Ein Ich erzählt

(Mit Dank für das Bild an Josep Monter.)

Bei der Ich-Erzählsituation ist der (fiktive) Erzähler selbst Teil der dargestellten Welt, erlebt das Geschehen mit oder erfährt es unmittelbar von den beteiligten Figuren. Dadurch ist die Perspektive des Ich-Erzählers im Unterschied zum Er-Erzähler auf Erlebnisse, Beobachtungen und Gedanken einer einzelnen, d.h. seiner eigenen Person beschränkt.

Brockhaus Literatur, Kursivstellung von mir

Die Entscheidung, wer eine Geschichte oder (in meinem Fall) einen Roman erzählt, fällt früh im Erzählprozess. Sie kann instinktiv gefällt werden (wie bei mir) oder ihren Grund in der erzählerischen Absicht finden. Immer jedoch hat die Erzählsituation einen grossen Einfluss darauf, was die Leser*in wie erfährt. Entscheidet also letztlich, welche Rolle die Leser*in im Roman- oder Geschichten-Geschehen einnimmt: Hat sie den Überblick oder sieht sie nur Ausschnitte und Stücke davon, was – im Hintergrund oder nebenan – passiert?

Im Fall der «Ich-Erzählung» – und im Fall, dass diese Erzählhaltung kompromisslos durchgehalten wird – stellt sich also sofort und dringlich die Frage, wer der «Erzählende» ist. Denn seine ganze «Persönlichkeit» wird die Geschichte oder den Roman durchdringen müssen.

In meinem Fall handelt es sich um einen Vater, der seine Tochter sucht. Das erzählende Ich wurzelt also in grossen Teilen in mir, dem Vater einer Tochter. Doch das erzählende Ich ist nicht mit mir identisch.

Sprachhaltung und Sprachkraft

In den ersten Atemzügen hatte ich also zu entscheiden, wer dieses Ich ist. Dabei bin ich ein intuitiver Erzähler: Ich stürze mich kopfüber in eine Geschichte, die ich dann nach und nach ausspinne und weiterentwickle.

Die ersten Sätze schon bestimmen über die Sprachhaltung des Erzählenden, aber auch über seine Sprachkraft.

Würde ich selbst erzählen, also der eigentliche Autor, handelte es sich um ein flirrendes, ungewisses, metaphernreiches Erzählen in langen, verschachtelten Sätzen. Doch nicht ich bin es, der erzählt.

Die erfundene Person in meinem Roman ist kein Lyriker wie ich. Er hat einen leicht überdurchschnittlichen Wortschatz. Und er erzählt wirklich zum ersten Mal. Als Erzähler kann ich mir also nicht erlauben, meiner eigenen Neigung nachzugeben, genauso wenig, wie ich die Person von meiner grösseren, aber immer noch begrenzten Erzählerfahrung profitieren lassen kann.

Gewiss kann ich dem Erzählenden einige Höhenflüge erlauben, in denen er in besonderen Situationen, die er zu beschreiben hat, sprachlich und idiomatisch über sich hinauswachsen kann. Doch seine «Grundkonfiguration» wird sich während der Erzählung kaum ändern (dürfen).

Welthaltung und Weltwissen

Das gleiche gilt mit wenigen Abstrichen auch für die erzählte fiktive Welt. Sie stellt sich der Leser*in nur durch die Augen des Erzählenden dar.

Was er von der erzählten Welt weiss, bestimmt somit auch den Informationsgrad der Erzählung. Bestimmt also auch das Wissen der Leser*in.

Wie er zu der erzählten Welt steht, bestimmt somit auch die Art und Weise, wie von dieser fiktiven Welt erzählt wird. Hier kann sich eine grosse Lücke öffnen zwischen der Welthaltung einer Leser*in und derjenigen des Erzählenden, sowohl allgemein-menschlich als auch politisch und sozial. Die Mentalität des Erzählenden kann als stossend oder als anregend empfunden werden.

Dass der Erzähler selbst, also der Autor*in, ungleich mehr über die erzählte Welt wissen muss, steht gleichzeitig ausser Frage. Denn er oder sie bestimmt ja die Perspektive auf diese erzählte Welt. Will heissen, während der Erzählende erzählt, muss immer deutlich durchscheinen, dass es sich dabei um eine partielle Perspektive handelt, von der Persönlichkeit und der Lebenserfahrung des Erzählenden eingefärbt. (Hier können Dialoge, Briefe oder Erzählungen anderer Personen helfen, die mehr oder minder eingeschränkte Sichtweise zu erweitern.)

Die literarische Ebene

Als letztes Problem des Schreibprozesses stellt sich mir die Frage nach der literarischen Tragweite und Glaubwürdigkeit des Erzählten dar. Denn als Autor und Lyriker kann ich nicht einfach nur eine Welt «erfinden» oder «herbeirufen» (was ich in jedem Gedicht mit Leichtigkeit ohne erzählen zu müssen vollbringe) – ich muss ihr auch einen literarischen Gehalt einflössen können.

Um nochmals mit dem Gedicht zu vergleichen: In einem Gedicht kann ich skizzenhaft und metaphernstark andeuten, wie die Welt, in der das Gedicht «spielt», aussehen und beschaffen sein könnte. Ich kann mich darauf verlassen – wenn auch wie ich aus Erfahrung weiss ohne jegliche Garantie -, dass die Leser*in ihren Weg in die «Welt» des Gedichts finden wird, genügend Kraft mitbringt, um die Lücken des Gedichts zu füllen. Denn in und von diesen Lücken, Auslassungen, Andeutungen, in und von diesen «Ausschnitten und Stücken» lebt das Gedicht, die Lyrik recht eigentlich. Der literarische Gehalt eines Gedichts hat also viel mit der «Erzählweise» eines Gedichts zu tun.

Der literarische Gehalt einer Geschichte oder eines Romans steht und fällt mit dem Erzählenden. Am einfachsten ist dieser Gehalt in der «auktorialen Pose» (wie ich es nenne) zu erlangen: hier kann der Autor*in leicht in seiner «eigenen» Sprachhaltung verbleiben, kann der Autor*in aus seiner ganzen, nur ihm «eigenen» Sprachmacht schöpfen. Thomas Mann ist so ein Beispiel, aber auch ein Musil.

Wenn ich jedoch einen Otto-Normalbürger als Erzählenden habe, stellt sich die Frage danach unmittelbar, wie ich diesen literarischen Gehalt, den «poetischen Mehrwert» einer Geschichte oder eines Romans schaffe. Natürlich kann das über die spezielle, von der Persönlichkeit des Erzählenden stammende Perspektive hergestellt werden, auch über die erzählte Welt.

Doch mein derzeitiges Sorgenkind ist die Sprachhaltung und die Sprachmacht meines Ich-Erzählers: wie gelingt es mir, seine Sprach-Beschränkung und seine Erzähl-Unerfahrenheit von einem Nachteil in einen Vorteil zu wenden?

Entwicklungsroman: aufsteigend oder zyklisch?

Lieber eine Treppe ins Nirgendwo als eine Treppe zum Aufstieg. Lieber eine Runde mehr drehen als seine Träume verwirklichen. (Danke an Skitterphoto für die Fotografie.)

