
Denken Sie sich ein Wäldchen. Gleich am Ausgang der Stadt. Ruhig, grün und nicht sehr dicht. Denken Sie sich dann einen Baum. Nicht irgendeiner; aber ein hundertjähriger Baum, der alle möglichen Unwetter erlebt hat. Stellen Sie den Baum in die Mitte des Wäldchens und hören Sie der Morgenbrise zu:
Es gab einmal einen Baum, der sich von menschlichem Fleisch ernährte. Er verschlang die Kinder. Die Gören verschwanden spurlos. Die Familien und die Behörden begannen sich ernsthaft Sorgen zu machen. Die Gerüchte, die herumgingen, sprachen von einem Oger, der die Kinder entführte, um sie dann einer Aktiengesellschaft für Konservenfleisch weiterzuverkaufen. Man sagte auch, dieses Unternehmen mit modernen Technologien habe es sich zum Ziel gesetzt, der leidenden Menschheit zu Hilfe zu eilen, weil es mit amerikanischen Spitälern einen Vertrag über die Lieferung von für Transplantationen bestimmten Herzen und Nieren abgeschlossen habe. In Tat und Wahrheit suchte man diesen Oger schon eine ganze Weile. Man sprach in den Familien mit Betrübnis von ihm und hatte es geschafft, ihn zu einem Mythos zu machen, zu einem legendären Helden, den man in den dunkeln Jahren zurückzudrängen versucht habe. Während des Krieges und der schwierigen Zeiten erschienen, hatte er sich in unsere frühesten Sorgen eingeschlichen. Einige sagten, es handele sich dabei um eine Persönlichkeit aus Fesseln, einen über jeden Zweifel erhabenen Mann, der durch seine Zusammenarbeit mit den Christen reich geworden sei. Er musste die Patrioten erledigen. Er erwürgte seine Opfer im maurischen Bad und warf sie anschliessend in den Ofen. Die Gerüchte waren aber hier nicht zu Ende. Die Attentate und die Tode vermehrten sich, und niemand konnte ihn entlarven. (Vielleicht gab es diesen Oger ja wirklich. Man hat die Wahrheit nie herausgefunden. Der Baum und das Wäldchen werden es uns vielleicht eines Tages erzählen.)
Was den Baum anbelangt, verströmte er, jenseits aller Zweifel, das Aroma eines unwiderstehlichen Weihrauchs, das den Kindern Herz und Kopf verdrehte, sie liessen sich sanft verleiten. Sie waren verzaubert, und auf ihrem Weg öffneten sich ihnen alle Spiegel. Die Himmelsschirme traten zurück, und die Sonne verfärbte sich im Takt ihrer Schritte. Der Wind umfasste unordentlich und sanft ihre kleinen Körper und opferte sie dem Baum. Ohne Bedenken liessen sie sich verschlingen. Im Austausch erlaubte ihnen der Baum, seine Borke mit ihrem Lachen zu formen. Beschädigt, hielt das Astauge das Blut zurück und erbrach die Abwesenheit von beweglichen und grünen Gestalten. Nur das in zarten Rinnsalen fliessende Harz hob sich gegen den Stern ab, liess eine Öffnung für das Gebet und die Schahada.
Der Baum spannte von Zeit zu Zeit den Puls an und hob seine Wurzeln an. Die Kinder profitierten davon, indem sie hinauskamen und im Wäldchen einen Reigen tanzten. Nackt. Glücklich. Die Morgendämmerung fuhr durch ihre Finger und öffnete ihnen die Arme des Himmels. Die Morgen flohen zwischen den Wurzelknollen, um vom Schiffbruch des Zugvogels zu zeugen. Es kamen verdurstende Soden hervor. Aber die Jahreszeiten, die klamme Auflösung und die schwarze Erde bewohnten die Ketten des Baums, der nicht aus Lehm war, der nicht die Klarsicht geschenkt hatte, nicht den Tag und nicht das Meer mitten in der Stadt. Aber der Baum sorgte schon für das Glück der Nackten und der Verdammten. Das Glück der Kinder, die schamlos auf das Zeichen und das Bild gespien hatten, das Glück der Kinder, denen man die Barmherzigkeit verweigert hatte, der Kinder, die umgedreht hatten die Grabsteine, die Totenköpfe, die Heiligen ausgepfiffen und die Fatiha rückwärts aufgesagt hatten, der Kinder, die den Fluch in den Fingerspitzen trugen und aufs Brot spuckten, bevor sie daraus Kügelchen formten, die in den Bäuchen der angesehenen Persönlichkeiten explodierten, der Kinder, die in die Quellen pissten, um die rituellen Waschungen zu verhindern und die Asche der Komplizenschaft zu beschwören, der Kinder, die gleichzeitig im Zentrum der Moschee masturbiert hatten, und die man mit Gebets-Schlägen verfolgte hatte. Man sprach von den Vorzeichen des Endes der Welt. Gott warnte die Verdorbenen, indem er tödliche Engel schickte. Die Gotteslästerung ist eine Pforte zur Hölle.
