Ein Gedicht schreiben: „Metapherngestöber“

(Mit Dank an Hans für das Bild.)

Im Nachdenken über eine Kritik meiner Lyrik, die entweder behauptet, meine Gedichte seien zu künstlich und/oder zu überladen mit Bildern, habe ich einige Antworten gefunden, warum das so ist.

Diese Antworten sind mir aus meiner Beschäftigung mit der Mystik erwachsen. Mystische Autor*innen überfluten häufig ihre Texte mit Bildern. Dabei setzen sie die Bilder in Gegensatz oder Widerspruch zueinander. In dieser Metaphernflut erfasst die Leserin ein Schwindelgefühl, ein Gefühl der Verunsicherung auch. In diesem Dammbruch aus Bildern entzieht die Mystiker*in der Lesenden jegliche Anhaltspunkte, auch jegliche Bezugnahme zur eigenen Wahrnehmung und zum eigenen Erleben. Der Bilderteppich zieht der Lesenden buchstäblich den Teppich der Wirklichkeit unter den Füssen weg. Plötzlich gilt nichts mehr, herkömmliche physikalische, sinnliche und sprachliche Gesetze sind für die Dauer dieser Texterfahrung ausser Kraft gesetzt.

Vor dem Hintergrund solcher Texte (etwa von Hildegard von Magdeburg) glaube ich folgendes über meine eigene Schreibweise sagen zu können:

  • Die Reizüberflutung ist seit jeher eine prägende Erfahrung. Seit frühester Kindheit neige ich dazu, mich «in mein Kämmerchen» zurückzuziehen. Dort kann ich mich ganz auf etwas konzentrieren, was mir wirklcih wichtig ist: sei es das Lesen oder das Schreiben. So gerate ich nach einer gewissen Weile in einen schwebenden Zustand. In diesem schwebenden, von mir als gnadenvoll empfundenen Zustand erweitert sich meine innere Welt um ein Vielfaches. In diesem Hallraum, den ich oft als eine Art Spiegelkabinett wahrnehme, eröffnet sich mir ein Schallraum, in dem meine Gedichte erst möglich werden. Sie kommen aus dieser inneren Stille, dieser inneren Erwartungshaltung, die auf Geduldbereitschaft fusst.
  • Die aufbrausenden Tiden-Laute des werdenden Gedichts bilden in ihrer zufälligen Intensität die «draussen vor der Tür» empfundene Reizüberflutung ab. In der wilden Anhäufung von Worten und Bildern, die in Assoziationen heranfluten und sich in Lauten verzückend verbinden, geschieht etwas süchtig Machendes, Magisches:
  • Was ich bin und werde, findet einen erstaunlich genauen, wenn auch sehr reichhaltigen (übervollen) Ausdruck. Aus der inneren Stille schiesst hervor, was in mich hineingeschossen war. Doch in dieser Explosion, die ich selbst als Implosion empfinde, findet es eine Struktur, findet einen Lauf. Die gesammelte Innenwahrnehmung, die von der Aussenwahrnehmung gespiesen wurde, entpuppt sich als eine zutreffende Spiegelung sowohl des Innen als auch des Aussen.
  • In letzter Konsequenz geschieht darin (im Text) ein Abgleich zwischen den äusseren Ressourcen und den inneren Kräften: das, was in der Stille in mir ist (das bin nicht ich), verbindet sich mit den Reizen aus meiner Persönlichkeit und dringt als Mitklang oder Widerklang in das Aussen, das mich beteiligt oder zur Beteiligung drängt / zwingt.
  • In dieser so entstehenden Lautflut habe ich Gestaltungsmacht: habe sie jedoch nur solange, wie ich dem Zufall der Assonanzen und Assoziationen, der von den Lauten selbst angetrieben und befeuert wird, nicht Gewalt antue.
  • Das Gedicht ist eine Moment-Geburt, ein Augenzwinkern lang. Es passiert schnell, in ein bis zwei Stunden muss es ganz raus. Jede Nachbesserung oder Veränderung wäre eine Schändung. (Natürlich kann es im Nachgang nochmals «abgeklopft» werden auf Unreinheiten; das sind meist Adjektive.)
  • Die aufeinander zu und ineinander stürzenden Bilder jedoch sind ein prägendes Merkmal dieser Art, Gedichte zu verfassen. Es ist genau dieses «Getriebe» (Buber) und diese Sintflut, di e in den Augen von Lesenden auf der Suche nach Sinn und Aussage die Reizüberflutung, die Reisüberschüsse der äusseren Welt wiedergeben sollen.  

