Brief an Ziklag

Schreibe an den Engel in Ziklag:
In der Tochterstadt Beerschebas sehe ich schlangenwindige Dinge geschehen,
Märchen über Märchen, Zungen über Zungen,
Prophetenworte aus Straussenmund,
ein Verbannter haust in deinen Mauern,
einem Ausgestossenen hast du deine Tore geöffnet,
dem Verbündeten meiner Feinde,
den gottlosen Schweinefressern,
einem Ismael, der die Wüste verdient hat,
einer Hagar, die keiner Lebendigen zu begegnen würdig,
an keinen Brunnen, an kein grünendes Tal hättest du diesen da lassen dürfen,
doch habe ich dir versprochen,
ich würde dir Menschen schicken, die zum Totenreich gehören,
das in der Leere vor deinen Toren liegt,
Menschen, die aus Raubzügen ihre Kraft ziehen,
die die Schlüssel meiner Städte zerstören,
weil sie Worte haben, die mir genommen wurden. SELA

Schreibe an den Engel in Ziklag:
Du bist am Tor zur Wüste in den Süden,
die sich wie ein heisser Atem vor Juda öffnet,
an der Schwelle zum sandigen Himmel,
über den die Adler ziehen,
die hinweg sich heben von den glühenden Felsen,
die nicht länger lauern über den kühlenden Höhlen,
was für ein Los, was für eine Aufgabe hast du dir gewählt,
an der Grenze zur Leere die Fülle zu suchen,
hast du daher diesen Flüchtigen aufgenommen,
der mit Engelszungen von gerechten Zeiten spricht,
der mit Seidendüften bei deinen Töchtern liegt,
seine Haare wie die Schlingen des Nachal Gera um deine Ohren windet,
seine Unterwelt-Gesänge wie ein Rückkehrer aus der Wüste stammelt,
in der Tochterstadt Beerschebas den Schwur versiegen lässt,
die Treue zum Schwur verdorren lässt,
den die Lebendige Hagar zugesprochen hatte,
den die Lebendige ihrem fröhlichen Sohn hingestreckt hatte wie einen Zweig jener Tamariske,
die sein Vater auf den rohen Felsen pflanzte,
was hast du mit Raubzügen,
was hast du mit stockenden Märchen denn zu schaffen? SELA

Schreib an den Engel in Ziklag:
Ich werde meinen Mund mit Schwertern füllen.

(Bild der archäologischen Städte Tell-a-Shera benutzt gemäss der Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International Lizenz.)

Brief an Maon

Schreibe an den Engel von Maon:
Hundsfötter beherbergst du,
auf deren Tellern das Fleisch von Götzenopfern liegt,
in deren Kehlen Gesänge von Propheten keimen,
die niemals der Heiligen zugewandt waren,
ihr ganzes Sinnen und Streben ist darauf gerichtet, den Falschen zu helfen,
den geschaffenen Dingen und Zäunen Zuneigung zu schenken;
das Horten von Worten,
das Markieren von Tieren,
das Wiehern über Träume,
das Schäumen über Bitten,
das Weiden von unreinen Geistern,
das Ausweiden von unreinen Tieren,
das Gieren nach dem wilden Wald,
das Häufen von Schätzen,
das Setzen von Grenzen,
das Lauschen auf die Sprache der Lenden, –
all das sind Dinge, die die tun, die du beherbergst,
und ich kenne ihr Tun,
ich erkenne sie an ihren Taten,
ihre Worte sind das Rasseln einer Schlange im Sand an deiner Schwelle;
all das sind hundswütige Dinge. SELA

