Du führst mich in unsre windige Standt zurück
Die Berge wölben sich wie Brauen über den Himmel
In der Fromagerie blähen die Ziegenkäse ihre Backen
Die hängende Unterlippe der Schwimmhalle fällt auf die Trödelstände
Und als meine Mutter stehst du über einem Bohnentopf und fürchtest
Die langen Kabel des Bügeleisens und im verkehrsreichen Mittag
Setzt du mich an den Ausgang des Parks
Um in den engen Gassen
Die es in unserer Stadt nicht gibt
Nach einer letzten Spur von unserer Wohnung zu suchen
Und unser Sohn
Geschrumpft oder verkümmert
Hat das Lesen verlernt und hängt mit seinem Schinkengesicht
Über dem Wort «boshaft» und kann es nicht lesen
Kann es nicht lesen oder sagen und du
Kommst zu mir und zeigst mir deinen mondblauen
Unterleib mit seiner grinsenden Narbe
Und machst dich unten herum frei
Mitten in der windigen Dämmerung in unserer Stadt
Und ich denke noch einmal werde ich wissen
Wie du schmeckst ein letztes Mal
Nach langer Zeit das letzte Mal.
Autor: ofueglister
Gedichte schreiben: Aus einem Gedicht ausbrechen wollen

Quelle des Bildes Von wpopp – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16431
Das Anspruchsvollste im Gedichteschreiben ist sicherlich das Beenden eines angefangenen Gedichts, das du für einen, für zwei Tage liegen gelassen hast.
Genau wie das Redigieren und Korrigieren, der Feinschliff eines Textes eine der schwierigsten Arbeiten darstellt, die ein Schreibende*r unternehmen kann: Klarheit gewinnen und Abrundung, Abschluss («closure») kann ganz schön unter die Haut gehen. Soweit, dass ein Text dabei manchmal einfach sterben muss.
Du hast mit dem Gedicht angefangen, du hast klare Vorstellungen gehabt, vielleicht sogar – so wie es mir passiert ist – eine Gedichtform, die metrische Präzision verlangt. Und metrische Vorgaben sind immer Grenzen, die du innerhalb der Grenzen zu sprengen versuchen musst. Sonst klingt dein Text steif und abgestanden, nicht gegenwärtig. Sonst ist das, was du sagen willst (oder sagen könntest), verschüttet in Kunstfertigkeit.
So habe ich mich am Freitag an ein Gedicht namens «Die ungeteilte Leidenschaft» gesetzt, das ich am vergangenen Dienstag begonnen habe. Es ist in der Form einer Sestine abgefasst. Ich habe am Dienstag und am Mittwoch erfolgreich daran fortgeschrieben. Wenn ich auch am Mittwoch in ein grösseres Schreibformat (von A5 zu A4) wechseln musste, um die Gesamtkomposition im Auge zu behalten. Donnerstag fand ich keine Zeit, daran weiterzuschreiben.
Am Freitag nun habe ich mich am Rand des Tennisplatzes im Margrethen hingesetzt und versucht, den Faden dort aufzunehmen, wo ich ihn fallen gelassen habe. Doch trotz einstündiger Bemühungen bin ich keinen einzigen Vers weitergekommen. Das Thema der Leidenschaft für die Poesie schien mir im Gedicht plötzlich eingeengt, metrisch und durch die Gedichtform, aber auch durch die sprachliche Einstimmung des Gedichts. Als habe der Geigenbogen zu wenig Kollophonium, oder als habe die Hand, die ihn führte, jegliche Feinmorotik für diese so schwer zu erlernende «anklebende», aber nicht anpressende Leichtigkeit-Bestimmtheit der Bogenführung verlernt.
Darauf habe ich versucht, aus dem Gedicht auszubrechen. Meistens sind die ersten paar Wörter oder Sätze gut und richtig, wichtig und prägnant. Doch auch dieser versuchte Ausbruch aus dem Gedicht – auch das Weglassen der Form – halfen nicht. Der Gesang, den ich gehört hatte, der mich ins Gedicht getragen hatte, war verstummt. Das ganze Gedicht starb unter meinen Händen, so könnte man es sagen. Entmutigt liess ich es bleiben.