Und damit möchte ich hier den Kreis schliessen zu den im Anfang erwähnten Mystiker*innen: auch in ihrem «Metapherngestöber», wie Dorothee Sölle diese gegensatzreiche Überfülle genannt hat, findet sich diese Form von Auflösung des Äusseren in einem inneren Wirbel, der reichhaltig (überreichlich) und erstaunlich genau den Lockungen und Wirrungen des Aussen antwortet. Und in dieser wilden, überbordenden Art des Sagens jedem Konformismus und jeder Erwartungshaltung an einen literarischen Text, vor allem aber jeder Verzweckung und jeder hiesigen Sinnhaftigkeit eine Absage erteilt.

Ein Gedicht schreiben: Nicht(s) riechen, nicht(s) schmecken

(Danke an Pezibear für das Bild.)

Im Nachdenken über eine Kritik meiner Lyrik, sie sei zu wenig «sinnlich», habe ich einige Gründe gefunden, warum das so ist.

Sinne bilden sich unterschiedlich aus. Das hängt von ihrer Beanspruchung ab, aber auch von ihrer Förderung, von ihrer Stimulation. Mein Geruchssinn und mein Geschmackssinn sind gute Beispiele für eine mangelnde Stimulation und Ausbildung. Was ich schmecke und was ich rieche, ist für mich nur ein dumpfer Reiz. Ich empfange eine Art «umami»-Signal: «Dieser Geruch, dieser Geschmack kann nicht ein- und zugeordnet werden.»

Bei einem Lyriker hat dies in meinem Fall zur Folge, dass ein Teil meines lexikalischen und semantischen Wissens, meines reichen Wortschatzes, nicht zur Anwendung kommt. Viele Wörter und Begriffe sind in meinem Gehirn sensorisch nicht erschlossen, könntest du sagen. Und weil sie in meinem Erleben und Erfahren keine Entsprechung finden oder gefunden haben, kommen sie selten oder zögerlich zum Einsatz.

Denn als Lyriker schreibe ich in der Hauptsache aus dem, was ich empfunden und erlebt habe, was ich aus eigenem Erleben und aus eigener Wahrnehmung begreifen und daher (sprachlich) behändigen kann. Nur so können die Stimmen, die ich bin, eine wahre Aussage tätigen.

Benutze ich nun einmal einen Begriff aus dem Geschmacks- oder Geruchsfeld, so muss ich diesen selbst replizierend erfahren. Häufig stelle ich dann fest, dass er gar nicht das aussagen kann, was ich ihm anzuvertrauen bereit bin. Die aufrichtige Haltung, mit der ich zu schreiben bemüht bin, lässt Aussagen, die im Ungefähren wurzeln, nicht zu.

So mag es also dazu kommen, dass meine Lyrik sich viel stärker auf den Gesichts- und den Hörsinn verlässt als andere. Solltest du jedoch einem Geschmack oder einem Geruch begegnen, kannst du sicher sein, dass er mit Notwendigkeit dort im Gedicht stehen muss.

