Essen: Schauen

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I

Ich esse solange das Gleiche
Bis es mir gleich wird: langsam
Beginnt der Geschmack zu schweigen.


Die Zunge befördert
Auf der Baustelle der Aneignung
Stahlhart und stumpf
Bolus um Bolus
Ins Ausscheiden.

Aufschwellend
Un-Schwamm
Kauere ich im Schatten
Überm weichen
Erdteil.

(Ich fürchtete mich
Vor dem Schlucken:
Würde ich Schlange?)

II

Mein Anteil Erde:
Ich ringe mit nichts –
Nichts ringt mit mir.

Mein Fett:
Weder Schwimmblase noch Schild.
Ich bin niemand Feind und
Weder hoch noch tief.

Ränge jemand mit mir
Ich träte schnell vorwärts
Aus dem Ring.

Erhöbe ich mich aus klammem Einstreu
Niemand kennte mich.
Niemand fände mich
Sänke ich in die Dämmerzone.

III

Ich esse zum Essen.
Gänse müssen sich so fühlen.
Ich habe einen offenen Hals.
Ich bin eine Röhre.

Ich esse rutschend:
Rutsche essend ins Fortwähren.
Ich halte nicht an mich
Weil nichts mich hält.

Die Erde wie der Geschmack
Ohnegleichen:
Farblos wie Wasser
Hart wie Kot.

Jahresrückblick 2025

Wenn du schreibst, ist jedes Jahr ein Scharnier-Jahr. Manchmal geschieht vieles in kleinen Schritten; in Tritten und Stufen, die du scheinbar mühelos überwindest. Hin und wieder aber gibt es diese Momente in deinem schöpferischen Prozess, die dich unverhofft viel weitertragen.

Das vergangene Jahr ist reich an solchen Momenten. Sie geben mir Zuversicht, „dranzubleiben“, „weiterzumachen“.

Das Jahr 2025 beginnt eigentlich schon im Dezember 2024. Im Schreiben eines (erfolglosen) Antrags an die Literaturkommission beider Basel habe ich mehrere Dinge erlebt oder festgestellt. Davon will ich nur zwei erwähnen: Ich kann geduldig und ausdauernd an der Verbesserung eines Texts arbeiten, der eine vielköpfige Jury anzusprechen hat; ich erkenne, wie reich meine literarische Erfahrung schon ist, indem ich einen literarischen Lebenslauf erstelle. Mit diesem Bewusstsein starte ich ins Jahr: Ich bin ein Autor, mein Talent ist die Sprache, das Erzählen. – Ich werde im Lauf des Jahrs weitere Anträge stellen; den letzten wiederum diesen Dezember 2025 – für den aktuellen Roman „Nagelprobe“.

Ausdauer und Geduld auch mit meiner ersten Novelle. „Ne me quitte pas“ heisst sie nach einem von Brels berühmtesten Liedern. Es handelt sich dabei im buchstäblichen Sinne um Autofiktion: ich schildere (nicht zum ersten Mal) meine erste, unerwiderte Liebe. In dieser Geschichte, die ich gerne im Frühjahr 2026 publizieren möchte, verwebe ich drei verschiedene Ebenen miteinander – und verneige mich vor meinen grossen Vorbildern Dazai und Ramuz: Dazais Geschichte «Hundert Ansichten des Fuji-sama» spiegle ich in einer Rahmenhandlung, in der das «erzählende Ich» zusammen mit einem Freund just im Restaurant / Gasthaus «Tenka Chaya» auf dem Misaka-Pass wohnt; Ramuz’ Ehrlichkeit spiegle ich in der Liebeserzählung: einfache Sätze, nachdenklicher Ton; meiner derzeitige Liebe zu Isekai-Mangas und -Animes gebe ich nach, indem ich die Liebeserzählung mit drei Geschichten aus «Anderwelten» verflechte, die sich alle um gelungene oder misslungene Liebesbeziehungen drehen.

Ein weiterer Meilenstein ist mein ONO-Auftritt im Februar 2025. Im Rahmen des dortigen Lese-Sessels trage ich meinen ersten Prosatext überhaupt vor Publikum vor, bei dem es sich zudem noch um eine Sex-Szene handelt.

Aus meiner intensiven Beschäftigung mit dem Yijing und dem Taoismus entsteht im Laufe des Frühjahrs 2025 ein neuer Zyklus. Wie er heissen wird, ist derzeit noch nicht klar. Ich stelle den Zyklus im Mai 2025 fertig. Es handelt sich dabei um 64 Sechszeiler, 14 Vierzeiler und 2 Langgedichte, die in einer komplexen Struktur miteinander verflochten sind. Das Herz des Zyklus sind die 64 Sechszeiler, die von den 64 Orakel-Tetragrammen inspiriert sind, sie spiegeln und erweitern.