Schreibe an den Engel in Maon:
Hundswütige Dinge höre ich von dort, wo du wohnst,
deine Traube fault, ich rieche sie bis hierher,
und was die Teufel in deinem Hause auch hören, sie vernehmen es nicht,
und was die Streuner in deinem Hause auch sehen, sie erkennen es nicht,
in ihren Fellen hocken Zecken und Läuse,
ihre Lefzen sind schwarz vom vertrockneten Schaum,
ihre mageren Rippen sind Dolche,
ihre Bisse sind giftig,
und der Atem, den sie von der Heiligen haben, ist verdorben und vertreibt selbst die Geier,
die sonst an den Müllgruben warten auf die schlechten Taten,
und selbst deine Worte, mein Bote vor Ort, mein Ohr für Gott, mein Auge für den Thron,
selbst deine Worte schmecken ranzig und nach altem Käse,
ich kenne die Enge deines Hags, die Tröckne deines Hains, den Staub an deiner Schwelle,
Gerber sind diese da,
sie tun der Erde dies und das an,
und du sitzt im Rauch deiner Güte,
deiner Herbergskunst eingedenk,
während die Steppe sich weitet unterm Ruf des Adlers, der weiterzieht,
während die Zedern fallen auf den Höhen,
die Wacholder glühen und glimmen,
die Brunnen versiegen;
siehe, ihre Speicher sind voll, ihre Frauen sind schwanger,
ihr Wort ist Bellen,
ihr Gehorsam Hecheln,
und ihre Bäuche schwellen. SELA

Schreibe an den Engel in Maon:
Aber eines haben sie gut gemacht, die Hundsfötter,
verjagt haben sie den Märchenprinzen,
verjagt samt seiner seidenen Zunge,
vertrieben samt seiner jaulenden Truppe.

(Ich verdanke das Bild bei Balouriarajesh.)

Gesang des Adlers

Die Geier kreisen wieder,
sie versammeln sich an den Opfertöpfen,
sie rotten sich zusammen über den Müllgruben,
in meinen Sehgruben hat sich genügend Licht angesammelt für deine Dunkelheit,
ich werde nicht leicht geblendet,
ich ziehe bald weiter,
ich lasse meine Nickhaut über dich fallen,
ich sehe die Ratten übers Gebirge fluten,
mit leeren Fängen wende ich mich südwärts. SELA

Ich habe alles gesehen,
ich habe den Schatten gesehen,
der aus dem Licht fällt,
bevor der Augenblick vorüberschnellt,
ich kenne den Ursprung von Licht und Ruhe,
ich weiss um die Anfänge der Mühen,
ich sehe die Schatten im Weiss,
die weissen Flecken im Schatten,
ich kenne die Ideen,
die sich aus dem Nest werfen,
ich sehe dich irren,
im Auge noch den Tod. SELA

Die Geier kreisen schon,
die Schakale streichen wimmernd um die Füsse der Berge,
die Wölfe kommen von den Höhen Moabs herunter,
die Strausse stehen plötzlich in den Toren,
vom Westen kommen die hellhäutigen Kolonisatoren,
vom Osten kommt das Rasen der Reiterscharen,
ich ziehe weiter,
meine Weile habe ich aufgebraucht,
meine Fänge fassen keinen Streit der Menschen,
wo Tote liegen, stelle ich auch mich ein,
trage meinem einen Jungen Mark und Darm herbei,
auf dass es stark werde für den Himmel,
unter dem die Geschöpfe leben. SELA

Ich habe alles gesehen,
ich habe den Schatten gesehen,
der aus dem Licht fällt,
bevor der Augenblick vorüberschnellt,
ich kenne den Ursprung von Licht und Ruhe,
ich weiss um die Anfänge der Mühen,
ich sehe die Schatten im Weiss,
die hellen Flecken im Schatten,
ich kenne die Ideen,
die sich aus dem Nest werfen,
ich kenne die Einsamkeit auf weiter Flur,
sie lässt dich heiser rufen,
die Wege derer, die über die Erde beineln, denkst du zu lenken,
doch wer hört schon deinen Gesang? SELA

So singt der Adler und zieht gen Süden.

(Das Bild verdanke ich Rethinktwice.)

