Bei Krebelborn (8. Tag, vormittags)

Mein Sohn
Mein Söhnchen
Jetzt stehst du da
Wo kommst du her
Wie hab ich dich vermisst:
Dein Gesichtchen reingewaschen von der Liebe
Die ich erst über deinen vom Hunger vergewaltigten 
Vom Mangel verunstalteten Körper 
Ausbreitete und die ich dann
Über deine unreife Seele in ihrer Ungestalt legte
Zu schützen vor dem Vergessen
Diesem grossen Räuber
Gegen den die andern nur Wegelagerer sind:

Die Stimme in ihrem kindlichen Fiepen 
Über den Fluss hinweg donnernd
Deine Stimme wie ein Dammbruch

Mein Sohn 
Mein Söhnchen
Gross bist du geworden im Tode
Ein Flügelmann mit roten gütigen Augen
Ein Richter mit ausgeweinten Augen
Und schöpfst mit deinen Händen
Die noch nie einen Pinsel gehalten haben
Die ganze Welt mit aller Wirklichkeit darin
Die ganze Katastrophe mit allem vorsätzlichen Sein darin
Dahin und nimmst mit deinen Händen 
Die noch nie eine Frau liebkost haben
Meine Schultern und stösst mich ein wenig unsanft
Durch die verschlossene Tür 
Deren Holz sich bläht in der Feuchtigkeit des Morgens
Und auf der Schwelle rieche ich ein letztes Mal
Den Thymiangeruch deines abgeriebenen Neugeborenenkörpers
Und schmecke nochmals die Tränen meiner Frau in meinen Armen
Und weiss um das Sterben
Und um die Verlassenheit darin
Und auf der Schwelle spüre ich im Rücken die ganze Kälte deines aufgeschwollenen Leibs 
Der immer noch den Hauch von den Händen deiner Mutter trägt
Die dich nicht lassen wollte
Nicht hergeben wollte

Mein Sohn
Mein Söhnchen
Woher kommst du nun
Wohin bringst du mich
Werde ich je wieder die Heimat sehen
Was willst du mir denn zeigen
So eile doch nicht so
Was müssen meine Augen
Was müssen meine Sinne noch fassen lernen
Von dir ein wenig unsanft geschoben durch diese verschlossene Tür
Um welche Daseinsformen
Um welche Dinghaftigkeiten 
Muss ich meine schrumpfende Vernunft 
Denn jetzt noch schlingen

Mein Sohn 
Mein Söhnchen
Jetzt lass mich nicht allein
Ich bin doch nackt und klein. 

(Bild von Sasin Tipchai auf Pixabay.)

Es goldigs Nüteli

Das ist der Moment
In dem ich isekait werde
Das ist der Moment 
In dem ich befreit werde
Das ist der Moment
In dem sich die Welt zusammenzieht wie ein Sphinkter

Genug vom Trägen:
Ich höre das Zwitschern der Schrauben in den jungen Balken
Genug vom Tragen:
Ich rieche die Gesandtschaften von anderswo entfalteten Wiesen
Genug vom Nagen:
Ich schmecke die nüchternen erdfrischen Ecksteine
Genug vom Wagen:
Ich ertaste die seltenen Kissenbrüste einer ausgeschlüpften Drachin
Genug vom Hecken: 
Ich sehe die Monde Plutos herauf- und vorbeiziehen wie gefrorene Sommerkäfer

Heisst das Nicht jetzt etwa Etwas?
Muss ich das Etwas mit Nichts ansprechen?

Wahrlich – ich habe nichts mehr
Und nichts mehr zu befürchten:
Was habe ich mich gefürchtet
Was habe ich mich gescheut – 
Gab es nicht immer schon etwas 
Das dem Nichts glich und ihm standhielt?

Ein goldiger Zahn im Gesicht der Schande
Eine wulstige junge Lippe über hohen Hüften
In der Gestalt der Wut
Eine austreckte Hand
In den Wurzeln des Alltags?

