Doch der Junge steht noch vor dem altem Mann und wartet,
ihn überragend steht er vor dem Geschrumpften und merkt auf,
sein Herz knistert wie die Borsten eines Stachelschweins,
seine Wange brennt noch vom Kuss des alten Mannes,
seine Ohren glühen.
Der Junge überragt den alten Geschrumpften,
der mit dem Aufgang der Sonne noch mehr zu schrumpften begann,
aber sein Schatten wuchs und legte sich über das dürre Land in seinem Rücken,
in den Augenbrauen des Jungen sammelte sich das Öl,
er begann es wegzublinzeln,
denn seine Arme waren schwer wie Schwengel.
Er hatte aufgemerkt,
er hatte sein Ohr dem Manne zugewandt,
er hatte ihm sein ungefähres Jungengesicht hingehalten,
den Kopf hatte er nicht willig geneigt,
und seine Wange war feucht von dem Kuss des Schrumpfers.
In seinem Herz raschelten rastlos die Worte,
es gibt Wichtigeres als die Eselinnen,
und geduldig wartete er mit brennender Wange darauf,
der alte Mann mit den Fliegen in den Augenwinkeln würde sich auflösen wie ein Sandwirbel am Fuss eines Busches,
doch der alte Mann steht noch vor dem Jungen und wartet,
sieht ihn wachsen an Erstaunen und Erwartung,
in seinem Schatten steht der alte Mann und wehrt sich gegen die Scheu,
die ihm in die Nieren fährt wie eine Zikade,
erkennt die Flucht des Geistes in seinen zitternden Knien,
in den Scherben des Krugs zu seinen Füssen,
und im Abnehmen sieht er das leere Gesicht des Jungen über sich hinausragen,
der immer noch wartet,
der immer noch aufmerkt,
und der alte Mann merkt sich diesen Ausdruck auf dem ölglänzenden Antlitz,
er sieht die Fettflecke von der Keule,
die er ihm beim Opfermahl gereicht hat,
schimmern im Rock des Jungen wie drei Augen, die ihn schuldig wissen,
ihn, den kleiner werdenden,
doch bevor er ganz eingegangen ist,
dreht er sich weg vom Stehenden, Starrenden, Störrischen.
Sieben Jahre (Olam)
Sieben Jahre sind lange,
eine mit Mühsal und Zaudern gewürzte Wegstrecke sind sieben Jahre,
viele Stadien wirst du laufen, viele Stadien wirst du kriechen,
sieben Jahre sind geräumig genug für Enttäuschungen und Hochmut,
und mit Langmut betrachtet sind sieben Jahre kaum so breit wie die weisse Spitze deines Fingernagels,
sieben Jahre wollen nicht enden und hören doch auf wie der zwiefache Ruf des Wiedehopfs,
der dich aufhorchen und einhalten lässt und verstummt im Sennabusch,
lange mögen die sieben Jahre erscheinen,
lange wie die Zöpfe einer Tänzerin vor dem Altar, wie ihre Knöchel unterm fliegenden Rock,
wie der Pfeilflug von dem Bogen eines jungen Schützen,
stark und breit wie die Brust eines Ringers,
und du hörst noch die tiefe Sanftmut im Vogelruf über die Furt von Michmas hinweg,
und du ordnest noch die Insektenbeine deiner zappelnden Erinnerung,
und doch gehen sie vorbei wie Lufthauch im Mittag, wie das kleine Zittern in der Terebinthe,
wie eine Biene im Flug streifen sie deinen Handrücken und sträuben die hellen Haare darauf,
von Immerschon zu Immerschon sind sie:
was du aufsammeln kannst, das sammle auf,
was du tragen kannst, das trage mit,
bevor du es zerstreuen musst,
bevor es dich beschwert mit Gewicht oder Gestank,
seine Lust zur Last wird und seine Schönheit verpönt,
das gut gewürzte Opferfleisch scheidest du aus,
den herben Wein mit seinem Traum von Ruhe und Abgeschiedenheit scheidest du aus,
die Völle und der Taumel bleiben ein Augenzwinkern noch,
verlassen dich auch wie der Wiedehopf auf dem Dach deines Speichers,
und in sechs mal sieben Jahren wirst auch du wie der alte Mann,
der dir seine Hand, leicht wie ein Spatz, auf die Schulter legt,
wie der alte Mann mit seinem faulen Atem,
der dir den Weg durch Zaudern und Mühsal,
die vielen Stadien aus Hochmut und Enttäuschung aufzeigt,
gebeugt von dem Immer,
das immer schon war und ist.