Ruts Lied über Moab

Moab, du hohes Land, du bist ein zerschlagener Krug, aus dem die Gerste rinnt,
du wirst Angst haben wie eine Frau, die in den Wehen liegt, mein Land voller Maulhelden,
so steige herab von deiner stolzen Höhe,
du bist ein Wein, der vom langen Lagern duftet,
ich rufe das Heulen nach Horonajim,
aus dem Staub steigt auf der Gestank faulender Vorräte, verdorbener Früchte,
deine Stiere fallen vom Fleisch,
deine Trauben verdorren in der Mittagshitze,
der Adler stimmt über dir seine Lache an. SELA

Holon, Jahaz und Mefaat,
ich rufe euch zu,
Dibon, Nebo und Bet-Diblatajim,
ich blicke auf euch,
Kirjatajim, Bet-Gamul und Bet-Meon,
ich fürchte um euch,
Kerijot, Bozra und Kir-Moab,
ich fühle mit euch,
und weh dir auch, Betlehem, Heimat in der Fremde,
willst du etwa bis zum Himmel erhoben werden? SELA

Mein Land voller Maulhelden,
die Kiefer werden euch zerschlagen,
die Küfer werden euch heimsuchen,
sie leeren alle Krüge und zerbrechen sie in tauend Stücke,
der Wein wird die Erde blutrot tränken,
die Gerste vom Wind über die Steppen Moabs davongetragen werden,
nicht die Treue wird dir mehr lächeln,
nicht in Liebe wirst du aufstöhnen,
Hilfeschreie entringen sich dir,
Tränen werden deinen Durst stillen,
Kreischen ist dein täglich Brot,
ein Krug bist du, gebrochen und geschändet,
ein tönernes Gefäss, das seinen Töpfer vergessen hat,
ein irdenes Wort, das niemand mehr haben will,
selbst deine Esel trauern. SELA

Holon, Jahaz und Mefaat,
ich rufe euch zu,
Dibon, Nebo und Bet-Diblatajim,
ich blicke auf euch,
Kirjatajim, Bet-Gamul und Bet-Meon,
ich fürchte um euch,
Kerijot, Bozra und Kir-Moab,
ich fühle mit euch,
und weh dir auch, Betlehem, Heimat in der Fremde,
bis zur Unterwelt sollst du hinabsteigen. SELA

Moab, mein Land in der Höhe,
ein saurer Wind streicht über deinen Weinberg,
er bringt deiner Gerste den Flugbrand,
der Staub füllt deine Mäuler ganz,
Sidon und Tyrus hören deine Klagen,
du wirst in den Felsspalten deine Nester bauen,
fristest in der Wüste ein Leben wie der Wacholderbaum. SELA

Holon, Jahaz und Mefaat,
ich rufe euch zu,
Dibon, Nebo und Bet-Diblatajim,
ich blicke auf euch,
Kirjatajim, Bet-Gamul und Bet-Meon,
ich fürchte um euch,
Kerijot, Bozra und Kir-Moab,
ich fühle mit euch,
und weh dir auch, Betlehem, Heimat in der Fremde,
willst du etwa bis zum Himmel erhoben werden?

Noomis Lied

Mara hiess ich mich,
aber es gab noch Korn,
Verbitterte nannte ich mich,
doch es gab noch Treue,
die Brust Gottes war keine Faust. SELA

Das Land Juda war ausgehungert,
das Volk Juda war ausgetrocknet,
kein Korn neigte sich im Wind,
auf den Dreschplätzen wirbelte Staub,
die Kühe und das Kleinvieh längst geschlachtet,
rundumher nur trockene Brunnen, leere Speicher,
da floh ich auf die Felder Moabs,
half beim Ernten, half beim Dreschen,
denn selbst in der Fremde fand ich Wohlgefallen,
denn in der Fremde fand ich Menschen vor Gott,
der nährt und nimmt, nichtet und nährt,
der säugt und sammelt,
der liest und lässt,
der zerwirft und zerstreut,
und die Felder Moabs haben mich genährt. SELA