Klagelied von 100 Penissen

Der Schleier ist uns genommen,
die Namen sind uns genommen,
abgeschnitten wurden unsere Namen,
ein Messer schnitt uns ab vom Dreschplatz,
unser Tempel wurde zerstört,
unsere Namen sind vergessen,
niemand spricht von unseren Vätern mehr,
von den Vätern unserer Väter ist die Rede verstummt,
das Auge unseres Fleisches starrt unbedeckt in ein fremdes Antlitz,
das auf dem Dreschplatz liegen gelassen wurde,
ein Korn ohne Wert, ein Samen ohne Würde,
unsere Hände weisen nicht mehr auf die Schrift der Zeugung,
die Buchstaben der Schöpfung sind dem Fleisch genommen,
die weissen Lettern der Liebe,
die blaugrüne Korona unseres Gemächts leuchtet nicht mehr rot wie der Sturmmond über dem silberschwarzen Haar
unserer Freundinnen,
die Nachbarn mit grossem Glied sind wir nicht länger,
keine Zukunft hat die faltige Macht unserer Hand mehr in diesem Land,
keine Vergangenheit hat dieses lidlose Auge mehr im Blick,
hier in den Brennnesseln, hier in den Minzeblüten,
unser Gemächte hat die Macht verloren,
verloren sind unsere Namen und die unserer Kinder,
auf die keine Hand mehr zeigen kann,
das Messer Ismil hat für uns nicht aufgeblitzt,
keine gute Tat war dies,
und unverschleiert ist das Land bar der Freude und der Luft,
in unserem Namen war unsere Hand,
in unserer Hand war unser Namen,
blökenden Böcken gleich stehen wir in der Verwüstung,
in der Ödnis jaulen wir als Schakale,
aufgerichtet klagt unser Finger den Schnitter an,
denn niemals werden wir auf dem Dreschplatz das Streifen von Frauenhaar mehr spüren,
die Milch unseres Tempels verschütten,
fluchen deinen Söhnen, Israel,
sie werden an ihrem eigenen Haar hängen von den Bäumen wie die Vorhäute über dieser Brautnacht,
nie mehr werden unsere Frauen sein unsere Streitwagen und Lenker,
die Rösser unseres letzten Atemzugs sollen euch zertrampeln, mit ihren Hufen über den Dreschplatz stampfen.

Stadtgefühl

(Danke für das Bild, _Leon.)

Die Fahrt dauert. Im Bus herrscht Schweiss und Gummi. Die Wut dauert.

Zu künstlich, heisst es. Zu wenig sinnlich.

Die Fahrt dauert. Schweissiges Eisen. Hinter den Gesichtern schwankt ein Hut, ein Bekannter. Er nickt mir von weitem zu, er trägt eine Sonnenbrille. Ich schwanke, ob ich mich zu ihm durcharbeite. Ein Hund steht mir mehrmals auf den Fuss.

Schweissiges Eisen. Eine alte Frau atmet mir ins Gesicht, Melisse und Kotze. Die Wut dauert an. Dafür habe ich meine Kinder aufgegeben.

Die Fahrt dauert an. Als der Bus am Neuweiler Platz unerwartet bremst, stösst meine Nase in die rotschwarze Achsel eines Mannes, der Brusthaar im Gesicht trägt. Es riecht nach Sonnenblumenöl.

Nichts bleibt von der halben Stunde unter den Linden, unter dem arbeitsamen Summen, unter dem gelben Pelz der fallenden Blüten. Die Wut kehrt wieder.

Es fehlt die Poesie, hiess es. Beobachte die kleinen Geschehnisse und Ereignisse im Alltag, es steckt da so viel Poesie drin, wird mir gesagt. Die Fahrt dauert an.

Leise wurzelt der Geschmack vom Schlaf auf dem Zungenstumpf, Beere – Kaffee – Banane. Die Wut dauert an. Schweissiges Eisen. Die Wartezeit im Rücken schmerzt. Die Hitze ist trocken, die Haut einer Zitrone, eine Vorhaut.