Ich entbehre mich dessen
Das da an etwas hält
Das da an etwas glaubt
Ich entleere mich dessen
Das da dem Körper beipflichtet
Das da nach Gewöhnung schreit
Denn was eine Frage der Gewöhnung war
Darf es nicht bleiben

Nach diesem Moment 
Der die Kraft der Hindernisse
Zu meinen Gunsten wirken lässt
Nach diesem Moment
Da ich China erbeben sah
Nach diesem Moment
Da ich die Jahrtausende alte Regel brach

Könnt ich doch zurück nach Honan
Könnt ich doch zurück in mein Bambusblütenreich
Ich hielt mich sinnlos an die alten Bücher
An die Gewöhnung gewöhnte ich mich
Nun aber – lasse ich das Nichts fahren
Entferne mich vom Anzecken: 

Heute werde ich isekait
Samt meinem Schrumpfbauch
Samt meinem Trockenseelchen
Verkaisere mich in den Möglichkeiten:

Ich höre schon die Schrauben zwitschern in den Balken
Ich rieche schon die Gesandtschaften der entfalteten Matten
Ich lecke an den nüchternen Ecksteinen meines Reiches
Ich ertaste die Brüste einer verkehrten Stadt
Ich jongliere die Monde Plutos wie gefrorene Augen

Ich überwinde die Starre von Tollwut die das Reich erfasst hat
Ich verdrehe die Härte der Kriegstreiber die das Reich brauchten
Ich blicke unverwandt auf das Nichts das das Reich nicht kennt
Auf das goldige Nichts
Das sich mir öffnet 
Wie ein Muttermund. 


(Bild von Taoyuetong auf Pixabay.)

Noch nicht (6. Tag)

Innen gibt es nicht
Weder Tafel noch Schrank
Drachenfüsse hängen aus dem Nebel
Hecken das in die Luft geschriebene Wort
Aufgelesene Pflaumen
In der ein Milchzahn steckt:
Traut es sich eine Stiege zu
Über den aufgeriebenen Fluss
Als habe der Pfirsichquell
Der in der Nacht an mir vorüberstrich
Blaue bittere Sohlen

Drachenfüsse hängen aus dem Nebel
Wie übrige Geschichten
Die Schrift bietet einen Unterstand
In dem noch immer Möglichen
Ich wünschte mir die Heidelbeerfasson meines Freundes Li Po
Ich bin zu sehr aus der Fasson
Am Kies lutschend
Am eigenen Speichel sich verschluckend
Der nach altem Wein schmeckt
Schimmelblau holzig und faul zu sehr aus der Fasson
Um ein Wörtchen mitzureden
An meinem inneren Stand
Weder Tafel noch Schrank gibt es für ich

Mögen auch irgendwo die Blätter rascheln
In Schränken oder Katen
Ich halte meinen Kopf gesenkt
Lasse den leisen Schweiss
Die letzte Hautsülze meiner Wange
In das beschriebene Papier eindringen
Türen waren nicht zum Verschliessen da
Tafeln nicht zu Beschreiben

Es gibt für mich die Einstiege
In die kühnsten Listen nicht mehr
Es gibt für mich die ersten Zeichen
In den gestreckten Tod nicht mehr
Weder Mantel noch Trank –

Noch nicht aber
Die Fische durchbrechen schon
Mit ihren vorgestreckten Kusslippen
Den braunen überbordenden Saum
In dem ich bis jetzt geschwommen bin
Selbst in der Armut wandelte ich sicher
Durch den eingedickten Sud aus Hohlräumen und Oberflächen
Und noch jetzt
Noch nicht beschenkt mit den Gütern des Gartens
Noch nicht erlöst von den träumenden Lüsten
Nach der rosenhäutigen Luft des späten Nachmittags schnappend
Erkläre ich mich nicht als mündig
Selbst im Hunger
Der meinen Mund und meinen Schlund entmachtet hat
Überflüssig sind sie
Diese beiden Spiessgesellen

Noch nicht tot
Noch nicht bereit
Noch nicht gescheit
Noch nicht im Lot:
In meiner Geringe immer noch
Hoch aufgeschossen
Wenn auch nicht mehr aufgerichtet
Nicht mehr aufrecht
Zusammengesurrt auf die wahre Grösse
Kleines Beterlein für einen Schrank
Kleines Zifferlein für eine Tafel
(unten links) –

Leise schrappen die Drachenfüsse des Nebels
Über die Ockerfläche des Stroms
Und ich bin noch nicht
Ganz hinten im Schrank meines Leibes angekommen
Und ich bin noch nicht an den Schiefersplittern erstickt
Als sich meine Tafel zerschlagen hatte.

(Bild von Amy Art-Dreams auf Pixabay.)