Und Gott sammelt die Verfolgten
Wie oft wende ich mein Antlitz dir zu, Mensch,
wie sehr wende ich mein Auge dir zu, Menschin:
aufheben will ich dich in der Hitze des Mittags,
auflesen will ich dich in der Kühle der Nacht,
strecken will ich deinen runden Rücken,
stärken will ich deine wankenden Knie.
Ich höre und ich horte,
ich horte und ich höre,
und ich habe das Einst in dein Herz gelegt. SELA
Keine Schmach ist es, sich zu bücken,
keine Schande ist es, hinter den Erntehelferinnen aufzusammeln,
zusammenzutragen, was dazwischen gefallen ist,
zu ernten, was liegen geblieben ist,
das höre du, der ich mein Wohlgefallen zugewandt habe.
Das Vergessene suche ich,
das Entschwundene suche ich,
das Fallengelassene sammle ich,
ich sammle das Verlorene,
pflücke die Reste auf,
das Zerstreute findet Boden in meinem Herzen,
ich horte den Rest,
ich höre die Reste.
Und ich habe das Immer in dein Herz gehäuft,
aus der einmal aufgestellten, einmal gebundenen Garbe habe ich Ähren herausgezerrt,
ich habe an den Garben gezupft wie du am Kleide Boas’,
wie du am Kleide Samuels,
herausgelesen habe ich die Ähren, an denen es dir mangelte,
achtlos hingeworfen lagen sie vor deinem Auge,
und unter meinem antlitzenden Auge lasest du sie auf,
hobest das Entschwundene auf,
nahmst das Vergessene zu dir in die Schürze,
hinter den Garbenbinderinnen her gingst du geneigt,
fandest hier eine Ähre und da eine andere Ähre,
und dein Ohr lag an der stäubenden Erde im Mittag,
im Schatten des Dornbuschs und der Distel,
und ich hörte dein Herz knistern und piksen,
und ich horte das Prickeln in deinen Augen und das Hüpfen deiner Leber.
Wie oft wandte ich mein Antlitz dir zu, Menschin,
wie sehr wandte ich meine Auge an dich, Mensch:
das habe ich dir geschenkt,
dass du eine Schürze hast, in die du liest.
So wird es nach dem Propheten geschehen
Mein Name ist Ikabod, und ich frage dich,
aus der fremden Vergangenheit frage ich dich,
gibt es einen von euch, gibt es eine von euch,
die den Lauf der Dinge gesehen hat,
der das Nieseln der Zeit in den Nieren gehört hat,
so frage ich dich aus der umgewandten Vergangenheit, eine Person nur,
die sich weder umgedreht noch aufgerichtet hat in jener fernen bereits beschriebenen,
in jener gerückten bereits geschehenen Toten See,
die sammelt und sammelt, was die Propheten sagen,
die aufliest und aufliest, was die Propheten schreiben,
und wo ist die Herrlichkeit auf einmal hin, so frage ich dich,
mein Name ist Ikabod, und ich horte,
horte, was nach dem Propheten geschieht,
horte, was du gesehen hast,
häufe an, was du gehört hast in den Tagen deines gebeugten Halses,
häufe an, was du gesehen hast in den Nächten deiner ausgeweinten Augen,
und ich wende mich dir zu, ich selbst,
Ikabod, der in seinem Herzbeutel genügend schon trägt,
der in seinem Herzzelt schon genügend getragen hat,
der die gerungenen Hände aufbewahrt und die gedungenen Schänder,
und ich frage dich, aus der fremden Vergangenheit hinauf,
wo ist die Herrlichkeit auf einmal hin,
so frage ich dich, denn siehe, da war sie – die Menschin,
so frage ich dich, denn höre, da war er – der Mensch,
und hob jemand den schweren Kopf,
angefüllt mit diesen bedeutenden Wörtern, mit diesen vorausblickenden,
mit diesen vorausschauenden Sprüchen,
und hob jemand den schweren Arsch von dem Karren,
der mit der Lade des Zeugnisses dahin rollte,
um von dem Karren, der durch das Kies des Unwendbaren knirschte,
der durch das Feld des Unrückbringlichen flüsterte,
hinunterzuspringen in das tränende kalte Gras des Morgens,
um sich hinzukauern und den Karren Karren sein zu lassen ,
das Voraus Voraus und das Vorwärts Vorwärts,
den Karren mit seinen drehenden, drohenden Augen,
war da auch nur eine oder einer, die fragte,
die Füsse in den grauen Bauch des Weges gestemmt,
wo ist die Herrlichkeit?