Doch die Stimmung, die Ansicht, die mich ins Gedicht getrieben hat, diese Haltung ist nicht weg. Sie sitzt in meinen Schulterblättern und wartet darauf, dass eine gewisse Zeit vergangen ist, köchelt ihre Suppe in meinem Unterbewusstsein und wartet auf ihren Moment. Ich lasse also einige Zeit verstreichen und setze neu an. Diesmal war das Ausbrechen keine Lösung. Vielleicht braucht das Ausbrechen noch einige weitere Vorbereitungszeit, einige Tipps von andern Insassen, einen helfenden Abbé Faria.
Holbeinplatz 2
Bin wieder hier und erfahre
Wie es für die Spatzen ist
Oder sein könnte: wenn du davon ausgehst
Dass den Spatzen am Gesang etwas liegt
So wie dir am Gedicht: für sie
Ihre Stimmen zu hören ähnlich ist
Wie für dich – wieder hier mit dem Dennersack jetzt als
Requisit und ausgetrunkenen Bierdosen –
Es regnet tröpfchenweise und ist kühler geworden
Und die Bäume sind gut gegen den Regen
Ihre Tonsuren nur noch braune fast graue Büschel
Weinberglauch reckt sich noch grün am rechten Ahorn
Du hast die Worte deines Gedichts verstreut auf dem Platz
Aber wie immer bleiben nur Kinder stehen
Hinterhergezerrt von Vater oder Mutter
Um die weissen wortfleckigen Zettel zu betrachten
Und immer wird es plötzlich still
Als habe jemand eine Glasglocke über den Platz gestülpt
Und du kannst den Regen hören und die Schwächen deines Gedichts und das Klappern eines Fahrrads
Selbst hast du einen heissen Kopf vom Tagesstress
Aber der Platz gehört jetzt dir und deinen Worten darauf
Und selbst der Held deines Gedichts taucht am Schluss noch auf
Mit seinem Dennersack und seinem Bierbach
Setzt sich schwer auf die andere freie Bank und mimt eingeübte
Ausdruckslosigkeit: sein sonnenbraunes Gesicht gleicht fast einem der ockerfarbenen Steinchen hier auf dem Platz
Seine Lippen kauen an Gedanken
Und ich denke während der fünfte Alte mit seinem Hund den Platz bespritzen kommt
Hier sein ist so selten – und vielleicht müsste es heissen
Hier ist so selten – denn niemand ist
Da ausser der Held und ich
Kann wirklich nicht sagen
Wie schwer es ist
Diese Leidenschaft auszuhalten
Die niemand teilt.
Eine Leidenschaft, mit der ich allein lebe
Ein Rückblick auf vier Tage Lesung auf dem Holbeinplatz im Rahmen des «Tags der Poesie 2021»
Gerade bin ich durch den warmen Sommerabend zurückgeradelt ins stille Quartier, wo ich wohne. Ich habe mir einen leichten, billigen Weisswein eingeschenkt und will sofort Bilanz ziehen, da alles noch so frisch ist.
Das sind schon zwei
Ja, Poesie ist nichts, was in diesen unseren Städten und Dörfern und Ländern interessiert, interessieren kann. Für die Poesie musst du stehen bleiben und dein Ohr neigen. Das kann heute niemand mehr. Nur die Kinder – besonders jene, die noch nicht lesen können oder es gerade lernen – haben die Neugier und die Aufmerksamkeit noch, etwas zu bemerken, was keinen Wert hat. Wert hier im Sinne von «verwertbar». Das sollte uns alle aufwecken.