Die Fahrt dauert. Auf der Hose ein weisser Strich vom Geigenbogen, der sich nicht wegklopfen lässt. Jemand ruft meinen Namen. Der Geruch von Eisenstangen und Handschweiss. Das Kind winkt von hinten und unten.

Ich wechsle einen zwinkernden Blick mit seinem frisch rasierten Vater. Die Fahrt dauert an.

Die Fahrt dauert an. Einen ganz anderen, schlichteren, natürlicheren Ansatz für dein Schreiben finden, heisst es. Schreibe weiter, anders, wird geraten. Die Gesichtshaut juckt.

Wie lange habe ich an der Bushaltestelle gewartet? Ich schaue auf die Zeit. Für wen hält sie mich? Ich sollte nicht mehr in die Stadt gehen.

Was habe ich dort verloren?

Die dritte Rede des Speers

(Rombout Van Troyen, David zeigt Saul den Wasserkrug und den Speer)

Es gibt ein Gericht,
das scheidet Feind von Feind,
und einen Arm des Gerichts,
der mich stösst in die eherne, arme Erde,
in die ungerührte Mutter,
unten bei den Lagerplätzen der Löwen,
oben in den Bergen der Panther,
ein Instrument, das trennt,
und in der Trennung eint,
und mit schweren Gliedern wird der Mensch aus seinem Schlaf aufstehen,
um nach seinem Feind zu rufen,
mit grosser Sorge wird der Mensch nach seinem Feind rufen,
denn das Knistern in der Morgenluft wird sein wie das Rascheln der fliegenden Spreu über dem Dreschplatz,
und eine grosse, grosse Befremdung wird den Menschen ergreifen,
da wird er nach seinem Wasserkrug greifen,
da wird er nach mir greifen,
aber ich wurde in den gelben, spröden Abhang seines Lebens gestossen,
doch bin ich nicht dieses Instrument,
doch bin ich nicht Teil der Rüstung der Ewigen. SELA

Überall gibt es Zauberer bei den Philistern,
die den Menschen auf den Dreschplatz treiben,
die den Menschen aus dem Weinberg vertreiben,
überall gibt es Befehle, die den Menschen an den Rand seiner Verantwortung treiben,
die den Menschen aus seinem Willen vertreiben,
und der Mensch steht mit hängenden Armen herum und wartet auf eine Feindschaft,
und die Zauberer beschwören die Panther wie die Löwen im Namen der Gazelle und des Schafes,
und die Befehle schiessen aus den Erwartungen hervor wie ein Pfeilhagel,
und die Feinde sind gefunden,
aber es sind keine Feinde,
und der Wasserkrug ist verloren und zerschlagen,
und das Holz meines Schafts erzittert vom Stoss in die Erde,
die meine Scheide leichthin durchbohrt,
wie ein Vorschäler durchbreche ich die harte Kruste,
und die Rufe der Feinde schallen weit über den Platz,
bist du es, bist du es, sagen sie,
und ich verstehe, was sie sagen,
für einen Moment frei von den Zungen der Zauberer, von dem lockenden Drängen der Befehle,
ich war in deiner Hand,
du wurdest in meine Hand gegeben,
und die helle Stelle an meinem Schaft,
wo er mich zu halten liebt,
ist hörendes Auge, sehendes Ohr,
ich bin das Instrument dieses aufgebrochenen Menschen,
vor dem sich sein Leben schält,
das trockene, mit einem knirschenden Laut,
denn der Regen ist noch fern.          

Hinten in der Höhle

(Bild mit Dank an Geralt.)