Wedernoch, Nichtnurnicht
Es gibt kein Ja von mir
Du kriegst ein Nein: beschreite ich doch
Schon Auswege bevor du noch
Nachfragst: aber mein Nein ist auch
Kein Nein: weder ein Nein noch ein Ja
Nicht nur nicht kenne ich
Was war oder was kommt: auch
Was jetzt ist gibt es für mich nicht:
Sondern ich weiss um meinen immer
Tragenden Schoss mit seinem Entwederbeutel –
Sondern ich schwelle um meinen immer
Zeigenden Finger mit seinem Odersack an –
Es gibt kein Nein: du kriegst nur
Ein Ja: beschreite ich doch schon
Einen Abweg bevor du noch
Nachfolgst: ich habe mein Joch
An den Mond gehängt und mein Weberschifflein in die Ebbe:
Ich gebe dir meinen Zahn und keine Fingerspitze: sauge du doch
Am eigenen Daumen: ich schultere meinen Korb
Hoch oben zwischen den Platanen und im Seeglast des Nachmittags:
Ich bin Weide: ich bin Traube:
Ich bin Stift: ich bin Pfahl:
Ich bin Hanfseil: ich bin Schamlippe:
Ich bin Vorhaut: ich bin ein Weder
Das nochmals und nochmals besteht
Auf dem Nochnicht und Nichtschon
Auf dem Nichtschonwieder und auf dem
Machtvollen Tropfen: auf dem kräftigen Bizzen
Der dich noch würgen: der dich noch aufschlagen:
Der dich noch fortspülen wird: ich bin der Abstand
Zwischen Ja und Nein: und dieser wächst mit jedem Wort
Das hier fällt wie das erste Blatt aus der Krone:
Wie der erste Stein aus der Krone der Schöpfung:
Und im Abstand innen rinnen: rinnen innen
Meine Wesenzüge nicht nur nicht aus
Sondern führen in die Poren
Die sich wie Ohren weiten in den unbeschrittenen Breiten
Wo du noch nie warst und wirst zu mir:
Mit einer letzten entscheidungsfreien:
Entscheidungslosen Geste gebe ich dich dir.
Ein Gedicht schreiben: Mit der Stimme einer Frau
Letzte Woche habe ich an einer Lesung das erste Mal das Gedicht «Rahels Gebet» vorgetragen. Das Gedicht schildert die letzten Momente der «Erzmutter» Rahel, die bei der Geburt ihres Sohnes Benjamin stirbt. Von der Moderatorin wurde ich darauf angesprochen, weshalb ich dieses Gedicht als mein «erstes in der Stimme einer Frau» bezeichne, wo es doch grade so strotze vor körperlichen Begriffen, die das Weibliche in einer patriarchalen Zuschreibung fixierten und daher beherrschten.
Diese Kritik hat mich beschäftigt, und ich habe mir dazu einige Gedanken gemacht, die ich hier nachzeichnen möchte.
Eine andere Männlichkeit?
Seit ich nicht nur weiss (kognitiv), sondern auch begriffen habe (affektiv), wie sehr ich als Mann (noch dazu als weisser Mann in einem europäischen Land!) privilegiert bin – und das ist zu meiner Schande noch gar nicht allzu lange her –, hat sich etwas in der Haltung zu meinen Gedichtstimmen verändert, das mehr als nur ein Perspektivenwechsel ist. (Einen Blick auf meinen damaligen Reflexions-Strang findest du unter «Unterdrückung der Frau und männliche Privilegien».)
Der Schock war umso kräftiger für mich, als ich mich als einen Mann verstehe oder interpretieren zu können glaubte, der keinerlei machoide Tendenzen oder Wesenszüge vorzuweisen hat. Meine Vorlieben waren im «strikten Sinne» gesellschaftlicher Typologisierung schon immer «un-männlich»: ich war weder sportlich noch interessierte ich mich für Autos oder wie auch immer geartete technische oder mechanische Vorgänge und Produkte. Meine Lieblingsfarbe ist pink, und wenn ich mutiger wäre, trüge ich jeden Tag High Heels, die ich liebe.
In anderer Hinsicht bin ich jedoch ganz Mann – abgesehen einmal von meinem «natürlichen» Interesse für das andere Geschlecht: ich rede viel lieber, als dass ich zuhöre; wenn ich Trost spenden soll, fühle ich mich hilflos und gebe einer unbegründeten, aber gut verwurzelten Wut Raum; ich habe auch keine Scheu, in einer Runde das Wort zu ergreifen, obwohl ich vielleicht weit weniger Kenntnisse über das zu besprechende Thema habe als die andern Teilnehmenden; desgleichen bin ich es gewohnt, dass mein Wort angehört wird und gilt, wenn ich es ergreife.
