Keiner hat mir das gesagt

Mein Sohn ist leicht in der Liebe,
und ich bin leicht im Zorn,
mein Sohn ist freundlich und zurückhaltend,
und ich bin nachtragend und vorsichtig,
mein Sohn ist schnell wieder ein Mensch,
und ich bleibe noch lange ein Dämon,
wenn die Schlacht vorbei ist,
mein Sohn geht mit Frauen um wie mit Schwestern,
und ich fürchte mich derart vor ihnen,
wenn ich in ihre Gemächer einkehre,
mein Sohn hat ein offenes Ohr für jeden ohne Worte,
aber mich hat er nicht gehört. SELA

Keiner hat mir gesagt,
wie in meinem Rücken mein eigener Sohn sich mit diesem Dahergelaufenen, mit diesem Aufgenommenen, mit diesem Hinterwäldler zusammengetan hat,
ja, mehr noch, verbündet:
unter meiner Tamariske haben sie Hände und Lippen verschränkt,
so hat man es mir gesagt,
unter meinem Ratebaum haben sie sich gesucht,
mein eigener Sohn und dieser schöne Hirte von Lügen,
von keinem habe ich das erfahren bis zuletzt,
als Letzter habe ich es erfahren,
was die beiden mir in meinem Rücken zufügen,
wie die beiden hinterlistig, aber ohne List, als ich abgewandt stand, sich verständigt haben,
und keiner hat mir gesagt,
was dieser Untertan meinem Sohne angetan,
nicht einmal in einem Flüstern,
nicht einmal in einem Säuseln kam es mir zu Ohren,
meine harten Ohren, meine geprüften Ohren haben davon nichts vernommen,
als sässe ich unter meinem Baum vor dem Tor und lauschte dem Schweigen der Steine im Osten,
dem Murmeln des Winds über die unverrückbaren Ahnensteine des Tals,
über dem meine Tamariske schwankt und tanzt,
als sässe ich Stein geworden unter meiner tanzenden schwankenden Tamariske am Abgrund,
war ich taub vor dem stummen Geschehen,
an das mein eigener Kopf gelehnt war,
blind gegenüber den Steinen, die sich wie Männerherzen um mich öffneten und zusammenrotteten,
als wollten sie mich von hoch oben und von tief unten erschlagen,
und alle tragen das Gesicht meines einen guten Menschen.

Die Rede des Abschiedssteins Ezel

Ich gehöre zu den Auserwählten,
ich habe Anteil an der Güte der Heiligen,
die mir ihre Treuen und ihre Verlorenen schickt,
ihre Verachteten und Verfolgten,
ihre Verworfenen und Verfehlten,
die sich in meinem guten glatten Rücken auf diesen einen Schritt in die Fremde vorbereiten,
hinter meiner abgeschliffenen Lippengestalt sich sammeln können für eine einzige Rede, die sie ausdrückt,
die so sehr die Wahrheit sagt, dass Freundschaften und Beziehungen davon verbrannt werden,
ich bin eine Liebende,
ich bin eine Schützende,
ich bin eine Freilassende,
ich bin eine Abstandnehmende,
ich zögere hinaus, was hinausgezögert werden muss,
ich verlängere, was verlängert werden muss,
ich beschleunige, was beschleunigt werden muss,
ich entscheide mich für jene, die nicht entscheiden können,
für diejenigen, die in der Verwirrung geboren,
die in der Ursuppe noch gefangen sind,
über die ich hinausrage wie das Segel einer Mutterstirn,
wie die Flagge einer Vaterbrust,
wie die Faust eines Rächerfreundes,
ich bin Teil vom Plan der Heiligen,
der in Schlingen, Schrunden und schroffen Wendungen verläuft,
von der Heimat in die Fremde, die Heimat ist,
deshalb ist mein Antlitz so glatt und eben,
so ganz ohne Furchen und Rillen,
im Morgenlicht errötet es leicht wie die Backe eines Säuglings,
im Abendschatten scheint es silbern auf wie das leichte, wehende Haar einer Grossmutter,
ich bin ein Teil vom Volk der Heiligen,
ich bin anwesend für die Abwesenden,
ich bin gezählt für die Ungezählten,
ich bin erwähnt für die Unerwähnten,
und selbst der Märchenprinz in meinem Rücken,
der so zittert, dass es ihn fast zerreisst,
dessen Zunge ausgetrocknet ist vor Angst,
dessen Zunge niemals mehr singen zu können glaubt, so sehr klebt sie ihm am harten Gaumen,
dessen dürrer Verstand in der Verfolgung aufblühen wird wie die Hänge des Nachal Michmash, wenn Frühling Regen bringt,
selbst ihn liebe ich mit unverrückbarer Ausdauer.

