Ein Gedicht schreiben: Das Gegenteil einer Meditation ist auch eine Meditation

Das Ziel einer Meditation, sei es eine ignatianische Stille-Übung oder eine Zen-Meditation, ist das «Ausschalten», das «Gehen-lassen» der ständigen Gedankenflut. Denn dein Kopf ist in einem steten angeregten, fast geschwätzigen Zustand: hunderte von kleinen Ameisen-Gedanken beineln an den Wänden deiner inneren Vorstellung herum.

Dieses «Vorüberstreichenlassen» der eigenen Gedanken, die ja meistens Impulse aus Begierde und Interesse sind, ist eine schwierige, schwierig zu erlernende Aufgabe. Es dauert einige Zeit, bis du diese innere Stille herstellen kannst, und selbst dann noch zwitschert und flirrt es dir plötzlich auf in den stillen Höhlen deines Gehirns. Irgendein Bedürfnis, irgendeine Regung ist immer.

Die Entstehungsgeschichte eines Gedichts jedoch liegt genau in diesen sirrenden und undeutlichen Spuren der Gedanken in deinem Kopf. Assoziation um Assoziation, unwillkürlich, aber willkürlich angespornt, häuft sich in deinem Kopf, wie ein Schneebrett, das ins Rutschen gerät. Hunderte von kleinen Gedankenflocken regnen auf dich nieder. Du kannst sie kaum fassen, du musst innert weniger Sekunden deinen Kopf zu einem riesigen Rezeptakel, einer riesigen Weltraumantenne umfunktionieren.

Vielleicht bist du am Anfang gar nicht aufmerksam, machst etwas ganz anderes als an ein Gedicht denken, obwohl das ja sehr selten der Fall ist, aber vielleicht bist du am Kochen oder liegst im Bett und liest in einem Buch. Wenn dieser Neutronensturm in deinem Gehirn losgetreten ist, bist du hellwach. Du kneifst fast die Augen zusammen, so hellwach, aufgeregt und angeregt und neugierig und konzentriert / unkonzentriert bist du.

Denn Konzentration schadet jetzt nur. Wie während einer Meditation die Konzentration auf die schädlichen, von Bedürfnis und Begierde geleiteten und herbeigeführten Gedanken nicht zu einem Zustand der Meditation führt, darfst du dich jetzt keinesfalls festlegen, festhalten, etwas Bestimmtes wollen, deine Gedanken etwa lenken wollen.

Du wartest, bis der Hirnsturm abklingt. Das dauert meist nicht länger als 5 bis 10 Minuten. Aber dann hast du eine ganze Seite vollgekritzelt mit Wörtern, Begriffen, Bildern. Und du bist wie innen und aussen gewaschen, rein und wie neugeboren. Die Stille um dich ist herzerschütternd, die Stille in dir ist herzerwärmend.

Erlöst weisst du, jetzt kann ich die Gedanken fahren lassen. Doch für die 5 bis 10 Minuten des inneren Orkans warst du in einem Zustand der Meditation. Denn das Gegenteil von einer Meditation ist auch eine Meditation: der Moment, da ein Gedicht in dir entsteht und von all deinen Nervenrezeptoren willkommen geheissen wird.