Ich bin schon wach. Das ist schon mal klar. Es ist ein ungeheures Erlebnis, jeden Tag wenn auch nur 2 Stunden auf einem öffentlichen Platz zu stehen und weilen. Und alles aufzusaugen, was man da erlebt: vom Spatzenflug und -schnattern über den Schattenlauf und die Sonnenflecken, vom Flug der Tauben über den Dächern bis zum kleinen Jungen, der von seiner Mutter erbarmungslos hinterhergezerrt wird – fast wie das Schosshündchen aus meinem Gedicht «Holbeinplatz». Nicht zu vergessen das alte Ehepaar, das sich schneckengleich nach Hause bewegt, von ihren Stöcken aufrechtgehalten. Und besonders den Penner, der immer von 16.00 bis etwas 17.00 Uhr seine kleine Stadtpause macht, mit seinem Dennersack und seinem schweren, verarbeiteten Körper.
Die Wahrheit von Günther Eichs Gedicht («Ich habe einen Leser in Thessaloniki/Und einen in Bad Nauheim/Das sind schon zwei») wurde mir wieder einmal schmerzlich bewusst. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Es entmutigt und verärgert und lässt einen an der eigenen Leidenschaft zweifeln.
Ich kann nicht sagen, wie schwer es ist, mit dieser Leidenschaft für die Poesie aushalten zu müssen, die niemand teilt. Ich will es auch nicht schwerer darstellen, als es ist. Doch es ist wie mit jeder Leidenschaft: je mehr du sie befeuerst, umso verzehrender wird sie.
Ich möchte mich bei den 5 Zuhörern bedanken, bei Matthias, bei Andreas und der namenlosen Frau, meinen beiden Eltern. Diese 5 Personen haben meine echte Achtung, auch wenn alle 5 wegen mir – und nicht wegen der Poesie gekommen sind. Denn selbst meine eigenen Freunde sind nicht gekommen.
Das kann einen verbittern. Das kann einen umso mehr verbittern, als mir seit schon sehr langer Zeit bewusst ist, dass Poesie oder Gedichte keinen Stellenwert haben. Viele Menschen leisten nur «Lippendienst» (wie die Engländer so schön sagen), aber nur wenige engagieren sich wirklich dafür. Und die «anerkannten» Lyriker*innen klingen in meinen Ohren eher wie Bürokraten der Lyrik als wie vehemente Verfechter einer aussterbenden Sorte von Leidenschaft.
Eine bittere Bilanz also?
Sicher überwiegt die Bitterkeit. Doch gehört diese zu meiner Lyrik wie meine Brille zu meinem Gesicht. Sie ist eine Triebkraft meiner Lyrik; nicht die wichtigste, aber eine der dankbarsten. Wollen wir sie also kurz hochleben lassen!
Es lebe die Bitterkeit, hoch soll sie leben! Dreimal hoch!
Doch ist es ein wundervolles Gefühl, seine eigenen gescheffelten und geschliffenen und geherzten Worte in die Luft eines öffentlichen Platzes zu sagen. Mit der eigenen Person und der eigenen Stimme mit dem Platz zu verschmelzen, eine Art Artefakt des Platzes zu werden – genau wie der Körper des alten Mannes, der einmal im Tag den Platz mit seinem Dennersack besucht, um sich dort auszuruhen. Es ist wundervoll, wenn der Verkehrslärm momentan verebbt, du die Bäume über dir rauschen hörst, die Spatzen zetern, von ferne eine Kinderstimme, die Sonne auf deinem Gesicht, und wenn du in den Schatten trittst, den Schatten.
Ich glaube ganz fest, dass ich damit etwas Gutes für die Welt getan habe. Das klingt in den Ohren der meisten vermutlich einfach idiotisch. Aber ich verstehe heute erstmals, wie idiotisch du sein musst, wenn du etwas für dich wirklich Wichtiges und Bedeutendes machst. Wie die ersten Christen, möchte ich fast sagen: «Unsere Klugheit ist ihnen Torheit», wie Paulus das so oder ähnlich in einem seiner Briefe gesagt hat.