Doëgs Scham

Ich bin ein Hirte, mein Herr,
ich gehöre dem Sand und dem Blöken der Kamele,
ich gehöre dem flüsternden Blut des Widders,
ich gehöre dem Stolpern eines Kälbchens aus der Plazenta,
ich gehöre dem scharfen schlürfenden Wind,
der dir das Gesicht nimmt und das Antlitz schürft,
ich gehöre dem Sirren der Sterne und dem Drehen der Erdachse,
und ich wünsche mir den Gesang von Esaus Kriegern,
wenn ich höre, wie du haderst mit deinem Leben,
wenn ich höre, wie du dich weidest an deiner Verfolgung,
und ich folge dir, wohin du gehst, mein Herr,
habe mein Erbe verloren,
verloren habe ich längst, was mir gehörte,
und ich folge dir, denn mir gehört nichts,
und was dir gehört, hat doch mir gehört,
und ich zertrümmere die Schädel von Neugeborenen für dich,
ich erwürge die Alten aus dem Stamm Benjamin,
damit die Zukunft weniger das Antlitz eines Wolfes hat und mehr das einer schlachtreifen Zibbe,
ich gehe den Jungen aus dem Stamm Juda an die Kehle,
auf dass sie keine Erlösung über das Volk bringen können,
ich bin dort anwesend, wo du nicht sein kannst,
ich will das tun, was du nicht vermagst, mein Herr,
denn ich bin nicht dort, wo ich sein könnte,
denn ich tue nicht das, was ich vermöchte,
ich will jene verfolgen, die diesem euren Gott taugen,
ich will meine Brüder an deiner Seite rächen,
für meine Schwestern will ich euren Frauen dies und das antun,
und wenn ich fertig bin mit all dem, mein Herr,
werde ich wieder in den kupferfarbenen Horizont hinausgehen,
verschmelzen in der Glut der Steppe,
morgens mit dem Wispern der Minze aufwachen,
abends mit der roten Wärme im Magen unterm kalten Sternenzelt einschlafen,
ich werde mich langsam in meinem Erbe auflösen,
ich bin ein Hirte, mein Herr,
mit den Riten der Einsamkeit verwandt,
ich bin ein Hüter, mein Herr,
mit den Bräuchen der Dünen bekannt,
ich spreche deine Sprache, mein Herr,
die wie das Heulen der Esel ist,
doch behüte ich nichts,
denn ich wurde verraten,
doch bin ich nur allein,
wenn ich Köpfe ernte,
wenn ich Flüche säe,
wenn ich die einen den andern verrate,
die andern den einen an die Klinge liefere.