Der grabende Mogera wagura

Der grabende Mogera wagura
Der hüpfende Mejiro
Das fliessende Sandkorn
Der nicht-eine Tropfen
Der nachgiebige Schiefer
Die erstorbenen Nerven im Bananenblatt über deinem Kopf
Der taumelnde Hyakusho auf dem Heimweg aus der Spelunke im Morgengrauen
Der fallende Schwan: sind Mu: gehören sich selbst: die anschlagenden Hunde und die Abgesandten des Kaiserhofs: die gewundene feuchte Mamushi: wie festgebunden
Auf den Bogen
Auf die Speichen des Raumes und die schiefen Latten der Zeit: du verkleidest es mit deinen Obs und deinen Als-obs: selbst die leergepickte Eibe und die baren Eschen sind nicht eins: Hebung ist
Senkung und Atmen ist Ertrinken und Reiskörner auf der Zunge
Gehören sich selbst: nicht eines davon ist nicht auch das Gegenteil und du kämmst dir die wenigen silbernen Haare aus dem Nacken und bindest sie im Scheitel zu einer schilfdünnen und schilfbrüchigen wippenden Rute zusammen: wippend wie der Vogel auf dem Ast und deine Gedanken auf deinen Lippen und im Garten keift der Wind in den Kräutern und im Wacholder: ist auch der Wind
Nicht-ein: ist Mu wie ein Ochse in seinem bedächtigen Raufen im Stall: der fallende Schwan
Der blinde Mogera wagura
Der ungetrennte Tropfen
Die gefaltete Stirn
Die schrundigen Felsen
Der verklumpte Schnee
Die umgekippte Schale des Mondes
Der rasende Okoto auf der Ginza
Die rohe rollende Macht eines Brechers
Das aufgeteilte und aufgeteilte Sandkorn: sind Mu: gehören
Nicht sich selbst: zerstören den Lauf der Zeit mit ihrer Anwesenheit
Höhlen die Möglichkeiten aus wie meine leckenden Lippen die Wörter dieser Sprache
Die erst wie ein Inoshishi
Auf dich zustürmt um dich von den Füssen zu holen
Auf die du zählen konntest bisher
Und dann wie die Kamelie voller Spatzen sich in Verspottung übt: sind Mu: du kannst sie zählen wie deine himmelnahen Füsse
Wie der Dreck unter deinen Nägeln und die Schwärze deiner Zähne und Gedanken: gehören
Sich selbst: unbeziffert und unbeschriftet im rauschenden Raum
Im ruckenden Zeitmass
Das nicht stockt und nicht fliesst: das keinen Weg zurücklegt wie der fallende Schwan durch die atembare süsse Luft oder der Mogera wagura durch die rieselnde flüsternde luftraubende bittere Erde: und als ob der Ochse bedächtig raufte an seiner Krippe und die Vögel in der Luft nicht den Halt verlören
Bellst du durch den Raum mit deinem wunden Rachen: gehörst  nicht
Sich selbst und bewegst dich doch nur aus eigener Kraft in deinem Morgenkreis im Garten: auch der Garten ist nicht-eins: Mu.

Ein Gedicht schreiben: Das Werk eines Augenblicks

Sehr ungern und äusserst selten arbeite ich ein zweites Mal an ein und demselben Gedicht. Ich schreibe das Gedicht in dem Moment, da ich es schreibe. Stimmt es dann, ist es gut. Stimmt es dann, wird es später auch stimmen.

Ich beginne meist langsam, zögernd, tappend. Vorsichtig, vorsichtig. Denn noch gibt es viel zu zerstören, da es noch nichts gibt. Und allmählich entwickelt sich aus diesem ersten Klecks, diesem ersten Punkt A eine geschwungene, gerungene Linie, die vielleicht zu einem Punkt B führt. Aber in Tat und Wahrheit geht es nicht um den Punkt B. Es geht um die Wellenform der Linie, das Auf und Ab der Haltungen, Tonalitäten, Schwingungen, Assoziationen. Genauso wenig, wenn auch regelmässig von Leser*innen erwartet, geht es um eine Aussage, eine Botschaft. Die liegt in der vibrierenden, bebenden Linie. In dem augenblicklichen Geschehen: Hier sitze ich und schreibe, und alles andere kann mir gestohlen bleiben und ist vollkommen belanglos und unnütz.

Dann schliesse ich das Heft. Selten nehme ich es nochmals zur Hand, um eine Geste darin zu verstärken oder zu nuancieren. (Nie jedoch, um sie abzuschwächen.)

Damit sind alle meine Gedichte Momentaufnahmen, Daguerreotypien: verrutscht und verwischt manchmal, immer aber so echt wie möglich in der Lebenshaltung, die mich gerade bestimmt und auf die ich mich einstimme, während ich schreibe.