Fast hätte ich also Lust, gleich nächstes Wochenende wieder irgendwo mich hinzustellen und zu lesen. Der allgemeinen Gleichgültigkeit trotzen, der Hast und der Unaufmerksamkeit, der Unachtsamkeit – die ja unsere Welt bereits unheilbar an den Abgrund geschoben haben – etwas bewusst anderes entgegen halten und sprechen. Töricht ja, aber leidenschaftlich töricht. So töricht, dass es schon wieder fast durchtrieben zu nennen ist.
Hinter mir
Hinter mir die Körper meiner Gedichte
Und wenn mich auch manchmal das Gefühl einer morgendlichen Morgue beschleicht
Kühl und von Lachgas erfüllt
Erstaunen sie mich und ich sehe ihre mangelhaft schönen Gestalten
Die sich zu zeigen nicht gelernt haben:
Rieche den Zimtgeruch ihres Schweisses
Ertaste die Ausstülpungen und Auswüchse und Wolfe’schen Wülste an jenen Stellen
Wo kein vernünftiger und auf Gesundheit bedachter Mensch sie erwartete
Höre ihre spitzen Schreie und die seltsamen Inflexionen ihrer Dialekte
Und sehe ihre offenen verkrusteten Hosen und das graue Mammuthaar ihrer Brüste
Das aus den schweissgelben Hemden herausquillt –
Hinter mir schlurfen diese Unterweltsgeschöpfe
Diese Anderweltgeburten
Durch den Bahnhof eines Samstagmorgens im Sommer
Ein Mangel an Aussicht
Die Grachten krachten aufeinander
Die Fohlen verfielen: keine schnelle Andacht
Weder mithilfe von Vrenelis
Noch zuungunsten von Zargenschichten
Keine armierte Lastnote konnte
Die Minutien auslöschen
Die sich über den Solls brachen:
Verfielen die langen Quantitäten
Ausgedrückt unterm 25. Wahrmut
Längten längten längten sich
Die vergoldeten Zähne an den müden Nähten
Il neige sur Liège und so sehr
Fohlen die Grachten unter den Korbstühlen
Angerusst von den aviden Rufen aus den Brotkrumen
Und unter den Eiskrähenfüssen und Windgrübchen:
Es krachten die Grachten so sehr
Du wusstest nicht mehr
Wurden die Laute Lastkähne
Oder die Hinterlande Laute
Und Outremeuse: Outremeuse
Flow my tears in die Springmahd
Im dreh-drehenden Schnee
Aus dem langt mit spitzen
Zugespitzten Kehlen ein Goldcroissant
Anker oder Haken eines Unberührten
Und im bank- und tischlosen Exil
Verliefen die Identitäten in raschen
Mostfeuchten Augen: Nährkose unterm Nordlicht
Und du wusstest nicht mehr
In welche Richtung dich retten
Mit diesen Fohlenblicken
Die zurückwichen in schlichten
Maraboutischen fast schon quengelnden
Protestwellen von den Holzbänken und Aktenschränken
Den Passiven aus massvoller Erwartung und
Nie gewogener Kakaobohne: und es ist erst
April: noch lässt der Winter seine Unterlippe schleifen:
Knackend verlaufen die Laute
Unausgeklingelt in deinen Taschen
Und die logarhythmischen Bühnen jammern von
Windhäubchen und Kuchenfrauen und die Dachwinden
Schaukelten ihre Haken aus dem Krachen
In die ungeleimten schwarzen Massen
Und du wusstest il neige sur Liège nicht mehr
Ob Kriechboden oder Akkordeon
Ein Gedicht schreiben: „Es“
Ich starre unverwandt und blank und ununterbrochen «darauf», was das Gedicht beschreibt oder sagt, jedoch ohne genau zu sehen, was dieses «Darauf» ist, denn sähe ich es genau (an), so verflüchtigte sich jedes Wort.