Ich musste durch eines dieser schwierigen Zusammentreffen von Umständen hindurch, wie man sich ihnen im Allgemeinen häufiger im Leben gegenübersieht und die man, auch wenn man sich in seinem Charakter und seiner Natur – unserer Natur, die unsere Lieben selbst erschafft, und beinahe auch die Frauen, die wir lieben, und sogar ihre Fehler – nicht verändert hat, niemals, das heisst, in den verschiedenen Lebensaltern, in der gleichen Weise angehen kann.

Proust, Im Schatten junger Mädchenblüte

Mitten im Roman stellt sich mir immer wieder die Frage, inwiefern sich der Protagonist meines Romans entwickelt oder entwickeln kann. Denn implizit schreibt da sowohl die Literaturgeschichte als auch die Lesererwartung mit.

Die Literaturgeschichte mit der Gattung oder dem Romantyp Entwickungsroman: Eine Figur wird mit der «erzählten Welt» konfrontiert und muss sich daran «abarbeiten» und «entwickelt» sich im besten Fall – zu einem mündigen Bürger oder einem aufgeklärten Menschen.

Die Erwartung der Leser*innen (auch meine eigenen, die ich beim Lesen an eine erzählte Figur stelle): Die Frage, ob ein Buch gelten kann, dessen Figuren am Ende unverändert «entlassen» werden. Es ist die Erwartungshaltung, die die moderne Welt, der moderne Mensch an sich und andere legt. Denn der moderne Mensch in der modernen Welt ist ja gerade dazu aufgerufen, fast schon im Selbstverpflichtungsmodus, «sich selbst zu verbessern» (elektronisch, virtuell, über Datenkontrolle und -verwaltung), weil in der modernen Welt ein konstanter Anpassungs-, Leistungs- und Evolutionsdruck herrscht. Eine Figur, die sich diesen Zwängen verweigert, die sich weder von Zielen leiten noch von Machbarkeiten drängen lässt, steht in meinen Augen fast archaisch in diesen Zeiten und Literaturen.

Ein bisschen Etymologie

Begibt man sich auf die Spurensuche nach der Wortherkunft von «entwickeln», stellt man folgendes fest:

  • Das Verb «wickeln» selbst hat ein weites «Netz» über die Sprache geworfen, so finden sich in «Docht» wie in «Wachs» oder «Wacholder» Spuren davon.
  • Ursprünglich in der Bedeutung von «Faserbündel, Docht», hat die Wortwurzel *ueg- mit «weben, knüpfen, Gespinst» zu tun.
  • Das Duden-Herkunftswörterbuch bestimmt die Bedeutung wie folgt: «Das abgeleitete Verb «wickeln» bedeutet eigentlich «ein Faserbündel um einen Rocken winden», aber schon in den ersten Belegen tritt es in der allgemeinen Bedeutung «um etwas winden» auf.»
  • «Entwickeln» ist dann so viel wie «auf-, auseinanderwickeln» (17. Jahrhundert), und im 18. Jahrhundert tritt es auch im übertragenen Sinne auf, also «(sich) entfalten, (sich) stufenweise herausbilden».

Befragt man den Duden nach der aktuellen Wortbedeutung, werden 7 Bedeutungsvarianten genannt. Meine Kritik am «Entwicklungswesen» gründet sich dabei vor allem an dem «stufenweise herausbilden» der ersten Variante (das ja bereits im ursprünglichen Begriff angelegt ist). Immer aber geht es um eine «Fort-Entwicklung», eine Verwandlung (die Entwicklung der Raupe zum Schmetterling) oder um ein prozesshaftes «Höher-Steigen» auf einer Art «Verbesserungs»-Leiter.

Wenn ich also darüber nachdenke, weshalb ich mich gegen das «Entwickeln» sperre oder dagegen ankämpfe, so hat das mit dieser mehr alltäglichen Verwendung von «Weiterkommen» und auch «erfolgreich sein» zu tun.

Das Beispiel Proust: Perspektivenwechsel und Reifungsprozess

Das zu Beginn stehende Zitat aus Prousts «Ewigkeitsschlaufe», der «Recherche», hat mich diese Woche – ohne nach Zitaten zu dem Thema auf der Suche zu sein – sehr und unmittelbar angesprochen.

Es verdeutlicht in meinen Augen sehr schön, dass es (wenn überhaupt) eine menschliche – charakterliche, auf die Persönlichkeit und ihre Verhaltensmuster bezogene – Veränderung oder Entwicklung gibt, diese sich mehr auf Anpassung, auf Reaktion als auf eine wirkliche evolutionär zu verstehende Weiterentwicklung konzentriert. «In veränderlichen Lebenslagen» sucht der handelnde Mensch andere (Aus-) Wege und Pfade, um den sich im Leben, in der Welt stellenden Problemen und Anfragen zu begegnen.

Proust gelingt es in seinem Meisterwerk vortrefflich zu zeigen, dass wir sehr früh einer gewissen «Natur» unterworfen sind und ihr gehorchen – in allem, was uns betrifft und berührt. Allein der in der Zeit und durch die Zeit – durch das Vergehen der Zeit, durch das Hindurchschreiten durch die Zeit – kann es dem Individuum gelingen, einen Perspektivenwechsel zu erreichen.

In Prousts Falle wird dieser Perspektivenwechsel nicht nur durch sein aufmerksames Beobachten sozialer Mechanismen herbeigeführt, auch durch das «Wiedervergegenwärtigen», das buchstäbliche «Aggiornamento» vergangener Momente und Gefühls- und Lebenslagen.

Vor dem Hintergrund dieser «Rück- und Einblicke» gelingt es der erzählenden Hauptfigur, die anderen Protagonisten (etwa den Baron de Charlus) erneut zu beurteilen. Dabei erkennt die erzählende Hauptfigur – soweit ich das verstehe – keine eigentliche Entwicklung, sondern ihm (vorher und bisher) verborgene Merkmale und Eigenschaften, die die Persönlichkeit der betrachteten, analysierten Figur verständlicher machen oder schlicht plastischer hervorheben.

Letztlich steht die erzählende Ich-Figur am Ende des Romanzyklus bei Proust erst am Anfang seiner Arbeit: Er hat begriffen, worum es in seinem Werk gehen soll oder wird, er hat die Mechanismen der Erinnerungen erkannt, er ist bereit dazu, dieses ständige Verschieben der Perspektive durch das eigene Erleben darzustellen.

Dabei handelt es sich aber nicht wirklich um eine «Entwicklung»: seine Person, seine Persönlichkeit ist durch die Jahre nicht verändert worden. Sie hat sich – ganz im Sinne der ursprünglichen Wortbedeutung – erst recht entfaltet. Die Persönlichkeit ist insofern gereift, als sie ihre Aufgabe im Leben ernst zu nehmen und zu verwirklichen begonnen hat. Ihre Natur, ihr «Wesen», wie man auch sagen könnte, bleibt jedoch weitgehend unverändert. (So ist seine Vorliebe für (allzu) junge Mädchen auch im (hohen?) Alter noch so stark, dass er sich von seiner «ersten Liebe» deren Tochter quasi vorführen lässt. Gilberte gibt dabei eine merkwürdige Figur ab, wird fast zur «entremetteuse» für ihre eigene Tochter…)

Und im wirklichen Leben?