Mein Gesicht ist blau,
ich fühle meine Lippen nicht mehr,
meine Wange ist taub,
weiss meine Fingerbeeren und Augäpfel,
ich herrsche nicht einmal mehr über mich,
Allmächtige, wie du,
Gebärende, wie du. SELA

Stockfleckig mein Horizont,
ein Drehen und ein Wenden,
Bänder von Anfängen,
und wie ein Strauss presse ich über ihnen,
mit keuchendem Wort,
mit fliehendem Auge,
das sich nachts aus seiner Höhle stiehlt,
um in anderen Gesichten heimisch zu sein,
in dem Gesindel der Gütigen Träger findet,
die sie nicht mehr in jene finstern Schlundenden meiner Kehle führen,
wo der eingetrocknete Schaum meines Speichels sich  mit dem pelzigen Kot meiner umgedrehten hängenden Träume
mischt,
denn, Erbarmerin, ich zerre an meiner irdischen Kette,
Flüchtende, ich würge an meiner Werdung. SELA

Es gibt keinen Ort mehr, an dem meine Nase eine Verbindung findet mit den weichen Schössen,
mit den Polsterhängen des Libanon,
mit dem rezenten Geruch von junger Erde,
keinen Ort für meine Knie,
an dem sie ruhen könnten in alter Zuversicht,
der Boden sticht, die Erde bricht,
unter meinem Gewicht verändern sich die Säfte im tiefen erschöpften Boden des Landes,
durch die Risse in der Kruste dringt Licht bis zu den uralten Keimen hinab,
die nicht länger mehr dort unten, dort hinten alleine und aus sich wachsen dürfen sollen,
denn auch ich, Allhörende, verwende meine knirschende Stimme zu deinem Lob,
denn auch ich, Fernträumende, verwende meine Nächte zum Träumen. SELA

Mein Gesicht ist rot,
mein Rabenatem hat die Farbe von Pech,
ich kriege keine Luft,
und unter mir, hinter mir häufen sich die Haufen von herausgedrückter Angst,
und ich lese in ihren schnell getrockneten Gesichtern die braune Anteilnahme an jener Erde,
Schöpferin, die ich geschaffen,
Tätige, die ich geboren.

Ich bin es

Ich bin es,
ich werde noch,
ich bin es,
ich war schon,
aus mir stammst du,
aus meinem kehligen Dreschplatz,
aus meinem Muttermund,
der geduldig spricht von dem einen Wort,
das ihm entschlüpft,
das sie hergibt,
ich bin es,
ich werde noch,
ich bin es,
ich war schon. SELA

Die Haut des Kieselsteins,
die Haut des Olivenbaums,
die Haut der Traube und des Kirschkerns,
die Haut der Schoten vom Karobbaum,
das bittere Albedo des Granatapfels,
die Spelzen der Gerste,
die das Licht zum Wachsen gescheut hat,
das Lid eines Ungeborenen,
die Zunge des Esels,
die Wimpern des Fuchses,
die in den Achseln wachsenden Zwiebeln der Lilie,
und ihre Samen aufgereiht wie eine Rolle Schekel,
die tropfende Wabe der Bienen,
ich bin es. SELA

Die Strähnen vom Flachs,
das Haar der Spinne,
die Linie des Horizonts,
die Haut der Welle,
die reifend bricht,
die Haut des Windes,
die dich kühlt,
sie langt bis in dein dunkles Herz,
und die Alraune mit ihrem Gesang,
Du-Dah-ee, Du-Dah-ee,
dringt tief in die Erde ein,
die steifen Beine der Zicke,
die Hasenscharte deines Vaters,
das Zungenbein deiner Mutter,
ich bin es,
war es,
werde sein. SELA

Die Lippen des Gliedes,
die Lippen der Vulva sprechen von mir,
der Kot der Fledermäuse auf dem Felsboden der Höhle,
Darmpech und Biestmilch,
der aufgestellte Schwanz der Ziege,
die angelegten Ohren des Esels,
das Schnüren des Fuchses,
die Poren deiner Nase,
das Pochen deiner Halsschlagader,
die Schneide des Grashalms,
das Häutchen des Nagels,
der Staub im Spreu,
das Korn im Auge,
ich bin es,
ich war schon,
ich werde noch,
du komme zu mir,
du komm zurück,
ich bin ja da,
ich werde es sein,
falte dich nur,
ich nehm dich zurück,
du bist ja mein.

