Position des Schreibenden

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Ich schreibe aus einer Position des Überlebenden heraus. Aus einer Position der andauernden, dauernden Gefährdung, der Verunsicherung und der Unsicherheit. Nichts ist gewiss, manches ist gewährt.

Ich habe bereits mehrfach am eigenen Leib erfahren, dass die heutige Lebenserwartung nichts über die Gefährdung des menschlichen Lebens aussagt. In meiner Kindheit habe ich mir mit schöner Regelmässigkeit den Kopf blutig verletzt; mit acht Jahren hatte ich einen Schädelbruch. Viel später hatte ich nach einem Fahrradunfall einen Hirnschlag. Auf Phasen des Burnouts folgten Phasen der Depression. Ich kenne einige Gleichaltrige, die bereits gestorben sind – durch Unfälle und an Krebs. Dass ich mit 51 noch am Leben bin, ist keine Selbstverständlichkeit.

Ich denke an meinen Vater, dem ich nach einem schweren Fahrradunfall meines Bruders (damals etwa 14 Jahre alt) begegnet bin. Er stand beim Kleinwagen, der mit meinem Bruder zusammengestossen war. Dessen Windschutzscheibe war eingedrückt vom Kopf meines Bruders, aber nicht eingebrochen. In den Rissen des Eindrucks zitterten Haare meines Bruders. Mein Vater stützte sich auf die Kühlhaube des Wagens und sagte mit gepresster Stimme: «Sie wollten mir ihn umbringen.» Dieses «sie» und das besitzanzeigende «mir» drücken sehr gut die Ohnmacht des Menschen vor dem Plötzlichen, Unerwarteten aus, das sein Leben und das seiner Geliebten bedroht und beendet.

Das Unerwartete und Plötzliche ist das, was mein Schreiben bestimmt. Es bricht in meine Gedichte ein, übernimmt sie, überbordend, überfordernd.

Als Überlebender sehe ich die Gefahren, die Unsicherheiten unseres Lebens. Ich schätze mein Noch-Leben-Können. Seit meinen Anfängen als Autor habe ich das Zersplitternde, das Zerstreuende, das Auseinanderfahren von Zusammenhängen, das Auseinanderklaffen von Wunsch und Wirklichkeit, als bestimmend und anspornend empfunden.

Diese verunsichernde oder verunsicherte Weltsicht ist eine ganz und gar positive. Sie erlaubt es mir, den Schärfen und Tabus nicht auszuweichen. Sie vielmehr als Tatsache und als Gutes – vielleicht sogar als Güte oder Gnade –  anzunehmen und mit ihnen das zu machen, was sie mit mir machen: sie in etwas Schönes, Erhebendes zu verwandeln, in etwas Vollkommeneres.

Um es mit einem andern Bild zu beschreiben: Ich verstehe das Leben als einen Lauf über verschiedene Böden: vom ermüdenden Asphalt auf den Kiesweg, durch Schlammgruben und über Schlaglöcher hinweg, auf Katzenkopfpflaster und auf nach einer Seite abfallenden Trottoirs, auf federnden Waldwegen und durch den Dünensand. All diese Unterlagen stellen wechselnde Anforderungen an den Körper, vom Fuss über die Knöchel, die Knie, bis in Hüfte und Rücken. Nur das unablässige Training im Lauf selbst kann einen befähigen, diese vielfältige Bodenbeschaffenheiten zu meistern.

Wohlverstanden: es handelt sich dabei nicht um ein Training zur Selbstverbesserung, sondern um ein Training für ein gutes Leben. Es geht nicht darum, schneller und weiter zu laufen. Es geht darum, überhaupt zu laufen.

Wer sich nicht hinauswagt, der hat schon verloren. Wer sich an das Übliche hält, der ist schon gescheitert. Wer die bekannten Wege beschreitet, der gelangt nirgendwo hin. Wer in Sicherheit lebt und geht, der geht und lebt in Unsicherheit.

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