Auch ich selbst könnte von einer solchen «Reifung», die keine «Entwicklung» im Sinne einer chronologischen Linie ist, auf der ich mich immer weiter von meinem Ursprung entfernt habe, quasi «per aspera ad astra», auch ich könnte von einer solchen Bewusstwerdung meines Lebenssinns sprechen. Eine solche finale Bewusstwerdung führt immer (wie bei Prousts Helden) direkt in die Anwendung, ins Handeln.

So habe ich lange Jahre mich mit der Tatsache herumgeschlagen und mich daran abgekämpft, dass ich kaum Zeit habe zum Schreiben. Ich war die meiste Zeit unglücklich darüber und in einem ständigen Zustand von Unrast, Unruhe und Unzufriedenheit. Ich hatte immer das Gefühl, meiner eigenen Aufgabe im Leben nicht gerecht werden zu können – und, wie einige böse Geister in und um mich vermutet haben, wollen.

Erst jetzt aber, an der Schwelle zum halben Jahrhundert, habe ich mich wirklich darangesetzt, den Romanzyklus in Angriff zu nehmen, von dem ich seit mindestens 20 Jahren träume.

Das, weil ich begriffen habe, dass ich diese meine Berufung endgültig verraten würde, wenn ich mich nicht endlich beim Schopf aus dem Sumpf der alltäglichen Ablenkungen und Sorgen reisse.

Auch hier würde ich nicht von einer Entwicklung sprechen, sondern vom Schliessen eines Kreises. Einer «Entfaltung» im Sinne eines zyklischen Lebens- und Welt-Verständnisses. Ich würde für mich die englische Redewendung «he has come full circle» in Anspruch nehmen: ich bin jetzt endlich da, wo ich hinwill, genauer: wo meine ganze Natur, mein ganzes Wese hinstrebt, und bin damit sozusagen wieder an den Ausgangspunkt zurückgekehrt. Auf keinen Fall würde ich mich also mit einem Schmetterling vergleichen, der sich verpuppt hat und dann in neuer (besserer) Form aus seinem «gewickelten» Kokon schlüpft.

Ebenso wenig würde ich für mich in Anspruch nehmen, jetzt irgendwie charakterlich oder in der Persönlichkeit gereift zu sein. Nein, ganz im Gegenteil: ich mache immer noch die gleichen Fehler im Alltag und in Beziehungen, falle auf die gleichen Anreize «hinein»…

«Retour à la nature», Back to the Roots

Wenn ich mir nun also überlege, wie sich mein Romanheld Fritz Remund «entwickeln» soll, so wird mir vor dem Hintergrund der oben angeführten Überlegungen klar, dass auch er so eine kreisförmige oder zyklusförmige Entwicklung durchmachen wird. Er geht ohne Tochter auf die Suche nach der Tochter, findet Leidens- oder Schicksalsgenoss*innen und lernt sich «besser» kennen – im besten Fall erkennt er sich für das, was er ist – und lernt auf dieser «aventiure» auch, wer er ist. Und was ihm die Tochter bedeutet, wer sie für ihn ist.

Wenn ich also einen Entwicklungsroman schreibe, möchte ich ihn fast «Entfaltungsroman» nennen. Denn in ihm geht es nicht darum, dass der Held «etwas wird». Es geht vielmehr darum, dass er wird, wer er ist (immer schon war). Er ist am Ende nicht weiter oder besser als vorher. Er wird sich immer noch in die gleichen «falschen» Frauen verlieben und immer noch die gleichen «falschen» Verhaltensmuster ad infinitum durchziehen – aber er weiss jetzt besser, wer er ist.

Er hat also seine Wurzeln, seine Natur (im Sinne auch von Prousts Zitat) erkannt. Wie sein Autor.

Stand-Alone-Complex

„Der Wald in meinem Rücken“ – mit Dank an CisseAndebo für die Fotografie

«Wir gingen mit der Oma immer tiefer in den Wald…»
(Venedikt Erofeev, Moskau-Petuschki)

Dickicht ist eines meiner poetischen Lieblingswörter. Es wäre das erste, was ich in meinem immer für später geplanten «Wörterbuch der Poet*in» erarbeiten würde. Es ist gleichzeitig auch ein sehr einfaches, eines, das sich jedem und jeder sogleich erschliesst: Bedeutet es doch ein Durcheinander, ein Nicht-durchkommen, ein Versperrtsein, eine Unübersichtlichkeit, aber auch die Kraft und Fantasie der Vegetation, die für den menschlichen Verstand planlos erscheint, jedoch «ihre eigenen Wege» hat. Andere Wege als die menschlichen, die scheinbar planvollen.

Und dass ich dabei das Wort «Vegetation» schreibe, schliesst sich an die Macht von «Dickicht» an. Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein «eigenes» Wort, das «mir gehört». Es ist dem Meister Gerhard Meier entlehnt. Ich weiss nicht mehr, in welchem Kontext er es verwendet, nehme aber an, in dem Interviewband mit Werner Morlang («Das dunkle Fest des Lebens»). Dabei wertet er das «Vegetative» zugunsten des (menschlich) «Aktiven» auf; wiegt also das «Werden» auf gegen das «Machen».

Mit diesem Grundsatz wurde mir klar, wie sehr ich selbst «vegetativ» agiere (so paradox vor obigem Hintergrund diese Aussage scheint): Sehr viel von dem, was ich zu Papier bringe, entsteht unter der Humusschicht meines aktiven Denkens und Handelns, steigt in einem allmählichem Reifeprozess durch die dünner werdenden Schichten der fruchtbaren Schwarzerde auf und beginnt am Sonnenlicht des Erkennens (aber meist noch nicht oder niemals Begreifens) zu spriessen und wachsen, zu «bersten» (wie Meier das von den Knospen gesagt hat).

Der Prozess poetischen Wachstums hat viel mit dem Spruch von Dr. Cottard in «In Swanns Welt» zu tun: «Laisser venir» – nicht drängen und dringen, sondern werden lassen, sozusagen «machen lassen».

Stand – Stehen

Fast sieben Monate schreibe ich nun bereits an dem Roman namens «Jetzt kannst du nicht einmal mehr sprechen». Seit dem Anfang beunruhigt und verunsichert mich der Umstand, dass ich diesen Roman in der Ich-Perspektive verfasse. (Demnächst muss ich wirklich einen Post darüber schreiben, ich vergesse immer, dass ich noch keinen dazu geschrieben habe. Das zeigt auch an, wie sehr ich mich mit dem Thema der «Ich-Perspektive» schwer tue und mich sogar davor scheue, darüber zu schreiben.) Dass ich den Roman von der handelnden Person erzählen lasse, hat seine Gründe: Immerhin begibt sich der Protagonist auf die Suche nach seiner Tochter, und das kann ich sehr gut nachvollziehen, fühle mich also geradezu berufen, ihm meine Stimme zu leihen. (Auch wenn es nicht meine Stimme ist, sondern seine. Sagen wir einfach mal: Ich kann mich schon mal ganz gut mit der Person des Protagonisten «identifizieren».)