85 ist keine Grenze

Verschworen sind sie alle gegen mich,
als könnte dieser Judäer ihnen abends Weinberge schenken,
nachdem er sie morgens verschlungen hat,
als könnte dieser Steppenwolf ihnen Äcker pflügen mit seinem einen Schwert,
als könnte er ihnen eine Herrschaft im Stile Gottes aufrichten,
eine Heuchelherrschaft, eine Meuchelherrschaft,
wo er doch vor mir nur auf einem Flecken Land von der Grösse meines Fingernagels sicher ist,
und selbst wenn die Fangarme meiner Häscher sich um meine Füsse winden,
werde ich ihn bis ins Kupferland im Süden treiben,
wo die Edomiter jene feine Grenze niemals überschreiten, die zwischen Treue und Verrat schwirrt,
wo die Edomiter den Sand nicht fruchtloser halten als die Kamelscheisse,
verbündet hat dieser Judäer auf seiner Flucht meine eigenen Leute,
jene vom Stamm Benjamin,
die selten mit Schönheit beschenkt,
die selten mit Trauben behängt,
die selten mit Liedern bedrängt,
die selten mit dem Lachen des Wolfs bedankt,
auch sie auf einer Grenze kauernd,
mit verkniffenen und roten Gesichtern auf einer Grenze kauernd,
die sich zwischen Verrat und Gewalt ausspannt,
nein, zwischen Anmassung von Gewalt und der Ohnmacht in Gewalt liegen diese meine Brüder bereits begraben,
verschüttet liegen diese meine Schwestern bereits zwischen diesem Fehlen von Gewalt und dem Aufsteigen von Gewalt,
und 85 Menschen sind dafür zu wenig,
als könnten diese 85 Köpfe, die du mir gebracht hast, Edomiter,
die mir zu Füssen liegen wie Dunghaufen vor den Ställen der Judäer,
etwas verhindern, was ich gesehen habe,
was ich mit entzückender Kraft keimen gespürt habe,
und 85 Köpfe sind dafür eine Kindergabe,
ein Land habe ich kommen gefühlt,
einem Land ins Antlitz geblickt,
das im Stile Gottes kupferfarben mit Gewalt beschrieben,
das im Stile Gottes kupferfarben glüht vor allgegenwärtiger Ohnmacht,
die mit Gewalt beschritten wird,
eine Meuchelherrschaft gegen die Wehrlosen,
eine Heuchelherrschaft gegen die Mächtigen,
und überall die Grenzposten mit einem Gesicht von Kamel und Wolf.

Bericht eines Sachwalters

Einen halben Tagesmarsch kam er weit, der Märchenprinz,
atemlos kam er nach Nob, als liefe er seit Rimmon,
seine Knie wackelten, als sei er nach Jericho hinab und hinauf,
mit fliehenden Augen bettelte er um Brot,
seufzte er nach Wasser,
und nicht um Weisung einzuholen suchte er mich auf, mein König,
hatte er denn vergessen, wie sehr ihn Samuel liebte,
hatte er denn auf seiner Flucht den Glauben an eine Zukunft verloren,
die Gott der Herr nur jenen verleiht, die Staunen können wie das Kind, mein König,
doch stand er winselnd im Schatten meines Olivenbaums,
den ich über dem Grab meiner im Krieg gefallenen Söhne wachsen lasse,
doch stand er fluchend auf jenem Boden, wo noch nie ein Bruder den anderen, eine Schwester die andere verraten hatte,
er hatte grossen Hunger und wollte Weisung hören,
und ich habe Auftrag zur Weisung,
seit Eli von seinen Söhnen verraten ist,
seit in Silo die Herrlichkeit Gottes des Herrn verstummt ist,
seit Samuel selbst seine Rede ausgeredet hat,
seit die Propheten weissagen davon, wie die Zedern aus dem Libanon hinabsteigen auf die Schultern Gottes des Herrn,
auf den Berg zuschreiten, wo Jakob auf seiner Flucht einen Stein für seinen Kopf fand,
aber auch du bist nur einer dieser Äste, die Gott der Herr abschlagen wird in naher Zeit,
und der Märchenprinz, abgeschlagen und ohne Zukunft, mit einer Lüge auf der Lippe,
hiess mich die heiligen Brote bringen,
fünf an der Zahl,
sie werden nicht mehr,
es waren fünf an der Zahl,
mehr waren es nicht, mein König,
hiess sie mich mit dem Öl meines Baums bestreichen,
auf dass sie ihre Steinhärte verlören, die sie für Gott den Herrn angenommen hatten,
auf dass sie ihre Schneidehärte verlören, die sie für Gott den Herrn angenommen hatten,
denn sie waren für seine Weisung bestimmt, für sein Antlitz gebacken,
aber er, der alles verloren hat vor deinen Augen, mein König,
trat bald schon meinen Töchtern zu nahe,
denn das getränkte Brot stellte seinen Mut schnell wieder her,
seinen Übermut, mein König, seine Bestimmung,
und schnell gab ich ihm das Schwert des Philisters, des Grossen,
seine Klinge breit wie der Ast einer Eiche im Eichgrund,
jenen Lästerer, den deine Männer im Pfeilregen erstickten,
nachdem er Gott den Herrn verhöhnt hatte.