Je älter ich werde, umso weniger ausgeprägter werden die oben aufgezählten, von mir als spezifisch «männlich» und gesellschaftlich bedingten und bewirkten Züge. Auch hat mich eine Liebesbeziehung in den letzten Jahren vieles gelehrt, was mich verändert und «empfindungsfähiger» gemacht hat, was in mir die Fähigkeit des Sehens und Hörens auf die andere Person hat wachsen lassen.
Vielstimmige Gedichte auf dem Weg in eine neue Polyphonie jenseits des Dualismus
Meine Gedichte haben schon sehr früh mit vielerlei Ausdrucksebenen und Stimmen gesprochen, und es war nichts Aussergewöhnliches, dass in einem Liebesgedicht beide Stimmen der Liebenden mitgeklungen, mitgesungen haben.
In den letzten Wochen habe ich nun ein paar erste Gedichte «in der Stimme einer Frau» geschrieben. Dabei war mein Augen- und Sprachmerk vor allem auf der brutalisierten Erfahrung der Frau, auf ihrer Leidensgeschichte und -erfahrung, auch auf ihren biologischen und geschlechtlichen Merkmalen. In diesem «ersten Stadium», wie ich es bei mir nennen, bin ich noch ganz «Mann», noch ganz «Aussenstehender», «Unverständiger», «Missversteher»: das äusserliche und körperliche überwiegt in meiner Darstellung, die Biologie behält noch die Oberhand.
Biologische Begriffe als Hebel zur Veränderung?
Doch schon das Biologische ist ein wichtiger Anfang, wie mir im Rahmen der Beschäftigung mit meinem neuen Zyklus «Psalmen für Saul», in dem auch israelitische Frauenstimmen (von Sara über Rahel, von Rut über Ester bis Hanna und Maria) hineindringen, die patriarchale Welt dieses Gebirgsvolkes aufbrechen und durchdringen sollen. Denn nicht nur die Lebenswelten und -erfahrungen und die Stimmen der Frau wurden und werden in der Bibel und in vielen anderen religiösen Schriften unterdrückt, sondern mit diesen auch die ganze Körperwelt der Frau, und das «bildliche» Potenzial dieser – ja – anderen Körper.
Wenn es der Literatur und Kunst gelingen kann, diese Körperwelt und das damit verbundene Erleben und Wahrnehmen ohne patriarchalen Ventriloquismus in ihre Schaffen und Schöpfen zu übernehmen, wird sich auch die Wirklichkeit und die gesellschaftliche Wahrnehmung, Darstellung und Repräsentation nicht nur erweitern und bereichern, sondern verändern: zu einer mehrstimmigen, für Alteritäten offeneren und eindenkenden.
Biologische Begriffe und Merkmale als Metaphern
Doch was will das heissen, das Biologische, das biologisch Andere – auf das schon Simone de Beauvoir mit erschöpfter Geste gezeigt hat – einzudenken, in unser Denken und Handeln zu inkorporieren, inkarnieren?
Indem du die Sinnhaftigkeit biologischer Begriffe und Merkmale als Bereicherung und Welterweiterung in die Literatur und Kunst und somit vielleicht in die gesellschaftliche Realität hinausträgst. Das für mich beste Beispiel für eine solche Metapher, die in die Denkweisen und Handlungsweisen einer Gesellschaft einwirken kann, ist der biblische Begriff für das «Erbarmen» Gottes, «rahman», der auf die Wurzel «rächäm» – die Gebärmuter – zurückgeht.
Silvia Schroer und Thomas Staubli haben in ihrem Standardwerk «Die Körpersymbolik der Bibel» (1998) erstmals klar und eindeutig darauf hingewiesen, wie mächtig für das ursprüngliche, hebräische Gottesbild (und damit auch für das Menschenbild) diese «Mutterschössigkeit Gottes» (Schroer / Staubli) war – solange ein Begriff in seiner ursprünglichen Bedeutung präsent gehalten wird, werden kann, solange wird er auch das Menschen- und Weltbild mitprägen.
Dabei ist gleichzeitig nicht zu verleugnen, dass die Menstruation in der Bibel tabuisiert, der Frau in dieser Zeit mit dem Begriff der «Unreinheit» jegliche Würde abgesprochen wurde. Doch um mit Schroer und Staubli zu sprechen:
Vielleicht kann die biblische Tradition einer theologisch begründeten Würde des Mutterschosses aber in solchen ethischen Diskussionen eine herrschaftliche Funktion übernehmen und daran erinnern, dass der Schoss der Frau mehr ist als ein Objekt patriarchaler Interessen.