Noomi hiessen sie mich,
denn es gab wieder Korn,
Liebliche nannten sie mich,
denn es gab stets Treue,
die Brust Gottes ist keine Faust. SELA

In der Fremde fand ich eine Freundin,
an die ich mich hing,
die sich an mich hing,
wo du hingehst, da geh ich hin,
wo du bleibst, da bleibe ich,
wo du stirbst, da will ich begraben sein,
so sagt Rut,
ein Mädchen aus den Feldern Moabs,
dein Volk ist mein Volk, dein Gott ist mein Gott,
der dich nährt und tränkt, nichtet und nährt,
wo du fremd bist, da bin ich fremd,
wo du ankommst, da will ich ankommen,
und seien es die Felder Judas. SELA

Mara hiess ich mich,
aber es gab noch Korn,
Verbitterte nannte ich mich,
doch es gab noch Treue,
die Brust Gottes war keine Faust. SELA

Das Land lief über vor Gerste,
das Land war feucht wie die Zunge Gottes,
das Land ist wie der Brunnen von Gibeon,
und Rut liest Ähren,
liest Ähren für mich auf den Feldern Judas,
liest Korn um fliegendes Korn auf den Feldern Judas,
für mich und sich,
eine Frau unter Wölfen,
aber einer sagte zu ihr,
so tauche dein Brot in die säuerliche Tunke,
scheue dich nicht beim Lesen des Korns,
und die Felder Judas haben mich genährt,
sie und mich, zwei Frauen unter Schakalen,
doch Schaddaj, der nährt und nichtet, nimmt und nährt,
sandte ein Antlitz, das sich uns zuwendet,
tauche nur deinen Bissen in die Würztunke, so sagte der Held meiner Freundin,
die in der Fremde Treue findet,
Heimat hat in Juda und in Gott, der nährt und nichtet,
auf den Feldern Judas nimmt und nährt.

Noomi hiessen sie mich,
denn es gab wieder Korn,
Liebliche nannten sie mich,
denn es gab stets Treue,
die Brust Gottes ist keine Faust.

(Für das Bild bedanke ich mich bei geraldfriedrich2.)

Das letzte Mahl

Du bist eine Waise,
du bist eine Witwe,
verlassen und verloren bist du,
deine Kehle lechzt nach einem Gastmahl,
das nicht nähre noch stärke,
nach einer letzten Speisung, die erfülle und erlöse,
so zerreisse nicht Kleid noch Körper,
zerreisse das warme, ölige Brot,
tunke ein in den Saft des Bratens,
streue Dill wie Aleph über die Linsen,
blättere das Schin des Korianders über das saftende Opfer,
schenke ein vom herben Wein,
stosse auf die Hand deines Sohnes,
finde die Hand deiner Mutter in der dampfenden Schüssel,
zerbeisse den Kümmel und schmecke seine dunkle, bauchige Schärfe,
die dir Tränen bringt,
auf dass du weinest über die Gottesgaben,
auf dass du preisest die, die dich mit ihren Gaben so reichlich erfüllt hat. SELA