Dieser Gedichtzyklus ist für mich ein riesiger Fort-Schritt. Ich gebe darin meinem Bedürfnis nach, die Sprache hinter mir zu lassen. Dabei missachte ich sowohl die Semantik als auch die Grammatik. Wörter ersetzen Sätze, Wörter werden Dinge. In einer extremen Dichte komprimiere ich Weltsicht und Weltgefühl. So sehr, dass es sich dabei fast um eine Geheimschrift handelt. Ich bin sehr neugierig, wie ich diese Gedichte vortragen werde!

Aus einem Traum geboren, entsteht seit Juni ein neuer Roman. Er trug zuerst nur den Titel «Engadiner Roman», heisst inzwischen offiziell «Nagelprobe». Seine Entstehung, sein «zu-mir-kommen» hat mich überrascht. Die Dringlichkeit, diesen Anfangsimpuls umzusetzen, war sehr hoch. Im Gegensatz zu meinen bisherigen Romanen wie «Von keinerlei Bedeutung» finde ich von Beginn weg eine belletristische, einfache Stimme – und ironisiere das eigene Leben, in dem ich dem Ich-Erzähler meinen Namen gebe. Überhaupt: dass ich nach «Jetzt kannst du nicht einmal mehr sprechen» (2023/24), in dem ich just am Ich-Erzähler gescheitert bin, «aus heiteren Himmel» einen neuen Versuch starte, der diesmal gelingt, beglückt mich sehr. Dieser Roman nimmt meine Schreibzeit den Rest des Jahrs fast ganz in Anspruch. Derzeit befinde ich mich im 24. Kapitel, ungefähr auf Seite 170.

Parallel zur täglichen Schreibarbeit am Roman überarbeite ich lange schon lektorierte Gedichte, die aus den Jahren 2016 und 2017 stammen. Ich hatte sie vergessen oder verdrängt, entdecke sie im Herbst 2025 neu. Daraus entsteht mein Gedichtband im Eigenverlag namens «Es ist soweit», den ich im Oktober anlässlich von «Züri liest» präsentiere. – Die Gedichte erweisen sich als wirksam, als stark. Erstmals trage ich sie auswendig und frei vor. Ich fühle mich ermächtigt und stark. Die Rückmeldungen überzeugen mich nachträglich davon, dass die Publikation eine gute Entscheidung war. – Eine zweite Lesung im ONO-Lesesessel im Dezember bestätigt meinen Eindruck. Die Gedichte sind gute Gedichte.

Von diesem Erfolg angespornt, nehme ich einen alten Gedichtzyklus wieder hervor. «Meine russischen Verse» ist in meinen Augen eine Sammlung von 134 «Jugendgedichten». Ich nennen sie hier «Jugendgedichte», weil sie eine Vorstufe zu meiner «erwachsenen» Phase darstellen, die mit «Jahr dazwischen» (2017) beginnt. Diese «Jugendgedichte» stammen aus den Jahren 2004-2011. – In einer radikalen «Relecture» lese ich einen Satz pro Gedicht heraus; Sätze, die mir auch heute noch gut und wichtig scheinen. In einem weiteren Schritt wähle ich je 10 Sätze für ein komprimiertes Langgedicht aus; so entstehen 13 Langgedichte. Ich gebe ihnen den vorläufigen Titel «Wiederaufbereitungsanlage». Ich befinde mich derzeit in der Überarbeitungsphase dieses Gedichtzyklus.

Angestossen vom Austausch mit meinem Mentor (wie ich ihn bei mir nenne) Thomas Kunst beginne ich in der persönlich schwierigsten Zeit meines Jahres, im Dezember, im Kriseninterventionszentrum der UPK mit einem ersten Sonettenkranz. Diese 14 resp. 15 Sonette drücken meine Gedanken aus, die ich im Austausch mit Thomas gewonnen habe. Es ist eine Art Beschwörung der Demut und Einfachheit. Der Titel dieses Gedichts ist «Lass es sein». – Und wie häufig in solchen Fällen, löst dieser erste Versuch weitere aus: diese Woche beginne ich mit einem weiteren Sonettenkranz, den ich vorerst «Weihnachtssonette» nenne. Der Impuls stammt aus Geschichten von Silja Walter, die mich in ihrer biblischen, bildhaft-konkreten Sprache unglaublich gepackt haben – eine unbedingte Lese-Empfehlung, eine Wieder-Entdeckung für mich.