Agadir auf anderen Höhen. Agadir am Ende aller Nächte. Im gleichen Feuer das Grüne und das Trockne. Die Verdammnis suchte sich ihren Weg über eine gewisse Unschuld. Rituelle Waschungen mit Sperma! Das hatte man noch nie gesehen! Man konnte weder das Buch berühren noch ein Gebet sprechen. Alles Wasser der Stadt war verseucht. Die Befleckung in der Seele, liessen die angesehenen Persönlichkeiten der Stadt ihre letzten Sklaven frei. Die Moscheen wurden geschlossen und von den Ordnungskräften bewacht. Ein bewaffneter Soldat hatte die Stelle des Muezzin übernommen. Es gab keinen Gebetsruf mehr. Um seine Waschungen abzuhalten, konnte man im Notfall den geschliffenen Stein benutzen, aber es war unumgänglich, vorher seinen Körper zu reinigen und die Bakterien der Befleckung abzutöten, sich von den dickköpfigen Spermatozoen unter den Achseln zu befreien. Dafür setzte man den Körper direkt der Sonne aus und tauchte darauf siebenmal im Meer ein, den Blick nach Mekka gerichtet. Für jene, denen das Meer nicht genügte, verteilte man Reinigungsmittel, die als Zeichen der Hilfe und Sympathie aus Amerika verschickt wurden und das Hilfsprogramm für Entwicklungsländer vervollständigte. Doch das Reinigungsmittel hatte unerwartete Folgen (Fehler und Verwirrung des schenkenden Rechners…): er vergilbte die Haut und führte zu Netzhautablösungen. Nach einigen Tagen ging die gelbe Hautfarbe in grünen Schimmel über. Diese Verwandlung führte zum Verlust der Haupt- und Körperhaare. Ein süsses Kraut spross darauf auf dem Körper. Waren einige Wochen vergangen, war der Körper vollkommen davon bedeckt. Die Gliedmassen hefteten sich an den Körper, der sich versteifte. Die Heiligen konnten nichts dagegen tun. Die Fäulnis erstickte die Körper und rollte sie in ein Leintuch aus Weinblättern ein. Heimliche Begräbnisse fanden in der Nacht statt. Man warf die grünen Körper auf eine Freifläche. Sie verschwanden in den frühen Morgenstunden. Es waren das grünende-Körper-Prärie-bis-an-die-Illusion, von der Legende gesichelte und von der Erde verleugnete Körper. Der Baum bemächtigte sich ihrer, warf sie in einen benachbarten Graben für unausdenkliche Pläne. Vielleicht würden sie eine neue Nahrung werden!
Kam die Regenzeit, holte der Baum seine Äste, sammelte seine Blätter ein und stellte jegliche Aktivität ein. Der Umsturz blieb in der Schwebe. Eine Zeit, um sich zu erneuern. Er liebte den Winter nicht. Weil er den Wind verabscheute, verschloss er sich über seinen Wurzeln und sank in sich zusammen. Es gab keinen Weihrauch mehr, und die Kinder gingen nicht mehr in das Wäldchen.
Während Monaten vergass man den Baum und sprach wieder vom Oger.
Es gibt keinen Oger! Es hat nie einen Oger gegeben! Das ist eine Geschichte für Kinder. Wenigstens könnte es den Oger geben, wenn man ihn erfinden wollte. Man beschlösse gemeinsam, diese angesehene Persönlichkeit, dieser tugendhafte und freigiebige Mann übernehme diese Rolle, weil ihm seine soziale Stellung dies erlaube. Immerhin verbindet sich das Mitleid gelegentlich mit einer gewissen Vergesslichkeit. Der Oger könnte ein Passant sein, ein Reiter, eine ausgestopfte Schaufensterpuppe, eine Wolke, ein Gerücht…
Vergessen wir’s.