Hunger essen Seele auf (Sonnenaufgang, 5. Tag)

Übersät von Kieseln
Poren aus Stein
Verschlossen wie Wünsche
Zersplitterte Nägel
Scharf an Fingerbeeren

Das kleinste Nahe ist Berg
Bohnenhart und verbogen
Verborgen auf sich
Abwesenheit keimt daraus auf
Ich beuge mich darüber und darein

Das wenige Sehnige
Was ich denken kann
Lässt mich den grauen schweren Speichel
Kosten und wenden – stumpfe Hände
Und das sehnige Wenige zieht an der Welt

Und die Welt ist kein Futter
Ist nicht zum Essen da
Ich kaue das Eukalyptusblatt lange und spüre
Wie sich eine sanfte Bitterkeit entfaltet
Im Rachen und bis in die Stirnhöhlen

Als weisser Kranich stakse ich
Schwankend am Ufer hin und her
Meine Sinne sind kahl wie eine Mauer
Die Laute meines Denkens bildne
Unbekannte neue Wörter

Wörter ohne Bedeutung in dieser Welt
Fremd und knöchern und ohnmächtig
Sie füllen meine Seele
Nissen einer anderen Welt
Geistlose Larven aus Zukunft

Ich spucke und speie
Ich keuche und ringe um Atem
Das ist nun meine Rede
Ich träume von Pfirsichen
Und finde nur die Pflaumen des Wegrands

Mein Magen gefüllt mit Tauknoten
Sie winden sich wie Würmer in Heimaterde
Sie binden meinen Körper an die Seele
Rau schaben sie an den Wänden meines Daseins
Mit jeder Wendung keuche ich laut drauflos

Meine Knie sind Weizenähren
Ich nuckele lustvoll an ihnen
Sie schmecken so untertänig
Meine Finger finden meinen Mund
Wenn sie im Boden gewühlt haben

(Bild von 3238642 auf Pixabay.=

Innigst (4 Uhr morgens, 6. Tag)

Nur ein Bauch kann so leiden:
Diese Krämpfe dieses Stampfen und dieses Winden
Diese brachen Vorstellungen
Diese bebauten und verstellten Avenuen
Voller Zeugs
Das nicht zu den 10000 Erscheinungen gehört

Wie kann ich mich denn so sehnen
Nach den trüben Werten
Die Menschen beherrschen
Nach den wütenden Gerüsten
Die Menschen stützen und halten
Verstrickt in all den Stoffen
Die uns heisse-Luft-Menschen in den Dreck
An den Boden bannen

Ich habe Soldaten gesehen
Die auf den Boden des Wegs hämmerten
Mit frostverkümmerten Händen
Am Eingang ihres Dorfes
Das nur noch ein rauchender Holzstoss war
Daraus war der Stoff ihrer Heimat gewesen

Ich habe Mütter gesehen
Die mit zitternden Händen
Als könnten sie Schlimmeres verursachen
Die Wangen ihrer Töchter liebkosten
Die Haare ihrer Töchter aus dem Blut hoben und ordneten
Über dem zerrissenen nackten Körper
Einen Kranz oder eine Krone zu winden
Aus den Haaren der Toten
Ein dunkles Diadem
Aus dem Stoff der Zukunft

Ich habe Kinder gesehen
Über ihren Geschwistern wachen
Als spielten sie mit ihren Puppen
Denn noch konnten die Toten winken
Mit schwacher Geste die Hand heben
Um den Bruder zu trösten
Der in der Fliegenwolke sitzt
Und mit dem Schwesterchen spricht
Das aus dem Stoff der Gegenwart ist

Ich kann nicht mehr schlafen
Selbst im Schlaf kann ich nicht mehr schlafen
Denn in mir haust so viel Schrecken
Dass er mich vertrieben hat

Ich bitte euch ihr Götter
Falls wir euch nicht getötet haben
Kommt ihr getöteten Tode
Und füllt meinen Leib mit dem Wind
Der einmal innen hauste
Mit dem Wind aus Erbarmen
Jener Stadt am Anfang der Welt
In der die Ideen aus Stoff sind
Füllt meinen Leib mit dem Kleid
Das zuletzt den Rest unseres brachen Körpers
Sprengt: die innigste Liebe
Möchte ich noch einmal fühlen
Und füllen meine Lunge mit der herben Luft
Eines guten Wortes.