Und jetzt bin ich wieder am Warten: am 15. Dezember habe ich fristgerecht meinen dritten Antrag in Folge bei der Literaturkommission beider Basel eingereicht. Ich habe einen Werkbeitrag von 12’000 Franken beantragt, was mir eine dreimonatige Schreib-Auszeit ermöglichen würde. Mal schauen, ob die Jury diesmal erkennt, dass hier jemand schreibt, der gefördert werden sollte. Daumen drücken ist angesagt!

Was bringt das nächste Jahr?

Wenn nicht den Werkbeitrag, so sicher das Ende des Romans „Nagelprobe“ (April 2026). Danach steht Überarbeitung an. Und natürlich weitere Geschichten: einige warten schon länger auf ihre Entstehung! So eine Geschichte über die Rückkehr eines Schweizer Söldners in sein Heimatdorf. Die Geschichte ist nur in Dialogform gehalten, fast ein Theaterstück; sie spielt im späten 17. Jahrhundert.

Was lyrisch passieren wird, ist derzeit noch nicht klar. Ein Zyklus ist nicht in Planung, meine Prosa-Arbeit braucht aktuell alle meine Schreibzeit auf.

Sicher aber sind einige Publikationen und hoffentlich damit verbundene Auftritte: der „Yijing-Zyklus“ und die „Wiederaufbereitungsanlage“ sollten im Frühjahr bzw. Herbst wiederum im Eigenverlag publiziert werden; ich hoffe auch, die Novelle „Ne me quitte pas“ im Frühjahr zu publizieren.

Mondkrater

Ich habe mich abgesetzt, und nicht nur im Traum, wo mich niemand kennt, nach der letzten Rede des Präsidenten, in der einmal nicht nur die Abschreckung, sondern die strategische Unklarheit im Zentrum gestanden hat, in der wir unser Leid wegdrücken, in die wir unser Leid wegdrücken, beides geht, dieser Tollkopf klingt eh immer wie eine Sturmglocke, wenn er wieder von Resilienz und von Durchhaltevermögen faselt, aber eine beschädigte Sturmglocke, natürlich habe ich mich zuerst hingesetzt, um mit mit dem Vortraum zu befassen, als die Usagi gelandet ist, hinsitzen, wegsitzen, absitzen, meine Hirnwindungen, die ich gut anfeuchte vor solchen Tragweiten, verflochten sich in meinem Kellerloch, umschnürten mich, aber härteten schnell wieder aus, ich werde schon zu einer Spaghetti, iih, iih, niemand befiehlt mir im Traum, das habe ich noch laut gesagt, bevor der graue Staub in meine Lunge eingetreten ist, was heisst hier, werde der Regisseur deines Lebens, aber es ist nicht nur ein Traum, die mindere Atmosphäre ist eine Herausforderung, die ich gerne annehme, denn ich werde ja noch zu mir, der Präsident wiederholte sutrenhaft seinen berühmten Satz, ich will auf Genf zurückkommen, er wäre ein gute Gyoji, sie verstehen nichts, sie werden nie verstehen, inzwischen ist es mir schleierhaft, wen er damit meint, die Rebellen oder die eigenen Truppen, denen er seine Killermentalität einschwört, ich habe das nun lange genug ausgesessen, sage ich mir zum x-ten Mal und male mir aus, wie die Trümmer weit verstreut werden, wenn die Gleiter wieder über der Stadt abgeschossen werden, ob jetzt Kopernikus-Stadt oder Agarum, ich kenne das Leben auf den Müllkippen, die plötzlichen Magnetfelder, der Mondstaub, der wie Asche schmeckt, einfach ohne die Wärme, manchmal auch der beissende Geruch von ortanischen Bestandteilen der Mondhände, höre das Singen der Ortolane, auf Genf zurückkommen, ich halte mein Feuerzeug an das Flugblatt, das von Anm. d. Übers. Gezeichnet ist, sie verstehen nichts, doch wer überschreitet die Linie, die das Reden vom Sagen trennt, häh, häh, man muss die Feigheit als Urgrund anerkennen, aus dem auch den Traumlinien befohlen wird, sich der Realität anzugleichen, eine voreilige Abschlagung des Bescheids, eine zuvorkommende Abflachung der Einschlagsstellen, auch dieser Anm. d. Übers. Ist nur ein weiterer Mann, der sich von seiner Feigheit hat verführen lassen, Rebellen hin, Truppen her, während die Gullys gierig gurgeln, Kotze und Blut, gravierte und echte Materie, die man früher organisch genannt hat, die kleinen Puppen der Mondhände im Kreis eingesogen werden, lautes, gieriges Gurgeln unterm Strahlenregen, der am Kraterrand so dicht wie Nebel wird, niemand befiehlt mir im Traum, ich sitze es jedes Mal aus, da kann der Präsident noch so ein Durchhalten befehlen, ein der Unklarheit verschwägertes, ich habe mich abgesetzt, und das ist nicht einmal ein Akt der Verzweiflung, ich lasse mich doch nicht länger beeindrucken, um nicht zu mir zu werden vor lauter Abschreckung, halbherzige Unklarheiten aushalten, während die Frontlinie ihre Trümmermoral auf die Unterstädte ausdehnen, ich sauge den Geruch des Plastikstroms ein letztes Mal ein, nehme meine Feigheit aus ihrer Verankerung, langsam steigt die Erde grünend überm Horizont auf, ich denke an die Roadrunners, an die Briefetappen, höre das Klappern von Geschirr aus der Garküche an der Ecke Ogi und Redemption Bldv., höre das Nokatta, Nokatta, Nokatta des Präsidenten, Genf, Feng, Negf, zischend, aufflammend, nehme im Augenwinkel das Fleischklatschen zweier öltrunkener Mondhände wahr, der eine sitzt schon auf dem Hosenboden, eine Rippe hat ihn durchbohrt, ich aber will noch was werden, meine Herrschaften, Genf kann mir gestohlen bleiben, wo ist das überhaupt, nichts steht uns zu, nichts steht uns mehr zu, als diese Sturmglocke, die dir im Hals eingeklinkt klingt, ganz trocken ist mein Gaumen, ich praktiziere jetzt mal einfach Yori-kiri, und nicht nur im Traum, und zwar an mir selbst.