Ratschlag für mich selbst (Louise Erdrich)

Lass das Geschirr.
Lass den Sellerie im untersten Fach des Kühlschranks verrotten
Und ein Erdklumpen auf dem Küchenboden hart werden.
Lass die schwarzen Krümel ganz unten in der Toastmaschine.
Wirf die gesprungene Schüssel hinaus und flicke die Tasse nicht.
Flicke gar nichts. Heile nichts. Kauf Sicherheitsnadeln.
Nähe nicht einmal einen Knopf an.
Lass dem Wind seinen Willen, dann der Erde,
Die als Staub hineinkommt und dann den Toten,
Die in grauen Rollen unter der Couch aufschäumen.
Sprich mit ihnen. Sag ihnen, sie sind willkommen.
Behalte nicht alle Teile des Puzzles
Oder in Paaren die winzigen Schuhe der Puppe, sorge dich nicht darum,
Wer wessen Zahnbürste benutzt oder ob etwas zu etwas
Überhaupt passt.
Ausser ein Wort zum andern. Oder ein Gedanken.
Folge dem Authentischen – entscheide zuerst,
Was authentisch ist,
Folge ihm dann mit deinem ganzen Herzen.
Mit deinem Herzen, dem Ort,
Den du nicht einmal aufzuräumen denkst.
Diese Kammer voller wilder Erinnerungen.
Sortiere nicht die Büroklammern von den Schrauben von den aufbewahrten Milchzähnen
Oder sorge dich nicht, ob wir alle wieder nur Müesli
Zum Abendessen essen. Nimm das Telefon niemals ab,
Oder weine über irgendwas, das zerbricht.
Im Kühlschrank wird rosa Schimmel in diesen versiegelten Schachteln
Wachsen. Nimm neue Formen von Leben an
Und sprich mit den Toten,
Die durch die abgedunkelten Fenster hineingeweht kommen, die sich geduldig
Oben auf Einmachgläsern und Büchern versammeln.
Verwerte die Briefe wieder, lies sie nicht, lies gar nichts
Ausser dem, das die Isolierung zerstört
Zwischen dir und deinen Erfahrungen,
Oder dem, was hinunterzieht
oder dem, was einschlägt auf
oder zerschlägt
Diese List, die du Notwendigkeit nennst.

(Eine Eigen-Übersetzung aus dem Englischen.
Gefunden in Harjo, Joy (Ed.): When the Light of the World was subdued, our Songs Came Through, 2020.)

Tausend Fragen

Bist du verbunden mit dem Stein,
fällst zusammen mit dem höckrigen Fels?
Bist du verbunden mit dem Schneestaub,
vermischt mit dem Kurkuma der Steppe?
Bist du verbunden mit dem Mäuerchen um den Weinberg,
reagierst mit dem Huschen der Echsen?
Bist du verbunden mit den winkenden Blättern der Rebe,
erkennst die glasigen Trauben als Augen der Erde?
Bist du verbunden mit dem Flug des Geiers,
zitterst als Feder im sausenden Wind?
Bist du verbunden mit dem Brüllen des Löwen,
gleichst seinem Aas-Atem?
Bist du verbunden mit dem Schaf,
verlierst mit ihm deine Gestalt?
Bist du verbunden mit dem Nachal Mikmash,
dürstest nach dem Sturzbach?
Bist du verbunden mit dem Fels Rimmon,
saugst die Schulde des Menschen auf?
Bist du verbunden mit dem geraden Speer,
träumst davon, dich zum Bogen zu biegen?
Bist du verbunden mit den Disteln,
rollst dem Wind voran?
Bist du verbunden mit der Tamariske im Tor,
vergehst mit ihrem rosa Strahlen, in ihrem Honigtau?
Bist du verbunden mit dem Kiesel unter deinen Füssen,
wirst gestossen und geschoben?
Bist du verbunden mit dem Myrten-Dickicht,
singst in Sicherheit aus ihm heraus?
Bist du verbunden mit der Milch der Ziege,
sehnst dich wie sie nach einem Laib?
Bist du verbunden mit dem Oleanderbusch,
säumst jedes Nachal von Dan bis Beerscheba?
Bist du verbunden mit dem Ruf des Esels,
Gesang Gottes?
Bist du verbunden mit dem Mandelbaum,
blühst auch du zuerst?
Bist du verbunden mit Galiläa,
tauchst deinen Fuss in Olivenöl?
Bist du verbunden mit den Oliven, die niemand abgeschlagen,
sehnst dich nach der Hand der Witwe und der Waise?
Bist du verbunden mit dem Feigenbaum,
werden deine Früchte vom Winterwind geerntet?