—-

(Bild von LoggaWiggler auf Pixabay.)

Das ganze Leben (abends)

Ich kenne die Geduld des Bauern
Ich kenne seine Furcht
Sein Brüten über der harten Erde

Widerspenstig ist die Erde
Und eigenwillig dankbar
Wie oft ringst du ihr kein Jahr ab

Das Nein ist vielzählig
Flüstert wie die Kiesel am Ufer
Unter meinen wunden Sohlen

Ich kenne es kenne es
Kenne es: ist es nicht
Als Spott in den Tierrufen

In den spröden Stimmen des Bambus im Wind
In den hechelnden Wellen des Flusses
Im keuchenden Schmerz des Scheissens –

Auf diesem Eiland
Umgeben von den gelben Gefilden des Flusses
Werde ich eilends zu mir:

Furchtlos habe ich auf Früchten gekaut
Die mir die süsse in den Mund riefen
Und den Magen verödeten

An der Magensäure habe ich geschluckt
Warme unverdiente Bitternis auf der Zunge
Deren Worte lange nach zu schmecken sind

Rastlos habe ich die Rast verkannt
Die sich mir auf dem Weg dargeboten hat
In der warmen Handfläche des Freundesgesichts

An den eigenen Worten halb erstickt
War ich ein Gast auf der Erde
Dem nicht zu danken

Aufgeplustert überm kalten Ei seiner Verse
Stolz auf die Armut
Die er gemacht

Auf die gesprungene Schale seiner Würde
Die nichts enthält
Als das Rauschen der Tage

(Bild von Peter H auf Pixabay.)