Schenke nach vom mundverziehenden Wein,
der gemacht ist für die Fröhlichkeit,
für Tanz und Lied,
lass das Brot saugen vom Olivenöl wie die dürre Kruste deines Herzens,
lass dein Herz sich ausdehnen und weiten wie dein Land unter dem Regenguss,
glaube für Augenblicke an eine auffliegende Erde,
an eine in den Himmel flatternde Einsicht,
aufsteigend aus dem Schattendickicht deines Morgens,
an eine heile Leber,
du bist ohne Freude,
du bist ohne Zuneigung,
doch rolle die Nüsse auf der Zunge,
fühle sie knacken unter deinen Zähnen,
aufbrechen wie verhärtete Muskeln,
fühle den beissenden Rauch des Feuers in den Augen,
spüre den beissenden Knoblauch und die Würze der Zwiebel,
weide dein Auge am schweren, runden Feigenkuchen,
das wie Samech in seiner Runde ruht, feucht und fett,
verlass dich auf das Fleisch,
wie ist die zarte Schulter des Kalbs doch verlässlich,
so neige dich über das Rückenfleisch des Kalbs,
erkenne das leise seufzende Reissen, wenn du es teilst, als Gesang der Güte,
als Lied der Liebe,
als Einsicht in Gemeinschaft,
Gemeinschaft im Hunger, Gemeinschaft im Durst,
schenke ein vom bescheidenen Wein,
der nach Zimt duftet,
lass dir den Honig in den Bart rinnen und wische ihn nicht ab,
denn die, dich erschuf als Witwe und Waise, will dir wohl.

(Mit Dank an Vilkass für das Bild.)

Ein Gedicht schreiben: Ostinato

Musik lässt sich als eine Form oder Entsprechung von Zeit lesen.
Ein deutlicher Anfang; wenn auch manchmal fast zögernd, flüsternd, sehr leise (Sibelius‘ Violinkonzert). Eine ausführliche, von Durchführung(en) und Fortführung(en) geprägte „Mitte“, die mit den Anfang zusammenhängt, aus ihm entspringt – und in das Ende zeigt, führt, das eine Bilanz, eine nochmalige Ver- und Aufarbeitung der musikalischen Ideen und Motive erfordert?, verlangt?, bedingt?
Ein Widerspruch zu diesem Verständnis von Musik oder diesen Erwartungen an Musik (oder Zeit) ist das musikalische Motiv des Ostinato: eine musikalische Figur wird immer wieder, wenn auch moduliert, minim verändert oder verschoben, wiederholt; ad libitum, da capo, ad infinitum.
Man sagt, Sibelius habe deswegen seine 8. Symphonie nicht fertigschreiben können, weil ihm sich genau diese Form immer wieder aufgedrängt habe. (Denke an Tapiola, das aus einem fast unendlichen Ostinato besteht, an Finlandia.)
Vor diesem Hintergrund scheint sich Sibelius eine andere Form von Musik (oder Zeit) angeboten zu haben: eine diskontinuierliche, eine stockende, eine nichtlineare. Diese Zeit (oder Musik) würde es ermöglichen, aus der Geraden, dem Endlichen, dem Gerichteten in einen Kreislauf auszubrechen, der keinen Zwecken und Erwartungen mehr zu gehorchen verpflichtet ist.
Je länger ich schreibe, umso klarer wird mir diese Notwendigkeit, „in einen Kreislauf auszubrechen“. Denn nicht nur ist das zeitliche Leben selbst unzähligen Repetitionen unterworfen (Schlafen, Essen, Zähneputzen, Duschen, Lachen, Weinen…), auch die Welt, die Natur verläuft in einem Kreislauf (Jahreszeiten als schönstes Beispiel). Mein Bemühen wird es also zunehmend sein, diesen Kreislauf mit Ostinato-Formen zu spiegeln und „einzufangen“.
Wie das die Musik schon kann, die Lyrik schon geübt, aber noch nicht genügend zugespitzt hat.

Antwort eines Toten

(Bild mit Dank an GDJ.)

