus Kügelchen formten, die in den Bäuchen der angesehenen Persönlichkeiten explodierten, der Kinder, die in die Quellen pissten, um die rituellen Waschungen zu verhindern und die Asche der Komplizenschaft zu beschwören, der Kinder, die gleichzeitig im Zentrum der Moschee masturbiert hatten, und die man mit Gebets-Schlägen verfolgte hatte. Man sprach von den Vorzeichen des Endes der Welt. Gott warnte die Verdorbenen, indem er tödliche Engel schickte. Die Gotteslästerung ist eine Pforte zur Hölle. Agadir auf anderen Höhen. Agadir am Ende aller Nächte. Im gleichen Feuer das Grüne und das Trockne. Die Verdammnis suchte sich ihren Weg über eine gewisse Unschuld. Rituelle Waschungen mit Sperma! Das hatte man noch nie gesehen! Man konnte weder das Buch berühren noch ein Gebet sprechen. Alles Wasser der Stadt war verseucht. Die Befleckung in der Seele, liessen die angesehenen Persönlichkeiten der Stadt ihre letzten Sklaven frei. Die Moscheen wurden geschlossen und von den Ordnungskräften bewacht. Ein bewaffneter Soldat hatte die Stelle des Muezzin übernommen. Es gab keinen Gebetsruf mehr. Um seine Waschungen abzuhalten, konnte man im Notfall den geschliffenen Stein benutzen, aber es war unumgänglich, vorher seinen Körper zu reinigen und die Bakterien der Befleckung abzutöten, sich von den dickköpfigen Spermatozoen unter den Achseln zu befreien. Dafür setzte man den Körper direkt der Sonne aus und tauchte darauf siebenmal im Meer ein, den Blick nach Mekka gerichtet. Für jene, denen das Meer nicht genügte, verteilte man Reinigungsmittel, die als Zeichen der Hilfe und Sympathie aus Amerika verschickt wurden und das Hilfsprogramm für Entwicklungsländer vervollständigte. Doch das Reinigungsmittel hatte unerwartete Folgen (Fehler und Verwirrung des schenkenden Rechners…): er vergilbte die Haut und führte zu Netzhautablösungen. Nach einigen Tagen ging die gelbe Hautfarbe in grünen Schimmel über. Diese Verwandlung führte zum Verlust der Haupt- und Körperhaare. Ein süsses Kraut spross darauf auf dem Körper. Waren einige Wochen vergangen, war der Körper vollkommen davon bedeckt. Die Gliedmassen hefteten sich an den Körper, der sich versteifte. Die Heiligen konnten nichts dagegen tun. Die Fäulnis erstickte die Körper und rollte sie in ein Leintuch aus Weinblättern ein. Heimliche Begräbnisse fanden in der Nacht statt. Man warf die grünen Körper auf eine Freifläche. Sie verschwanden in den frühen Morgenstunden. Es waren das grünende-Körper-Prärie-bis-an-die-Illusion, von der Legende gesichelte und von der Erde verleugnete Körper. Der Baum bemächtigte sich ihrer, warf sie in einen benachbarten Graben für unausdenkliche Pläne. Vielleicht würden sie eine neue Nahrung werden! Kam die Regenzeit, holte der Baum seine Äste, sammelte seine Blätter ein und stellte jegliche Aktivität ein. Der Umsturz blieb in der Schwebe. Eine Zeit, um sich zu erneuern. Er liebte den Winter nicht. Weil er den Wind verabscheute, verschloss er sich über seinen Wurzeln und sank in sich zusammen. Es gab keinen Weihrauch mehr, und die Kinder gingen nicht mehr in das Wäldchen. Während Monaten vergass man den Baum und sprach wieder vom Oger.
Es gibt keinen Oger! Es hat nie einen Oger gegeben! Das ist eine Geschichte für Kinder. Wenigstens könnte es den Oger geben, wenn man ihn erfinden wollte. Man beschlösse gemeinsam, diese angesehene Persönlichkeit, dieser tugendhafte und freigiebige Mann übernehme diese Rolle, weil ihm seine soziale Stellung dies erlaube. Immerhin verbindet sich das Mitleid gelegentlich mit einer gewissen Vergesslichkeit. Der Oger könnte ein Passant sein, ein Reiter, eine ausgestopfte Schaufensterpuppe, eine Wolke, ein Gerücht… Vergessen wir’s. Aber den Baum gibt es. Den brauchen wir nicht erfinden. Unsere rote (oder grüne, alles hängt von der Jahreszeit ab) Wunde zeugt davon. Wir hätten aber auch, wenn wir schon dabei sind, den Bericht verkehren, den Schlüssel für das Ende der Seite lassen können. Aber das Geheimnis hätte uns am Spiel gehindert, am Lesen und und an der Interpretation der Zeichen. Warum dem Wahnsinn eine andere Rolle geben wollen als jene der erlebten Wirklichkeit? Der Baum ist ja schon der Traumvorgang. Wer vermöchte den Baum in den Umsturz verwickeln? Er bleibt ein Gedicht, das sich auf mögliche Vorstellungen öffnet, aber ganz ausserhalb der Unschuld.