Aber den Baum gibt es. Den brauchen wir nicht erfinden. Unsere rote (oder grüne, alles hängt von der Jahreszeit ab) Wunde zeugt davon.
Wir hätten aber auch, wenn wir schon dabei sind, den Bericht verkehren, den Schlüssel für das Ende der Seite lassen können. Aber das Geheimnis hätte uns am Spiel gehindert, am Lesen und und an der Interpretation der Zeichen. Warum dem Wahnsinn eine andere Rolle geben wollen als jene der erlebten Wirklichkeit? Der Baum ist ja schon der Traumvorgang. Wer vermöchte den Baum in den Umsturz verwickeln?
Er bleibt ein Gedicht, das sich auf mögliche Vorstellungen öffnet, aber ganz ausserhalb der Unschuld.
Der Winter, das war auch jene Zeit, während der die verschlungenen Kinder ihre Haut gegen ein silbernes Federkleid (vormals Paradieskleid) wechselten.
Die Behörden hatten diese Ruhezeit zu nutzen geplant, um das störende Element im Wäldchen zu entwurzeln. Sie schickten einen ihrer bewaffneten Agenten aus, um den Baum umzusägen und die Körper auszugraben.
Der Agent hatte es vorgezogen, seine Mission allein und im frühen Morgen auszuführen. Das Wäldchen war hell und klar, die ersten Sonnenstrahlen bewegen sich durch die Dichte der toten Blätter. Er näherte sich dem Baum ohne Umstände und begann, ihn zu streicheln. Er empfand etwas Merkwürdiges. Sein Geschlecht war vollständig erigiert. Er drückte den Baum an seinen Bauch und stiess ein wollüstiges Stöhnen aus, als es ihm gelungen war, den Baum ganz zu umfassen. Seine Zunge hing ihm ganz hinaus und leckte den Saft auf. Der Agent ejakulierte mit einem blutigen Schrei. Er ejakultierte das grüne Sperma der angehäuften Befleckung, das blaue Blut der Moore, das seine Venen nährte, er ejakulierte zuckend das ganze Schlammloch seines Kopfes in einem Bellen, als fiele er für immer. Entleerter Körper. Die Augen des Agenten sprangen aus den Augenhöhlen und rollten in einer langsamen Bewegung über seine Wangen. Das gelbe Wasser der Netzhaut hatte sich mit dem Schweiss vermischt. Und das Sperma floss unentwegt. Er fiel hin, erschöpft von der Blutung. Er war eingeladen, sich von der Spalte verschlucken zu lassen, die sich im Stamm öffnete. Der Agent fand sich, verschluckt von der Öffnung, mitten in einem Garten wieder, der in allen Farben gemalt war. In diesem Garten gab es nicht nur Blumen, gab es nicht nur Vögel, nicht nur Kamele, nicht nur Sterne, nicht nur Lichtkugeln, nicht nur Honigklumpen, nicht nur überbordende Sonnen; es gab dort auch alle Kinder, die im Wäldchen verschwunden waren. Sie erhielten mit erleuchteten Gesichtern und Aureolen-Gesten den Kontakt mit dem Gestirn, das über ihren Atem explodierte. Ihr Blick war die Klarheit, die durch die Verschiebung des Sands gewoben war. Der Himmel schien die Finsternis für immer zurückzudrängen, und das Licht rann ununterbrochen auf die Blösse einer gereinigten Wirklichkeit. Der unbeteiligte Himmel war ohne jegliche Rachegelüste Zeuge davon. Die vorbeifliegenden Sterne hielten zum Vergnügen der Kinder an, die begeistert ihre Flugbahnen hinaufkletterten. Alle kamen sie herbei und umringten den Agenten. Sie streckten ihm ihre offenen Hände entgegen, ihre Hände voller Geschenke. Die einen boten ihm Orangen an, andere Schmuckstücke, wieder andere eine Handvoll Erde oder ein Kräuterbüschel. Sie lachten und trällerten ein Lied:
wenn alle Kinder in den Wald kämen
Entleerten sich die Ozeane vor Freude
Eine Liebe für die Welt
Weit offen für das Hochzeitsfest mit dem Himmel
