Ehrlichkeit und Erzählperspektive

Die Frage nach der Erzählperspektive stellt sich mir bei jedem Text, den ich schreibe, und bei jedem Text, den ich lese. Dabei geht es mir um die Glaubwürdigkeit des Erzählten.

Ich verstehe unter der Erzählperspektive verschiedene Aspekte des Erzählers. Einerseits interessiert mich das Problem der Erzählhaltung, der Fokalisierung, wie sie Genette geprägt hat: in welchem Verhältnis steht das Wissen des Erzählers zu dem seiner Figur(en)? Ebenso wichtig scheint mir aber auch die sprachliche Haltung der Erzählerin zu sein: wie sehr ist diese in der Weltsicht und Weltwissen, mit Bildung und Vorwissen der erzählten Figur(en) begründet?

Mein erster grösserer Versuch einer Ich-Erzählung scheiterte auf die Dauer daran, dass ich in der „internen Fokalisierung“ schrieb. Die „Ich“-Figur sollte nicht mehr wissen, als sie in der erzählten Gegenwart wissen konnte. Um jedoch in dieser Erzählhaltung den komplexen politisch-gesellschaftlichen Zusammenhang zu vermitteln, war sie immer wieder gezwungen, aus dieser „internen Fokalisierung“ herauszutreten. Gleichzeitig erzählte diese Figur mit einer Stimme, die im Wesentlichen auf meinen eigenen, persönlichen Wortschatz zurückgreifen konnte. Das war vor dem Hintergrund ihrer Bildung, ihrer Weltsicht und ihrem Vorwissen unbegründet, daher unglaubwürdig.

So stiess ich auf den Begriff der Ehrlichkeit. Kurz darauf entdeckte ich meinen „Meister“ Ramuz wieder. Er hat in meinen Augen einen regelrechten Kult um die Ehrlichkeit errichtet. Ihm ging nichts über die Kohärenz von Stimme und Haltung.

Nun kannte ich schon zahlreiche Beispiele von „inkohärenten“ Erzählperspektiven.

Da könnte man meinen geliebten Proust nennen, der zwar in vielen Momenten aus der Ich-Perspektive erzählt, dabei auch Stimme und Art und Weise in Einklang bringt, aber immer wieder in eine Erzählung mit auktorialen, allwissenden Zügen ausbricht (mit Genette zu sprechen: von der internen zur Nullfokalisierung wechselte). (Am besten in „Swanns Liebe“ zu erkennen.) Dabei verändert sich nicht die Stimme, wohl aber Vor- und Weltwissen des Erzählers; zudem war ihm nicht nur die Vergangenheit und die Gegenwart, sondern auch die Zukunft offen. Nicht nur das: die erzählende „Ich“-Figur gewinnt Innensicht der erzählten Personen, kann ihre Gedanken und Gefühle wiedergeben.

Ein anderes, geradezu herausragendes Beispiel dafür finde ich in Ishiguros „Ungetrösteten“. Dem erzählenden Pianist (das Ich der Geschichte), der in eine veränderte, entfremdete Heimatstadt zurückkehrt, fehlt einerseits jedes Vorwissen, jede Erinnerung an die Personen und Ereignisse, die sein Leben dort geprägt (und ihn vielleicht sogar fortgetrieben) haben. Die ihm begegnenden Personen verfügen alle über ein reichhaltiges Wissen über ihn, aber aufgrund seiner Verwirrung oder Verlorenheit, seiner möglichen Amnesie, erfährt er immer nur bruchstückhaft, wer er in ihren Augen ist oder sein sollte. Andererseits sind dieser erzählenden Figur immer wieder Sprünge in eine andere Erzählhaltung möglich: Obwohl er gerade vor dem Haus im Auto sitzt, schildert er, was seine Tochter in einem geschlossenen Raum in einem Haus erlebt; es gelingt ihm sogar die Innenperspektive in mehrere handelnde Figuren in diesem Raum gleichzeitig.

Ich will es nicht verhehlen, bei Ramuz herrscht grundsätzlich eine Erzählhaltung der Nullfokalisierung vor. Der Erzähler ist auktorial, dringt immer wieder in das Weltwissen und die Innensicht der erzählten Personen ein. Da er aber sprachlich sehr konsequent ist (alle Personen haben einen ähnlichen Wortschatz, eine ähnliche Sprache oder Stimme), schadet das der Erzählung nicht. Alles, was der auktoriale Erzähler sagt, könnte ebenso eine der Figuren sagen. Der auktoriale Erzähler weiss also alles, aber er drückt es in und mit der Stimme der Figuren aus. Der Erzähler „dirigiert“ einen Chor.

Noch ein Beispiel. In Cixin Lius „Drei Sonnen“ werden Dokumente nacherzählt, die aus der Perspektive der Ausserirdischen (Trisolarier) gesprochen sind. In diesen Dokumenten sollten Begriffe wie „Liebe“, „Kultur“ und andere nicht vorkommen dürfen, denn es handelt sich ja just um Ausserirdische, die ganz anders, unvorstellbar anders sind als wir Menschen (so kommunizieren sie per Licht miteinander, gibt es für sie keinen Unterschied zwischen Denken und Sprechen). Somit müsste die Erzählung eine andere Sprache, eine Code wiedergeben. Da sie das nicht tut, sondern die Trisolarier mit menschlichen Begriffen argumentieren lässt, und dabei immer wieder darauf hinweist, dass ihnen diese Konzepte unbekannt sind, verliert die Erzählung in meinen Augen an Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft. Ich fühle mich als Leser buchstäblich belogen, betrogen.

Ich bin erstaunt, dass mich die Ehrlichkeit so spät prägen will. Ich habe sie als Lyriker nie gebraucht, weil ich der Sprache diente, ihren Stimmen und Melodien nachgab. Nun, da ich selbst zum Erzähler geworden bin, merke ich die Prägungen. Da ist die Schweizer Kultur der Ehrlichkeit, der Geradheit in mir. Da ist der ernsthafte Umgang mit dem Wort in mir, den ich von Ramuz gelernt habe. Da beanspruche ich eine Ehrlichkeit, obwohl und weil ich erfinde, weil und obwohl ich aus der Vorstellung schöpfe. Plötzlich will ich ehrlich sein, wo ich doch darum weiss, dass ich nur selten ganz bei mir bin, in den Gedichten am bestimmtesten.

Ich bin ehrlich erstaunt darüber. Und gefasst auf diese lange Reise: der Auseinandersetzung mit der Erzählstimme. Und vielleicht finde ich früher oder später die „eigene“ Stimme, um ehrlich zu erzählen.

Nachbemerkung: Mein Ziel werde ich erreicht haben, wenn ich die Figur aus Tarrs und Krasnahorkais „Satantango“ in meinen Erzählkosmos eingebaut haben werde, den schnapstrinkenden Arzt des Dorfes, der sich schnapstrinkend verbarrikadiert und alles erfindet und erzählt, was dem Dorf und den Dörflern tatsächlich passiert.


Das Bild oben zeigt den Doktor beim Schreiben. Sehr lesenswerter Artikel von Dávid Dercsényi: „Seven hours without a wasted moment„.

Hinterlasse einen Kommentar