Der Winter, das war auch jene Zeit, während der die verschlungenen Kinder ihre Haut gegen ein silbernes Federkleid (vormals Paradieskleid) wechselten. Die Behörden hatten diese Ruhezeit zu nutzen geplant, um das störende Element im Wäldchen zu entwurzeln. Sie schickten einen ihrer bewaffneten Agenten aus, um den Baum umzusägen und die Körper auszugraben. Der Agent hatte es vorgezogen, seine Mission allein und im frühen Morgen auszuführen. Das Wäldchen war hell und klar, die ersten Sonnenstrahlen bewegen sich durch die Dichte der toten Blätter. Er näherte sich dem Baum ohne Umstände und begann, ihn zu streicheln. Er empfand etwas Merkwürdiges. Sein Geschlecht war vollständig erigiert. Er drückte den Baum an seinen Bauch und stiess ein wollüstiges Stöhnen aus, als es ihm gelungen war, den Baum ganz zu umfassen. Seine Zunge hing ihm ganz hinaus und leckte den Saft auf. Der Agent ejakulierte mit einem blutigen Schrei. Er ejakultierte das grüne Sperma der angehäuften Befleckung, das blaue Blut der Moore, das seine Venen nährte, er ejakulierte zuckend das ganze Schlammloch seines Kopfes in einem Bellen, als fiele er für immer. Entleerter Körper. Die Augen des Agenten sprangen aus den Augenhöhlen und rollten in einer langsamen Bewegung über seine Wangen. Das gelbe Wasser der Netzhaut hatte sich mit dem Schweiss vermischt. Und das Sperma floss unentwegt. Er fiel hin, erschöpft von der Blutung. Er war eingeladen, sich von der Spalte verschlucken zu lassen, die sich im Stamm öffnete. Der Agent fand sich, verschluckt von der Öffnung, mitten in einem Garten wieder, der in allen Farben gemalt war. In diesem Garten gab es nicht nur Blumen, gab es nicht nur Vögel, nicht nur Kamele, nicht nur Sterne, nicht nur Lichtkugeln, nicht nur Honigklumpen, nicht nur überbordende Sonnen; es gab dort auch alle Kinder, die im Wäldchen verschwunden waren. Sie erhielten mit erleuchteten Gesichtern und Aureolen-Gesten den Kontakt mit dem Gestirn, das über ihren Atem explodierte. Ihr Blick war die Klarheit, die durch die Verschiebung des Sands gewoben war. Der Himmel schien die Finsternis für immer zurückzudrängen, und das Licht rann ununterbrochen auf die Blösse einer gereinigten Wirklichkeit. Der unbeteiligte Himmel war ohne jegliche Rachegelüste Zeuge davon. Die vorbeifliegenden Sterne hielten zum Vergnügen der Kinder an, die begeistert ihre Flugbahnen hinaufkletterten. Alle kamen sie herbei und umringten den Agenten. Sie streckten ihm ihre offenen Hände entgegen, ihre Hände voller Geschenke. Die einen boten ihm Orangen an, andere Schmuckstücke, wieder andere eine Handvoll Erde oder ein Kräuterbüschel. Sie lachten und trällerten ein Lied:
wenn alle Kinder in den Wald kämen Entleerten sich die Ozeane vor Freude Eine Liebe für die Welt Weit offen für das Hochzeitsfest mit dem Himmel
Der Agent wurde darauf eingeladen, seinen Körper in den Ursprungsbrunnen einzutauchen. Er machte sich mit einem Seil fest, und die Kinder liessen die Seilrolle laufen. Das Wasser dieses Brunnens wusch die verschlungenen Körper und reinigte sie von allen Befleckungen, die sie im Reich der Menschen erlitten hatten. Der Agent wurde wieder hochgezogen und zum Urteich geführt, wo er sein reue- und schmerzvolles Gedächtnis durch ein neues, pflanzliches Gedächtnis austauschen sollte, das bereits eine bestimmte Anzahl an künftigen Erinnerungen enthielt. Er musste dafür lange sein eigenes Bild betrachten, das ihm der