Anrufung der Aschera

Von Sigal Lea Raveh – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=83607007

Herrin, aus deinem Nabel wächst ein Zweig,
            der einen kleinen Schattenkreis zieht,
mit dem Sonnenlauf meint er mich,
            dieser Ast zeigt auf mich und zeigt mich an,
wie mit einem Griffel schreibst du damit auf meiner Leber deinen Namen, Aschera.
            Der wahre Baum des Lebens bist du,
vor dir neigen die Jungfrauen ihren lockenschweren Kopf,
            um dich springen und hüpfen die Mütter und Grossmütter in hochaufgerichtetem Tanz,
es jauchzt mir die Leber,
            es wohnt in mir die Kraft des Herrn,
es haust in mir die aufgesammelte, aufgesparte Regung der Menschensöhne,
            die Terebinthe hat ihre Kinder wie eine Frau in Schiloh,
unter ihrem langen Haar ist gut stillen,
            unter ihrem glitzernden Blättertanz ist gut sich unterhalten,
um deine schlanken und ausgestreckte Arme winden sich die Lotosblätter wie Schlangen und züngeln wort- und liebreich,
            Herrin, und wenn wir uns morgens und mittags und abends vor deinem Bild verneigen,
flüstern deine Wurzeln an unseren Herzen wie kichernde Kinderscharen,
            liebkosen mit scheuen Tasten den Beutel meines Bauches,
in denen nichts scharf ist,
            in denen nichts spitz ist,
aus denen nichts Lautes kommt,
            aus denen kein böses Wort dringt,
und abends und mittags und morgens stütze ich mich auf deine Fürsprache in Wind und Regen,
            in stechender Sonne und stehender Luft,
und mögen auch die Wolken brechen und die Berge erbeben mit dem Zorn deines Ehegatten,
            mit der enttäuschten traurigen Wut deines Augapfels, Aschera,
unter deinem Blätterdach ist gut übernachten,
            an deinem Stamm findet die geschlagene Frau endlich Schutz vor der schweren Hand ihres Mannes,
unter den Falten deiner Borke sind die Mädchen und Frauen und Tanten und Grossmütter wie unter der schweren Brust einer säugenden Frau,
            aus der süss die Milch schiesst,
Aschera, vor dir neige ich das Haupt und weiss um Zuflucht.

Lobpreisung Jabeschs

Trocken-Ort, dich preise ich, hoch über dem Jordan,
            deine Kehle atmet die Luft der Wüste,
die steigende Luft der vom Wind ausgewaschenen Gebirgstäler,
            deine Brunnen sind tief wie die Mutterliebe deiner Frauen,
du hast noch nie genug gehabt,
            wie sehr giert deine Kehle nach der Fülle des Lebens,
nach dem trostvollen Schatten eines Wäldchens,
            das an deinem Berg lecken möchte wie ein Kitzlein am salzigen Stein,
ich preise dich mit der ausgedörrten Kraft meiner Leber, Jabesch,
            Jabesch, trügerische Tröckne, mein Hals öffnet sich weit wie die Ebene von Jesreel,
mein Herz blaut wie das galiläische Meer im grünen Gesicht Naftalis,
            und Rubens Schoss, Rubens zaudernder, nachdenklicher Schoss sehnt sich nach dir,
die du atmest in der Dürre,
            die du trauerst um deine Mädchen,
von deinen eigenen Brüdern entführt und zum Rimmon-Felsen den Witwern Benjamins zum Frass vorgeworfen,
            dein Mittag ist seit damals, als der König mit glühendem Geist von dir hörte,
deinen Hilferuf vernahm er über den träge fliessenden Jordan hinweg,
            eine Zeit des Jubels und der Gnade,
und dein Totenacker ist an in der Hitze blühenden Steinen nicht arm,
            dein Totenhügel wächst in den staubigen Himmel an deiner Seite,
höher als deine Tore erhebt sich das Land,
            wo deine Toten warten, Bein an Bein, Schulter an Schulter, Becken an Becken,
bis der Gesalbte sie rufen wird, Zeugnis abzulegen gegen die angeschwollenen Kehlen der Frevler,
            das übervolle Auge in die Waagschale wirfst für die Töchter und Söhne du der gering Gemachten,
Jabesch, Mutter der Wüste, du Schoss von Gilead,
            dich lobe ich mit breiter Kehle,
ich preise dich mit einem Mund wie das Stadttor,  
            wo die Bettler und Versehrten Schutz und Schatten finden,
dankbar will ich immer an dich denken.