Doch weichen wir nicht ab vom Thema: dem Stehen im Text.

Ein Text hat immer eine grundlegende Funktion, von denen die meisten Autor*innen, soweit ich das sehe, selten sprechen, wenn sie von ihrer Arbeit reden: Der Text muss dem Autor*in selbst Halt bieten können. Will heissen, er muss der Autor*in nicht nur glaubwürdig erscheinen, denn vorerst wird es nur ihr / sein Blick sein, der auf den Text fällt. Der Text muss der Autor*in eine Art «Anlehnfaktor» bieten, vielmehr: einen «Dreinlehnfaktor».

Ein Beispiel?

Wie oft schon habe ich ein Gedicht oder eine Kurzgeschichte abgebrochen oder nicht «weitergesponnen», weil ich entweder nicht an den «Wirklichkeitswert» (oder -gehalt) des Textes geglaubt oder aber seinen «Bodengehalt», wenn man so will, seine «Bodenhaftung», seine Verankerung in meiner eigenen Ideen- und Sprachwelt nicht mehr erkennen oder auffinden konnte. Das sind meist Texte, die ich mit grossem Enthusiasmus aufgrund ihrer Idee beginne, dann aber den Halt darin verliere.

Das ist eine Grundangst meines Schreibens: den Halt verlieren. Diese Grundangst steht vor dem Hintergrund konventioneller Vorurteile gegenüber Künstler*innen und Schriftsteller*innen, die ich als Schweizer mit der Muttermilch aufgesogen habe: «Das sind doch alles Lebenskünstler*innen, die tun ja gar nichts Wirkliches, die lügen sich und uns ja nur in die Tasche, die sind nur zu faul, was Richtiges zu tun und arbeiten.»

Ich habe das mal als «die Angst vor der eigenen Lebenslüge» beschrieben: Du gibst dich der Illusion hin, dass deine so genannte «Berufung» wichtiger ist als dein eigentlicher «Beruf». Aus dieser Angst wagst du dann keine wirklich ernstzunehmenden Versuche, dieser Illusion durch Arbeit und Kreativität zu Geltung in deinem Leben zu verschaffen. Und wenn du es doch tust, bist du viel zu schnell entmutigt und lässt dich ablenken von deinem Vorhaben. (Story of my life!)

«Den Halt verlieren»[1] heisst also: Im Text nicht die Berechtigung für das Tun zu finden, das du tust.

Alone – Alleine

Denn du bist alleine mit deinem Text. Im Anfang – und vielleicht, wie ich mit vielen Gedichten erfahre, auch am Ende – stehst nur du zu ihm. Er «entstammt» nur dir. Du bist sein «Erstmotivator», sein «Erwecker».

Das ist ein schweres Los. Nicht nur steht deine Berufung auf dem Spiel, wenn der Text nicht «funktioniert», sondern auch deine Lebenszeit, deine Lebensenergie: Hast du, wenn der Text nicht «funktioniert», nicht deine Zeit mit etwas Unnützem verbracht?

Hättest du deine Zeit nicht besser verwenden können – mehr Zeit für deinen Sohn, deine Tochter aufwenden, mehr Zeit in noch bessere Religionsstunden stecken, alles Dinge, die doch weitaus sinnvoller sind als das Schreiben eines Textes?

Ich will es nicht überdramatisieren, dieses «schwere Los». Doch musste man nicht den Köppen richtiggehend einsperren, damit dieser sich an den geschuldeten und versprochenen Roman setzte und daran weiterschrieb?

Du bist alleine mit dem Text. In manchen Fällen sogar «alleine im Text». Und wie ein Vater, der für sein Kind sorgt, trägst du meistens die Verantwortung ganz allein. Denn gegenüber einem Text hast du eine Verantwortung: Du hast ihn nicht nur zu verantworten, sondern bist regelrecht für sein Gedeihen und Überleben verantwortlich. Kurz, mit dir fällt und steigt die Überlebenswahrscheinlichkeit des Textes. Hältst du nicht durch, verschwindet der Text.

Complex – Verwoben

Doch natürlich steht dein Text nicht ganz allein. Er ist ja nur die jüngste «Inkarnation» des immer gleichen Texts, den du zu schreiben versuchst. Er ist der berühmte Zwerg auf dem Rücken der Riesen, selbst wenn die Riesen selbst nur Zwerge oder Kröten waren.

Der Text hat eine Familie, eine Vor- und manchmal auch eine Nachgeschichte. Auch darin bist du dem Text verpflichtet. Du bist dafür zuständig, ihn gut einzubetten in diese Erzählung.

Der Text darf natürlich alleine und für sich stehen, das tun die besten Texte ja sofort, nach den ersten Zeilen schon. Dennoch muss der Leser*in klar werden, wem er gehört, woher er kommt, was er mitschleppt an Treibgut und gebleichten Knochen.

Diese Verwobenheit mit deiner «eigenen Welt» ist spürbar, wenn der Text dir ein Gefühl von Unabhängigkeit vermittelt. Will heissen, wenn du merkst, dass nun jede*r kommen kann und ihn berühren und verunstalten und umarmen kann, ohne dass ihm was passiert. Er ist lebensfähig geworden. Er hat seine Unabhängigkeit wohl verdient. Du musst dich nicht mehr sorgen.

Stand-Alone-Complex – Das Dickicht hält

Mein Roman trug anfangs bezeichnenderweise den Titel «Den Wald im Rücken». (Dieser Ausdruck kommt immer wieder vor im Roman, ich habe ihn zu einem metaphorischen Leitmotiv gemacht.) Dieser Ausdruck meint, dass der Held der Geschichte zwar in einer absoluten Lebenskrise steckt, aber in der Natur hinter seinem Haus, die ganz eigenen Gesetzen und Prozessen folgt, einen Halt findet.

Das Dickicht hält den Protagonisten aufrecht. Er kann sich daran lehnen, er kann die Verwobenheit des Grünen spüren und daraus Kraft schöpfen.

So geht es mir derzeit mit meinem Roman. Ich befinde mich im 6. von 10 geplanten Kapiteln, auf Seite 185.

Ich habe nun reichlich «Wald im Rücken», der mich hält. So viel ist schon passiert im Roman, so viel Details wurden eingeflochten, mit den Personen des Romans in Verbindung gebracht, so viel «Weg» ist schon zurückgelegt.

Natürlich ist es immer noch unheimlich, «alleine mit der Oma in den Wald hinein» zu gehen, aber ich weiss jetzt, dass dieser Roman leben wird.

Er wird leben, weil er alle drei oben genannten Kriterien zu erfüllen beginnt.

Das ist ein unglaublich gutes Hochgefühl: zu wissen, dass der «Lauf» begonnen hat. Jetzt ist das Schreiben wie eine Strasse – immer noch mit Löchern und Unebenheiten, Kreuzungen und fehlenden Hinweisschildern, natürlich!