Teich zurückwarf, bis zu dem Moment, da der Teich ihm nicht mehr sein eigenes Bild zurückwürfe. Der Teich schlug ihm ein anderes Gesicht vor und zeigte ihm den Weg eines neuen Projekts. Als er sich erhob, war er kein Folterknecht mehr, der sich freiwillig gemeldet hatte, um den Baum abzusägen, sondern ein Mann, einfach ein glücklicher Mann, dem Waffen unbekannt waren. Darauf musste der Agent seinen täglichen Anteil an Klarheit holen, der einzigen Nahrung im Garten. Indem er seine Schulden und seine Verbrechen abwusch, ergriff der Agent das Wort:
Erlaubt mir zu sagen ich war ein Stahlstück eine in die Brust gepflanzte Flöte ein Untermensch, stolz auf seine Verblendung Ich bin lange herumgewandert mit einem Messer im Rücken Ich habe lange in mir herumgetragen ein abgetriebenes Leben Mit der Vorstellung eines sanften und roten Todes Ich habe lange geschlagen das Fleisch in das Brot der anderen Und auf jeder Hausschwelle ein Auge niedergelegt Ich bin lange in der Zitadelle gelaufen und ich habe Geständnisse unterzogen Den Fliesen im Leeren eines Körpers und Ich habe zuerst die Geste aus der Borke herauskommen sehen Aber niemals hätte ich einen so zarten Tod erhofft, voller feinem Geschick und schönem Licht und von solcher sanfter Fleischesweitung, die ich euch zum Weiden hinreiche, worauf ihr die Asche meiner Schmerzen finden werdet Diese müde und schlaffe Haut, Vergessensmaske Ein anderer Körper erhebt sich jetzt Löscht das Auge der unförmigen Erinnerung aus Und schwöre auf die Kinder der Erhellung auf das Licht, das in unseren Venen fliesst auf den Himmelssaft Schwöre ich und gebe mich den Gräsern, die über mein Schicksal zu Rate sitzen
Erlaubt mir zu sagen Meine Scham, die heute eine Rose zeugt Der Traum vermischt sich mit dem Nebel Der klaren Borke Ich gewinne die Träne
Ich war ein Stahlstück
eine in die Brust gepflanzte Flöte
ein stolzer Moment der Verblendung...
Der Agent erlangte offiziell die Würde des Todes. Er wurde von den Kindern adoptiert, diese karrieregeile Waise der Sicherheitsdienste. Er atmete tief das vom Licht gespendete Glück ein. Das andere, zu den Akten gelegte Gedächtnis bestritt schon alles. Es widerstrebte und entrüstete sich. Aber angesichts der vollständigen Gleichgültigkeit seines vormaligen Trägers musste es sich zurückziehen und die Selbsttötung durch Abnutzung wählen. Während dieser Zeit hatten die Behörden alle ihre Männer für die Suche nach dem Agenten mobilisiert. Was sie von dieser Suche abstehen liess, war eine Botschaft, die ihnen eines Abends zukam:
*Ihr werdet meinen Körper in einer Orange finden*
*Die Orange befindet sich in einer Kiste des Departements für Aussenhandel*
*die für ein vorgestelltes Land bestimmt ist.*
*Unterzeichnet: der Agent.*
(Übersetzt aus dem Französischen von O. Füglister)
Die Frage nach der Erzählperspektive stellt sich mir bei jedem Text, den ich schreibe, und bei jedem Text, den ich lese. Dabei geht es mir um die Glaubwürdigkeit des Erzählten.
Ich verstehe unter der Erzählperspektive verschiedene Aspekte des Erzählers. Einerseits interessiert mich das Problem der Erzählhaltung, der Fokalisierung, wie sie Genette geprägt hat: in welchem Verhältnis steht das Wissen des Erzählers zu dem seiner Figur(en)? Ebenso wichtig scheint mir aber auch die sprachliche Haltung der Erzählerin zu sein: wie sehr ist diese in der Weltsicht und Weltwissen, mit Bildung und Vorwissen der erzählten Figur(en) begründet?