Der Agent wurde darauf eingeladen, seinen Körper in den Ursprungsbrunnen einzutauchen. Er machte sich mit einem Seil fest, und die Kinder liessen die Seilrolle laufen. Das Wasser dieses Brunnens wusch die verschlungenen Körper und reinigte sie von allen Befleckungen, die sie im Reich der Menschen erlitten hatten. Der Agent wurde wieder hochgezogen und zum Urteich geführt, wo er sein reue- und schmerzvolles Gedächtnis durch ein neues, pflanzliches Gedächtnis austauschen sollte, das bereits eine bestimmte Anzahl an künftigen Erinnerungen enthielt. Er musste dafür lange sein eigenes Bild betrachten, das ihm der Teich zurückwarf, bis zu dem Moment, da der Teich ihm nicht mehr sein eigenes Bild zurückwürfe. Der Teich schlug ihm ein anderes Gesicht vor und zeigte ihm den Weg eines neuen Projekts. Als er sich erhob, war er kein Folterknecht mehr, der sich freiwillig gemeldet hatte, um den Baum abzusägen, sondern ein Mann, einfach ein glücklicher Mann, dem Waffen unbekannt waren. Darauf musste der Agent seinen täglichen Anteil an Klarheit holen, der einzigen Nahrung im Garten.
Indem er seine Schulden und seine Verbrechen abwusch, ergriff der Agent das Wort:
Erlaubt mir zu sagen
ich war ein Stahlstück
eine in die Brust gepflanzte Flöte
ein Untermensch, stolz auf seine Verblendung
Ich bin lange herumgewandert mit einem Messer im Rücken
Ich habe lange in mir herumgetragen ein abgetriebenes Leben
Mit der Vorstellung eines sanften und roten Todes
Ich habe lange geschlagen das Fleisch in das Brot der anderen
Und auf jeder Hausschwelle ein Auge niedergelegt
Ich bin lange in der Zitadelle gelaufen und ich habe Geständnisse unterzogen
Den Fliesen im Leeren eines Körpers und
Ich habe zuerst die Geste aus der Borke herauskommen sehen
Aber niemals hätte ich einen so zarten Tod erhofft, voller feinem Geschick und schönem Licht und von solcher sanfter Fleischesweitung, die ich euch zum Weiden hinreiche, worauf ihr die Asche meiner Schmerzen finden werdet
Diese müde und schlaffe Haut, Vergessensmaske
Ein anderer Körper erhebt sich jetzt
Löscht das Auge der unförmigen Erinnerung aus
Und schwöre
auf die Kinder der Erhellung
auf das Licht, das in unseren Venen fliesst
auf den Himmelssaft
Schwöre ich und gebe mich den Gräsern, die über mein Schicksal zu Rate sitzen
Erlaubt mir zu sagen
Meine Scham, die heute eine Rose zeugt
Der Traum vermischt sich mit dem Nebel
Der klaren Borke
Ich gewinne die Träne
Ich war ein Stahlstück
eine in die Brust gepflanzte Flöte
ein stolzer Moment der Verblendung...
Der Agent erlangte offiziell die Würde des Todes. Er wurde von den Kindern adoptiert, diese karrieregeile Waise der Sicherheitsdienste. Er atmete tief das vom Licht gespendete Glück ein.
Das andere, zu den Akten gelegte Gedächtnis bestritt schon alles. Es widerstrebte und entrüstete sich. Aber angesichts der vollständigen Gleichgültigkeit seines vormaligen Trägers musste es sich zurückziehen und die Selbsttötung durch Abnutzung wählen.
Während dieser Zeit hatten die Behörden alle ihre Männer für die Suche nach dem Agenten mobilisiert. Was sie von dieser Suche abstehen liess, war eine Botschaft, die ihnen eines Abends zukam:
*Ihr werdet meinen Körper in einer Orange finden*
*Die Orange befindet sich in einer Kiste des Departements für Aussenhandel*
*die für ein vorgestelltes Land bestimmt ist.*
*Unterzeichnet: der Agent.*
(Übersetzt aus dem Französischen von O. Füglister)