Du wirst nicht nach Ägypten zurückkehren

du wirst nicht nach Ägypten zurückkehren, denn wir haben es akzeptiert, von verdorrten Seelen und verdorbenen Herzen benannt zu werden, beim geringsten Fingerzeig siehst du sie aus den Minen und hinter den Mauern ihrer Compounds hervorstürzen, um uns die Instrumente unserer Wege aus den Händen zu reissen, und selbst hier im Land Wyrai, bewacht von den Rotkardinalen in ihren Brombeeren, unter der Geissel ihres hundertfachen Flügelschlags, wirst du nicht mehr umkehren, auf den Weg in die Nächte zurück, auf den Weg in die dunkelste Schattenlosigkeit, auf diesen saugenden Napf auf deiner Stirne, ein drittes unerleuchtetes, weil geblendetes Auge, auf diesen nüsseklappernden Aufschwung im Herzen, dem die Furcht als eine Plastikfolie übergestülpt ist, denn es könnte doch nicht anders, dein Herz, diese Beutelchen voller unvollständiger, erbärmlicher Liebe, als auf das Licht zuzufliegen, als auf ein weiteres helles Versprechen, als auf eine ungelutschte, unerfüllte Keimerstickung zuzueilen, durch das vollgestellte, vollgepackte Land Wyrai hindurch, ohne Rücksicht auf die filigranen Drähte zwischen Absicht und Zweck, hineinzulaufen in eine neue Liebe wie in ein noch nicht lange offenes Tor, das auch nicht lange offen stehen würde, denn da kommt eine Schwangere, sie wird den Kanal bald verstopfen, Kaunda, Kaunda, Kaunda, hört dein Herz über all die Meilen hinweg, die es schon erlaufen hat, und weiss wieder nichts von Tai-me, weniger noch als Botone, der gestorben ist, und keine Zeit bleibt in diesem vollständig eingeräumten Land namens Wyrai von dem so schwer zu singen sein wird wie von den Kosten, die in jeder Arekanuss verborgen sind, es ist kein Land für die kurzen Beine, das weisst du nun schon zur Genüge, tolpernd über die trockenen Knochenhaufen an seinen Strassenrändern, durch die geraden gelben Linien der Maisfelder hastend, im Rücken das Krächzen und Keuchen der Hatsegopterixe, und in den Knien dieser Drang, in die Knie zu gehen, «verneige dich», sagt die gelbe Erde unter deinen Füssen, «umarme mich», sagt die affenkeckernde Freude, «ich war in Madras scheissen», sagen die Umgebungstöchter, es hallt wie aus leeren Büchsen, in denen Menschen zu wohnen gezwungen sind, lauter Zwischenlösungen und Minimalmasse, eiserne Rationen in eisernen Beuteln, wiederkehrende Blähungen und abgewendete Bekehrungen, die Lebewesen warten auf eine Entschuldigung, auf eine Vergebungsbitte, gross ist ihre Bereitschaft dazu, doch die Pyramiden, zu denen die Götter angehäuft wurden, verunmöglichen den Weitblick und die Erleuchtung, die Messer in den Schweinerücken und die gebratenen Kapaune, die essbaren Messstände und die verzehrbaren Handschläge, das Wirken aus Karossen und das eingeräumte Schreien von Babys auf den Armen von Politikern, aber du weisst im Voraus, noch bevor die Befürchtungen den Hals der Hochanständigen perforieren, noch bevor die Zumutungen die Ärsche der Wohlmeinenden polieren, du kannst nicht nach Ägypten zurück, es gibt keine Rückkehr zu den Quellen, diese sind dir genauso verschlossen wie den Steinen, nein den Sternen, die Ewigkeit lässt sich nicht so leicht wiederfinden, doch denke auch an den Rotkardinal, der in diesem Land heimisch werden konnte, weil er sich nicht für mehr hielt als ein vorübergehendes Lied, ein kleines Mahnunglein, ein winziges Einwändchen, das sich der Flut entgegenstellte mit Sirren und Schwirren, Sophistication is a nice word, isn’t it, der Verfeinerung zu Diensten, der Abspeisung mit Kümmernissen und Plagegeistern, seine Stimme lange Zeit nicht mehr als ein Knispern und Knaspern am Hochzeitshäuschen, doch ist die Zeit auf seiner Seite, während du in den Überresten deines Besitzstandes immer noch wühlst, ein paar Federn, ein paar vollgesogene Socken, metallene Geräte ohne genaueren Verwendungszweck, eine Delfinstatue auf dem Berg, Zuckerwatte im Hirn, ein stetes Summen und Rüschenrauschen, eindringlich, ohne gebieterisch zu sein, ein begonnenes Fest, das von Auszehrung und Völlerei unterbrochen wurde, du weisst, die Verfeinerung des Sands ist die Arbeit von Jahrhunderten, während du nur kurz Brombeerenpflücken warst, in deinem alten Eifer, es allen recht zu machen, die Verfeinerung des Menschen ist eine Sache der Unmöglichkeit, denn so leicht fallen ihm die Verletzungen zu, die eingebildeten wie die