Der Wald in meinem Rücken – der Text in meinem Rücken – wächst immer mehr an, treibt mich voran, wird selbst zu seiner Motivation, befruchtet sich selbst, er ist kurz vor den ersten Schritten ganz allein, eingesponnen in meine «eigene Welt».

Das ist Glück.


[1] Und ich merke gerade, das wird der Post, der neue Massstäbe in Sachen «Wörter in Anführungszeichen» setzt… Somit erkläre ich diesen Post als den «Post mit den Anführungszeichen» und dieselben zu «Stilmitteln»…

Kaonashi* / Ohngesicht

Werde immer dort
Dort auf der Brücke
Warten auf dich
Ohne Hände
Ohne Füsse
Denn bin noch nie wo
Gewesen wo die Geschichte
Mir gehört: erwachse
Wo es sich ergibt und wo
Etwas beginnt: als begänne
Für mich nicht nichts
Das zu vergehen
Wert wäre und richte mich
Auf Vonstattengehendes aus:
Lang und schmal und spiegelschwarz
Folge ich dir
Hinunter in die Tunnels
Hinauf in die Armleuchter
Und grade wenn die Reife stimmt
Das Fleisch sich zu diesem Rosafeld herausgebildet hat
Dein Gesicht deiner Stimme zu gleichen
Meine Lust an dir zu erwachen beginnt
(diese Zehen wie Nasen! diese Nasen wie Zehen!)
Und lange lange bevor meine wahre Grösse erreicht ist
Vollgesogen mit all dem Junk
Der mir dort wo du bist
Und schon viel zu bald nicht mehr sein wirst
Ausdrucksmöglichkeiten
(Von Fähigkeiten gar nicht erst zu reden)
Persönlichkeitsregister bietet
Steigst du aus der Geschichte aus
Springst über den letzten Cliffhanger
Und lässt mich im Luftzug stehen

Werde immer dort
Dort auf der Brücke
Warten auf dich:
Hoch über den Niederungen
Die mich ausdünsten
Und wo die Züge immer schon abgefahren sind
Und nach Annahme und Anstoss gieren
Sandburg und Luftschloss in einem:
und denke im Schulterzucken der Brücke
Warum denn beklagen –
Die Rolle ist doch festgelegt
Wie deine es sein wird:
Was für eine Freiheit
Im Gegensatz zu einer solchen
Verlorenheit: lieber doch
Dieses fliessende Spukkleid
Als eine wahre Persönlichkeit!

Wahre Persönlichkeit
Macht mich wütend:
Im Luftzug auf meiner Brücke
(Ja meiner Brücke!)
Mehr Nimmerland als das Kurhaus je sein wird
Da drüben wo dir
Die Verantwortung für deine Taten
Und für das dir Zugefügte
Ausgewaschen wird:
Unter all dem Tandaradei und Hunger und Eifer
Die realen Ritzen
Die fast vergessenen Falten
Die taufrischen Widerstandstaschen
Die unverschlungenen Unkosten Unkunden Ungeister
Hervortreten und hervorspritzen
In dieser ewigen kubitalen Spartakiade
Nach Haltung und Heranwachsen und Heilung
Die in meinen Augen
Wenn mir denn welche zugestanden wären
Nichts anderes ist als
Augenwischerei:
Beginne doch immer wieder
Dort mit dem Warten
Wo du schon mal aufgetaucht bist
Mit meinem transparenten Mantelleib
(meinem Astralleib!)
Und habe meine Wut
In Verantwortung genommen
Für die Ewigkeit dieses Ringens
Um Kenntlichkeit statt Erkenntnis:
Meine Wut über das Staunen in deinen Augen
Meine Wut über deine Angst angesichts der Frage
Meine Wut über diese Lust an Treppen Stufen und Levels:
Sie passt mir immer besser
Und im Nachstürmen
Denn immer läufst du ja draus
Aus diesem Purgatorium
Denn Heranwachsen ist schwer
Im Nachsetzen nach dort
Wo du wieder wirst
Wie werden du kannst
Sagt mein Name
Meine Spiegelschwärze
Meine Sprachlosigkeit
Meine Unbegründetheit
Mehr ich als der ganze
Lauf deines Lebens.

*Kaohnashi oder Un-/Ohngesicht ist eine Figur aus Miyazakis Meisterfilm „Spirited Away“ („Chihiros Reise ins Zauberland“).