Es ist also ein kurzes, heftiges Handwerk, ein Wirken am schnell erkaltenden Stoff des Lebens. Ich bin kein Tüftler, der ein Gedicht in einem Monat schreibt und sich lange wiegend und abwägend mit Metren und Reimen und anderen Künstlichkeiten befasst. Ich schreibe als Ausdruck meines Lebens. Ich habe kein Bedürfnis, etwas anderes auszudrücken oder zu sagen als mich. Es interessiert mich ganz und gar nicht, irgendwelche Sachgedichte zu schreiben, die symbolisch politisch wirken. Es interessiert mich nicht, irgendwelche heiteren Gedicht-Klabautermänner zu fabrizieren, die mit Sprachspielen entzücken sollen.

Ein Gedicht ist wie eine Seite aus einem Tagebuch, das ich nicht schreibe. Heute anders als morgen und gestern anders als je.

Es gibt nie einen Hund

Es gibt nie einen Hund der bellt
Und doch bellt immer einer
Wenn du nachts vor die Hütte trittst: weder Mensch noch Hund
Weder Haus noch Hilfe
Und doch bellt ein Hund in das seidene Schweigen der Nacht hinaus
In den Bergen im Osten wie Augen brennen Feuer und du
Kurzatmig und barfüssig in deinen Garten gelaufen: blinder
Blanker Mensch
Allein wie eine zu weit gerollte Murmel
Stolperst in die Dornenbüsche und zerreisst dir die Hakama: stehst lange und lauschend im Scherenschnitt der Nacht: es gibt nie einen Hund der bellt
Vielleicht ist es der Atem der Nacht: und doch bellt immer ein Hund
Den eine Ratte gebissen hat: in deinem Kopf haben bereits die Murmeln mit schwerem Kugelgepolter über die Planken des Schifferstegs zu rollen begonnen und verschwinden mit einem gierigen Klatschen da drüben im See: du denkst an die Stoff-Falten über den schlafenden Kindern
Und an den einen Freund
Plötzlich wie der schrei eines Hundes den es nicht geben kann
Der am andern Ende des Landes seine Stirne beugt in die Hände oder in das Kissen drückt: du bist ein Wels
Langsam unter den aufgeregten Furchen der Wellen hindurch gleitend
Den silbernen Staub
Da ist endlich auch der Mensch mit seinem Himmelsrasen
Den silbernen Staub des Grundes aufwirbelnd: niemand sieht ihn
Niemand hört ihn
Und du hörst die Murmelgedanken der Wellen über dir wie die Winde in den Hinoki-Kiefern und das aufgeregte Tuscheln der Eschen in deinem Rücken
Aber der Hund schweigt wie eine Muschel die deinen Fingernägeln widerstrebt: du siehst im Mondweg des Wassers das Gesicht deines einen Freundes
Abgekehrt wie das Geknäuel eines vom Sturm ausgerissenen Wacholders am Berghang: zu viel Fels und Kies und zu
wenig
Wirkliche Erde und wankst mit blanken blinden Schritten zurück zu deiner Hütte: die Talgkerze russt dir ins Gesicht wie eine fremde Sprache
Immer gibt es einen Hund der bellt
Und doch bellt nie einer
Wenn es darauf ankommt
Und lange liegst du wach und kratzt dich an unmöglichen Stellen mit den leisen Geräuschen eines Hundes
Der in seinem Fell nach den Zecken schnappt
Die ihn geweckt haben.

Ein Gedicht schreiben: das immer gleiche Gedicht

Deine Sprache ist wie dein Charakter, wie deine Merkmale und Eigenschaften. Sie wächst und verändert sich, gewiss. Doch baut sie auf Grundlagen auf, die fast unveränderlich sind. Nur sehr selten – dann jedoch heftig – verschieben sich diese als sicher verstandenen Grundpfeiler deines Wesens und so deiner Sprache.

Dir sind gewisse Wörter und Wendungen teuer – und treu. Sie halten dir wie gute Diener oder Begleiter die Treue und sind verlässlich. Du kannst jederzeit auf sie zugreifen, sie sind leicht zu behändigen und sprechen doch viel direkter von dir als die meisten anderen Wörter.

Wenn du deine Gabe – Wörter, Wendungen und Sinnbilder für Zustände zu finden, die unsagbar sind und unverfügbar – als solche begreifst, also letztlich als einen Auftrag: wenn du dich daher professionalisierst: in Beharrlichkeit und in Täglichkeit (in Alltäglichkeit) schreibst: gerätst du irgendwann in das serielle Schreiben.