Denn die meisten empfindenden und denkenden (will heissen: hinterfragenden, lauschenden) Menschen haben «es» schon einmal empfunden oder gedacht – und dafür ein nützliches, nutzbar gemachtes Wort gebraucht – und «es» damit gesagt.
Doch Sagen ist nicht gleich Sagen: was ich da fast mit tränendem inneren Auge und mit zunehmender Verzweiflung fixiere wie die vermeintliche Fliege oder der angebliche Ölfleck auf dem weissen Hemd eines Mathematiklehrers, bis er «daran» glaubt, - was ich da festhalte, festzuhalten versuche – das ist ganz allein mein «Es»: und wenn mir gelingen sollte, «es» mit meinen Worten lange genug und immer näher zu umkreisen, bis es sich fast schon in meine Zwecke einspannen lässt, das Gedicht vielleicht sogar selbst voranzutreiben beginnt, also meine Rolle usurpiert, buchstäblich gleichzeitig Motor und Energie des Gedichts wird – wenn das gelingt: ist «es» auch zu dem «Es» eines denkenden und empfindenden Menschen geworden, die erkennen kann, dass es mit dem nutzbar gemachten Wort keineswegs oder ausschliesslich gemeint sein kann, der erkennen kann, wie verschieden und vielfältig in einem es doch zugleich sein kann und ist.
„Also der Typ mit dem Altsaxophon, Mann, gestern Abend – der hatte ES, und er hat es festgehalten; ich habe noch nie erlebt, dass einer es so lange halten konnte.“ Ich wollte wissen, was „ES“ bedeute. „Ah“, lachte Dean, „jetzt fragst du mich Imponderabilien, hmm! Hier steht zum Beispiel ein Typ, und da ist das Publikum, verstehst du? Seine Aufgabe ist es, auszudrücken, was die anderen fühlen. Er fängt mit dem ersten Chorus an, reiht dann seine Ideen aneinander, die Leute schreien „yeah, yeah, weiter so“, und dann stellt er sich zu seinem Schicksal auf, und muss etwas entsprechendes blasen. Und plötzlich, irgendwo mitten im Chorus, hat er es – alle blicken auf und wissen es; sie lauschen; er greift es auf und führt es weiter. Die Zeit bleibt stehen. Er füllt den leeren Raum mit der Substanz unseres Lebens, mit Geständnissen dessen, was ihm Bauchschmerzen macht, mit Erinnerungen an Iden, an Themen früherer Sessions. Er muss über die Brücke hinweg und wieder zurück, mit einem so tiefen, die Seele auslotenden Gefühl für die Melodie des Augenblicks, dass alle wissen, nicht auf die Melodie kommt es an, sondern auf ES -“ Dean konnte nicht weiter, er brach in Schweiss aus, während er darüber sprach.
Jack Kerouac, Unterwegs
Mit dem Land
We are with the land.
Joy Harjo
Die felsigen Füsse marschlanden im luftdurchwurzelten
Ausgeschlürften Panoptikum
Einer insektoiden Verschleppungsstrategie –
Manchmal braucht es länger
Bis die Wirkung eintritt –
Und die Äonenschweife der Blattschneiden
Wippen wie der Ruf des Rotflügelstärlings:
Die umbuschten Knie streifen mein madiges Gesicht
Und der spätrohe Atem der Kavalleriegäule
Hustet in die Kniekehlen der Süssgräser –
Gelb und körnig läuft die Sonne hinterher
Mit ihren rasenden Perspektiven
Während der Hase seine Flanke springt
Und die Ahnenschwänze an den Hüften der Siedlung hängen:
Wir beginnen mit dem Land:
Kein ausgewogenes Schriftbild
Öffnet sich hüpfend auf dem Steg:
Im Nabel all die Schuppen wie Augen
Der ausgenüchterten Vorzeige-Väter
Und Pocporn bis an die Brust: die chemischen Zutaten und
Die Traileranstalten und die Rippen wie von Korallenbleiche
Denn mein Torso ist Wellblech unterm Staccato von Buschkrähen
Erhitzt und an den buschigen Brustwarzen umschlungen von Louisianamoos
Kühlt einzig der pink züngelnde Biss der Mokassinotter –
Manchmal braucht es länger
Bis die Wirkung eintritt –
Und die rollenden Kieselaugen voller Starlicide
Mit amerikanischer Hast verschluckt und in Yankton SD
Fielen die Vögel wie Beeren in den Schnee.