Aus der Dunkelheit heraus

Ich behaupte es nicht einmal mehr, dieses Land ist von mir geformt, langstielig und langwierig, vielleicht die eine Gefässkrümmung zu viel, es hat nicht das F von der Form deiner Lippen nötig, es hilft auch nicht mehr, das Leid wegzudrücken, das führt nur zu Leistenbrüchen, zu anderen rücksichtslosen Zusammenhängen, ich halte mich nicht mehr auf bei den Dummen, die sich die Angst absprechen, um Auffahrunfälle zu verursachen in der dunkeln Menge, als gebe es nichts Wichtigeres auf der Welt, mittags hämmern die Spechte, aus der Dunkelheit heraus komme dir die grinsensten Gesichter entgegen, und wer so grinsen kann, dem spreche, dem muss ich die Mutter absprechen, und selbst für einen so kurzen Zeitraum wie 380’000 Jahre reicht meine Vorstellung nicht, ich kann mir diese anfängliche Enge in der Menge, dieses Gedränge schon gut vorstellen, ein Gehen und Kommen, ein Stehen und Warten, Gras in der Hand und im Mundwinkel, die Maschinen heissen jetzt Park, Koen-zyklopädische Bedürfnisse müssen kategorisch verneint oder befürwortet werden, heraustreten in das Dunkelheits-Verfahrensgerät, wenn die Spechte nicht hämmern, die Hühner noch rennen, Würde mit Wünschen noch etwas gemein hat, aus der Dunkelheit heraus handeln, ein unablässiges Lippenspiel, und du hast schon wieder Rippenspiel verstanden, Dummerchen du, die Form des Landes ist gattungsgleich, gestaltet wie der Gang eines Marders, und für einige Jahre könnte ich fragen, ob ein Marder nicht auch zu den Nagern zu rechnen wäre, einer dieser Nager, die das Gras mitsamt der Wurzel ausreissen, ich kann diese Handlung nicht grasen nennen, während ich durch das bis zur Hüfte scherbenreiche Gras gehe, nur die Dummen behaupten ständig etwas, das Sinn ergibt, sie sagen es unablässig, es ist zunehmend schwierig, ihnen auszuweichen, und selbst als Leichen bekennen sie sich noch dazu, dass etwas zu wissen das gleiche sei wie Intelligenz, manche kennen sogar das Wort für Talent, aber er konnte nicht länger das Leid aussitzen, die Spechte singen hören, die Sterne, deren Summen wie Stecknadeln im Heuhaufen klingt, polternde Kleinstmagnetenbahnen, deren Kegel in der Dunkelheit fallen, fallen, fallen, fast schon aufwärts wie Schnee, draussen fiel der Schnee ohne Rücksicht auf die Richtungen, Koen-tstehung von Höhlenritzungen, die aufgehaltenen Hände, langsam durch das Glas brechend, das Wünschen genügt doch, aus der Form deiner Lippen mehr als eine Hoffnungsfalte zu ziehen, ich behaupte nur noch etwas, von dem ich nichts, aber auch gar nichts mehr wissen kann, in vollkommener Dunkelheit wiege ich mich auf, wiege ich mich in Sicherheit, Glas oder Gras, das ist hier die Frage, eine Frage der Durchlässigkeit und auch der Richtung, durch die Schnee fällt, Parkspechte klappern, mit den Hände habe ich Hühner gerupft, aber in Gedanken bin ich durch die Milchstrasse gereist, ich erkenne die Hügel aus Falten, was heisst hier, lange 380’000 Jahre, im grauen Faltenwurf des Steins ist die Stirn die Regel, aber nicht die Kategorie, und mit Rücksicht auf die Herren, die putengleich an den Glaskelchen nippen, an den Graskelchen nippen und fürchten, verstehe ich dieses von mir geformte Land, das der Form deiner Lippen entwachsen ist, die das Meer der Blätter wie tausend hohle Hände behaupten, verstehe ich es als Poren eines Nebels, der Wünsche mit Würde verdunkelt, fliehend wie deine Lippen und meine Stirn.