Unter den Propheten

Gottes Geist hat die Männer verschluckt,
hat die Männer aufgefressen und ausgespuckt,
die du uns geschickt,
staunen und stammeln, stottern und stampfen, ächzen und schreien hat er sie gelehrt,
die Männer, die du ins Haus der Propheten geschickt hast, sind andere,
die Männer sind nackt und herrlich. SELA

Wieder steht mir die Heilige im Weg,
wieder will mir die Strafende den Weg vertreten,
wieder hat sie Ohren und Herz verschlossen vor meinem Schritt. SELA

Gottes Name hat die Männer erbeutet,
hat die Männer erfasst und entlassen,
die du uns geschickt,
tanzen und raunen, mauzen und kauzen, rufen und rasen hat er sie gelehrt,
die Männer, die du zum Haus der Propheten geschickt hast, sind keine mehr,
sind wach und fern. SELA

Wieder kreuzt die Heilige meinen Streit,
wieder stellt sie mir eine Falle,
in die ich gesogen werde,
gezogen von ihrer Zuneigung. SELA

Die Ohnmacht Gottes hat die Männer verbogen und verborgen,
hat die Männer entgrätet,
entschuppt und entblösst hat sie die Männer,
die du uns geschickt,
verdrehen und hellsehen, weissagen und ertragen, quaken und twerken hat sie sie gelehrt,
die Männer, die du vor das Haus der Propheten geschickt hast, sind am Leben,
kurz und bündig, frei und mündig,
chronisch-panisch, wandel-andel. SELA

Wieder stösst mich die Wahrende hinein in die Erde,
stampft die Gewahrende mich hinunter in ihren offenen Leib,
wieder will sie nicht wahrhaben meine Wünsche und Würde,
wieder kommt die Sicht über mich,
will mich bewahren,
will mich erfahren,
will mit mir verfahren, wie es ihr beliebte und beliebt,
schon zucken meine Glieder. SELA

Die Anwesende hat den Mann errungen,
hat den Mann bezwungen,
ohne grosses Ringen hat sie ihn entsetzt,
hat sie ihn ersetzt,
mit Heulen und Klappern hat sie ihn hingestreckt,
wie ein frischer Wurm wälzt er sich im Dreck,
Schaum von Gottes Wort verspritzt er laut und schrecklich.