Kind des Todes

Aus allen 4 Windrichtungen kann es dich anhauchen,
            im Tal unten und auf dem Berg oben kann es dich treffen,
ob du liegst oder stehst, kauerst oder kriechst,
            es wird dich finden wie die Bienen die Blüten,
es wird dich haschen wie der Vater das Kind im Garten.
            Deine Kehle wird sich plötzlich verengen,
deine Augen werden blinzeln,
            dein Herz in deinem Brustkorb schrumpfen wie ein Apfel im Gras unterm Baum,
aber es wird kein Atem mehr sein,
            keine Regung in der Luft wird mehr sein,
du Kind des Todes, und deine Haare werden grau wie der Felsen im Gebirge,
            deine von keinem Anblas mehr getragene Haut wird knattern an deinen Rippen im kalten Morgen ohne Sonne.

Und du wirst wie deine Feinde keine Schuld fühlen,
            in deinem verstörten Herz, weich wie die Schnauze des Schäferhundes,
wird dein Gehorsam grollen wie die Rufe des Esels,
            und die Heilige wird mit Rauch in der Nase sich zu deinem Fleisch herunterneigen,
die Heilige wird deine Nieren prüfen wie ein Schächter,
            wie ein Rabbi werden seine Ohren auf dich gerichtet sein,
seine mächtige Hand hält dein erschrockenes Herz,
            ob dein Denken anders war als dein Reden, Kind des Todes,
auch du nur ein Halm auf seinen Matten.

            Die Heilige wird dein Herz wiegen,
die verständigen Taten und die menschlichen Taten abschätzen,
            sie wird die Wundheit deiner Sohlen betrachten und die Ausdehnung deiner Kehle umfassen,
und du, Kind des Todes, wirst nichts von ihren Flügeln sehen,
            für lange Zeit wirst du nicht an ihrem warmen Bauch liegen,
der sich mit dem heissen Atem der Vulkane hebt und senkt,
            ein Halm nur in der weiten Wiese ihres Gedenkens und ihres Weinens und Wütens,
das bist du,
            und keine Flügel wird sie über dich ausbreiten,
deine Nägel und deine Haare rieseln an dir hinunter wie die Tränen eines erschrockenen Kindes,
           und deine Feinde werden um dich streichen wie die Hunde vor den Toren.

Ein Gedicht schreiben: die Welt anders wahrnehmen und darstellen

Von Giotto di Bondone – Ursprung unbekannt, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2941674

Auch wenn ich weiss, dass Aufzählungen sowohl die Leserin als auch mich erschöpfen, ja als ein Zeichen von Schwäche gelten können, liebe ich diese Form der Weltstreifung, der Weltdurchstreifung.

Es ist mir dies eine ganz natürliche, quasi instinktive Art und Weise zu sprechen: weit greife ich aus mit der Sprache, werfe mein Netz mit Schwung ins braune Wasser des Nildeltas. Je mehr sich in meinem Netz verfängt, umso besser, und je entlegener und verschiedener die gefangenen Arten und Formen sind, desto besser: in Differenz und Entlegenheit liegt eine reichhaltige Poesie.

In der letzten Zeit, angefangen mit den buddhistisch grundierten Gedichten der «Ginkakuji-Variationen», beschäftigt mich nicht nur Vieldeutigkeit, vieldeutiges Sprechen, sondern das Ausbrechen aus dem herrschenden dualistischen Denken und Handeln.

Die so geliebten Aufzählungen, beginne ich zu verstehen, bieten mir genau diesen Ausweg aus dem Entweder-Oder. Und die Sprache ist da durchaus ein Hindernis, denn sie kann nur linear und kausal sein, immer stellt sie grammatikalisch und syntaktisch Verbindungen her. Eines kommt nach dem andern, eines kommt von dem andern.

Immer schon habe ich Mühe gehabt, Kausalitäten zu verstehen und darzustellen. Immer schon hat sich meine Wahrnehmung gegen eine lineare Abfolge von Perspektiven und Geschehnissen gesträubt. In den Aufzählungen habe ich ein Ventile dafür gesucht und gefunden.