Küchengedicht

Ich höre im Radio, Poesie ist das Gegenteil von Propaganda, und ich halte inne, rühre mich nicht, Zeit verstreicht, grammatisch geordnet redet der Sprecher weiter, wohlüberlegte angstlose Sätze, die ich leise raunend wiederhole, als wolle ich sie auswendig lernen, ich schlurfe zum Kühlschrank, in dem Rabatte harren, Dosen und Büchsen, Schalen und Schälchen, notdürftig eingewickelte Käse- und Fleischstücke, ein Geruch wie von Maultiergeschrei, Schweinegrunzen und schlüpfrigem Gackern wabert für fünf Sekunden um mich, die Stimme im Radio fährt fort, ich rühre mich nicht, halte weiterhin inne, während ich an einem harten Stück Sandwich kaue, die länger schon abgelaufen ist als mein letzter Effort für eine Aussage, die sich in eine Gedicht eintragen liesse, das wenn möglich ungenutzte Verstreichen des Moments, das ist mein Thema, im Küchenschrank Rabatte, hochverarbeitetes Essen, sofort geniessbar, wenn auch von Geniessen nicht die Rede sein kann, rote Sticker überall, Leben im Raunen, denke ich unter dem Einfluss der Radiostimme, verfrühte Gegenstände, die leicht verblühen, leblose Reihen, die sich vor mir türmen wie aufgebrachte Taten, Texte, schmelzende Tundren, du bist Schmiede, sagt der ungerührte Poet im Radio, erhitze dich, erhitze uns, die Kälte kommt schnell genug, ich lese die Anweisungen auf einer Plastikbox, Beutelinhalt in eine Tasse geben, lasse den Kühlschrank offen, der sich summend beklagt oder vor dem Sprung der Katze fürchtet, der Wasserkocher lässt das Wasser donnern, ich verlasse die Küche, immer noch irgendwie grammatisch verloren, abgeschlagenes Hufeisen, verhornte Zufallsstufe, ich meine -Stute, ich lege mich hin auf die durchhängende Couch, die mich flüsternd begrüsst mit ihrem abgewetzten Rosa, die Katze schiesst davon, ich habe sie nicht gesehen, lege den rechten Arm über Stirn und Augen, Einfalt wartet, denke ich, wartet auf genauso eine Schwäche, die zur Tat führen soll, Einfalt wartet im Schoss der Tat, sage ich laut und übertöne die jetzt scheppernde Stimme des Sprechers, der jetzt von der Grammatik der Dinge redet, diese sei die Bühne der leblosen Reihen, der leblosen Reihen, frage ich in die Kälte des Zimmers, die vom Gurgeln der Heizkörper verstärkt wird, betrachte die Löcher in meiner rechten Socke, Arm über der Stirn, ich schere mich gerade um jeden Effort, lasse den Moment verstreichen, wie sich das gehört, in aller Ehrerbietung, mit grosser, angebrachter Demut, der alte weisse Mann im Radio sagt, ich solle daran denken, einen runden, nicht einen flachen Stein den Berg hinaufzurollen, Bahm ist jetzt zurück aus Berlin und hat auch nicht mehr zu sagen gehabt, als er bei mir war, mit seinem Rasen der Stuckaturen glaubt er wohl ein Fressen gefunden zu haben, der alte Sack, steisskrumm erhebe ich mich, um dem fiesen Fallensteller im Radio das Wort abzuschneiden, denn ich bin vielen Fallen feil, lasse immer wieder verfliessen, was ergreift, jenen unerwartet kalten Schlussakkord, diesen Druckfehler, raune vor mich hin, während ich durch die leeren Zimmer gehe, in deren Ecken Säcke gestapelt sind, meine Kleider und Decken, mein Zelt, ich betreibe nun nicht länger mehr Demontage, sondern schlicht und ergreifend Absolution und Konsumation, ich brauche den flachen Stein nur über die nasse Fläche des Gartenasphalts zu werfen, tak-tak-ta-tak, ahmt er das Geräusch einer Schreibmaschine nach, die ich gestern für 25 Franken verkauft habe in der Güterstrasse, auch sie trägt jetzt einen roten Sticker, nehme ich an, die Grammatik der Dinge ist eine Grammatik, die sich der Grammatik widersetzt, so viel ist klar, und ich liebe Widersetzliches, vielleicht schreibe ich doch wieder einmal ein Gedicht, übermorgen, in dem nur Nomen vorkommen, aufgereiht, verfrüht und rot beschriftet, zuerst ganz hilflos ohne Verben, dann aber überhand nehmend auf der Seite wie Falten an meinem Bauch, die überhängen, darin der Geruch von Ingwer, ich meine in den Falten, von Ingwer und Eiern, ich komme zurück in die Küche, schliesse den inzwischen röhrenden Kühlschrank und denke, immer noch ungehalten innegehalten, abgehalten und eingedreht, denke an den letzten Moment, den ich nicht verstreichen liess, schlurfe durch die Flure und betrachte die vertrockneten Orchideen, die mir Leserinnen geschenkt haben, ich habe sie aufgereiht wie auf einer Bühne der leblosen Grammatik.