Wie mein eigen Leben

Komm zu mir, mein Lieber,
tritt heran, mein Liebster,
nähere dich sehr,
rücke herzu,
zu kurz sind meine Arme,
zu gross ist deine Schönheit,
deine Locken sind wie ein Wasserfall im Nachal Arguot,
deine Brust und deine Schultern schöner als die einer Frau,
ich träume von Flügeln, dich zu fassen,
ich wünsche mir die Wurzeln eines Olivenbaums, um dir immer Schatten zu spenden,
den Lauf des Strausses, um dir zuzueilen,
den Fuss einer Muschel, um bei dir zu bleiben,
hier ist mein eigen Rock,
hier ist mein eigen Mantel,
vollgesogen von meinem Eifer für dich,
gewürzt mit meiner Neigung für dich,
komm zu mir,
sammle meine Freudentränen über deine Ankunft,
den Tau des Dankes über so viel Schönheit und so viel ungetrübten Spiegelglanz,
jeden Augenblick meines Lebens möchte ich neigen wie eine hochwachsende Rose zu dir,
deinen Geruch aufsuchen wie eine Biene im frühen Frühling, wenn die die Morgen noch frostig sind,
jeden deiner Atemzüge möchte ich vor mir hertragen wie Trompetenstösse über der Mauer deiner Augenbrauen,
tritt heran, meine Liebe,
scheu dich nicht vor meiner Liebe,
hier ist mein eigen Schwert,
hier ist mein eigen Bogen,
hier ist mein eigen Gürtel,
in deinem Schatten ist nichts mehr vonnöten ausser Ehrlichkeit und Hingabe,
nimm alles zu dir,
du bist wie mein eigen Leben,
ich liebe dich wie mein eigen Leben,
wo du gehst, will ich gehen,
wo du ruhst, will ich ruhen,
nähere dich sehr, mein Lieber,
die Arme um dich sind zu wenig,
Lippe und Zunge reichen nicht für dich,
kühle mich mit deinem Lächeln, das wie das Rieseln von Steinchen unter Kinderfüssen ist,
lass mich wohnen in deiner Magengrube,
lass mich flüchten in deine Kniekehlen,
denn da kommen andere herbei.

Michals Lied

Ich fürchte mich vor ihm,
ich fürchte mich für ihn,
er ist ein Strom von Schafen, von einem Bärenjungen vor sich hergetrieben,
er ist eine Flut von Katzen, den Häutern entflohen,
er ist ein Geschiebe von Geschichten, in dem du warm erblühst,
das liebe ich an ihm,
für den ich den Hausgott in meinem Bett schlafen lasse,
für den ich meinen Vater zu verachten lerne,
den ich in meinem Schosse wie ein Kuckuck hege,
er sagt sein helles Barburim, barburim,
es gellt in meinen Ohren,
meine Ohren verwittern,
können seine Beschwichtigungen nicht hören,
seine Ausflüchte, die wie Versprechungen klingen,
wie stolpernde Töne eines einzelnen Huhns allein im weiten Hof,
und ich trage meine Sorge an meinem Hals wie eine Kette aus Bärenzähnen,
ich laufe mit meiner Sorge von Hof zu Hof, als suchte ich Gefährtinnen für einen Tanz,
die Sorge klingelt an meinen Knöcheln wie Schnecken,
meine Sprünge sind schmutzige Kinderhände,
die Tränen im staubigen Gesicht verreiben,
und ich fürchte um die Augen meines Vaters, in denen leise die Flamme der Torheit flüstert,
ich fürchte die Augen meines Jungen, meines treuen roten Burschen,
der so lebhaft ins Bett hüpft am Ende eines Tages,
flatternd mit den Armen wie ein Perlhuhn bei der Flucht,
als sei er eine Geiss vor dem Bocke,
eine Gazelle vor der Löwin,
ich fürchte sein Kichern, das seinen Geschichten niemals genügend Glauben schenkt,
ich habe Angst vor jenem Funken in seinem Herzen, der nicht menschlich ist,
der selbst im Hochsommer das Nachal Michmash für den Jordan hält,
die Tröckne für die Flut, den Fall mit dem Flug,
und so hänge ich nun in dieser Nacht ein Seil aus meinem Fenster,
an das ich ihn hänge wie damals Rahab ihre Gäste,
als solle er sich ein Land erobern, das ihm zugesprochen ist,
als solle ich seine Feigheit mit dem Widerstand einer Frau bedecken.