Mein erster grösserer Versuch einer Ich-Erzählung scheiterte auf die Dauer daran, dass ich in der „internen Fokalisierung“ schrieb. Die „Ich“-Figur sollte nicht mehr wissen, als sie in der erzählten Gegenwart wissen konnte. Um jedoch in dieser Erzählhaltung den komplexen politisch-gesellschaftlichen Zusammenhang zu vermitteln, war sie immer wieder gezwungen, aus dieser „internen Fokalisierung“ herauszutreten. Gleichzeitig erzählte diese Figur mit einer Stimme, die im Wesentlichen auf meinen eigenen, persönlichen Wortschatz zurückgreifen konnte. Das war vor dem Hintergrund ihrer Bildung, ihrer Weltsicht und ihrem Vorwissen unbegründet, daher unglaubwürdig.
So stiess ich auf den Begriff der Ehrlichkeit. Kurz darauf entdeckte ich meinen „Meister“ Ramuz wieder. Er hat in meinen Augen einen regelrechten Kult um die Ehrlichkeit errichtet. Ihm ging nichts über die Kohärenz von Stimme und Haltung.
Nun kannte ich schon zahlreiche Beispiele von „inkohärenten“ Erzählperspektiven.
Da könnte man meinen geliebten Proust nennen, der zwar in vielen Momenten aus der Ich-Perspektive erzählt, dabei auch Stimme und Art und Weise in Einklang bringt, aber immer wieder in eine Erzählung mit auktorialen, allwissenden Zügen ausbricht (mit Genette zu sprechen: von der internen zur Nullfokalisierung wechselte). (Am besten in „Swanns Liebe“ zu erkennen.) Dabei verändert sich nicht die Stimme, wohl aber Vor- und Weltwissen des Erzählers; zudem war ihm nicht nur die Vergangenheit und die Gegenwart, sondern auch die Zukunft offen. Nicht nur das: die erzählende „Ich“-Figur gewinnt Innensicht der erzählten Personen, kann ihre Gedanken und Gefühle wiedergeben.
Ein anderes, geradezu herausragendes Beispiel dafür finde ich in Ishiguros „Ungetrösteten“. Dem erzählenden Pianist (das Ich der Geschichte), der in eine veränderte, entfremdete Heimatstadt zurückkehrt, fehlt einerseits jedes Vorwissen, jede Erinnerung an die Personen und Ereignisse, die sein Leben dort geprägt (und ihn vielleicht sogar fortgetrieben) haben. Die ihm begegnenden Personen verfügen alle über ein reichhaltiges Wissen über ihn, aber aufgrund seiner Verwirrung oder Verlorenheit, seiner möglichen Amnesie, erfährt er immer nur bruchstückhaft, wer er in ihren Augen ist oder sein sollte. Andererseits sind dieser erzählenden Figur immer wieder Sprünge in eine andere Erzählhaltung möglich: Obwohl er gerade vor dem Haus im Auto sitzt, schildert er, was seine Tochter in einem geschlossenen Raum in einem Haus erlebt; es gelingt ihm sogar die Innenperspektive in mehrere handelnde Figuren in diesem Raum gleichzeitig.
Ich will es nicht verhehlen, bei Ramuz herrscht grundsätzlich eine Erzählhaltung der Nullfokalisierung vor. Der Erzähler ist auktorial, dringt immer wieder in das Weltwissen und die Innensicht der erzählten Personen ein. Da er aber sprachlich sehr konsequent ist (alle Personen haben einen ähnlichen Wortschatz, eine ähnliche Sprache oder Stimme), schadet das der Erzählung nicht. Alles, was der auktoriale Erzähler sagt, könnte ebenso eine der Figuren sagen. Der auktoriale Erzähler weiss also alles, aber er drückt es in und mit der Stimme der Figuren aus. Der Erzähler „dirigiert“ einen Chor.
Noch ein Beispiel. In Cixin Lius „Drei Sonnen“ werden Dokumente nacherzählt, die aus der Perspektive der Ausserirdischen (Trisolarier) gesprochen sind. In diesen Dokumenten sollten Begriffe wie „Liebe“, „Kultur“ und andere nicht vorkommen dürfen, denn es handelt sich ja just um Ausserirdische, die ganz anders, unvorstellbar anders sind als wir Menschen (so kommunizieren sie per Licht miteinander, gibt es für sie keinen Unterschied zwischen Denken und Sprechen). Somit müsste die Erzählung eine andere Sprache, eine Code wiedergeben. Da sie das nicht tut, sondern die Trisolarier mit menschlichen Begriffen argumentieren lässt, und dabei immer wieder darauf hinweist, dass ihnen diese Konzepte unbekannt sind, verliert die Erzählung in meinen Augen an Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft. Ich fühle mich als Leser buchstäblich belogen, betrogen.
