Wie Romane heranreifen

Seit ich schreibe, bin ich zum Unmittelbaren, Plötzlichen und Unveränderbar-Endgültigen hingezogen. Dieses finde ich in meinem Alltag, in meinen „Geist“-Momenten, in Gesprächen, Büchern, Spaziergängen, in aufgeschnappten Worten, die noch nicht durch die Mangel des Erinnerns und Hinterdenkens gedreht wurden. Als Lyriker hänge ich an dem Unhintergehbaren eines Worts oder Satzes, das mir ein- oder aufgefallen ist, und das ich sofort bemüht bin, in einem Gedicht zu ehren. Und in einem Gedicht will ich diese Momente bannen und noch zuckend bewahren. Ich verstehe zwar den Sinn des Überarbeitens von Texten, aber verstehe meine Texte als endgültig in dem Augenblick, da sie mein Kugelschreiber auf das Papier gewunden hat (denn Gedichte müssen aufs Papier, nicht auf den Bildschirm). Selbst wenn es mir nicht mehr gelingt, die Entscheidungen in einem Gedicht zu rechtfertigen (Adjektive, Metaphern, etc.), ich halte an ihnen fest, denn sie hatten in ihrem Entstehungsmoment ihre Berechtigung, kamen genau dorthin, wo ich sie gebraucht habe, bestanden auf ihrem Recht.
Und ich weiss noch etwas: Reifung geschieht nicht durch Arbeit, sondern durch Erfahrung. Gedichte und Prosa reifen lange heran, bis ich bereit bin, sie zu schreiben; reifen heran, damit ich bereit bin, sie zu schreiben. Ohne Geduld und wiederholtes Versuchen wird kein gutes Gedicht, kein guter Text gelingen. (So möchte ich diesen Text, der hier entsteht, schon mindestens ein halbes Jahr schreiben, aber erst heute wage ich mich daran, weil ich um sein Gelingen zu wissen glaube.)
Seit bald 21 Jahren schleppe ich ein immer grösser werdendes Paket von Texten, Ideen und, ja, „Welten“ mit mir herum. Ich habe diese Welten (jetzt ganz mutig und zuversichtlich ohne die Anführungszeichen geschrieben) immer wieder „angefangen zu schreiben“, immer wieder mich damit abgemüht, ihnen Stimme und Gestalt zu geben. Ja, ich habe sogar ein ganzes Jahr meines Schreibens für einen Roman aufgewandt, den ich bis auf das letzte Kapitel geschrieben habe. Das war vor 3 Jahren, der Roman wird seinen Titel immer tragen, „Jetzt kannst du nicht einmal mehr sprechen“. Er wird immer meiner Tochter gewidmet sein – wie vermutlich die ganzen Romane, die ich nun schreiben werde. Sie drehen sich alle um die Suche nach einer geliebten, vermeintlich oder wirklich verlorenen Person, der Tochter. Und dieses Gefühl des Verlustes ist mein vielleicht persönlichstes Gefühl: in meiner schwierigsten Lebenslage habe ich gelitten unter diesem Verlust, auch im Wissen darum, wie sehr meine Tochter darunter gelitten hat. Aber das nur nebenbei. In keinem der Romane wird die Tochter je gefunden werden…
Seither – seit 2021 – habe ich zwei grosse Gedichtzyklen geschrieben (Ginkakuji-Variationen, Psalmen für Saul) und den ersten Teil einer 7-teiligen Gedichte-Zyklus (Herbstlied in Hochwasser und Hunger, Teil der Serie Etwas lügen). Ich verstehe inzwischen (noch) viel besser, dass alles Schreiben „Dranbleiben“ ist: Ausdauer, Geduld und „Zuversicht“. (Mit Zuversicht meine ich eine eigenartige Mischung von Gutmütigkeit und Toleranz gegebenüber den eigenen Schwächen, kombiniert mit einer positiven Einstellung gegenüber dem Scheitern und der Selbst-Wertschätzung in solchen Momenten des Scheiterns, die die schreibende Person ermächtigt, „einfach weiterzumachen“.)
Vor einigen Monaten (im Februar?) habe ich mich in einen neuen Roman gestürzt. Ich habe dabei alle inneren und äusseren Zurufe ignoriert, die meinten: „Jetzt schreibe doch erst mal die andern angefangenen Romane fertig!“ …
Denn das Bild, das Gefühl, der Zustand, der am Anfang dieses Romans steht, wurde so dringlich, dass es „geschrieben werden musste“. Im Schreiben habe ich gemerkt, dass es eine Art „Urszene“, ein „Urzustand“ ist. Und dass die ganzen Romane, die mich wartend und geduldig bedrängen, alles „Ausfaltungen“ dieses Urgefühls sein werden.
Diesen Urzustand zu beschreiben, ist gar nicht so einfach. Es handelt sich dabei um eine Mischung aus Verzweiflung und Verlorenheit, aus tiefer Depression, aus der allein eine Neukonstruktion des eigenen Selbst, der eigenen Person stattfinden kann. Eine Art Big Bang der Person. Alle meine Gedichte drehen sich vermutlich darum. Alle meine Romane auch. Es ist ebenso ein Zustand der grossen Selbst- wie der grossen Weltverstrickung – im gleichen Augenblick auch ein Zustand des Abhandenkommens der Person sowie des Abhandenkommens der Welt. Die Verzweiflung in diesem Zustand ist so gross, dass sie in Zuversicht übergeht. Die Verlorenheit in diesem Zustand ist so mächtig, dass sie allein in der Gefundenheit münden kann. Aber die Gefundenheit ist letztlich unverfügbar, genauso die Zuversicht.
Mit diesem Roman (Von keinerlei Bedeutung) wurde mir auf einmal klar, wie alle die andern Romane und Romanentwürfe zusammenhängen. Erstmals konnte ich das Netz erahnen, dann erkennen. Es machte mich glücklich, dies erleben zu dürfen. Auch wenn meine Lebenszeit vielleicht nicht reicht, dieses riesige Netz fertig weben zu können, so trage ich es doch bis ans Ende meiner Tage mit mir herum.
Und zum ersten Mal gelingt mir seither eine Sprache, die poetisch ist. Eine Sprache, die zurückgenommen ist. Eine Sprache, die ausufern kann. Ich will es nicht beschwören, aber ich habe das Gefühl, in diesen vier Monaten etwas gefunden zu haben, worauf ich mich seit etwa 2015 / 2016 in der Lyrik stützen kann: eine eigene Stimme.
Aber das wäre nicht möglich ohne das Vertrauen in all diese Reifungsprozesse. Ich bin dankbar, dass ich dies erleben darf. Ich erlebe es, weil ich „drangeblieben“ bin. Was für ein schönes Gefühl.

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