Jardin d’Abel

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Ich gehöre nicht zu denen, die von der Liebe zu reden verstehen, und selbst im Fall einer bestürzenden, nahezu novemberlichen Schicksalswendung, die ich begrüssen würde, misstraue ich dem schon schaden Element der Ergriffenheit, bleibe der Spiesser der Tundra-Seele, von dem meine Mutter unterm Dauerwellheizer träumt, eine Art vigilante in Form überkandidelter Nüchternheit, kaum noch wahr, aber ausgesprochen realistisch, meine Tartine ist schon trocken, nur die Butter darauf ist stetig weicher geworden, in meinem Rücken informieren sich zwei Marokkaner über die nächsten Pferderennen, ich stellte mich draussen in den Wind für meine Zigarette, rauch noch eine zweite und dritte, die beiden Männer neben mir reden von Einbahnstrassen, anscheinend handelt es sich dabei um einen Fluch, weniger um eine Massnahme des gesunden Menschenverstandes, sie spucken und husten, aber ohne Ärger, ohne Eifer, so gelassen, dass das Wetter plötzlich eine Rolle zu spielen beginnt, ich denke an die Stelle hinter den Ohren, immer wenn ich küsse, bin ich erstaunt , dass es dort diesen harten Knochenbogen gibt, weil ich angenommen habe, dort wäre eine Grube, wenigstens ein Grübchen, aber nein, dort ist alles hart und trocken, weder Falltür noch Feuertreppe, nur unterm Ohrläppchen gibt es diesen Schlupfwinkel für die Zunge, niemand weiss ja um Gesänge, die überhitzt entstehen in einem Augenblick der Unterkühlung wie diesem, ich möchte ein Gesuch stellen, denke ich, in dem ich darlegen würde, warum ich nicht zu denen gehöre, die was von der Liebe verstehen, vielleicht meinen die beiden Männer nicht die Einbahnstrassen, die ich meine,  sondern andere Verkehrshindernisse, sie reden nur von Einbahnstrassen mit einer gewissen Verbissenheit, ausspuckend und hustend, werfen mir einen fragenden Blick zu, öffnen die Türe zur Brasserie, wieder klemmt sich der braune schwere Vorhang ein, ich befreie ihn, indem ich die Türe nochmals öffne, das Seufzen der Kaffeemaschine höre, das Lachen einer Frau, ein Gedicht ist immer so, das Schicksal zieht seinen Karmakorb an einer in den Winter geöffneten Türe vorbei, dabei trägt es den Hut eines Schupo, der um 5 Uhr morgens dich wieder in der Rue Nicolas Roret unter der Platane aufliest, jedes Mal erstaunt über deine Nüchternheit, abends findet er dich im Jardin d’Abel wieder, aber jetzt gehst du, zahlst nicht, aber Ramazan weiss ja, wo er dich finden kann, und alles andre ist mir gleich, wie in Liebe kann man sich im Alltag auch gut einrichten, das gilt für jene mit Trockeneis in der Seele genauso wie für die andern, im Alltag einfinden, meinetwegen, ich gehe auch heute durch die Akadeemia, in Gegenrichtung, in der Rüütli, nachdem ich meinen Stützwagen zusammengeklappt habe, denn schon einmal ist er mir vor der Türe gestohlen worden, von der Türe weg, in der Rüütli trinke ich einen Kaffee, der wie Seifenwasser schmeckt, einen Augenblick bleibt Õnn bei mir stehen und wartet auf meine Tirade, aber ich habe heute auf andere Pferde gesetzt, niemand weiss ja um Gesänge, die das Menetekel der Mediokrität, das fein säuberlich geschorene Gras des Alltags, das Spucken und Fluchen, an die schwitzende Wand im Pissoir auf der Esplanaadi pressen, bis es wie ein obszönes Wort dort prangt, Bild von einem Aas aus Zeiten der frischen, der heiseren Adjektive, und von dort hört man im Winter das Meer, es ruft mit seinem warmen Ruf fast so wie die warme, würzig-feuchte Luft über dem Abluftgitter vor Italie Deux, Rub Bobillot, und wenn ich ehrlich bin, was selten genug vorkommt, habe ich mich schon so weit von der quälenden Sicherheit entfernt, vom beängstigenden Aneinanderliegen, ob Schenkel oder Haar, dass mein Wissen über Pferde jenes über die Liebe übersteigt, und ich gebe mich zufrieden mit den grauen Locken auf der Brust, die Õnn manchmal in den Morgenstunden krault, dass ich aufstehen muss, um so ein Gedicht zu schreiben über die Liebe, von der ich nichts verstehe.