Kurz vorher erkennst du nicht nur, dass Sagen in letzter Konsequenz unmöglich, daher aber umso unerlässlicher ist, sondern dass du nichts zu sagen hast. Dies nicht nur deshalb, weil du in letzter Konsequenz immer das gleiche sagen möchtest: selbst aus den verschiedensten Zuständen und Lebensumständen heraus willst du immer das eine einzig wichtige sagen. Auch wenn du nicht genau sagen könntest, was dieses eine einzig Wichtige ist.

Ihre grossen schwarzen Augen musterten mich mit leerem Blick und mit einem Kummer, der seit Generationen in ihrem Blut verankert war, weil nie getan worden war, was schreiend danach verlangte – was immer es sein mochte, und jeder weiss, was es ist.

Kerouac, Unterwegs

Im seriellen Schreiben wirst du musikalisch. Das heisst, du strukturierst deine Gedichte weniger danach, was gesagt werden könnte oder zu sagen wäre. Du lässt «es» fliessen: Wörter, die sich fremd sind, reichen sich über die Bedeutungs- und Herkunftsgrenzen hinweg ihre Silben. Du ordnest ihnen alles unter.

Im seriellen Schreiben soll dir das gelingen, was dir im kontrollierten, vernunft-wachen Schreiben nicht gelingen kann: das eine abschliessende Gedicht zu schreiben. Vielleicht ist es dann eine Art «Leaves of Grass»: ein immer grösser und dichter werdendes und nie abzuschliessendes Konvolut von Wörtern und Wortzusammenhängen.

Du wählst dir ein Thema, ein Begriffsfeld und beginnst zu schreiben. Das Serielle an dieser Arbeit liegt darin, dass kein Gedicht je zuende ist, weil es sich wie eine Fuge, wie ein immer dauernder Kontrapunkt immer weiter fortsetzt, seine Fortschrift in dem nächsten, anschliessenden Gedicht findet.

Du variierst deine Sprache, du modulierst deine Sprache, du erweiterst deine Sprache allmählich und bewusst. Damit entfernst du dich immer mehr davon, wer du bist. Du entfremdest dich – wie der Romanautor – dir selbst: von diesen Gedichten kann niemand mehr sagen, dass sie von dir geschrieben sind oder gar von dir handeln.

Sie sind aber gerade deswegen der wahrste, echtmöglichste Ausdruck deines Wesens. Und damit genau das, wonach du seit dem Anfang deines Schreibens strebst.

Serielles Schreiben

Wenn ich auf meinen Schreib-Pfad zurückblicke – denn ein Pfad war es, kein Highway: schmal und gewunden und ein erst spät erkanntes Hyperobjekt -, werden mir seine drei wesentlichen Phasen deutlich.

Der ursprüngliche Impuls: etwas sagen, was nicht zu sagen ist

Die erste Phase ist der ursprüngliche Impuls, der mich als Schreib-Person und meine Schreib-Persönlichkeit generierte und ermöglichte: eine unerwiderte Liebe, die mich ins Ausdrücken, ins „das Unmögliche in Andeutungen erstmals Aussprechen“ trieb. Dabei zeichnete sich früh ab, dass das Andeuten, das „Aussprechen ohne es auszusprechen“ (zu „es“ siehe meinen Eintrag Ein Gedicht schreiben: Es) für mich wesentlich würde. Es wurde bald zum Bedürfnis, Metaphern zu finden, die ungenauer trafen als vom Leser erwartet. Es wurde bald zum Bedürfnis, die Bilder quer in die Erwartungslandschaft der Leserin zu stellen.