Schroer / Staubli (Hervorhebung von mir)
In eine ähnliche Richtung ist schon sehr lange vorher Ursula K. Le Guin vorgestossen, als die «Tragetaschentheorie des Erzählens» (The Carrier Bag of Fiction, 1989) veröffentlichte: hier wird ein äusseres Instrument (der Sack, der Beutel) im Mindesten zum Symbolträger für eine Veränderung des Erzählens, der Erzählhaltung: wie die von ihr geschriebene Science-Fiction sollte seither jede Literatur
ein Versuch (sein), das zu beschreiben, was passiert, was Leute tun und fühlen, wie Menschen sich zu allem andern im riesigen Sack Befindlichen in Beziehung setzen, zu diesem Mutterleib des Universums, zu dieser Gebärmutter der Dinge, die einst kommen, und dieser Grabstätte der Dinge, die einst waren, jener unendlichen Geschichte.
Ursula K. Le Guin
Rahel dem patriarchalen Diktat entziehen
Damit möchte ich den Bogen zurückschlagen zu den ersten Sätzen dieses Textes.
Was das erwähnte Gedicht betrifft, ging es mir in erster Linie darum, einer Frau eine Stimme zu geben, die so sehr unter patriarchaler Manipulation gelitten hat, Objekt patriarchalen Begehrens war und sich so sehr (laut der Bibel, die von Männern geschrieben ist) in das patriarchale Narrativ (eine Frau ohne Kind hat keine Würde) einpassen wollte. Das einzige, was wir von Rahel wissen: sie ist schöner als ihre Schwester (wer definiert denn bitte Schönheit?), sie bestürmt ihren Mann um Kinder, die ihr erst ganz zuletzt endlich geschenkt werden. Und wie eine andere Frau – die Frau des Samuel-Sohnes Pinheas – begreift sie im Moment der Geburt das Schicksal ihres Sohnes (und zukünftigen Stammvaters) Benjamin. Doch nicht einmal dieses Wort, in dem sie ihrem Kind einen Namen gibt (Ben-Oni, Schmerzenskind), wird ihr gelassen, denn ihr Mann Jakob «tauft» das Kind in «Glückskind» (Benjamin) um: entmächtigt sie in ihrem Willen und ihrer Würde als Frau ein letztes Mal, und das ausgerechnet im Todesmoment.
Dieser Entmächtigung und Entwürdigung will sich mein Gedicht widersetzen. Dass dabei körperliche Merkmale der Frau scheinbar typisiert werden, ist mir sehr wohl bewusst: die Verschiebung der Begrifflichkeit und Bedeutung von Zuschreibungen wird nicht auf einmal und vor allem nicht in einem einzigen Gedicht gelingen können.
Viele Fragen bleiben…
In der Anfrage der Moderatorin wurde mir also bewusst, wie wenig ich über das körperliche Empfinden und Fühlen der Frau weiss – und überhaupt über den anderen Menschen! -, obwohl ich ja selbst der Vater einer inzwischen fast erwachsenen Tochter bin.
Doch lass uns nochmals über den scheinbaren patriarchalen Ansatz dieses Gedichts reden: entmächtigt und entwürdigt es die Frau nicht ein weiteres Mal, wenn ich als Mann mir anmasse, in ihrer Stimme und «in ihrem Namen» zu sprechen? Darf ich als Mann denn nur mit der Stimme und im Namen des Mannes sprechen und denken?
Das Schreiben ist mein Lebenszweck, meine Lebensaufgabe – wenn ich nicht schreiben kann, sterbe ich, veröde ich, verliere jegliche Selbstachtung und Würde und Verfügungsgewalt über mich: ich bin jemand, der schreibt.
Wenn ich nun nur als Mann sprechen dürfte, würde das mich nicht auch ebenso entwürdigen? Würde es mich nicht in meiner menschlichen Würde in Frage stellen, wenn ich nur als Mann sprechen dürfte?
Kann ich als wenn auch ungehörter, ungelesener Schreiber-Schöpfer nicht über die Kraft meiner Texte und Worte eine «Anderwelt» schaffen; eine Welt, eine Geschichte, in der Weibliches und Männliches sich verbinden und bereichern – in der Stimme meiner Stimmen?