Du kannst mir alles sagen

Die Tränen würgen mich.
Ein Schluchzen wie ein Husten schüttelt mich
Und befreit Achseln und Arme aus dem Kotau.
Nicht verstehe ich. Ich möchte
Eine auffliegende Haltung annehmen
Denn der schweissschwere Flaum meines Körpers sträubt sich
Selbst meine Nasenflügel weiten sich unterm widerborstigen Streben der Zilien
Möchte aufgerichtet aufstreben
Aus dem feuchten leicht ansteigenden Moai-Matten
Möchte… es gibt so viel zu erklären
Es gibt so viel zu verstehen
Es gibt so viel das unfertig
Ungesichtet ungerettet
Herumliegt in allen Mündern meines Körpers
Und das doch nicht den Weg behindert
Weil der Boden sich ständig hebt und hebt
So scheint es mir aber wer bin ich denn
Dass ich sagen könnte: hebt und hebt
Vielleicht wäre eher sinkt und sinkt das richtige Wort
Ja ich sinke und hebe mich
Hebe mich und sinke
Und wie ein Moorgang
Lauter rundgerollte und geschliffene Findlinge
Von der Boulekugel bis zum Bollwerk
Und das Lispeln der Erlen
Über dem reissen Knallen meiner Sarkomere
Und ich möchte diese auffliegende Haltung
Doch nicht wieder aufgeben und
Einsinken in die nachgiebige
In die verzeihende Erde bis zur Hüfte und
Darüberhinaus bis nur noch meine Nase
Ihre Flügel ausbreitet und ich schluchze auf
Es gibt doch mehr als dieses geschmeidige
Mukusgelbe Lachen
Nicht wahr und ich möchte
Nicht als Archäologe
Mich selbst Schicht um Schicht
Freilegen müssen das musst du wissen
Und an all dem Gestammel und Gebammel
Denn Furcht ist wie die Trauer
Das Öl das mich anfeuert
Und Wut natürlich aber verstehen
Mein Verstehen geht nicht beim besten Willen
Mute mir das nicht zu: ich spüre
Das feine Tippen der Tropfen an meinem nackten Hals
An meiner vernachlässigten überwucherten Kehle und nähme ich
Es auch in Angriff und griffe mit entschlossenen Schaufelhänden
In die schwarze ungepflügte Erde
Um zu heben was zu heben Wert ist
Tiefer als mein versunkenes Geschlecht
Tiefer als meine einwärts gedrehten Füsse
Über ich schon als Kleinkind unablässig gestolpert bin
Siehst du ich bin sogar bereit
Meine eigenen Körperteile zu Sündenböcken zu erklären
Um dem Unausweichlichen zu entgehen
In dem ich zu den Aktinomyzeten an meinen Wurzeln zu halten bereit bin
Oh und ich fürchte mich gar nicht am Stickstoff zu ersticken
Ich muss ja dort unten gar nicht atmen
Wo der Pfeffer für meinen Hasen begraben liegt
Ja du hörst es: lieber taumele ich
Über die feuchten Planken
Die mich weiter hineinführen
In die unaufweichliche ödemfreie
Bindungslose mehrstimmige
Du würdest sagen: unstimmige
Rampe die ich bin
Ah ich bin das Nitrat für diejenigen
Die sich zwischen diesen erratischen Blöcken
Auf eigene Gefahr begeben wer bin ich denn
An dieser Aufgabe diesem Zweck zu zweifeln
Und auch wenn mein Schluchzen noch kein Begreifen ist
So ergreift es mich doch ein wenig
Dass ich noch dazu fähig bin und
So selbst ergriffen aber
Verständnisinnig verständnislos
Starre ich weiter auf das graue Meer hinaus
Das in seinen unzählbaren Bewegungen
Bis an den Strand ausstrahlt
Und an meinem Nabel leckt wie du nie
In dem sich immer wieder die Staubfetzen sammeln
Die du aufwirbelst in meiner tropfenden
Bunkermentalität: bin ich nicht
Die Versinnbildlichung des Begriffs
Réduit… doch auch darauf
Kannst du mich nicht reduzieren
Denn unter den schweren Glocken des Nieswurzes
Unter dem weissen Afro des Wollgrases liegt doch
Hoffentlich und ich höre dich seufzen und zweifeln
Liegt doch immer noch der Granitfelsen
Auf dem das alles aufliegt
Als Erdfell: unverrückbar liegt es
Kalt und hart und mit seinen äonenalten
Epochewährenden Schürfungen und ich
Möchte wie eine Dohle
Keckern aus dieser Beziehung auffliegen
Denn immer noch warte ich auf das lange graue Gesicht
Eines Roggeveens: was hälfe es mir denn
Zu verstehen: im salzigen Wasser stehen und
Wissen müssen: unterm Würgegriff meiner Tränen
Länge ich meinen Hals wie einen Hafenkran
(Hooray, Dylan!) und hebe
Wer weiss ein letztes verbocktes Mal
Meinen Kehlkopf mit einem spöttischen Ziegenblöcken
Bis er mein Gaumensegel berührt
(was für eine österliche Liebkosung!)
Und breite den Findling meiner Zunge aus
Über die nebeltrübe Herbstfläche
Die nur für dich zum Haifischbecken wird
Und spüre das Zerren des Muskelkaters
Und blicke so unter der Schirmherrschaft meiner Zunge
Hinaus auf die Geröllhalde
Und wenn du möchtest: den Steinbruch
In dem ich das Unverstandene und das Unausgesprochene verklappe
Und die Tränen zeichnen in den Staub
Die Umrisse einer neuen Gestalt
Oder eines neuen Kleides
Gräulich wie die Asche in den Urnen.

Sommerabend mit Diane

Die erste Fledermaus taumelt
Niedrig durch den Himmel
Der erst erbleicht vor der Nacht.
Die Amsel tappt über das Glasdach meines Balkons
Singt prüfend eine halbe Strophe und fängt
Einen schweren Käfer ab. Dann
Kommen die Störche aus dem Elsass herüber
Langsam und schwer
Lange fliegende Nasen
Und es liegt am Buch das ich lese
Dass ich an das Kitzeln der Schamhaare an der Nase denken muss
Und an den erdigen Geschmack auf der Zunge
Als schlürfte man den Boden eines Kiefernwaldes.
Immer wieder blicke ich nach Westen
Weil der Wolkenschaum da hinten
Mich an etwas erinnert
Aber es fällt mir nicht ein:
Könnte ein Atompilz sein oder
Pieros Feuersbrunst oder einfach
Ein Schlot. Ja das wäre schön
Einer dieser alten Männer zu sein
Die mit den Händen in ihren tiefen Taschen
In einem Kinderbuch tageweise auf das Meer
Hinausblicken.

Eine eigene Welt

(Screenshot aus dem Trailer von „The Place…“ von Makoto Shinkai. Dieser Screenshot zeigt schön auf, worum es letztlich in allen meinen Romanen geht.)

Gestern habe ich „In Viriconium“ von M. John Harrison fertig gelesen, den dritten Roman seiner „Viriconium“-Trilogie („Die Pastell-Stadt“, „Ein Flügelsturm“ – die beiden andern Romane der Trilogie, entstanden 1971, 1980 und 1982) .

In meiner Ebook-Ausgabe von diesen Werken folgen auf diese Romane noch einige Geschichten, die in und um die sagenhafte modern-mittelalterliche Stadt namens Viriconium angesiedelt sind. Sie verleihen den drei Hauptromanen durch ihre Nebenfiguren und Parallelhandlungen ein zusätzliches Schillern an Glaubwürdigkeit und „Echtheit“.

Viriconium gibt es nicht „in Echt“

Nicht nur diese drei Romane haben meinem nun bereits halbjährigen nächsten Versuch, einen Roman auch wirklich fertig zu schreiben, zusätzlichen Schub gegeben. Mehr noch hat dazu ein Artikel von M. John Harrison selbst beigetragen, der mich die Tragweite und Grenzen einer „literarischen Konstruktion“ besser verstehen liess. Der Artikel heisst „What it might be like to live in Viriconium“ und stammt aus dem Jahr 2001 (zuletzt abgerufen am 13.06.21).

Dieser Artikel ist zugleich eine Bejahung der Existenz (und Existenzberechtigung) von literarischen Welten als auch eine Absage an deren Existenz. Darin erklärt er, dass er diese Frage weder gestellt bekommen noch beantworten wollen habe müssen. Und er fährt fort:

Daher machte ich diese Welt zunehmend veränderlich und komplex. Du kannst ihre Regeln nicht lernen. Noch wichtiger, Viriconium ist nie zweimal der gleiche Ort. Das kommt daher, weil es – wie Mittelerde – kein Ort ist. Es ist ein Versuch, die Güterkosten zu beleben, die angeboten werden. Diese Güter sind, wie in Tolkien, Moorcock, Disney oder Kafka, Le Guin oder Wolfe, ideologische Güter. Viriconium ist eine Theorie über die Machtstrukturen, die die Kultur zu verhindern geschaffen ist; eine Allegorie der Sprache, wie diese nur scheitern kann; die Bekanntmachung einer philsophischen (um nicht zusagen ethologischen) Verzweiflung. Und gleichzeitig ist es eine schamlose postmoderne Fiktion (Romanliteratur) des Herzens, aus dem just aus dem Grund all die von uns ersehnten Werte herausgeschwemmt worden sind, damit wir sie wieder dorthin zurückstecken wollen (und sie in diesem Versuch wieder neu betrachten). Wie alle Bücher ist Viriconium einfach ein paar Wörter. Da gibt es keinen Platz, keine Gesellschaft, keine verlässliche Zukunft, um es „echt zu machen“.