Von der metrischen Strenge in den freien Vers

Die zweite Phase durchlief zwei Stadien: nach einer Vertiefung meiner metrischen Fähigkeiten liess ich die so erworbene Disziplin fallen. Dabei gestand ich mir erst spät ein, dass ich kein Lyriker bin, der diszipliniert reimt. Ich bin ein Lyriker, der den Wildwuchs liebt. (Genauso wie ich ein Religionslehrer bin, der die verqueren, die allzu fantasievollen, die autistischen Schüler*innen mehr über alles schätzt, den menschlichen Wildwuchs, der so herrlich glänzt und schimmert, dass einem fast schwindlig darüber wird.) Wenn Reim, dann unvorhersehbar oder in Alliterationen, Binnenreim. In der Ausübung der metrischen Strenge wurde mir immer enger und verlorener zumute: ich würde mich noch selbst erwürgen.

Umso herrlicher war die Befreiung im freien Vers. Umso schwieriger gestaltete sich diese. Gewiss konnte ich auf meine metrischen Grundlagen zugreifen, doch war mit diesen der Anspruch auch gestiegen. Ich musste fast alles neu erlernen. Denn trotz oder gerade wegen der gewonnenen, errungenen Befreiung im freien Vers musste ich in dieser „Form“ oder „Gestalt“ neue Strukturen finden und erwerben. Meine Themen standen neu zur Disposition: neue Metaphern mussten gewonnen werden.

Gleichbleibend blieb ein Thema: die (auch Selbst-) Enttäuschung, die Ernüchterung, die Wut. Sie waren und blieben die Treiber meines Schreibens. In dieser zweiten Phase wurde auch klar, dass das Andeuten immer zentraler wurde, das Indirekte nicht nur über Metaphern, sondern auch über ganze Bild-Konvolute und -Typologien und Chiffren gewonnen wurde. (Auch dafür ist der Eintrag „Gedichte schreiben: Es“ sehr aussagekräftig).

Das serielle Schreiben

Inzwischen hatte sich mein Leben grundlegend verändert. Ich hatte begonnen, keine Kompromisse mehr zu schliessen, was mein Schreiben betrifft. Ich hatte begonnen, nicht mehr daran zu glauben, was mir meine Umwelt weismachen wollte: dass ich einer Lebenslüge nachjagte, wenn ich daran dachte, „nur zu schreiben“. Ich gestand mir endlich zu, dass dies der eigentliche Sinn meines Lebens ist. Ich begann, mich als Lyriker zu benennen. Ich trennte mich von meiner Frau, verlor fast meine Kinder, gewann sie allmählich zurück. (Sie gewannen mich auch allmählich wieder zurück und lernten mich besser kennen als viele Kinder ihre Väter. So denke wenigstens ich.)

Ich schrieb inzwischen längst täglich, stündlich, immer. Der Schreibprozess nahm zunehmend überhand. Ich dachte und denke ununterbrochen an das Schreiben. Ich bin von Beruf Lyriker. Punkt. Mir das einzugestehen, hatte viel zu lange gebraucht.

Und damit setzte meine (bisher?) letzte Wandlung ein. Wenn du täglich schreibst, spielt die Disziplin, die Strukturierung des Geschriebenen eine grosse Rolle. Du beginnst thematisch reicher zu werden. Du beginnst wirklich den Tagebau, von dem du so gerne sprichst. Unablässig gräbst und grübelst du am gleichen Werk. Am gleichen Werk heisst auch: du schreibst unablässig das gleiche Gedicht. Du versuchst unzählige Schattierungen.

Und immer ist dir vor Augen die Musik. Du willst seit frühester Schreib-Zeit das Sibelius-Violinkonzert „versprachlichen“. Auf diesen Weg machst du dich jetzt, in dieser dritten Phase, auf.

Dann liefert dir dein Freund ein Alibi. Einen Ansporn. Das Heft, das er dir zum Geburtstag schenkt, hat 80 Seiten. Du als vehementer Vernianer (Apostel von Jules Verne) kannst nicht anders, als die Hand Gottes (oder wenigstens seinen Fingernagel) darin sehen. 80 Gedichte in 80 Tagen.

Plötzlich ist die jüngste maximale Herausforderung vor dir: nicht nur jeden Tag ein Gedicht schreiben, sondern „Variationen“. Die Ginkakuji-Variationen. Ein sprachliches Anreichern, ein Ausdeuten des Andeutens. Jeden Morgen sitzt du vor dem berühmten „leeren Blatt“. Und du erkennst, dass alles dich hierhergeführt hat: du bist parat.

