Offenbarung 1: Woher kommt mir Rat?

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Ich bin schwach: aber kein Schaf.
Von der Kraft eines Regenwurms:
Kaum schaffe ich mir mein eigenes Loch
Denke nicht einmal an die Überquerung der grossen harten Strasse
Werfe getreu mein Häufchen auf
Wenn es heller wird und ziehe
Die herbstbeschriebenen Blätter unter die Erde
Wenn es dunkler wird: ich singe nicht
Wie der Schnabel der mich erntet.
Aber die Härte der Strasse schafft mir Mühe.
Wo ist nur Mutter Erde?

Ich bin schwach: aber kein Schaf.
Von der Kraft einer ranzigen Frucht:
Kaum schaffe ich mir mein eigenes Grab
Hier auf der harten grossen Strasse
Über die ohne Umkehr die Nacktschnecke
Kriecht und oft ihre Spur nochmals kreuzt:
Ihr silberner Faden trocknet glitzernd ein
Wie ein Zeichen aus einem anderen Land
Das niemand lesen kann. Selbst sie
Scheut meine Säure. Kein Feld
Nimmt mich auf. Ich singe nicht:
Die Füsse auf der grossen harten Strasse
Die Regenwurm Schnecke und mich zertreten
Auf der wir weich und verletzlich liegen
Können das ja auch nicht.

Ich bin schwach: einem verknoteten Traum gleich
Zu einem Viertel zertreten und der Rest der sich immer noch windet
Einem Baumstamm gleich der das Eisengitter umarmt
Das ihn begrenzen will grabe ich meine Füsse in den wegrollenden Sand
In das nachgiebige Fruchtfleisch der Erde
Unbelehrt und unbelehrbar schwach:
(«du wirst noch ein verbitterter Mensch»)
Und von allen Seiten kommen sie
Mit ihren gutbesohlten Worten
Und von allen Seiten wissen sie wie zu leben
Mühen sie sich zu leben wie zu leben sei
Erklären mir das Warum der Kinder
(«Kinder wollen nicht die Ursache der Wirkung wissen
Sie wollen Bedeutung und Grund kennen»)
Beschwören meine Vernunft
(«nur als arbeitender Mann
Hast du einen Wert für andere»)
Beharren auf einmal eingeschlagenen Wegen
(«du beendest dein Studium
Denn man führt Angefangenes zu einem Ende»)
Während rechts und links die Fäulnis
Im dunklen Schlupfloch des Erbguts
An ihrem faulenden Geist keuchen und fleuchend sich stärkt
(«die Frauen steigen hinauf bis zu mir
Und wollen mir an den Kragen»)
Oder
(«ich lasse die Schulden
Aus Spielsucht und Hurerei
Hinter mir: kümmert ihr euch darum»)
Oder
(«wir schätzen andere
Indem wir sie schlecht machen»)
Oder
(«ich sterbe obdachlos und frei
Weil meine Geschwister keine Geschwister sind»)
Oder
(«ich fresse mein Leben in mich hinein»)
Oder
(«ich nage an jeder Entscheidung
Weil Skelette sich nicht regen»)
Oder
(«ich kann mit Geld nicht umgehen»)
Oder
(«das einzige was zählt ist Geld»)
Oder
(«ich habe es ausgerechnet
Ich werde 100 Jahre alt»)
Oder
(«meine Mutter legte ihr Haar über ihr Gesicht
Und ich musste sie darunter suchen»)
Oder
(«da ist jemand mit einer Pistole vor der Türe»)
Oder
(«er ist wieder in Königsfelden»)
Oder
(«Verkehrspolizist – das würde noch passen für sie»)
Oder
(«Schau mal: die Frau da
Die würde ich sofort ficken»)
Oder
(«Kaschdi sam sa sibie»)
Oder
(«wenn ich eine Pistole hätte
Würde ich mir das Gehirn wegschiessen
Und das Blut würde auf diesem roten Bild aufschlagen
Und niemand würde eine Veränderung merken»)
Oder
(«sie ist eine Hexe»)
Oder
(«ich habe mein Leben vergeudet»)
Oder
(«du lebst von der Sozialhilfe
Da bin ich mir sicher»)
Oder
(«ich wünsche euch
Dass dieses Kind in der Gosse landet»)
Oder
(«lass den Bagger dort liegen
Sonst komme ich raus und verhaue dich»)
Oder
(«ich schlage ihn hier und jetzt
Damit er nicht mehr das Bett nässt»)
Oder
(«wie geht’s dem Schwartenfigger?»)
Und im Neonlicht hier unten
Ist die Weichheit der Erde
Fluch und Segen: begrenzte feuchte Sicht
Und in jeder Kehre
(nimmt denn ein Wurm wie ich
Sein Winden wahr?)
Und in jeder Windung des Weges
(weiss denn eine Frucht wie ich
Um ihre Lage?)
Von einer unbegrenzten Durchlässigkeit
Voller organischer Spuren und Vorgängen:
Meiner Schwachheit allmählich mächtig
In aller Mühe allmählich mächtig –

Doch da
In der unklaren Sicherheit
Eingerichtet wie in einem Strumpf
Der Windungen zu viele
Der Räte zu wenige
Mitten in der raschelnden Stummheit des Lebens
Vom Wind umgeben statt von meinen treibenden Schwestern
Auf der herbstlich glatten Oberfläche der Strasse
Neben meinen stinkenden Schwestern
Zwischen Gingkoblatt und Zigarettenkippe
(ah meine neun Gingkobäume am Ende der Freiburgstrasse)
Auf dem Rücken ausgestreckt wie Gregor Samsa:
Der schreiende Wurm meines Kindes ringelte sich im Schock
Und ich verlor die Richtung
Das Gleichgewicht und Vertrauen
Die ich vorher schon verloren:
Aufgegeben hatte: noch einmal: ich bin schwach
Aber das Wühlen und Werken wie zuvor
Kann mich nicht mehr vorantreiben
Noch weniger Schaf als je zuvor
Über meine allzu herbstliche Müdigkeit gekrümmt
Als hätt ich eben meine Kleider zusammengetragen und noch nicht sortiert
In meine saure Nichtigkeit gehüllt
Als hätt ich das einzig Richtige erkannt
Und gelernt: von der Strasse aufgelesen
Aus dem Erdreich gepult
Lausche ich einem knarrenden Deutsch
Aus dem Land der weiten flachen endlosen Traurigkeit:
Der Ernte zwar viel
Die Arbeiter wenige –
Bittet nun den Herrn der Ernte
Auf dass er Arbeiter ausschicke
In seine Ernte. Geht fort –
Ich schicke euch wie Lämmer
Inmitten von Wölfen.
Und ich hörte auch:
Ich schickte euch zu ernten
Worum ihr euch nicht gemüht habt –
Andere haben sich gemüht
Und ihr seid in ihre Mühe eingetreten.

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