Das ist letztlich die Frage, auf die ich eine Antwort suche: Ob das blosse Verändern oder anders Verwenden von Zuschreibungen und Begriffsbedeutungen die Wahrnehmung deiner und meiner Welt verändern und damit die patriarchale Dualität und den kapitalistischen Sensationalismus und Konsumismus unterlaufen, unterströmen helfen können?
Und ich bin überzeugt, für diese Veränderung braucht es mich als Mann genauso wie meine Stimme als Frau.
So hat es der Prophet geschrieben
Deine Kinder wird er auspressen,
deine Frauen wird er einsperren,
deine Männer wird er einspannen, Israel.
Du wirst sein Gesicht nur seitwärts sehen,
seine Hand wird in seinem Rücken sein und an deiner Kehle.
Dein Land wird dir nicht mehr gehören,
deine Felder und Weinberge werden von Dornen gefressen,
deine Ölbäume werden verdursten.
Dein Land wird stille sein wie ein Vater, der um die Mutter seiner Kinder trauert.
SELA
In Ägypten wird man fragen, weshalb ist es so still in unserem Norden?
In Assur brüllen die Wassermassen des Tigris unerträglich laut in die Stille hinein.
Im Bogen des Marassanta kommen keine Boten aus dem Süden mehr an,
keine Boten mehr, die berichten von dem geschäftigen Lärm eines jungen Volkes.
Die Philister werden mit weichen Knien in die Bergtäler hinaufspähen,
in Erwartung von geschleuderten Steinen,
aber es werden keine Steine mehr fliegen.
Ein Gedicht schreiben: Das ist keine Kommunikation
Die Verwirrung, das Unverständnis sind meinen Zuhörerinnen oft ins Gesicht gestellt. Sie hören Sprache, sie können sogar Sätze ausmachen, mehr oder weniger vollständige Sinnzusammenhänge erkennen, doch können ihre Ohren keinen «Sinn», keine «Aussage» festhalten oder feststellen, die das Gedicht in die Welt des gesprochenen Wortes, der alltäglichen Sprache «herunterholen» und dort eingemeinden, verankern, es entschärfen würden.
Auch bei meiner gestrigen Lesung ist dies wieder passiert. Eine Zuhörerin stellte die Frage, wie sie das von mir Gelesene, Vorgetragene denn einordnen solle, sie komme eher von der Musik her, aber hier handele es sich doch um Sprache, oder ob sie einfach zu wenig «Übung» habe darin, Gedichte zu hören und lesen.
Meine Antwort war einerseits eine Entschuldigung, die ich heute gerne wieder zurücknähme, in der ich eingestand, dass es sich bei der Lyrik durchaus um eine Literaturgattung handele, die häufig nur «von Eingeweihten für Eingeweihte» sei, dass die Lyrik aber andererseits durchaus meine Gedichte auch als Musik hören, lesen und verstehen dürfe.
In der Pause höre ich dieselbe Zuhörerin dann mit ihren Tischpartnerinnen flüstern. Ich hätte mich, am Tisch hinter ihnen sitzend, wohl besser eingemischt, wie ich heute früh denke, heute früh, nach einem ruhelosen Schlaf ob dieser immer gleichen, meinen Lebenssinn immer noch immer gleich abwürgenden Frage. Im Wesentlichen behauptete sie im Flüsterton, aber es sei doch hier Sprache, sie verstehen den vor mir lesenden Krimi-Autoren gut, der mit einfachen, klaren Sätzen eine Szene aus dem Berner Alltag beschrieben habe, es handele sich hier doch um Wörter, da müsse man doch etwas verstehen können, das habe doch nicht mit Musik zu tun. Kurz, sie stellte die alte Theorie auf, dass Sprache immer noch und «schlussendlich» im Dienste der Kommunikation stehe oder zu stehen habe.
Es ist interessant, wie mich eine solche Argumentation in meiner gereiften lyrischen Schaffenshaltung und Schaffenswelt noch und immer wieder erschüttern, – nein, nicht erschüttern: irritieren kann.
Auf der Heimfahrt musste ich dann an eine Unterscheidung denken, die ich in einem Essay über die Ironie getroffen hatte, an dem ich seit etwa 2 Jahren arbeite. Darin hatte ich mich, an den amerikanischen Philosophen Richard Rorty angelehnt, um eine Unterscheidung zwischen einer buchstäblichen und einer ironischen bzw. uneigentlichen Haltung bemüht.
Ein buchstäblicher Mensch ist eine Person, die sich zur Ironie, zur Fantasie trainieren, manchmal auch hindurchringen muss; diese Person möchte alles buchstäblich verstehen – eine Aussage muss für sie «Hand und Fuss» haben, mit der «Welt» und dem «Hier und Jetzt» in direktem Kontakt und Bezug stehen, damit sie sie annehmen und ihren Wert wahrnehmen kann.