Für einige Tage kämpfst du mit dieser Professionalisierung: heisst das nicht, dass du dich jetzt „verkaufst“, dass du jetzt „auf ursprüngliche Impulse“ verzichtest? Heisst das nicht, dass du nichts mehr zu sagen hast, weil du dich ja in das Konstruieren hinein wirfst wie jemand, der einen Roman schreibt?

Alles wird sich entsprechen, denkst du, ganz wie Baudelaire das in seinen „Correspondances“ gemeint hat.

Alles wird ein einziger Wirbel sein, ein wildes Treiben von Metaphern und konkreten Dingen.

Bist du glücklich?

Du bist es.

Alle Vorbehalte schmelzen dahin unter der täglichen Verve. Serielles Schreiben ist grossartig: es erlaubt dir, dein Schreiben als das Rollen des Steins zu verstehen. Und nach dieser Serie wirst du gewiss einen andern Stein finden, der auch auf der andern Seite hinabrollt und verloren geht. Aber das ist eine andere Geschichte, wie Michael Ende so schön geschrieben hat.

Durchlöchert: einzige Sickerstelle

Durchlöchert: einzige Sickerstelle: vom Regen durchbohrt
Die Schieferbrust dieses Berges: nichts kann mehr auf lange sicherstellen seine Fortdauer
Und ich rede nicht einmal im Ansatz
Am Fuss figürlich: leidenschaftsloses Zusammenrücken aus Material und Schwerkraft: erstarrt starrst du auf die Formation und fühlst
Wie das Leiden an den Dingen auf dich zukommt und schon wieder
Von dir wegschiesst wie ein D-Zug: in deinem Rücken fallen die Wellen in deinem Rücken in sich zusammen wie Konstellationen: ich rede nicht einmal mehr mit einem Anspruch auf Zufriedenheit und hocke
Kauere mehr auf diesem Abhang wie eine nasse Katze auf ihrem ersten Wurf: was für ein Kinderspiel die Schieferzungen doch sind: unerlässlich zerfallen sie
Um dem Gras Nahrung zu geben und das Leiden dem du begegnest mit offenen Augen und wunden Armen unterhält kaum mehr die Angst vergessen denn den Mut mehr aufrecht: durchlöchert
Von den Blicken der Bettler stehst du im Tor und wartest
Auf die Ausfertigung des Stempels und das murrende «Hinein» des Wächters und die Bettler keifen in deinem Rücken hinterdrein wie die lachenden Gänse im Hof deiner Grossmutter damals auch sie nur Gäste wie ich: wenn ich auch gokenin und sie blosses Fussvolk: eine Mischung aus Salz und aufrecht erhaltenem Fall wie ein Pinselzeichen auf der Fusssohle des Berges: einzige Sicherstellung kann im achtlosen Lachen geschehen im sitzenden wiegenden Summen: und dadurch das Wasser wie ein Einschuss von Ekel und Magensäure: sauer fällt der Schnee
Eitergelb in die zusammensinkenden zusammensickernden Geschosse der Erde: im Osthimmel sammeln sich die Federn der Fasane und Sumpfhühner und schwärmen
Krakeelend aus in die Gassen der Stadt: streifen den Shojis und Drachenziegeln weisse Zeichen aus Naturschrift über und ich neige meinen ganzen Körper vor meinem Daimyo ein letztes Mal: seine starre Miene hat mich früher erschreckt aber heute
Sehe ich nur die Leidenschaft die durch ihn sickert wie ein Stromstoss aus einem surrenden vibrierenden Generator mitten im Steingarten: durchlöchert
Von dem fliessenden Strom aus Begehren und Wünschen höre ich seine Stimme fluchen
Und du kehrst der Fortdauer seiner Herrschaft buchstäblich den Rücken: wie eine
Regenrinne: und ich rede nicht einmal von Erleichterung.