Das sind die Wörter (Mahmud Darwish)

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Das sind die Wörter, die in meinem Geist herumflattern.
Im Geist ist himmlische Erde, wortgeboren.
Die Toten träumen nicht viel, und wenn sie es tun,
glaubt niemand an ihre Träume…
Diese Wörter schwärmen in meinem Körper wie eine Biene,
wie eine Biene… Hätte ich blau auf blau geschrieben, die Lieder
wären grün geworden, und mein Leben wäre zu mir zurückgekehrt.
In den Wörtern war der Weg zu den Namen kürzer.
Dichter jubeln nicht oft, und wenn sie es tun,
gibt ihnen niemand recht.
Ich sagte: Ich bin immer noch am Leben, weil ich die Wörter in meinem Geist herumflattern sehe.
Im Geist oszilliert das Lied zwischen Präsenz
und Absenz, öffnet die Türe, nur um sie zu schliessen.
Ein Lied jedoch über das Leben des Nebels gehorcht
nur den Wörtern, die ich vergessen habe.

(Übersetzt aus dem Englischen von O.F.)

Position des Schreibenden

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Ich schreibe aus einer Position des Überlebenden heraus. Aus einer Position der andauernden, dauernden Gefährdung, der Verunsicherung und der Unsicherheit. Nichts ist gewiss, manches ist gewährt.

Ich habe bereits mehrfach am eigenen Leib erfahren, dass die heutige Lebenserwartung nichts über die Gefährdung des menschlichen Lebens aussagt. In meiner Kindheit habe ich mir mit schöner Regelmässigkeit den Kopf blutig verletzt; mit acht Jahren hatte ich einen Schädelbruch. Viel später hatte ich nach einem Fahrradunfall einen Hirnschlag. Auf Phasen des Burnouts folgten Phasen der Depression. Ich kenne einige Gleichaltrige, die bereits gestorben sind – durch Unfälle und an Krebs. Dass ich mit 51 noch am Leben bin, ist keine Selbstverständlichkeit.

Ich denke an meinen Vater, dem ich nach einem schweren Fahrradunfall meines Bruders (damals etwa 14 Jahre alt) begegnet bin. Er stand beim Kleinwagen, der mit meinem Bruder zusammengestossen war. Dessen Windschutzscheibe war eingedrückt vom Kopf meines Bruders, aber nicht eingebrochen. In den Rissen des Eindrucks zitterten Haare meines Bruders. Mein Vater stützte sich auf die Kühlhaube des Wagens und sagte mit gepresster Stimme: «Sie wollten mir ihn umbringen.» Dieses «sie» und das besitzanzeigende «mir» drücken sehr gut die Ohnmacht des Menschen vor dem Plötzlichen, Unerwarteten aus, das sein Leben und das seiner Geliebten bedroht und beendet.