Für eine buchstäbliche Person steht nur in Krisenzeiten, dann jedoch radikal und lebensbedrohend, der Glauben an das «Hier und Jetzt» und an eine gemeinsame faktuelle «wirkliche Welt» auf dem Spiel. Für eine ironische Person jedoch ist es genau umgekehrt: die «wirklich wahrzunehmende Welt» und das «Hier und Jetzt» werden in Krisenmomenten zudringlich und lebensgefährlich. Eine ironische Person lebt in ihrem Alltagsleben ständig mit dem Gedanken daran, dass die Umgebung und ihre / die Sprache weder «wirklich» wahrnehm- und erfassbar, sondern mehr noch: nicht begrifflich und als auch sprachlich nicht zu erfassen und erfahren ist.
Und hier liegt der grosse Unterschied ziwschen solchen Zuhörerinnen und mir Lyriker: nicht nur glaube ich nicht an die Transport- und Übersetzungsfähigkeit der Sprache, sondern nutze sie meist gleich von Beginn an nur noch als Pinsel oder Klaviatur, um traumähnliche Bilder zu malen oder zu komponieren. Ich erzähle sehr wohl Geschichten und biete sehr wohl Sinn an in meinen Gedichten, aber sowohl Sinn als auch Geschichte liegen in der Art des Sagens, in der zufälligen Konstellation der Worte am Himmel eines Gedichtes.
Um ein Beispiel aus der Musik zu zitieren, ich bin kein Pop- oder gar Schlagersänger, dessen Herzschmerz oder Weltwut oder Weltenttäuschung du verstehen kannst, weil er die Wörter wie du benutzt, ich bin eine Opernsängerin, deren Wörter in Koloraturen und hochfrequenten Schwingungen wie der biblische Sauerteig in deinen Ohren aufgehen soll und kann.
Um mich zu hören und verstehen, musst du nur eines: deine Ohren öffnen. Jedoch nicht so, wie du deine Ohren einer Lautsprecherdurchsage öffnest oder dem Bericht eines Freundes von der Trennung von seiner Frau. Öffne deine Ohren und lasse dein Herz denken, lass deine Nieren fühlen und empfinden, zu was für einem Gesange sich alltägliche und aussergewöhnliche Wörter miteinander verbinden – sie wollen nicht kommunizieren, sondern singen, und was sie singen, ist jenes, was du nie sagen können wirst. Deshalb höre genau hin!
Überflusstung
Die Zählen eines Flusses
Die Fliessen eines Einfahrens
Die Murkeln einer Nierenscheide
Mieden und weiden und schieden
Dich vor der rechtzeitigen Marlieserei:
Die minimale Reistume eines Himmels
Voller Laugen und Mimenwürfe – ernst-
Lassen die mörderischen Baikalkurven
Die den Ablastzug konsumieren
Der in den nörderischen Betrieb eingezählt:
Mit einer enormen Muchtsonne:
Übermählung einer Minute im ersten gynäkologischen Moment.
Das nächste Tram fährt wie ein Cargo-Grimm
Ein in die Mauerfräsen
Denen ich mich einreichen soll
Als eine Art Moorhase in den Gesellenstücklein
Mittelhaltiger Marnies oder unalternder Keimunfälle voller
Urzeit: Urmass eines Gesangs voller Zählnen –
Murnende Lastzüge im gewissenhaften Mahlwerk
Und die Falbmuster schiessen ihre Fäden in die kundigen Fliesen:
Die Ansprüche an die Sprache werden abgeschraubt
Ich schaube sie ab ich schnaube sie
Hinauf in die Stirnfasern meiner Aberganzigkeit:
Die Zollen wägen den Füssentorgenau
Mittels Barkenhaken und den Ohrengestümen einer Rollenfuhr
Hochmut und ragende Bildschirme:
Marlies komm Marlies komm –
Mindestens konkrete antlitzende Bilder:
Was du verstehen kannst
Was du verstehst und hörst:
Keine lässliche Zahlflut
Keine missliche Blüte im regenrohen Musik-Flasshaar
Und die breiten Felgen-Fersen:
Urzeit: Gesang aus Mauern
Klumpen von Stimmen
Die keine Brüste noch Schösse haben
Und weder um ihre Privilegien noch um ihre Moorhasen
Sich sorgen und kümmern können.