vorgestellten, hier gibt es weder rechten Weg noch rechtes Lied, Beifuss und Hundspetersilie haben schon alles überwuchert, alltäglich und unaufhörlich, und immerzu fragst du dich, ist es noch Tag, ist das die Dämmerung, warum so plötzlich, was habe ich denn wieder getan, wem habe ich zuwider gehandelt, wer stiehlt mir die Habe unterm Kopfe weg, ist denn jetzt jedes Raubtier aus seiner Höhle gekommen, sticht denn jetzt alles Gewürm, gut ist das Steigen der Sonne, gut ist das Sinken der Sonne, ihre Herkunft aus dem Lichtland im Westen, ihr Heimgang in das Lichtland im Westen, auf das ihre zahlreichen Werke aufatmen können, das Schilf ebenso wie der Büffel im Schlamm, die Gräser und Kräuter ebenso wie das Vieh, das sich an ihnen befriedigt, denn sie erfreuen sich alle der gewissen Rückkehr, selbst die heulenden Hyänen und das schlingende Krokodil, die Vögel fliegen zurück zu ihren Nestern, ihre Flügel sind die Lobgebärden für meine Ka, bist du Sonne nicht der gewisse Bringer des Glücks, des plötzlichen Eifers im Guten, das meine Worte auf das zarte, geheftete und gepresste Schilf fallen lässt wie den Tau, wenn du Sonne umkehrst am für den Menschen zu weiten Himmel, der den Samen sich entwickeln lässt in den Frauen, der Wasser zu Menschen macht, der den Sohn am Leben erhält im Leib seiner Mutter, und ihn beruhigt, zähmt, indem er seine Tränen stillt, der dem Küken im Ei Luft schenkt, um es zu beleben, Heil dir, der du als Seele der Seelen kommst, herrlich im Westen, Heil dir, Öffner der Unterwelt, Geliebter aller Tore, Heil dir, der inmitten der Götter weilt, Richter im Schweigelande, Heil dir, der in seinem Worte ist, der die Unterwelt durch seine Zaubersprüche geschaffen hat, gib süssen Nordwind dem Osiris, du Sinkende, die die Lebensfrist des Festen und Unbewegten wie des Weichen und Allzu-Erregten umkreist und begrenzt, du kehrst nicht zurück nach Ägypten, du kennst die Quelle nicht mehr, denn dieses Land unterm Schnabel des Hatsegopterix, dieses Land unterm Ruf des Rotkardinals, hindert deinen Pickel daran, die innere Scham aufzubrechen, es gibt kaum Raum, um auszuholen mit dem Pickel in diesem Inneren, das schon so lange das äussere System bejaht und mit dem wiederkehrenden, fast schon gewissen Ja erhält, es gibt kaum Raum, um dich selbst dir zuzuwenden, derart verfeinert ist die Zeit in diesem Land, feinkörnig und feinporig, bitter wie Beifuss, scharf und brennend wie die Hundspetersilie, aber eng wie der Hals eines Strausses, und wie hat er dir den Schutz des verlassenen Nestes gelehrt, denn nichts unter diesem Himmel hätte nicht seine Fülle erreicht, seine Kraft, seine Gestalt, seine Schönheit, seine Brillanz, nicht einmal das Lachen, nicht einmal der ausstrahlende Himmel, nicht einmal die Freundschaft, nicht einmal die Süsse, die abends auf die Städte und auf das Land sich legt, Twih-twih-twih-dü-dü-dü-dü-dü-dü, twih-twih-twih-tsi-tsi-tsi-tsi-tsi-tsi, wie der Schatten eines Büffels steigt die Nacht aus den Wassern im Osten, kriechend und krächzend kommt die Falte daher, die mich verschlingen wird, die mich selbst hier verschlingen wird, muttermächtig, seelenträchtig, jene verhuschte Kraft, die noch jeden Mistkäfer antreibt, eine Rolle zu drehen, seine Last zu rollen, auch wenn jedes Keimchen, auch wenn jedes Steinchen sich dagegen wehrt, dagegen strebt, doch siehst du die Hundsfötter in der Falte, sie entblöden sich nicht, darin mitzugleiten, darauf mitzureiten, grinsend und greinend, das Grau des Metalls, das Gelb des Golds, das fettig Tröpfelnde des Öls, die Dichte des Asphalts und des Betons, die den Aufschwung begleiten, das mühsame Aufspalten der Welt, der Härte und der Glätte, da kommen sie geritten über das Land Wyrai, halb Vogel halb Drache, staksend und hüpfend, klappernd und knatternd, die belebten Planierraupen, in deinem verschraubten Schädel macht sich das Schweigen breit, setzt sich auf den Thron der abendlichen Nebelbänke, du warst doch nicht dazu gemacht, dich in dieser klebrigen Menschheit einzukalmen, dich in ihrer Flaute, die sie für Fortschritt und Aufstieg halten, einzurichten, das musst du dir sagen lassen, sich niederzuringen mit baren Fäusten und Füssen, über die Kröten im Weihwasserbecken zu wiehern, die vor der Messe schon am Trocknen sind, das hast du gut gemacht, dass du abgehauen bist, die Schatten auszuheben noch zu deinen Lebzeiten,