Ich möchte… I

(für Joy Harjo)
Ich habe keine Heimat –
Ich erbe keinen Gesang –
Von meinen Leuten höre ich nur
Einsilbige mehrfach abgeleckte Briefmarken
Die du an den Wind haften könntest
An den nicht besonders behaftbaren Wind
Der durch die vom Land abgetrennten Kleinstädte
Und durch die Gehirne voller Entspiegelung
Kriecht und selbst die Föhnwelten
Niemals erreicht
Antiseptisch und redlos schlurft
Und mochte auch der Fluss im Frühjahr
Die Keller schwemmen war das eine Sache
Für einen Satz
Dem man alles abgespart hatte
Und einige Allzweckflüchte
Denen die Bodenhaftung längst abhandengekommen war
Wurden in den Wind geworfen
Wie leicht entflammbares Reisig
Dem das Licht von den Kronästen entzogen worden war
Flüche und Sätze wie die Vorderbeine eines Raubsauriers
Rückentwickelt und grad noch gut zu Gabel und Messer
(Jetzt nimm doch nicht ständig den Finger dafür!)
Lebende und gebräuchliche Fossilien
Ich verstand nicht warum niemand
Sich selbst aufheben wollte
Aufleben wollte in dem Begradigten und Erschlossenen
In dem Sänger von Massenware gekauft
Einen koffeinsüssen und hungerschaffenden Sirup
In unsere Kehlen legten und mit den Hüften zuckend
Von einem Begehren sprachen
Das wie ein zusätzliches Organ in uns wuchs
Wie eine Kettenreihe an uns zerrte und unsere Kehlen
Waren belegt vom Teer namens
Was sagen die andern –
Denn meine Leute sind kein Volk
Kein Stamm und ankern ohne Botenstoffe
Ungefährdet und unvertrieben
In der berechneten Welt
Die noch nie gesungen hat -
Ein sesshaftes Horssolvolk…
Und ich erbe keinen Tanz
Mit dem was im Kosmos zirkelt
In deine Hüften und Lenden fährt:
Als wären Wurzeln Flügel aufhebt
Was dich festhält in ein besser gewusstes Geheimnis
Keine Kraft aus dem Torfboden
Die die Scham überzähliger Träume verwandelt
Kein Stampfen-Signal
Keine jederzeit mögliche Stampede
Über dich hinausreichend: das die Wirklichkeit
Erschüttert auf dass ihr Mark austritt
Und auf dich tropft wie gute neue Wörter:
Ein Ich wäre jetzt… und du…
Das weiter wirkte als nur in die eigene Kindheit und
In den Bauch deiner Mutter: wie gute neue Wörter
Denn höre ich nur
Einige wenige davon
In ein Gedicht gestreut
Gleich den Überschwemmungsmarken in den Häusern am Fluss
Gleich den skelettierten Wäldern auf dem Peloponnes
Gleich den Jugendlichen
Die um Freiheit und Gemeinschaft
Vor keiner Autorität mehr zurückschrecken
Gleich den neurofibrillären Tangles im Stirnlappen meines Vaters
Gleich den Salzkrusten auf meinen Hemden
Spüre ich den Klimawandel
Und ich weine heisse Glückstränen
Mit denen ich den Grund aufweiche
Für ein nächstes Gedicht und ich weiss
Ich bin vom Weg abgekommen und ich denke an meinen Sohn
Der sagt: Mann Papa das sind aber viele Flaschen
Und ich erbe dieses Nomadengefühl
Das mich in die Sprache wandern lässt
In die ariden Zustände kurz vor der Verblödung
Die genauso wenig Heimat ist
Wie die überteuerte Zweizimmerwohnung für die äthiopische alleinerziehende Mutter mit ihren beiden Söhnen:
Ich habe keine Heimat und ich erbe kein