Das Unerwartete und Plötzliche ist das, was mein Schreiben bestimmt. Es bricht in meine Gedichte ein, übernimmt sie, überbordend, überfordernd.

Als Überlebender sehe ich die Gefahren, die Unsicherheiten unseres Lebens. Ich schätze mein Noch-Leben-Können. Seit meinen Anfängen als Autor habe ich das Zersplitternde, das Zerstreuende, das Auseinanderfahren von Zusammenhängen, das Auseinanderklaffen von Wunsch und Wirklichkeit, als bestimmend und anspornend empfunden.

Diese verunsichernde oder verunsicherte Weltsicht ist eine ganz und gar positive. Sie erlaubt es mir, den Schärfen und Tabus nicht auszuweichen. Sie vielmehr als Tatsache und als Gutes – vielleicht sogar als Güte oder Gnade –  anzunehmen und mit ihnen das zu machen, was sie mit mir machen: sie in etwas Schönes, Erhebendes zu verwandeln, in etwas Vollkommeneres.

Um es mit einem andern Bild zu beschreiben: Ich verstehe das Leben als einen Lauf über verschiedene Böden: vom ermüdenden Asphalt auf den Kiesweg, durch Schlammgruben und über Schlaglöcher hinweg, auf Katzenkopfpflaster und auf nach einer Seite abfallenden Trottoirs, auf federnden Waldwegen und durch den Dünensand. All diese Unterlagen stellen wechselnde Anforderungen an den Körper, vom Fuss über die Knöchel, die Knie, bis in Hüfte und Rücken. Nur das unablässige Training im Lauf selbst kann einen befähigen, diese vielfältige Bodenbeschaffenheiten zu meistern.

Wohlverstanden: es handelt sich dabei nicht um ein Training zur Selbstverbesserung, sondern um ein Training für ein gutes Leben. Es geht nicht darum, schneller und weiter zu laufen. Es geht darum, überhaupt zu laufen.

Wer sich nicht hinauswagt, der hat schon verloren. Wer sich an das Übliche hält, der ist schon gescheitert. Wer die bekannten Wege beschreitet, der gelangt nirgendwo hin. Wer in Sicherheit lebt und geht, der geht und lebt in Unsicherheit.

Sagt Noah

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Noah wusste es. Ein einzelner Stein
So gut gesetzt er auch sein mag
Ist nicht Gegenwehr genug. Strahlfest
Das lässt sich nicht erklären
Sagt Noah. Ein einzelner Stein
Das geht unter. Nicht vergessen:
Sorgfalt rollt ihn zu der Fischschnauze.
Ihre Bäuche sind im Gestein.
Im Gestein ist ein einzelner Stein
Ein Bogen zum Fliessen. Noah sagt
Der Stein geht in Falten auf
Wenn er dich trifft: rosa
Baucht er sich in die Bläue
Deren Zunge schwarz ist. Reue
Nach Noah ist geschoben vor das Licht.
Bärentatzen an Höhlenwänden.
Noah knöpft sich Streifen vor.
Wenn das Licht eintrifft behauptet er
Wenn es gut trifft ist grün blau.
Dem Gesang fehlt nicht die Schwärze
Die nicht vergessen geht. Wenn niemand
Recht ist ein einzelner Stein alles
Was gibt’s. Die Bäuche der Regenbogenforellen
Über ihm und die Bärentatzenübung in ihm
Sind ihm nicht nah noch fern.
Giraffen haben blaue Zungen
Sagt Noah wegen der Sonne.
Das Weiss deiner Augen sickert
40 Tage und Nächte durch den einzelnen Himmel
Der eindringt (einzeldringt)
Im Blauall: da oben was da unten
Da unten was da oben krümmen sich
Steinschwellen um Steinschwellen
Denn sie werden Geist
Noch bevor du sie vergisst.

Klassentreffen

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Das ganze Leben liegt dazwischen
Die Jugend ist vorbei
Die Kinder bald ausgeflogen

Lügen hilft: Keine Zeit scheint vergangen
Anekdoten halten sie fest
Fast unverloren

Die Welt hat sich weiterbewegt
Niemand ist noch so
(Hinter seiner Jugend-Larve)

Ich verabschiede mich dann mal
Ich hätte viel früher schon
In mein Leben zurückgewollt.