Die Rede des Klippdachses

Ich bin ein Geschöpf wie du,
geschaffen für die Flucht,
ein wachsam Ausschau Haltender,
ein in den Höhlen Huschender,
ein in den Felsen Lispelnder,
ein in den Schatten Kotender,
ich richte mich nach den fliegenden Schatten und laufe durchs Geröll,
ich knirsche mit den Zähnen wie einer aus Benjamin,
wenn ich mich fürchte und wenn ich mich freue,
ein weithin Rufender,
leicht Geschreckter,
ein viel Befürchter,
ein wenig Erhoffer,
ein immerzu Sich-Reinigender,
denn der Herr weiss, was für Geschöpfe wir sind,
wir Bedürftigen von Rebenblatt und Traubensaft,
nickend sammeln wir die Ratschläge des Herrn in den Archiven des Kots. SELA

Ja, unsere Pfiffe sind die Töne des Himmels,
in unseren Höhlen regulieren wir das Heilige,
in unseren Schlupfwinkeln rücken wir das Heilige im lauen Schatten zurecht,
bis es kaubar wird,
bis es verdaubar wird,
das Heilige ist immer auf der Flucht und droht unheilig zu werden,
weil das Geschaffene unheilig ist,
weil nur das Ungeschaffene heilig ist,
rein und schandfleckfrei,
drüsenlos,
ausscheidungslos,
weil nur das Ungeschaffene ein Anrecht auf die Schrift unserer einen Kralle hat,
mit der wir für Reinheit sorgen. SELA

Und mein dumpfer Blick aus dem rötlichen Pelz ist weiser als du denkst,
ich verschone dich noch in der Zukunft,
wenn deines Landes Grenzen verschoben sind,
wenn deines Landes Gärten verschrieben sind,
wenn deines Landes Gegner verschieden sind,
ich entdecke in den Höhlenformationen frühe Zeichen für schlecht proportionierte Gerechtigkeit,
für wohlbedachte Sündenandachten,
für bittere Bitten und saure Schandgruben,
auf meinen schwarzen ungespaltenen Tatzen grabe ich mich durch Friedhöfe und Synagogen,
durch Babylon und Zion,
ich eile voraus, ich eile voraus,
ob in Bet-Arwen, Baal-Hamon oder Getsemane,
am Felsen Rimmon oder am Fuss vom Horeb,
ich bin schon da und habe für deine Erkenntnis die Wurzeln entblösst,
die Reben ausgegraben,
und in meinen Latrinen türmt sich der Kot wie ein zweites Fell auf den Felsen,
ein Archiv der Schuld und der Bedrängung,
ein spät gefundenes Buch,
eine geflüchtete Schrift,
ich bin der in deinem Rücken Hockende,
der in deinem Rücken Wispernde,
der in deinem Rücken Untätige,
ich blecke meine Zähne in Häme,
ich sehne mich nach deiner ununterdrückten Ungeducktheit,
nach deinem weit ausschreitenden Gang,
der immer noch zögert.