Gospel und keine Leidenswege
Die ein ganzes Volk traumatisieren
Meine Vertreibung findet noch statt
Und wenn ich zu viel getrunken habe
Sehe ich das Gedicht aus meinen schwankenden individualisierten Gliedern aufsteigen
Mit einem Hammel einem Hahn und einer Ente
Und es gibt nichts Schöneres
Als ein Gedicht zu schreiben
Das aus den Gleisen fällt
Denn daraus wird kein Schuss mehr fallen
Und hallen über die Steppe:
Die Herden werden zurückkehren
Schlingpflanzen und Pilze werden die Städte bewohnen
Kartäusernelken werden die Asphalte spalten
Und der Haufen zusammengepapptes Papier
Über das die Insekten huschen mit ihren haarigen Finger
Als könnten die Buchstaben damit besser entziffert
Besser verstanden werden wird bald fast schon Humus sein:
Ich erbe keine wirklichere Wirklichkeit
Keinen Herzensknäuel und kein
Geraubtes Land: das alles
Hat nichts mit mir zu tun
Und ich denke ich bin ein eigenes Volk
Das in Geschichten und meinen Kindern
Mehr schlecht als recht überlebt:
Aus diesem ungetanzten Wirbel
Den ich anrühre mit guten alten Worten
Und der nichts zu tun hat mit dem faden Säuseln
Das durch deine Städte streicht
Aufsteigen in die Kronen der Sumpfzedern
Auf dass du stolperst über die Luftwurzeln:
Ich habe keine Heimat und die Boten
Die mein Blut durchströmen
Waren der kargen Kost ausgeliefert
Die Geschichtenlosigkeit heisst:
Ich ersöffe gäbe es nicht
Die guten neuen Worte
Die mir die Tränen treiben
Im Schlick einer Mangrovenwelt
Aus dem Insekten sich erheben
Wie die vergessenen Reiche von Horten und Bewahren:
Jedes Gedicht ist Abrahams Zelt
An dessen Eingang Sara lacht.
Wie ich Gedichte lese
Um die Lektüre von Gedichten ranken sich unabwendbare Klischees und unausweichliche Missverständnisse – ebenso wie um die Interpretation oder Deutung von Gedichten. In diesem kurzen Blogeintrag will ich damit Schluss machen. Hier handelt es sich also um ganz und gar parteiische und subjektive Vorschläge.
1. Lies das Gedicht immer laut
Bitte lies das Gedicht immer laut. Ein Gedicht, das du nicht laut lesen kannst, ist kein Gedicht. (Das gilt nicht nur für konkrete Poesie, sondern auch für die verkopfte Lyrik aus dem deutschsprachigen Raum.) Du kannst es natürlich auch nur flüstern, aber am Besten ist es, wenn du ihm deine ganze Stimmkraft verleihst. Das kannst du im stillen Kämmerchen tun oder aber im Kreis deiner Liebsten, die du damit herrlich terrorisieren kannst. (Bald kannst du das Vortragen oder Vorlesen eines Gedichts als Droh- und Druckmittel einsetzen!)
Achte darauf, dass du jedes Wort deutlich aussprichst. Achte auf jeden Vokal, sprich auch die Vokale deutlich aus. Gib ihnen Farbe, indem du sie längst oder kürzt. Gerade die Vokale sind das Herz jedes Gedichts. In Kombination mit den Konsonanten (in Fällen von Alliteration) beginnt jedes gut geschriebene Gedicht zu singen.
Ach ja, und versuche zu singen. Versuche zu erkennen, ob das Gedicht verschiedene Stimmen oder Stimmungen beinhaltet oder wiedergibt. Passe deine Stimmlage diesen Impulsen an.
