Handwerk und Ausdauer

Talent und Genie gibt es nicht. Künstlerisches Schaffen ist eine Mischung aus Ausdauer und Handwerk. Diese gründen sicher in einer natürlichen Begabung, die aber mehr eine Vorliebe, eine Hinneigung ist, die in Hingabe münden kann.

In meiner Jugend habe ich zehn Jahre lang Geige gespielt. Ich habe mir keine Mühe dabei gegeben. Ich habe keine Fortschritte gemacht. Am Ende der zehn Jahre konnte ich weder ein vernünftiges Vibrato hervorbringen noch das Spiel in den Lagen. Fast vier Jahrzehnte später habe ich während drei Jahren jeden Tag mindestens eine Stunde Geige geübt. Ich bin in diesen drei Jahren über mich hinausgewachsen. Ich habe drei Lagen erlernt und das Vibrato. Im Selbststudium. Das hatte mit Ausdauer und mit Hingabe zu tun. Und daraus erwächst dir ein Vertrauen in deine Fähigkeit(en).

Genau gleich ist es beim Schreiben. Die Angst vor dem leeren Blatt haben nur jene, die keine Übung im Schreiben haben. Nur jene auch brauchen den Mut. Wer täglich eine bis zwei Stunden schreibt, ob an Gedichten oder Prosatexten, der wird mit jedem Mal besser.

So schreibe ich seit rund vier Jahren ausdauernd an Prosa, Kurzgeschichten und Romane. Am Anfang war ich mir meiner Unfähigkeit schmerzlich bewusst. Ich hatte Mühe mit allem: von der Figurenzeichnung über die Erzählperspektive bis hin zur Wahl eines Stils. Ich hatte keine Erfahrungswerte, was Prosa betraf; wenn ich ein Gedicht schrieb, war das wie eine Heimkehr: ich wusste, was ich tat.

Aber in diesen vier Jahren habe ich das Handwerk gelernt. Ich habe nie aufgegeben, ich bin immer drangeblieben. Ich traue mir inzwischen viel mehr zu, denn ich kann diesem erlernten Handwerk jetzt vertrauen. Ich habe aus einer anfänglichen Abneigung zu einer Zweckheirat gefunden und schliesslich zu wahrer Liebe. Dieses Gefühl basiert auf Vertrauen und Erfahrung.

Mit dieser handwerklichen Erfahrung, dem Vertrauen auf ein erworbenes, antrainiertes Können werde ich, das weiss ich mit Gewissheit, mit genügend Ausdauer und Verpflichtung irgendwann «etwas Grosses» schreiben. Ich muss nur Geduld haben, dranbleiben, nicht ausruhen. Weiterhin jeden Tag mindestens eine Stunde schreiben.

Denn Ausdauer und Selbstverpflichtung, das sind die Antriebsfedern einer Liebe zum Erzählen, die meine ursprüngliche «natürliche Begabung» ist.

Diese «Begabung» erwuchs aus meiner Erfahrung des Erzählens: Als Kind und Jugendlicher erkannte ich die Macht der Geschichten, die ich erzählte. Ich war kein Sportler und nicht besonders intelligent, aber ich konnte meine Zuhörerinnen mit einer guten Geschichte fesseln.

Diese «Begabung» ist also weniger ein Talent oder eine Fähigkeit als eine Gabe, ein Geschenk, das verpflichtet. Mit diesem Geschenk hast du eine Verantwortung, eine Aufgabe. Und das Vertrauen aus der Erfahrung hat seinen Widerpart in der Treue zum Text: auch hier hast du eine Verantwortung, du musst ihm gerecht werden, ihn in seiner Selbstwerdung unterstützen. Du musst so genau hinhorchen wie ein Komponist auf seine Tonfolgen und Akkorde.

Und jederzeit mit dem Scheitern einverstanden sein, das kommt noch dazu. Wie ein Bildhauer mit einem Schlag seine Skulptur gefährden kann, so auch du. Doch das gehört zum Schaffen, das Scheitern ist Teil davon und muss angenommen werden. Denn ohne Demut findet kein Fortschritt statt.

Eine Freundin meinte in einem Gespräch über meine Prosa: «Ich finde, deine Prosatexte sind niemals so gut wie deine Gedichte. Ich glaube, du solltest bei der Poesie bleiben.» Ich antwortete ihr: «Ich habe 30 Jahre in die Poesie investiert. In diesen 30 Jahren ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht geschrieben habe oder an einen Text gedacht habe, den ich schreiben möchte. Da ist es nur natürlich, dass ich gute Gedichte schreibe. Und das hat nichts mit Arroganz oder Hochmut zu tun, ich drücke damit nur eine Tatsache aus. Dass ich erst am Anfang meines Prosa-Wegs bin, das weiss ich selbst. Ich sehe täglich meine Fehler und Schwächen. Aber wenn ich dranbleibe, dann werde ich in zehn oder zwanzig Jahren ebenso gute Prosa schreiben wie heute Poesie. Davon bin ich überzeugt. Also gib mir noch einige Jahre, bitte.»

Ein Kommentar zu „Handwerk und Ausdauer

  1. Du hast natürlich recht mit allem was Du sagst, aber dennoch würde ich sagen, dass es das Genie gibt. Dem einfach eine ganz spezielle Gabe geschenkt wurde und dafür nicht diese Knochen Leistung erbringen muss sondern dem einfach ganz vieles auf einmal geschenkt wird, das Talent auf die Spitze getrieben in kurzer Zeit und evt nur über eine kurze Zeit hinweg anhalten sein kann. Natürlich kann ich Dein Plädoyer für die Hingabe und das Dranbleiben absolut verstehen und unterstütze es auch total. Aber dennoch gibt es auch das Genie, wenn ich da nur schon an Mozart oder Wagner denke oder dann auch an das mathematische Genie Carl Freidrich Gauss von dem ich bei DAniel Kehlmann so unterhaltsam lesen durfte: der hatte einfach mathematische Eingebungen, wenn er am morgen erwacht ist, ist er einfach aufgestanden und hat sich hingesetzt und mathematische Formeln aufgestellt die die Mathematik damals im 19 Jhr revolutionierten und er hat zuvor nur 1 Buch gelesen über die math Grundregeln sozusagen. Aber ja ,seine Schaffenszeit war dann mit 18 Jahre vorbei, danach machte er keine weltbewegenden Entdeckungen mehr und sagte es auch selbst, dass das, was er zu sagen oder zu rechnen habe, sei gesagt oder gerechnet. Und das sind jetzt nur 3 Bsp, davon gäbe es beim Nachdenken sicher noch 100te mehr. Es ist diese ganz spezielle Gabe. Die Du und Ich trotz hundert Jahre Ueben nicht erlangen könnten. Aber ja, das ist auch total okay. Auf jeden Fall darfst Du Dich auch als ein Genie anschauen, einem Genie des Durchhaltewillens und der Schaffungskraft! Die vielen unzählbaren Gedichte, die Du schon geschrieben hast, whs hälst Du den Weltrekord!

    Also Du auf weiterhin das Nicht Nachlassen Deiner sprudelnden Quelle! (es kann nämlich plötzlich vorbei sein! Gott bewahre!!)

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