Eine schamlose postmoderne Fiktion des Herzens

Seit „Akira“ und noch stärker seit „Ghost in the Shell„, die, wie ich gerade verblüfft feststelle, immerhin 7 Jahre auseinander liegen (1988 und 1995), bin ich fasziniert von zweierlei Themenkreisen: auf der einen Seite von der Pubertät als jener Zeit, da in der Veränderung plötzlich Unglaubliches möglich scheint – sogar die zeitweise Verwandlung eines Menschen in einen Panzer -, und auf der anderen Seite von den apokalyptischen Szenarien, die mit der Klimakrise und Covid-19 noch viel realer als in meiner Kindheit und Jugend wurden. Seither möchte ich ein Buch schreiben, das diese beiden Themen verbindet. Oder vielleicht halt doch eher Bücher, die diese beiden Themen verhandeln.

Derzeit sitze ich an „Jetzt kannst du nicht einmal mehr sprechen„, einem Roman, den ich für meine Tochter schreibe. Darin geht es um die übernatürliche Invasion von fremden Wesen namens Sirenen in eine ganz und gar befremdliche Gegenwart, die dennoch den Orten, an denen sie spielt, gleicht. Menschen verwandeln, verändern sich. Nukleare Katastrophen und Umwelt-Terroristen haben die Schweiz aufgespalten in einzelne kleinere Gebiete, lange Zeit herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. (Ich möchte mit seiner Rohfassung im Januar 2022 fertig sein, um ihn bis zum nächsten Januar – 2023 – zu überarbeiten und „gut zu schreiben“.)

Nachdem ich Harrisons „Grundsatzerklärung“ (wie ich sie bei mir nenne) entdeckt und gelesen habe, wurde mir klar, dass ich mir weniger Gedanken um die „Echtheit“ als um die „innere“, philosophisch-psychologische Glaubwürdigkeit der Geschichte(n) machen muss. Das hat mich sicher sehr befreit, fast ein wenig dynamisiert. Auch das in dem Aufsatz angedeutete Spiel mit einer schillernden Erzählwelt hat mich angespornt und überzeugt, meinem grossen Romankomplex (auch eine Trilogie, wie kann es anders sein) den Raum und die Schreibzeit zu geben, die sie braucht.

Umso mehr, als ich während des Schreibens unwillkürlich in die Nebenräume der Romanwirklichkeit eingedrungen bin, die von den beiden anderen Romanen beschrieben wird.

Ausdehnung der Schreibzone

Meine beste Freundin hat mich letzthin eindringlich davor gewarnt, mich im Schreiben nicht zu verzetteln. Mich ganz auf den jetzt vor mir liegenden Roman zu konzentrieren. Doch in meinem Schreiben habe ich die beiden andern angefangenen Romane indirekt „wiederbelebt“: „Bewahrung der Welt“ heisst der eine, der im Freiamt (AG) spielt – das gar nicht mehr das Freiamt ist, wie es die Freiämter kennen dürften -, „5 Stunden bis zum Krieg“ der andere.

Der Titel des Letzteren übrigens ist ein schamloses postmodernes Zitat aus Makoto Shinkais Meisterwerk „The Place Promised in Our Early Days„. Darin fällt dieser für mich und vermutlich für viele Pubertäre und Jugendliche prägende Satz:

Ich bin die einzige, die auf der ganzen Welt übrig geblieben ist… So fühlt es sich an.

Als ich nun beim Schreiben bemerkte, wie der Roman mit der zunehmenden Anzahl der geschriebenen Seiten zu atmen begann, war ich nicht nur glücklich, sondern merkte auch, dass er die Verbindung, das Glaubwürdigkeits-Netzwerk der anderen beiden Romane braucht. Er ruft danach.

Ich habe diesen beiden anderen Romanen nachgespürt und in ihnen nachgelesen. Sie haben mich gerufen, aber ich muss sie besänftigen. Ihre Zeit ist noch nicht gekommen, sonst werde ich mich wie meine beste Freundin zu Recht befürchtet, wieder verzetteln und verlieren.

Doch werde ich mir erlauben, die Schreibzone auszuweiten: zentrale Grundlagenliteratur für alle drei Romane ist ein Buch, das ich damals, während des Schreibens an „Bewahrung der Welt“ in den Jahren 2013-2015, „Das Buch von Wicky Alois“ genannt habe.

Dieses Buch nimmt seinen Ursprung in dem spätmittelalterlichen Roman „Wigalois. Der Ritter mit dem Rade“, der selbst eine Art Metaroman der hochmittelalterlichen „Aventiure“-Romane ist. 2015 hatte ich begonnen, diesen Roman ins Schweizerdeutsche zu übersetzen. Es ist bei der Bemühung geblieben. Aber jetzt, da er mir wieder in den Schreibprozess „gefallen“ ist, werde ich ihn nahe bei mir halten, um ihn immer wieder „hineinsprechen“ zu lassen in meine unkonsequenten, veränderlichen und komplexen „Welt“, in dieser zunehmend komplexeren und veränderlichen Gegenwart, die wir erleben.

Erkennst du das Verfahren? Es heisst Leben.

Und noch einen Anstoss hat mir Harrison gegeben. Ich bin Hals über Kopf in meinen Roman gestartet – noch dazu in der Ich-Perspektive! – und habe ich mich immer wieder an Wendepunkten oder in schwierigen Situationen gefragt: Was mache ich da überhaupt? Hat das denn einen Sinn, ganz vergessen: eine Glaubwürdigkeit?

Als Antwort möchte ich nur Harrison zitieren. Und mir die Gedanken zur Ich-Perspektive für ein andermal aufsparen:

Du kannst es nicht für diese Dinge lesen (für die Echtheit der Dinge darin), daher musst du es für alles andere lesen. Und wenn seine Landschaften nicht kartografiert werden können, seine Drohung einer unendlichen Tiefe (oder wenigstens von unendlicher Rezessivität) kann nicht aufgelöst werden, sondern muss zu ihren eigenen Bedingungen akzeptiert werden, als eine Garantie wirklichen Abenteuers. Keine Person „überlebt“ Viriconium je: sie können im besten Fall, nachdem sie hineingesogen worden sind, darauf hoffen, ganz wieder ausgespuckt zu werden (wenn auch verändert). Erkennst du das Verfahren? Es heisst Leben.

Und ist das nicht eine wundervolle Antwort auf R. L. Stevensons Aussage darüber, dass „Bücher ein ziemlich blutleerer Ersatz für das Leben sind„?