Das Gleichzeitig-Verbundene und das Gleichzeitig-Unverbundene: so möchte ich darstellen, was ich wahrnehme und was mich be-eindruckt. Im Buddhismus ist alles – Belebtes wie Lebloses – leer, wird aber von uns Menschen «gefüllt», sodass es Bedeutung erhält und zu behändigen ist; Gegensätze und Dualismen sind also nicht «wirklich», sondern gemacht, ebenso wie Unterschiede und Erkenntnisse.

In der Beschäftigung mit der hebräischen Sprach- und Bildwelt, was ja auch immer eine Beschäftigung mit anderen Denk-, Vorstellungs- und Verstehensmustern darstellt, treffe ich nun im Rahmen meiner neuen Gedichtreihe «Psalmen für Saul» auf weitere Alteritäten des Sprechens. Dabei handelt es sich einerseits um das aspektivische Sprechen (der Aspekt einer Sache, eines Wesens oder eines Zustandes steht für das Ganze), das in Merismen seinen Ausdruck findet. Andererseits erlebe ich im «Parallelismus membrorum», dem zweifachen, aber veränderten Aussagen des Gleichen oder Ähnlichen eine neue Freiheit.

In den Sätzen der hebräischen Sprache werden selten eindeutige kausale oder temporale Beziehungen eines Sachverhaltes oder eines Ereignisses zu einem andern ausformuliert.

(Schroer / Staubli)

Was jedoch viel wichtiger für meine sich wandelnde Poetik ist, das ist das Bewusstsein einer stereometrischen Wahrnehmung der Welt: eine mehrdimensionale, eine Tiefenperspektive in der Darstellung wird möglich, ebenso wie die Gleichzeitigkeit alles Geschehens und Empfindens.

Ich denke dabei immer an Giottos «Einzug in Jerusalem» (Padua, 1304-1306), in dem drei Figuren in der rechten unteren Bildhälfte darstellen, wie jemand sein Kleid auszieht du auf der Strasse ausbreitet. Dieses Bild hat mir in meiner Jugend zum ersten Mal gezeigt, dass eine Aushebung der zeitlichen Linearität in der Kunst (oder durch die Kunst?) möglich ist. Oder um mit dem Prediger zu sprechen:

Was in Zukunft geschehen wird, ist schon da gewesen; und was in der Vergangenheit geschah, war zuvor schon einmal da. Gott lässt alles wiederkehren wie in einem Kreislauf.

Koh 3,15

So entwickelt sich das Leben eines Lyrikers, ebenso kreisförmig, und so entwickelt sich seine Sprache und sein Sprechen, ebenso zyklisch. Was aus einem anfänglichen Impuls des «möglichst viel und vollständig Einfangens» entstanden ist, wird mit der Zeit – in der spiraligen Zeit der Kunst – zu einem bewussten Handeln in der Bemühung nicht mehr nur um die bereits als unmöglich verstandenen Vollständigkeit, sondern um eine absichtliche Verschiebung von Massstäben, Sichtweisen und Sprechweisen, um eine Auflösung der Gefangenschaft im Definitiven und Faktisch-Empirischen, in der Bemühung um eine andere, weiter gefasste (aber nicht «fassbare») Weltsicht, die in der Bejahung der Gleichzeitigkeit von Unterschieden und Unterscheidung auch eine neue Welt erstrebt.

Anrufung Dagons

Durch den schmierigen Regen höre ich das Kreischen der Frauen,
            die Frauen heben ihre Hände und raufen ihre Haare,
und unterm Brüllen der Kühe starren die Männer auf der Schwelle auf dich,
            gesichtsloser Herrgott mit dem Gesicht zur Erde vor der Kiste aus dem Lande der Eiferer.

