
Ein bekannter Bündner Autor beantwortet in einer Engadin-Literatur-Broschüre die Frage nach seiner Recherche-Methode wie folgt:
Vor dem Schreiben versuche ich, die ganz grundlegenden Schauplätze kennenzulernen, oft entscheiden ganz kleine Details über den Verlauf einer Handlung: steht da und da eine Strassenlaterne, wann geht sie an, wann geht sie aus?
Sicher gibt es verschiedene Genres, die unterschiedliche Bezüge und Haltungen zur Realität haben – der zitierte Autor schreibt Lokal-Krimis, für die Realitätsnähe ein nicht unwichtiges Kriterium ist -, dennoch möchte ich aus meiner Perspektive vehement widersprechen.
Meine Haltung zur Realität ist eine gänzlich andere. Die Realität steht in meinen Augen immer schon zur Disposition; sie ist ein Angebot, das du nützen oder lassen kannst. Das für mich wichtige Momentum beim Schreiben war für mich immer schon der Möglichkeitssinn; ich empfinde diesen Sinn immer wieder als befreiend, weil er Auswege und vor allem Umwege und Anderspfade findet und schafft. Als Autor habe ich nicht das Bedürfnis, das, was ist, zu schildern, sondern das, was sein könnte (sollte?).
Gewiss ist das in vielerlei Hinsicht auch die Absicht und die Haltung des oben erwähnten Autors. Doch in letzter Konsequenz sollen seine Romane und Erzählungen eine «glaubwürdige Realität» beschreiben, die einen Wiedererkennungswert hat; die Leserin soll das Gefühl haben, «genauso ist es, genauso sieht es aus».
Eine ähnliche Haltung kann der Autor auch mit Bezug auf die Sprache einnehmen. So redet Pedro Lenz einmal von einer «Realitätsillusion»; er meint damit, dass seine Sprache erkennbar die Sprache der Menschen einer Sprachregion sein soll, – die Leser dieser Sprachregion seine Sprache somit als glaubwürdig empfinden sollen.
Für mich als Lyriker ist Sprache ein zuerst unwillkürliches, dann willkürliches und letztlich unzuverlässiges Instrument. Ich habe schon mehrmals darüber geschrieben, wie wichtig es für ihren «Beherrscher» ist, in den wichtigen, den ausschlaggebenden Momenten eines Gedichts «das Heft aus der Hand zu geben»: selbst zum Instrument der Sprache zu werden, sich bedienen, behändigen zu lassen. Ich subsumiere diese Haltung jeweils unter Rimbauds «Je est un autre». Damit meine ich: Wenn du mit Sprache schaffst, bist du ihr immer auch ausgeliefert.
Das sage ich als Lyriker, der sich weder der Realität noch der Glaubwürdigkeit in besonderem Masse verpflichtet fühlt.
Diese Haltung bringe ich in meine Rolle als Prosaiker ein: Ich glaube daran, dass eine Realität, im besten Fall sogar eine «Welt», erschaffen werden kann. Als leidenschaftlicher Sci-Fi- und Fantasy-Leser glaube ich auch daran, dass ich mich nicht notwendigerweise an die Gesetze menschlicher Psychologie oder an die Regeln der Physik halten muss, dass selbst der Determinismus der Evolutionswissenschaft mit Methoden und Mechanismen an die Hand gibt, neue Lebensformen zu schaffen. (Darin ist für mich China Miéville ein grosses Vorbild. Man denke nur an die «Geier-Menschen» namens Garuda in seiner Trilogie (Perdido Street Station, The Scar, The Iron Council) oder an die «glucliche», fledermausähnliche Hyänen der Lüfte…)
Und was die Realität einer solchen «Un-Realität» betrifft, berufe ich mich gerne auf einen Ausspruch von C.F. Ramuz, der wiederum mit der Macht der Sprache zu tun hat: «Der Baum ist erst da, wenn du ihn gesagt hast.» (Auf das Eingangszitat angewendet: «Die Laterne ist da, wenn du sie sagst.»)
Ich wünschte mir also für Schreibende mehr Glauben in die Kraft der Sprache, des Worts. Um mit Lao Tse in der Übersetzung von Balts Nill zu sprechen:
«Wortlos de aafang vo himel u ärde / ds wort weckt zähtuusig wäse.»