Die See erhebt ihre weisse Kleidung

Die See erhebt ihre weisse Kleidung: wie fliessender Schnee kommen die Wellen
Haltlos auf das Ufer zu und weichen wiedergleich
Wie von Ekel abgestossen zurück: nähern sich meinem Elend vorsichtig und voller Abscheu
Dem Weilen im wiedergleichen Sink-Sand meines bescheuerten Wählens: die blank gescheuerten Felsen des Strandes und die vagen Gestalten der Kii-Bergzüge: die betenden Familien erfasst von Pest und vom viralen Keulen zerschlagen in die östlichen Winde wie die Rufe eines Makaken und weit in die unwirtlichen seelenlosen verholzten Regionen des Ostens getrieben: keine
Schwester des Unwetters hat bisher noch meine Hütte berührt oder gar nach ihr zu greifen gewagt aber diese
Diese hier mit diesem erweiterten verschnittenen Lächeln
Diese hier mit diesem wiederkehrenden Schlafgebot
Diese hier mit dem Leib eines vergewaltigten Mädchens: ich könnte vor Erstaunen
Sterben: man stirbt für weniger: die See hebt ihre weisse Kleidung über den Strand hinweg wie eine verfolgte Frau
Wie ihre blanken Knie silbern aufscheinen fast wie die Gesichter von einer Jorogumo: meines bescheuerten Wählens Schampartien zu sehen
Seine schmalen Schultern und abwegigen Blicke auf Hüfthöhe
Könnte ich nur lachen wie die andern mit ihren Fratzen in den Westen gewandt
Doch im Versuch schon erkenne ich: mein Lächeln ist wie das Lächeln des Haifisches: er lächelt
Weil er das weisse Wasser säuft dort unten mit jedem Flossenschlag um weiter zu leben und schliesst er sein Maul
Schiesst er bald verbissen von unten nach oben: ich höre seine Zähne knirschen aber
Die Brandung kommt näher ohne Zähneknirschen oder ist das Knirschen des Holzes unter mir
Schwankt meine Hütte auf ihren Pfählen die vom Salz erbleicht sind wie das Gesicht meines Freundes
Als ich wählen musste zwischen ihm und ihr: die See springt schwesterlich hüpfend ihr weisses Kleid lüpfend durch die Staudenknöteriche und am Wacholder vorbei: zeige mir doch
Einen Menschen der gut ist
Einen guten Menschen der keine Menschen abzustumpfen fähig ist
Fähig wäre: die weisse Kleidung des Meeres umspielt meine blanken Füsse
Das Wasser brennt kalt in meine Waden herauf: könnte ich nur lächeln wie die andern und Wiedergleich zurückweichen in die schwarzen Schatten meiner haltlosen Zukunft.

Empfindet ein Pfeil

Empfindet ein Pfeil auch Schmerzen wenn das Fleisch
In das er eingebrochen ist ihn im Sturz
Bricht nach einem hohen Flug über die Burgmauern: sein Gefieder stimmte eine Art summendes Lied an hinter ihm und hat erst einige Töne davon singen können und im Moment des Brechens
Der nie nur ein Vorher und Nachher ist: wie der Lauf des Mondes im See
Ein Ziehen Nachgeben Fliehen papierenes Reissen und ein Enthärten ist
Und der Mond kann das Wasser ja nicht trüben: nach der kühlen säuselnden Luft die ihn singen liess die Hitze und feuchte Dichte eines Körpers erfahren: Leiden
Ist getrübte Sicht: ist wie der verlorene Glanz in der Eberesche: keine Beere mehr übrig
Allein die immer starrenden harrenden Nadeln: auf einen Herbst oder eine Axt
Die sich nur mehren können: ist auch das
Leiden und Schmerz: leiden die Sperlinge und Meisen am leergefressenen Baum
Und wenn die Berge unterm Erdschub buckeln
Der mit Pfeifen und Röhren und Stottern die Erde selbst schüttelt wie eine alte Eiche am Steilhang im Herbst vom Sturm geprüft wird
Die Wellen aus Schmerz
Wenn von einem Augenblick zum andern Augenblick das Gleichgewicht von Garten Mauern und See zerstört ist und im Kippen schon
In den ungewohnten Winkeln schon
Ein Beharren wieder möglich ist: in der Umgeworfenheit im Sturz der Landschaft bereits
Dauer ist: empfindet auch das im abgedeckten Stall stehende und rufende Vieh mehr als nur Verwirrung: denn Sturz ist Flug und Flug ist
Sturz in ein Leben
Das sich dinglich erfährt und erhoben hat: jeder Gegenstand und jedes Lebewesen erfährt die leuchtende Fahrt des Mondes über den See und die abgeschrägten Lichtwinkel und die aufgehobenen Grenzen
Als Leiden wie auch der Pfeil
Abgesandt ohne ein Ziel zu sehen und kennen
Die Brust den Schenkel die Kehle findet
Ein willenloses Geschoss wie du und doch im Leiden begriffen
Die papierleichte Haut zerreisst wie der Ast eines Strauchs lange gegen die Shoji geschlagen hat bis auch der Wind der feuchte kalte Wind
Einlass erhielt sein Brausen ausbreiten konnte in einem neuen Raum
Den er dringlich und beharrlich ertastet und erstrebt hat ohne ihn zu sehen und kennen: und im Fallen
Seitwärts wie eine zu schnell gewachsene Fichte im Wald dort im Osten
Im Fleisch stecken bleibt und der Mensch um ihn herum schreit auf im Augenblick fast danach: die Wellen von Schmerz ersticken seinen Ruf und seine Augen trüben sich in Voraussicht:
Lebt noch
Lebt noch
Wenn im Lazarett der Feldscher das Holz herauszieht
Geschmack von Leder auf der Zunge
Damals in den Hügeln von Yoshino.