Von Aschdod bis Gat und Ekron reicht deine gewundene Hand,
            schwielig und schwer schlingt sie sich um die Kehlen der Menschen,
um die Knöchel der Völker windet sie sich mit silbernem Glanz.
            Unter deinen schleifenden Schritten,
unterm gelben harten Schweiss aus deinen Achseln spielen die Kinder in den satten Büschen,
            unter deiner weit geschwenkten Zunge schlafen die werdenden Mütter.
Mit schwerem Seufzen heben die Ältesten ihre Glieder,
            mit Vorsicht befreien sie ihre Knie von der Starre,
kein Rat ist ihnen geworden im Schatten deiner Netze,
            mit Umsicht strecken sie die Arme, rollen sie die Schultern,
denn nichts ist mehr dauerhaft befestigt und nichts ist mehr dauerhaft verankert,
            und die Mäuse huschen um ihre Knöchel wie Sonnenflecken,
und ich sehe im Hafenbecken die Bäuche der Fische,
            den milchfarbenen Mantel des Meeres,
das Lid eines nimmerwachen Auges,
            mit dem Gesicht zur Erde liegen die Mütter vor deinem Altar,
bitten um ihre Töchter und Söhne,
            deren gebuckelte Haut wie Knospen im Frühling aufbricht,
du bist ein Gott ohne Gesicht, mein Herr, du kannst nicht sehen noch hören,
            und fallen dir Glieder ab, so wachsen sie dir nach,
doch uns Menschen, oh Seestern-Füssiger,
            uns Menschen blüht nur,
unterm schmierigen Regen und unterm Brüllen der Kühe,
            Verfall und Tod, oh Glattgesicht auf der Schwelle.  

Mit Schmerzen in den eitrigen Achseln, mit Brand in den Kniehöhlen sehe ich die Menschen vor dir sich niederwerfen,
            die Mäuse haben das Korn gefressen,
die Mäuse wimmeln um unsere Knöchel und beissen hinein,
            wie wütende Augen voller Ausfluss wischen sie um uns herum,
die wir uns verneigen vor der Kiste aus dem Land der Eiferer.

Das ist Isebel

Die Männer sind wie Fliegen,
            und keiner ist wie der Geier.
Umschwirren meine Scham,
            bedecken meine Brüste.
Die Männer senken ihre Köpfe,
            wenn ihnen etwas verweigert ist.
Ich sage dir, du allzu Besonnener,
            das sage ich dir, du allzu Ungekrümmter, wo ist deine Hoheit,
und bist du nicht ein Fürst?
            Iss nun etwas, stärke dich, denke nicht an Gott,
mit Gott hat das Menschenleben nichts zu tun,
            das Volk ist kein Weinberg,
die Menschen sind keine Trauben,
            diese Augen der Süsse unterm Sonnenschlag,
iss nun etwas, hebe deine Glieder!
            Die Herzen der Männer sind wie Kahle Berge überm Schaum des Sturms,
die Glieder zerschlagen sie sich und das Kinn an den Lehmmäuerchen,
            die sie mitten ins offene Land von Jesreel gestellt haben,
diese Unkrummen, diese Ungewundenen!
            Gott ist für sie ein Strich durch die Landschaft, eine Grenze durch die Zeit,
ein Strich durch die Rechnung ist Gott für sie,
            und ich erscheine im Fenster mit meinen Aschera-Augen,
und die Männer senken ihre Köpfe,
            pressen ihr Kinn auf die staubige Brust,
und ich höre sie sagen,
            das ist Gevîrah, Königsmutter,
das ist Isebel.

Anrufung des Baal

Von Autor unbekannt, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=931147

Muss auch ich lauter rufen?
            Muss auch ich auf dich warten?
Du schreitest dahin und treibst die Wolken wie Kälber voran,
            du hast deine rechte Hand erhoben wie zum Gruss,
deine rechte Hand am Ohr wie zum Hören;
            du bist gleichzeitig mit Berg,
du bist gleichlaufend mit den Wellen, die bei En-Gedi ausgleiten,
            du bist zugleich eine Frau, die gebären will.

Die Menschen schimpfen dich Baal-Sebub,
            Herr der Fliegen: vom Kahlen Berg stürzt du herunter auf das Opferfleisch,
deine Füsse färben den Bach Kischon rot wie die Lippen unserer Töchter,
            du bist Baal-Zebûl, erhöht unter allen Göttern,
in deiner rechten Hand schwingst du die Donnerkeule,
            in deiner rechten Hand leuchtet die Sonne,
schimmert die Mondsichel:
            wie lange muss ich noch rufen nach dir,
wie lange soll ich noch bitten um Kraft und Geduld,
            wie oft höre ich nur das Rascheln im Geröllfeld,
das Wispern des Korns im Tal der Rafaiter?