Du bist schon tot,
ich nenne dich mein Bruder nun,
du hast die Grenze schon übertreten,
du hast dich von dem Lebenden mitten im Leben abgewandt,
du blickst in die Richtung von Zweifel und Niedertracht,
rückwärts gehend blickst du vorwärts,
ganz wie Menschen tun, doch suchst du nicht nach der Frage,
die hinter der Grenze dich längst gefunden hat,
die hinter den Schatten deiner gewärtig ist,
du hast verlernt, wie es ist, in den Armen eines Menschen zu wohnen,
verschlossen ist dir längst die Freude des Wiedersehens,
du hast vergessen, wie es ist, eine Eselin zu hüten,
verlaufen hat sich das Tier schon lange in den Tälern vor Kirjat-Jearim,
der Herr hat über dich gesagt, was es über dich zu sagen gibt,
fortgedreht hast du deine Schritte vom Weg, der in die Abgeschiedenheit führt,
wo du gefunden werden konntest,
unsäglich sind die Dinge, die dir offenstanden dort hinter dem Ochsengespann,
ausgeträumt sind die Lebewesen, die unter deinem Antlitz gedeihen konnten,
bevor du noch hinter dem Ochsengespann versteckt auf etwas wartetest, das dir schon gegeben war,
das du schon erhalten hast,
und doch hast du nie davon gekostet,
hast davon nie noch probiert,
prüfend wogst du die Dinge und die Wesen in deinen schweren Händen,
als könnest du sie brauchen,
als könnest du sie wenden,
in deinen trägen Händen lagen Wesen und Ding,
schwer vor dem Entschluss und schwerfälliger nach dem Entschluss,
du hast nichts aufgehoben,
nichts hast du aufgenommen,
du warst keiner, der annimmt,
ein grauer Wanderer im grausamen Grenzland von Ohnmacht und Entmächtigung,
ich fühle mit dir, mein Bruder, glaube mir,
ich sehe dich fallen nach diesen Worten wie eine Zeder auf dem Libanon,
fallen aus der Hand des Lebens in die Klaue des Todes,
in die Asche und die Knöchelchen am Feuer sehe ich dich stürzen,
entkräftet und entmachtet,
dem süssen Staub des Dreschplatzes zugewandt,
und schon beginnt deine Zunge zart in dir zu schmelzen,
die Worte und Dinge sind ihr schon genommen,
verschlucke dich nicht an ihr, wie ich es tat,
wie ich meine vielgebrauchte Zunge zerbiss und zermalmte,
noch hat dich niemand gefunden,
diese für zu leicht befundenen ungeschlachten Körper eines verbrauchten Mannes,
der mehr als nur ein Haus hätte behüten können mit seinem mächtigen Schatten,
mehr als nur ein Fohlen hätte nach Hause führen können,
umschwärmt von den Müttern, umtanzt von den Töchtern Benjamins,
du bist schon tot,
eine Spanne trennt dich noch von mir,
und wieder hast du mich nicht danach gefragt, mein Bruder,
der ich warte darauf, seit ich dich hinter dem Ochsengespann hervorgeholt habe,
wolltest wieder nicht suchen,
im Suchen gefunden sein,
was hinter Ding und Wort denn ist,
was webt und strebt hinter den Werkzeugen.

Die weise Frau von En-Dor

(Saul vor der Totenbeschwörerin in En-Dor, von Jacob Cornelisz van Oostanen, 1526)