Ich bin erstaunt, dass mich die Ehrlichkeit so spät prägen will. Ich habe sie als Lyriker nie gebraucht, weil ich der Sprache diente, ihren Stimmen und Melodien nachgab. Nun, da ich selbst zum Erzähler geworden bin, merke ich die Prägungen. Da ist die Schweizer Kultur der Ehrlichkeit, der Geradheit in mir. Da ist der ernsthafte Umgang mit dem Wort in mir, den ich von Ramuz gelernt habe. Da beanspruche ich eine Ehrlichkeit, obwohl und weil ich erfinde, weil und obwohl ich aus der Vorstellung schöpfe. Plötzlich will ich ehrlich sein, wo ich doch darum weiss, dass ich nur selten ganz bei mir bin, in den Gedichten am bestimmtesten.
Ich bin ehrlich erstaunt darüber. Und gefasst auf diese lange Reise: der Auseinandersetzung mit der Erzählstimme. Und vielleicht finde ich früher oder später die „eigene“ Stimme, um ehrlich zu erzählen.
Nachbemerkung: Mein Ziel werde ich erreicht haben, wenn ich die Figur aus Tarrs und Krasnahorkais „Satantango“ in meinen Erzählkosmos eingebaut haben werde, den schnapstrinkenden Arzt des Dorfes, der sich schnapstrinkend verbarrikadiert und alles erfindet und erzählt, was dem Dorf und den Dörflern tatsächlich passiert.
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Die Länge der Zeit ist die Prüfung, die allen Aspekten einer Leidenschaft ermöglicht, sich nacheinander zu entwickeln, allen Möglichkeiten erlaubt, sich im Detail zu aktualisieren, dem Authentischen und dem Soliden gestattet, sich eindeutig vom Pseudo und vom Simili zu differenzieren… (V. Jankélévitch, Von der Lüge)
Jeder künstlerisch Schöpfende kennt dieses Gefühl. Ich nenne es die Angst vor der Lebenslüge. Die Lebenslüge ist, wenn du dich selbst belügst; wenn du dich selbst täuschst. Du bist nicht das, was du zu sein glaubst. Du bist nichts weniger als ein spanisches Schloss. Du bist vorgestellt. Dieser Betrug findet vor dem Hintergrund der Wirklichkeit statt, die ganz anders ist als du sie möchtest. Die Wirklichkeit ist immer anders, als du sie möchtest; das ist ihr Merkmal. Dass du so empfindest, macht dich zum künstlerisch Schöpfenden. Es macht dich aber auch zur Lügnerin. Denn wer den Hintergrund nicht akzeptiert, lügt im Vordergrund. Der Vordergrund aber hat keine Tiefe, bevor er nicht selbst Hintergrund wird. (Wenn du zurücktrittst, zurücktreten kannst.) Im Vordergrund redest du dir etwas ein, stellst dir etwas vor, was dich betrifft. In deiner Person gibt es eine Person, die der Wirklichkeit widerstrebt. (Stellt sie sich die Wirklichkeit vor? Das ist nicht klar.) Man kennt diese Person. Deine Nächsten kennen sie gut, auf die Dauer kann niemand sie verleugnen. Sie sehen sie, aber sie wollen deine andere Person, die im Hintergrund lebt. Für sie ist diese Person im Hintergrund, ein Statist. (Unbedeutend / weit vom Ufer weg / da war // ein ziemlich unbemerktes Aufspritzen / das war / der ertrinkende Ikarus – William Carlos Williams.) Womit aber belügst du dich, baust du das spanische Schloss? In meinem Fall mit dem Bedürfnis nach Schreiben. Dieses Bedürfnis ist anfangs gänzlich unbegründet, weil keine Erfahrung es bestätigt. Und dieses Bedürfnis stört dich in der Wirklichkeit. Du hast eine Familie, du musst für sie sorgen oder mit-sorgen. Das heisst, arbeiten. Findest du eine Stelle, die dich hin und wieder aufblicken lässt zu deinem Schloss? Du musst dich entscheiden. Du musst dein Leben ändern. Ist es schon zu spät? Denn diese Lüge, die dich antreibt, sie ist kein Lebenslauf, sie ist keine Arbeit wie die andere. Sie ist, gesteh es dir nur ein, überflüssig, nicht notwendig. Niemand braucht das. Genügt es, dass du es brauchst? Inzwischen kennst du