Deine Taten haben geweckt Freude und Jubel
            überall, wo Menschen wohnen,
dein Brüllen lässt die Wellen anschwellen und die Berge steigen,
            dein Schrei stillt den Aufruhr der Völker:
bist du denn kein Gott für den Menschen,
            bist du denn auf Reisen, streifst du über den Baschan,
bist du denn eingeschlafen,
            bist du mitten im Tumult meines Heischens,
im Radau meines Heissens bist du etwa eingenickt
            wie ein Onkel, der zu viel vom Opferwein getrunken hat,
musst du etwa nachdenken und worüber,
            ist deine rechte Hand an dein Kinn gesunken?

Mit deinen Hörnern hast du doch das Chaos von seinem erhobenen Thron gestossen,
            mit Keule und Axt hast du die Wasser gespalten,
ihre Gestalt zerbrach, ihre Wirbel zerflossen.
            Ich rufe bis an die äussersten Enden der Erde,
ich flehe bis nach En-Dor, wo heiss das Urmeer ausfliesst wie Jammus Eiter,
            über den du schreitest mit Kraft und Ausdauer.

Deine Stimme, Heiliger

Deine Stimme, Heiliger, klingt immer noch wie die Urflut,
            vermischt mit dem Lehm Ägyptens,
dem kehligen Laut der Disteln, dem Knirschen von vereistem Sand,
            deine Stimme, Heiliger, hat immer noch die hohen hellen Rufe der Lenker von Streitwagen im Ohr,
das raschelnde Zischen ihrer Räder im Schilf,
            den Brustton des Entsetzens in den aufgeworfenen Hälsen der Gäule;
deine Stimme klingt immer noch wie die Hand am Hals einer Frau.

Noch rufst du mich zur Besinnung,
            noch fällst du mir in die Gedanken, in die Träume und in die Hand,
doch dein von meinem Hirn verzierter Bart zeigt unter den Kaubewegungen keinen Gesichtsregung.

Oh, deine Füsse, Heiliger, sind aufgequollen wie die Züge eines Säufers,
            aufgequollen im Honigblutbecken deines himmlischen Herdes;
deine Augen leuchten knisternd wie die Golddisteln an den Abhängen des Kidrontals,
            die tiefen Schalen deiner Hände schöpfen immer noch vom Wasser des Teichs Siloach. SELA

Deine Stimme, Heiliger, trägt immer noch das zurückgehaltene Lachen in sich,
            das du zurückhieltest angesichts meiner Scham,
das du aufspartest für meinen letzten Tag,
            wenn ich mit verdrehten Armen und verkehrtem Auge vor dir stehen werde wie ein      Esel vor dem Berg,
dein Lachen wird dann sein wie das Einstürzen eines zermahlenen Bergs,
            deine heisere lockende Stimme wird dann sein wie eine Sturzflut zu Füssen meiner Altare,
und ich werde wissen, Heiliger, ich werde es wissen, Heiliger,
            wie gross dein Zorn ist und das Erdreich deines Herzens aufsprengt wie Dürre den Boden,
wie gross dein Grimm ist und die Kuppen deiner Nieren aufbrechen lässt wie unterm Stab Mose die Felsen bei Refidim,
die Lenden des Bergs Horeb,
und über mich wird wie Nardenöl fluten das Wort deiner Vergebung.

Mitten im Leben II (5 Sinnbilder)

Ein Leben anheben
Das fast schon fertig ist
Und sich längt und streckt
Wie ein Nildelta: zögert immer noch
Anzunehmen was ihm gegeben
Auszuschütten was aufgespart

Ein träges Land aufstellen
Das fast schon zermahlen ist
Und knirscht und widerstrebt
Wie eine Schefela: eine Kalkgestalt
Abweiden spröde Büschel
Das Gebein freinippen

Eine Ausrede anritzen
Die fast schon Stein ist
Und nicht reift und schmeckt
Wie die Maulbeerfeige: ins Gebirge schaut
Äugt verankert am Stamm auf die Gipfel
Verhärtet gegen die rötlich-weichen Pässe

Einen Palast ausfüllen
Der von seiner Meisterin träumt
Und sich bläht und reckt
Wie ein Arsenalhügel: das zitternde Erbsen-Volk
Verteilen in den leeren Hallen
Keimen heissen im kalten Marmor