Mit schmalen Schultern

Mit schmalen Schultern rollen sie heran: als verfügten sie über die
Härte von Stahl die denen gegeben ist
Die nach Ruhm streben und sich versteifen
Sich verrenken und immer mehr versteifen wenn die scharfen Hinterköpfe
Gesichtszüge annehmen und die Landschaft aus ihrem Nicken und Wippen
Aus ihrem Ululieren und ihren unerwarteten Hornklängen
In eine quäkende und krabbenhafte Aussicht
Ausbricht wie der Winter im Sommer: du siehst das Lächeln des Kindes gegen seine eigene
Mutter in diesen schmallippigen greinenden Wellen heranrollen
Wie Gegenstände die jemand für verzichtbar gehalten hat: du siehst das gelegentliche Azur
Dessen Schönheit du niemals einzugestehen bereit sein wirst: mit tief im Schädel versunkenen Augen – cerclés
de bagues vertes – rollen sie ohnmächtig wie der geringste deiner Freunde heran und ächzen zu deinen Füssen aus mit diesem Ausdruck auf der Stirn
den du von den Gesichtern kennst: die Härte von Stahl und die Charakterkraft von Priestern
in einem tollkühnen Lauf entgegen der Güte und dem Guten:
die nach Ruhm streben mit knirschenden Zähnen
mit in Voraussicht schon mahlenden Zähnen: denn die Kiesel am Strand werden sie auflaufen lassen und zerstreuen wie eine Herde von Schweinen vor dem Abgrund: und doch werden sie
stürzen auf das Land wie jedes Mal: den Ruhm vor Augen wie ein unsichtbares Geschirr und du siehst
ihre schmalen Schultern wie in Unterleibsschmerzen gerafft und auf nachfolgende Schmerzen gefasst: oh wenn die Ohnmacht sich wandelte in
Allmacht: selbst dann könnte ich nicht glauben an ihre Freundlichkeit: ihre heissen verklärten Gesichter
Ihre verzogenen angeschmolzenen Gesichter starren wie Metall voraus
Auf den Schlammpfad des Grossen Regens gerichtet: du siehst
Die aufgestülpten Schreiner ihrer Lust und letzten Hoffnung weit in der See draussen
In der heimtückisch menschlichen See heraussen
Die ihre Faltenwürfe beispielhaft ans Ufer schickt: Emissäre deines stählernen Starrens und Harrens: auch deine Schultern sind schmal geworden mit der Zeit
Nachbarn deiner Ohren: auch deine Augen glühen noch von einer sengenden und hasserfüllten Reue
Am abgelegenen Ufer deines Exils im Alter.