Du wirst bald merken, dass damit auch deine eigene Ausdruckskraft wächst.
(Nebenbemerkung: versuche, Autor*innenlesungen ohne Schauspieler*innen zu meiden. Die Autor*innen sind meist nicht in der Lage, ihren Gedichten Stimme zu verleihen. Nur im englischsprachigen Raum gibt es – auch Spätfolgen der Beat-Revolution – wirklich Leser unter den Autor*innen. Und wenn du doch auf eine Autor*inlesung gehst, brich deine Zelte sofort ab, wenn es sich um eine «Wasserglas-Lesung» handelt; die Autor*in also hinter einem Tisch versteckt ist, ein Glas auf dem Tisch steht und alles im sicheren Bereich läuft.)
2. Lies keine Gedichte aus der Zeit vor 1900
Und versuche dich nicht zuerst an klassischen deutschen Gedichten wie «Erlkönig» – die vermitteln dir nur einen ganz und gar falschen Eindruck von Gedichten. In solchen Gedichten aus dem 19. Jahrhundert begibst du dich in eine Art «Brockenhaus», in ein mittelgut gepflegtes Antiquariat. Lass Göthe, Schiller und die Biedermeier-Konsorten hinter dir. Steige gleich mit den Expressionisten ein: von Hoddis, Trakl und vor allem (immer wieder) Gottfried Benn.
Denn du bist ja nicht ein Bewohner des 19. Jahrhunderts. Vor 100 Jahren entstand die moderne Lyrik, die mit Brentano und Novalis gewiss schon ihre ersten Zuckungen erlitten hatte.
3. Lerne lauschen und lies das Gedicht immer wieder
Und lies ohne Hemmungen, querbeet. Lerne auf Töne, Stimmen / Stimmungen und Metaphern lauschen. Lasse sie auf dich wirken, indem du das Gedicht probeweise immer wieder liest. Schmecke das Gedicht ab, verkoste es.
Lass es dir von anderen vorlesen, lass es von anderen probeweise für sich entdecken, und du lauschst auf ihre Intonation und ihren Ausdruck, ihre stimmliche Reaktion darauf.
Grabt gemeinsam (oder allein) nach den Wörtern, die euch oder dich berühren (lautlich und auf der Ebene der Sprache, in Metaphern).
4. Höre nicht auf, wenn du nichts verstehst
Beim Gedicht bist du nicht verpflichtet, etwas zu verstehen. Lege deine Vernunft oder Vernünftelei ab. Stelle dir vor, du bist bei einem guten Freund*in eingeladen und kostest einen guten Wein oder ein speziell für dich gekochtes Gericht. Denn in die Gedichte, die du liest, sind viel Energie und Lust geflossen.
Versuche nur sprachlich zu ergründen, zu erfühlen, was im Gedicht geschieht. Denn in Gedichten geschieht viel nur auf der Ebene der Sprache, nicht auf der Ebene der Logik.
Mir geschieht es oft, dass ich ein Gedicht sehr mysteriös finde, keinen Anhalt finde, aber wenn ich es zu «geniessen», abzuschmecken beginne, erwecke ich sehr viel in mir (und in ihm).
Und natürlich passiert bei einigen Gedichten nichts. Dann legst du das Gedicht (und häufig auch den Lyriker*in) weg, um nicht mehr (oder sehr viel später) wiederzukommen. Denn ich garantiere dir, dass dir der Lyriker*in nichts sagen wird – oder eben, erst viele Jahre später.
5. Lies in fremden Sprachen
Und scheue nicht vor französischen, englischen, amerikanischen, brasilianischen, herzegovinobosnischen Gedichten zurück. Insbesondere der englische Sprachraum bietet einen guten Einstieg für Gedicht-Neulinge, weil die anglosächsische Poesiewelt mehr vom Erzählen als vom Ziselieren hat als die deutschsprachige hat. Auch hier: suche dir moderne Autor*innen!