Eine Einbildung anführen
Die fast schon steigt
Und kreischt und bockt
Wie ein Packesel: über diese Brücken musst du gehen
Vor diesen Boten musst du stehen
Zerstreuen deine Hinterbeine und deine Güter im Wegeskies

Ein Gedicht schreiben: Träumen

Was heisst es zu träumen? Es ist die kreativste und konzentrierteste Form von Leben. Schon als Kind und Jugendlicher war mir die Macht der Fantasie, die Kraft aus Kompilation und Aleatorik dringlich bewusst. Auch wenn ich mich immer wieder über die Lächerlichkeit oder den kindischen Humor meiner Träume wunderte, wanderten viele ihrer Bilder in meine Gedichte.

Die Macht dieser Bilder, die mehr als Metaphern oder Sinnbilder zu sein scheinen, in Worte um zu setzen, ist jedoch möglich: Sobald sie in die Aussenwelt, in die dingliche Wirklichkeit befördert werden, wird ihre Undinglichkeit und Innerlichkeit – eben noch ihre eigentliche Wirkkraft – zu einer Schwäche. Farblos, wie angehauchtes Spiegelglas erscheinen sie dann, und selbst du hast nur noch Spott für sie übrig, wenn auch einen mit Trauer und Mitgefühl gewürzten Spott.

Doch selbst in den Träumen, die dich abwerten, ja buchstäblich entblössen – wenn du nackt vor einer Schulklasse stehst -, bist du dir dieses anderen Lebens in dir stark und motivierend, antreibend bewusst: da wirkt in dir ein Mechanismus, eine Art Maschine, die aus deinem Aussenleben, deinem «aktiven Leben» sowohl eine Traumwandelei als auch einen neuartigen Referenzrahmen schafft.

Selten nur kann es mir gelingen, diese im Traum erfahrene «Umwertung der Werte» und Bedeutungen in einem Gedicht oder in einer Geschichte zu wiederholen oder bewahren. Doch wenn es mir gelingen soll, wenn ich diesen überwältigenden surreal-surrealistischen Eindruck «kopieren» oder «nachahmen» soll, so benutze ich zwei hier bereits genutzte Verfahren aus dem Traum: die Kompilation und die Aleatorik.

Mit der Kompilation meine ich folgendes: Während einer mehr oder weniger langen Vorbereitungszeit für ein Gedicht oder einen Text sammele ich wahllos Wörter und Resonanzen, Zitate und Referenzen, Begriffe und Eindrücke, die mit dem vermuteten «Thema» oder «Inhalt» des Gedichts nur entfernt oder mittelbar in Bezug stehen. Ich verhalte mich also ein wenig wie die sprichwörtliche Elster, die alles Glänzende und Leuchtende zusammenträgt und -stiehlt.

Ein unkundiger Sammler, der noch keine Kriterien gefunden hat für sein Schauen und Erkennen, für seine Leidenschaft, wie es im ersten Moment (und auch manchmal noch im fertigen Gedicht) scheinen mag.

Im zweiten Schritt meiner Arbeit schalte ich den Zufallsmoment ein: was ich am Anfang dieses Textes die Aleatorik genannt habe. Doch handelt es sich dabei nicht um die von den Surrealisten so geliebte «écriture automatique», das automatische Schreiben. Denn selbst wenn ich die Verse nicht lenkte und die Wörter «von alleine» ihre Verbindungen und Referenzen finden lasse, so behalte ich doch einen Eindruck, eine Stimmung oder Haltung oder eine Landschaft im Auge, die darzustellen ich mir vorgenommen habe.

Würde ich ganz «automatisch», also quasi «maschinell» vom Zufall gelenkt schreiben, entstünde ein Gedicht, das von der Sprache und vielleicht von meinem Unterbewusstsein geschrieben worden ist; ein Gedicht, das mit meinem Aussenleben, meinem Lebensausdruck und -gefühl vermutlich kaum mehr etwas gemeinsam hat.

So aber, in einem halb bewussten, kontrollierenden Schreibmodus schaffe ich im besten Fall in der Kompilation und der Aleatorik, die ich meinen Träumen entlehne und/oder stehle, eine Art Traumbild – genauso uneindeutig/eindeutig, fremdländisch/befremdlich, unverständlich/verständlich, hier-und-nicht-hier wie ein Traum oder ein Träumen.