Der Knabe unterm Pfeil

Der Pfeil fliegt hoch,
der Knabe läuft,
wie hoch fliegt der Pfeil,
wie weit läuft der Knabe,
am Abschiedsstein vorbei,
durch Dornen und sandige Mulden,
näher dem Himmel der Pfeil,
näher dem Erdboden der Knabe,
im stolpernden Lauf, im gebogenen Flug,
der Knabe eilte voraus einmal,
der Pfeil schnellte schon weiter,
die Rufe des Herrn wie das Krähen des Hahns,
die Befehle des Herrn in seinem Rücken wie das Ächzen eines Mühlsteins,
der Knabe wie ein Stöckchen nah über den Boden geschleudert,
der Pfeil wie die Grenze zwischen einem Menschen und einem anderen Menschen,
schmal wie die Kehle zwischen Himmel und Horizont,
aus der die Zukunft kommt,
wie der feine Riss im Bein des Stuhls, auf dem der Geliebte die Geliebte in seinem Schosse wiegt und hegt,
doch was ruft er «weiter draussen»,
doch was ruft er «suche weiter weg»,
ich sehe den Pfeil doch fallen,
sehe doch den Pfeil in langsamem Drehen um seine Achse im Fall,
muss meinen Schritt schon hemmen,
soll ich denn durchbohrt werden von oben her aus dem grünenden Himmel,
da steckt der Pfeil schon im kiesigen Grund,
schon kippt er aus dem Stand, findet keinen Halt,
ein alter Mann, der noch und wieder vom Tod seiner Töchter und Söhne hören muss, fällt er seitlich hin,
die silbernen Federbüschel seines Kopfes leuchten einmal noch auf,
und leise klappert das Hölzchen auf den Felsenrücken,
der sich wie eine Faust rundet unterm Menschen,
es klingt wie der Fall eines Stöckchens auf dem Spielbrett, das nicht sorgfältig eingesteckt wurde,
die Spieler waren voller Hast und hatten einen Plan,
die Hände zitterten ihnen vor dem Ziel,
ihre Hände schwebten überm Spielfeld wie Pfeile im Flug,
seitlich liegt das Stöckchen mit seinem Schakalkopf auf dem Holzrücken des Spiels,
doch was schreit er «weiter draussen», «weiter draussen»,
da habe ich den Pfeil doch schon in der Hand und bringe ihn zurück.

Das Lied des Pfeils

Heute stelle ich niemand nach,
heute habe ich kein Ziel, das mich will,
einen unschuldigen Stein kann ich treffen und von ihm abprallen mit einem Geräusch wie Kinderlachen,
im trockenen Boden kann ich mich nach viel zu hohem Fluge einbohren und haltlos umsinken,
doch noch liegt meine Wange an der Sehne,
doch noch liegt meine Spanne an der gespannten Sehne,
noch bin ich glücklich zu preisen, dass mein Flug Gutes wie Böses verheissen kann,
und der Junge, der mich aus dem Köcher zog, ist glücklich zu preisen, dass er einen Freund hat,
für den er mich aufgespart,
für den er mich bestimmt,
heute bin ich ein Pfeil der Freundschaft,
ein Pfeil für die Sorge und Liebe,
eine Botschaft für eine Grasnarbe, die nichts um ihr Glück weiss. SELA

Und im Flug, den ich nun Widerwillens nehme,
im Flug durch frühen grünen Morgenhimmel vergesse ich mein Zischen über dem Auge, das fehlt,
über dem dunkeln Schatten im Himmel,
den die Menschen feiern,
denn sie wissen um seine Anwesenheit in der Abwesenheit, wissen es im Voraus,
denn sie wissen, was abwesend ist, kann anwesend sein, auch wenn es nicht zu sehen ist,
wie der Junge da in den Dornen, sein Gesicht vom Hoffen ganz zerpresst,
als läge er wie ich gerade an einer Darmzunge, die aufs Zuschnappen wartet,
an einer trockenen Darmzunge, die jederzeit zum Singen bereit ist,
wie der Junge, der mich angelegt hat, als spielte er mit meinem Flug um den Jungen im Gebüsch,
mit seinen verkniffenen Lippen seinem Vater mehr gleicht, als er je wissen wird,
und jetzt streift die schwere Morgenluft meine pfeifende Kehle,
das Leben ist in mir,
der Flug ist mit mir,
und ich höre den Lauf des Knaben unter mir,
und ich schlage ein im Geröll, das aufstiebt wie flehende Hände,
und der Schütze ruft mit Silberstimme,
hat denn jemand meinen Gesang gehört?