So hat es der Prophet gesagt
Wenn ich euch höre, schnaube ich;
Wenn ich euch sehe, verengt sich meine Kehle;
Wenn ich eure Herzen betrachte, geben meine Knie unter mir nach;
Wenn ich die Lebern eurer Frauen unter meinen Fingern hin- und herwende, schrecken mich die Folgen ihrer Freude,
die schwer wie ein zu weit gerollter Gebirgskamm in ihnen hockt.
SELA
Jetzt noch ist der Herr euer König,
mit scharfem Auge späht er in euren Herzen nach Anzeichen von Übermut und Torheit,
jetzt noch kann der Herr euren Augen das wilde Leuchten nehmen,
jetzt wieder weilt er in Mizpa unter euch und reckt seine Hörner wie ein Stier vom Baschan über die Feinde ebenso wie die Freunde aus,
jetzt noch kann der Herr die Armut eures Volkes in einem einzigen Donner wenden,
den Jordan zum Euphrat machen,
doch habt ihr ihn schon lange von euren Zungen verbannt,
von euren Lippen habt ihr ihn gewischt wie Kinder den Kuss ihrer Mutter von der Wange wischen in stolzem Ekel,
und ich weissage euch mit stechenden Nieren,
mit Nieren, die ins Dorngebüsch geworfen worden sind, in dem das Feuer sie verzehren wird,
weissage ich euch vom Gräuel der Herrschaft des Menschen über den Menschen,
vom Grausen eines Königs, der euch versklaven wird für seine Sache,
der euch verdingen wird für Dinge, die nicht im Sinne eines Menschen liegen,
doch dann wird der Herr sein Antlitz abgewandt haben,
dann werdet ihr zum Herrn schreien, aber er wird euch nicht helfen,
und eure Herzen werden verdorren wie ein Beet ohne Wasser,
eure Kehlen werden versiegen wie die Bergbäche im Sommer,
und die Schwere eurer Lebern wird zu leicht sein für das Grauen eurer Tage,
wenn ihr auf der offenen Strasse nicht mehr verweilen dürft,
und das Aufschrecken in den Nächten, wenn ein unbekannter Knöchel an eure Türen schlägt,
zu leicht werden sie sein,
wie Säcke von Mehl werden sie zerrissen und ausgeschüttet in den Strassen liegen,
aber der Herr wird euch nicht helfen.
Rahels Gebet
Ich trug mein ganzes Leben zwischen meinen Brüsten die reich ausgestattete Göttin,
zwischen meinen leeren Brüsten hauste seit meiner ersten Blutung das Stäbchen ihrer Anwesenheit,
und sie kam mit mir aus meiner Heimat bis an diesen verfluchten Ort,
am Rande einer weiteren Reise,
an den staubigen Rest meiner Kraft.
In meinem Sattelbeutel rettete ich die anderen Pfählchen,
die durch den Mund zwischen ihren Schenkeln sprechen,
und ihr Zwitschern hat mich all die Jahre erfreut und aufmerksam gemacht,
aufgeweckt hat mich ihr Flöten für die Lügen der Männer und Söhne,
für die Versprechen ihres Gottes, die Drohungen sind,
und wenn ich blutete,
und wenn mein Schoss zerriss,
wenn mein hohler Bauch sich häutete und all seine Fleischesfülle ausleerte,
sass ich auf dem Sattelkorb meines Kamels und spürte die Leiblein wie die fingerdicken Spähne für ein Wegesfeuer unter meinem Leib,
und nicht wie die knotigen knorrigen knochigen Finger meines Mannes,
die mich wie eine Zibbe vor der Schur behändigen,
dessen Kraft unzählige Male schon in mich gefahren ist wie ein Sommergewitter,
das sogleich verdunstet, mitten im Fallen schon aufsteigt,
dessen Glied mich ausschabte,
dessen Hitze mich verkühlte,
hier am Wegrand, hier auf einer weiteren Reise,
gedenke ich der Göttin und halte sie in meiner feuchten Hand und schreie,
presse und schreie,
ich spüre meinen Muttermund zerreissen, ein letztes Mal,
die gelben Hänge und Wiesen verschwimmen vor meinen Augen,
das Gesicht meines Mannes über mir, dessen Namen ich vergesse und verfluche,
doch mein Schoss will ein letztes Mal ein Ja ausstossen für die Göttin,
oh, und nicht für seinen Besitzergott, für seinen Reichengott,
ein letztes Wort will mein Leib sich entringen,
ein Schmerzenswort, ein Schmerzenskind,
und der Mund meiner Göttin öffnet sich kreischend und von Süsse erfüllt jetzt für mich.