die Wirklichkeit. Du hast sie erfahren. Und wie ein schlechter Maler hat die Erfahrung begonnen, Perspektiven zu verändern. Die Schatten fallen anders, die Distanzen sind verändert. Ist das noch Hintergrund oder schon Vordergrund – oder umgekehrt? Du hast mit der Angst vor der Lebenslüge so lange gelebt. Vor dem Hintergrund deiner Erfahrung kann sie nur noch eine Selbstlüge sein. Es gibt inzwischen Tage, da hängt das spanische Schloss schmelzend mittig im Bild, alles überdeckend. Das Bedürfnis nach Schreiben ist immer noch da. Die Nächsten haben es so lange in den Hintergrund geschoben! Du hast ihnen sogar viel zu oft dabei geholfen. Und das Bild hat sich verändert. Das haben wir schon festgestellt, aber es gehört festgestellt. (Ein Baum, der nicht ausgesagt wird, ist kein Baum. – Ramuz) Alles darauf ist verschoben. Der Hintergrund ist ganz diesig. Denn die Wirklichkeit, die du kennst, hat keine Bedeutung ausser ihrer selbst. Sie mag schon so lange oder noch so lange deine Wirklichkeit sein, das macht sie nicht vordergründiger. Deine Nächsten sind müde geworden vom Schieben, Wegstellen, Übermalen, Zurechtrücken. Sie äussern ihre Forderungen, Erwartungen und Meinungen kaum mehr flüsternd; Lippenbekenntnisse, die selbst sie nicht mehr ernst nehmen. Du hast keine Angst mehr, als du zu schreiben beginnst. Nein, das ist nicht wahr. Es gibt keine Ausreden mehr. Alles, was du in der Wirklichkeit getan hast, hat nichts befriedigt. Du wolltest den Nächsten so sehr glauben. Aber egal, wo das Bedürfnis nach dem Schreiben war, du konntest es immer sehen. Aber auch eine Selbstlüge ist noch eine Lüge. Im Schreiben aber wird sie wahr, nur in der Tat. Erlaube ihr die Wirklichkeit. Je öfter du die Lüge begehst, das Schreiben für wichtiger als die Wirklichkeit, die Arbeitswelt, die Freunde, die Familie hältst, desto wirklicher wird sie. Denn inzwischen ist sie der Wirklichkeit näher als die Wahrheit.
Es duftete nach Salmiak und heissem Teer. Je weiter ich in den Wald hineinkam, desto öfter waren die Bäume verletzt, die Kragen geplatzt, das Hart tropfte würzig auf die Farnhüte des Waldbodens, die Hälse trugen Schmauchspuren. Das Brummen war jetzt in ein tiefes Röhren übergegangen. Auf eier Lichtung lag der Drache. Sein haupt war massloss gross, schwarz behaart, sein kahles Maul war so lang wie ein Mann hoch ist, breit wie der Nacken eines Stiers, scharf und spitz wie eine frisch geschliffene Lanze, die Zähne ragten daraus hervor wie die Hauer eines Nilpferds. Sein Schwanz besass drei Enden, und in jedem hielt er einen Menschenleib gefangen. Gelenke rasselten in ihren fleischigen Pfannen. Der Bauch des Drachens war grau, grau-grün, an den seiten trug er eine gelbe Schuppenhaut, sein scharfer Grat war fast goldfarben, der Kamm auf seinem Haupt leuchtete rot und schwankte bei jedem Atemzug ein wenig hin und her. Seine im Schlaf zuckenden Ohren waren die eines Esels. Von seinen fünf Augen hatte er immer eines rot glühend offen. Aus seinem Rachen kam ein fauliger Gerucht, schlimmer als das Aas, das lange Zeit in der Sommerhitze liegt. Seine Füsse waren die eines Adlers, starkt behaart, er hatte zwei Flügel angelegt, die wie Pfauenfedern schillerten. Seine Kehle war ganz knorrig wie das Horn eines Steinbocks. Um ihn her waren viele Tierkadaver verstreut, aus einigen von ihnen wuchsen mächtige blaue violette Pilze empor, die ihre Sporen bei jedem donnernden Atemzug in hellblauen Wolken abwarfen. Die Luft auf der Lichtung war senfig heiss, und auf der Zunge breitete sich ein sauer-saftiger Geschmack aus. Kaum hatte ich diese Landschaft erblickt, erfreute mich ein Zorn.