Bild von Jon Bodsworth – http://www.egyptarchive.co.uk/html/cairo_museum_24.html, Copyrighted free use, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3209733.

Gekritzel im Mittag (5. Tag)

Hart ist dieser Stein
Auf dem ich sitze
Kein Häutchen und kein Lid bedeckt ihn

Was denken seine leuchtenden Flechten?
Was denkt der Regentropfen
Der auf ihn fällt?

Die Haare wuchern im Gesicht
Meine Nägel krallen sich um die Knie
Messen meine Zeit in den Tod hinein

Bloss ist dieser Stein
Unterm immer drehenden Firmament
Ungerührt dauert er aus

Und ich die Schminke
Vergängliche Kruste aus Eigenwille und Ruhmsucht
Aus Zukunftsschau und Morgentau

Eine Möglichkeit
Sich erfolgreich
Von der Welt abzuwenden

Durch die Schminke überm Abgrund
Hindurchzustossen und
Auf den Stein zu kommen.

(Bild von Frank Winkler auf Pixabay.)

Neinjahr

Nichts ist neu: kann dein Herz einen Entschluss ausführen
Den es gestern nicht ausführen konnte?
Schnell verstummt die Rakete.

Nichts ist neu: kann sich etwas ändern in deinem Leben
Weil ein anderer Tag angefangen hat?
Schnell verlöscht das Feuerwerk.

Nichts ist neu: wo sind sich Menschen in die Arme gefallen
Denen Hass in die Wiege gelegt wurde?
Lange liegt der Rauch über dem Köpfen.

Nichts ist neu: wo sind Männer aufgestanden
Um Frauen vor Gewalt durch Männer zu schützen?
Schnell verklingt der Jubel.

Nichts ist neu: wo sind die Kinder
Die die engen Stirnen ihrer Eltern spalten?
Lange geht‘s nicht mehr.

(Image by Karuvadgraphy from Pixabay.)

Schwarze Mauer / Vierter Tag

Das ist der Hinterbau von etwas
Das so stark wie nichts ist
Das ist die Abwesenheit von etwas
Das mit keiner Übung bezwungen wird
Es ist das zusammengezogene Schweigen einer Armee
Die dem Frieden entgegen geht

Ich kaue auf der Haselrute
Die ich zur Angel bestimmte
Ich maule mit dem ganzen Kiefer auf der starken Luft
Um ihrem braunen dicken Blut die letzte Würze zu nehmen
Die noch nach Heimat zu klingen vorgibt
Ich schaue auf den Hinterbauch von etwas

Ich hauche meinen Sinnen Verse ein
Hart wie Hufe und weit wie Linnen
Ich brauche schon kein Hinnen mehr
Das mich mit gefügiger widerstandsfreier Zeit nährt
Ich schaue hinter die Schwarze Mauer
Wo das Lauschen aussen liegt und das Geschehende hinten

Im gläsernen Murmeln der Schwarzen Mauer
Klingt das erdige Gurgeln der Schlafenden
Und das würgende Schnalzen der Schlaflosen
Ich schaue hinter die Schwarze Mauer
In der das Licht meiner spröden Mutter rauscht
In der die Schatten meines fluchlosen Vaters gebauscht

Ich baue hinter der Schwarzen Mauer eine erste Zeile
Eine erste Strassenzeile
Aufquellend aus dem ersten Stein
Den ich ins Safranwasser des frühen Morgens geschleudert
Lampione Ochsen und rauchende Pfeifen
Kinderpatschen Röckerauschen und Speckschwarten

Ich schaue in die Sintflut
Ich baue auf ihre Ringellocken und Würgewirbel
Eine weitere Zeile
Die auf eigenen Beinen steht
Das heiter leichte Gerüst eines Turms
In dem ein Summen haust

Ich kaue mit jedem Zeichen die Sintflut in Gerüche und Gestecke
Und entringe ihr das lange Eingeweckte
Und verschlinge ihre kantenlose Gestalt
Die vom Qionglai Shan gezehrt hat
Woher die bunten Breitgesicht-Horden einfallen
Mit jeder Letter haue ich aus der Sintflut einen Zaun

Ich schlaue mich in die Sintflut
Jeder meiner Seufzer gilt dieser gelben und blauen Stätte
Die eine Stadt zu werden verdient hätte
Aus der ich meine Verse wie Kinderköpfe ziehe
Aus der mich meine ungebetenen Präsenzen speisen
Aus der meine unerhörten Absenzen reissen

Ich kaue auf den Sprossen der Luft
Ich baue aus den Stämmen der Luft
Verheerende zuerst verlorene Zeichen
Die vorsichtig schwingen und singen
Nachgiebig nisten in meinem Gewissen
Wo fernschwindlig ein Ort auf mich wartet

Ich pfaue die Marktstände entlang der Strasse
Mit fast wütender Vorsicht
Die Fleischverkäufer ermutigen meine schüchternen Schritte
Einige werfen Innereien nach mir wie Matrosen Taue werfen
Die Fischweiber reissen ihre verkniffen berechnenden Augen weit auf
Und gurren mir entgegen und hinterher wie einem Palastschranzen

Ich schaue hinter die Sintflut
Wohin weit die Schwarze Mauer ihren Schatten hinschlägt
Die Hand eines zornigen Gottes an der herbstlichen Wange
Einen hauslosen Menschen
Und in diesem schorfigen Schatten glänzt
Zinnoberrot diese erste Arterie einer Stadt.

——–

(Image by Gerd Altmann from Pixabay.)