Die Scham wächst in der Dunkelheit,
liegt wie Pech auf deinem inneren Gesicht,
als könntest du es vor dem glühenden Eifer der Sucherin verborgen halten,
und mag selbst der Bart deiner Fehler mit Asche bestreut sein,
aus Trauer oder Wut,
der Grimm und die Schuld mögen dich beugen wie das Gras im Morgen,
das wild blüht und unverwandt verwelkt,
wie die Fliege, die dich jetzt noch ärgert,
dein starres Gesicht mit dem Eifer umfliegt, der Aasfresser antreibt,
denn tot bist du schon, mein Sohn,
dem Tod entkommst du nicht mehr,
das Los spricht nicht mehr für dich,
der Traum gewinnt keine Kraft aus der Scham,
noch speist ihn die Furcht vor der eigenen Schande,
vor dem eigenen Ende kann der Traum dich nicht länger bewahren,
nur Hilfeschreie bleiben dir von Treue und Liebe,
als könntest du bewahren in Schwärze den letzten Schimmer von Ehre,
den letzten Abglanz des Geschöpfes, das sich aufbäumt gegen die Mauer aus Freiheit und Blösse,
die von der Heiligen um dich gezogen wurde,
weil sie dich hegen wollte,
weil sie dich lebend wollte,
und ich antworte dir, sage du mir, was du siehst, mein Sohn,
der wie das Mutterkorn in der Worfschaufel springt und hüpft,
der wie der Spinnenbiss am Leib des Volkes juckt,
dem selbst der Trauerschurz fehlt,
bloss und versklavt stehst du da, grosser Mann,
wie ist dein Gesicht da innen schon geschrumpft,
wie ist sein Blick schon abgewendet,
bestürzend ist es, wie deine Eingeweide in sich zusammengezurrt sind,
lehrreich ist die Enge deiner Kehle,
und dein verschattetes Gesicht, das innen liegt wie der Samen in der Frucht,
denn nur noch eines bleibt dir von all den andern,
die die Sucherin in dich gelegt hat,
doch angeschlagen ist deine Frucht, geschändet und geritzt ist ihre leuchtende Haut,
die dunkeln Finger der Heiligen haben sie schon berührt und gezeichnet,
das sage ich dir, das sehe ich,
und die Scham ist keine Scham vor deinen Schwestern und Brüdern mehr, mein Grosser,
auch die Heilige hat dich nicht verlassen,
die Scham ist Scham vor dir,
du Verschatteter und Verschattender,
nichts leuchtet mehr,
nichts leuchtet dir,
so schaue denn hin!

Vorzeitige Totenklage

Vorzeitig muss ich dich beweinen,
ein guter Mensch am falschen Ort,
der am Wort würgte wie Welpen,
vorzeitig ist deine Zeit erloschen wie das Morgenrot,
ein Unwürdiger, der einherschritt unter Steifhalsigen,
unter Nackenstarren wandtest du den Blick im Tanz und in der Blösse auf das niedere Wort,
da rissen die Feinde die Mäuler auf wie brüllende Löwen,
liessen dir nicht einmal den Trauerschurz,
da kauertest du im Rot mit den Abgerissenen, den Hysterischen, den Ledrig-Ärmsten,
fingest dich in ihren Worten,
fielest in ihre Gnade,
die von jenen, die ihre Fehler für gerechtfertigt halten, Ungnade geheissen wird,
von jenen, die ihr Gelingen an das hohe Wort hängen, aber nicht einmal über das niedere Wort hinauskommen,
vorzeitig willst du dich verabschieden,
umstellt von Bitterkeit und Qual,
zertreten wie die Trauben in der Kelter sind deine Taten vor der Zeit,
schon als du hinter den Ochsen hervorgezerrt wurdest, mein Bruder,
war dein Gesicht spitz wie das eines Vogels im Netz der Heiligen,
da begannst du dein Stottern und Kauen auf Kies,
dein Zähneknirschen über einer Aufgabe vor einem Volk,
das hinlänglich weiss und hinländlich tut,
als sei das Wort ein Hobel oder ein Hebel,
und mancher wollte es zupfen wie eine Zither,
und die greisen Häher des Landes waren vorzeitig in ihren Traumbärten versunken,
in denen das Opfermark sich mit dem Salböl und dem eingetrockneten Wein paarte,
da waren sie wie Geier über den Müllhalden draussen vor den Toren,
vorzeitig krächzten sie von deinen Vergehen,
von deinen verlaufenen Mühen stimmten sie Spottlieder an,
denn du bist anders als die Worte, die sie für das Wort gehalten haben,
ein guter Mensch zur falschen Zeit,
und die Unwendigen, die Zugedeckten, die ihre Mäuler aufreissen wie Trauerkleider,
wandten sich vorzeitig von dir ab,
ein Festmahl machten sie aus deinen gelenkigen Stümmelworten,
mit diesen unverborgenen und unverbogenen Worten,
es tobt und brennt in meinen Eingeweiden,
zu früh werf ich mich in den Staub.