Das gelebte Leben

Jetzt ist es still.
Eine resolute Hängepartie zwischen einer Raison d’être und dem aufgebäumten Salzwagen
Der auf dem Schleim vom Alltag besteht:
Hoch über dem Mordent der Mönchsgrasmücke
Und den Sandküsten von Allroundbetreibern ebenso wie den Pfandgläser der Standbesteher
Bis an den Portikus der ausgewechselten Liebesmühen
Und eine einzige Wolke nur
Aus intransitiven Verben bestellt und
Aus mikronesischen Absagen an die Kommandantur der Nasalfarben
Und es ist still wie im Herzen eines Makos
Der durch die Fluten schiesst und die Floskeln
Denen du Sauberkeit und Ordnung abgewinnst
Als sei die Alltagsbewältigung weiterhin eine rein linguistische Angelegenheit oder aber
Diese berühmte Raison d’être:
Eine Wirrnis zwischen einem Praller und der aufgeschobenen Rahmenhandlung
Die wie Blicke auf einen basketballspielenden Asiaten in die nasskalten Pupillen der Leben springen
Die still ruhen und absehen
Von den nickenden Mühsalen einer unablässigen Zweisamkeit
Und die Milchkanonen beschützen
Die in ihren gut vorbereiteten Vorurteilen aufbereitet sind wie die Stäbe
Die noch Risiken begrenzen: in der Stille
Sammeln sich die verlorenen Hühner
Die in den Büschen die Knochen eines jungen Bären gefunden haben
Oder auf den Matten die reifen Augenballen eines Hahns: Nein
Diese geschürzten Märchentanten
Diese entgräteten Hörensagenonkel
Haben sich doch zu gut unter dem Doppelschlag
Aus abkömmlichen Sagen und vorbereitenden Freuden eingerichtet:
Und jetzt ist es still und aus den Tiefen der Umzugskartons
Steigt dennoch staubig und mit dem Geruch von Kardamon
Die gräuliche Entmutigung hinauf
Wird laut wie die Rotorblätter eines Rettungshubschraubers und
Erstickt den ersten Laut in der Kehle
Mit dem Frühlingsregen und dem ungelebten Leben der Neinsager und den ungefickten
Ingredienzien für den Flug der Elster durch die Gärten
Auf der Suche nach dem Nest der Mönchsgrasmücke
Und ich fahre mit meinem Finger liebevoll auf meinem Küchentisch
Über die eingetrockneten Spuren von Orangensaft.

Endlich Abschied

Und die Müdigkeit hält mich in ihrem weichen Muskelkrampf
Fest: das Angesicht ihres Beharrungsvermögens sieht wie immer
Lächerlich aus: wie der mangelnde Ernst eines Chargeurs
Angesichts eines Contrecoups aus haargleichen Spitzfindigkeiten
Die sich über dem ausgedehnten Archipel der Zähmung die Hand reichen
Und was auch immer geschieht: schwerfällig
Raffe ich mich auf mit den Händen auf den Knien
Die sich in den Spiegeln deiner Wider-
Deiner Anderworte brechen wie Boxernasen:
Ich fühle das blaue Licht der Applikationen bis in die Liftschächte meiner Vorurteile
Und die Müdigkeit befällt mit ihrem weichen Bonmot aus Neugier und Abscheu
Selbst die hinteren Stufen meines Menschenhasses: Ja
Ich sehe diesen Kropf
Der mir aus deinen Augen entgegengewachsen kommt:
Vermag nicht länger deine Partei zu sein:
Deine Partie zu spielen wie ein Kniebeugereflex –
In der Abgeschiedenheit liege ich auf uringelben Spannteppichen und höre
Das Wiehern von stiefmütterlichen Gesangsübungen
So unerhört natürlich dass künstlich
Aber niemals gekünstelt bitte sehr und ich spüre
Das Nachlassen der Anspannung hinter meinen Ohren
Während doch noch ein letzter Finger von Eis
Mir über die Stirne fährt und in die Birne:
Was gäbe ich für die Ansichtskarte von der Savanne
Die ich schützend und wissenden Auges in mir herumtrage
Wenn ich deinen Aussagen glauben schenken darf:
Einen ungelernten weissen ungeleckten Fleck von unbestimmter Durchlässigkeit
Einen ungebannten weissen spröden Fleck korrigiere ich mich
Und drehe mich der Schimmelwand zu die mir näher ist als du
Die mein Leben bisher ganz gut imprägniert hat:
Deine Aberworte mögen wie Monsun wirken woanders
Hier handelt es sich doch nur um verunglückte Konjunktionen –
Und ich wende mich von den Brandherden und von den Rodungen nur zu gerne ab
Während im Freitagabend das was ich getan habe das
Was ich unter dem Wiehern der Hochzeitskutschengäule noch sein kann das
Was ich einmal und wieder und wieder wünschte und nicht
In ein Pourparler überzuführen die Courage hatte
Unter dem erhobenen Chitinschwanz ein letztes Mal aufscheint.

Holbeinplatz

Hier bin ich wieder
Auf dieser Halbinsel im Abendverkehr
Und der Staub fliegt auf
Und die Spatzen baden in den Sandkuhlen und zetern
Zetern. Hier bin ich wieder
Markiere meine Weile mit dem Dennersack
Und ertrage die Dauer in Bierschlücken.
Die kommenden Tage und Wochen und Monate und Jahre erstrecken
Erstrecken sich grund- und endlos
Vor mir wie die Tonsur der beiden Ahornbäume
(günstiges Gras und Buschwindröschen)
Und ich brüste mich vor den Spatzen und mit dem Gedanken an den alten Schosshund
Der von seinem ebenso alten Frauchen an der Leine hinterhergezerrt wird
Hinterhergezerrt und mit zärtlich gehässigen Worten ermahnt wird
Einzige Fortbewegungsart: würgend gegen die Gehrichtung gestemmt:
Und kann nicht anders als an Rilkes Panther denken
Den mein Sohn und ich noch 2011 im Jardin des Plantes
Die Stäbe seiner Betonbühne haben abschreiten sehen:
Plötzlich kommt heftiger kalt beissender Wind auf und Wolken verdecken die Sonne
Kälte des Biers und  Tages vermischen sich
Und ich zähle die Münzen aus meiner Uhrentasche 2.65 bleiben mir noch
Rechne: das sind noch 4 Dosen – Du und ich
Wir werden eines Tages bei Sonnenuntergang durch eine Hintergasse
Schlurfen und in den Mülltonnen stöbern
Denke ich und finde mich momentan wieder zurecht
Anders besaitet zu sein und wie eine Bremse aufzukreischen
Und nicht im  Windschatten zu sitzen
Aus eigenem Verdienst nicht:
Nicht verstimmt: anders besaitet
Vielleicht gar den falschen Lack zu tragen –
Hier bin ich wieder
Im Rücken den Chor meines Sohnes
Die jungen Stimmen schwingen sich
Ooh – oh – Ooh – oh – oh – oh – Ooh
In die Höhe und die einzelnen Ohs verschmelzen zu einem Glissando
Vermelzen und werden mitten im Lauf ausgebremst
Einer besseren Artikulation wegen und die Sonne kommt wieder hervor
Aber jetzt macht es auch keinen Sinn mehr
Das Bürohaus wirft seinen Schatten auf den Platz aber immerhin
Die Luft ist blütenweiss – und ich denke
Es ist nichts dabei so zu enden und eine Gruppe Jugendlicher
Kommt spuckend und labernd auf den Platz
Verstreut ihre «Wallas» und «Alter, ich schwör» und «Diggas» und läuft
Breitbeinig mit ihren Energydrinkdosen in den Händen zwei, dreimal über den Platz
Und äfft die modulierenden Stimmen des Chors nach und meine leere Dose
Springt von der unebenen Fläche der Bank und klappert über den Kiesplatz.