Der Name des Menschen, der Mensch

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Abgekehrt vom heissen, harzigen Atem des Waldes kommt ihm etwas. Die aufgelöste Klangwelt der Erde umhimmelt ihn. Ein Rasseln und Rattern, ein Stöhnen und Rauschen wie im Kessel einer Brust. Die weglose, unentwegte Klangwelt des Himmels umspringt ihn. Ihn, mit den Füssen in einem ungerollten Würfel. Ihn, hoch in der Luft. Ihn, ohnerdig und enthimmelt. Zeiten stand er dort oben, eingeradet von den Mauern, selbst vom zerschlagenen Fenster noch gerechtwinkelt. Ein wenig sickerte Blut aus der rechten Fussballe, zeichnete im Zurückweichen ein schnell trocknendes L auf das Parkett. Denn der Mensch kann zurückweichen. Selbst vom zerschlagenen Mensch kann der Mensch sich zurückziehen, wenn auch nicht in ihn, in sich. Denn die Klangwelt des Menschen war vorbei. Noch nicht der Mensch selbst, aber es ist nur eine Frage der Zeit, kauernd auf dem Bettrand. Ihn, der sich verliess. Angebrüllt von den rollenden Toren der Wolken. Von den vergilbten Tümmlern ausgekreischt, die mit breiten Daumen die Erinnerungen ausdrückten. Ihn, die harte Traube aus Warten und Pressieren. Ihn, der sich verlassen liess. Sein Körper ist eine Frucht, die blühen möchte. Aber in ihm gab es nur die harten Samen der Tränen. Warmes Kirschenkies, das rasselte. Aber er zerbrach nicht, so sehr es ihn schüttelte. In seinem Rücken wellte sich das Bett mit jeder seiner Bewegungen wie eine Talg-See in seinem Fett. Ein saurer, milchiger Geruch stieg aus diesem Folterapparat auf, dunkel und aufreizend. Seine glucksende Kehle stiess kleine spitze Schreie aus. Die Tränen kamen wie Ziegenkot, rollten über das Parkett, unter den Heizungskörper, in die Ecken zu den Staubschwänzen. Das Gesicht hat er gesehen im Fenster. In der Zeit, die es für das Zerbrechen gebraucht hat. Es ist ihm entgegengekommen wie eine Hand, die sagt, nicht. Oder wie eine Hand, die über schwarzen, fast knarrenden Filz streicht, und sagt, nichts. Und aus dem Filz steigt der Geruch von Anfängen und Handgriffen auf, von Sägemehl und Barthaar. Er strich langsam über die Unform auf seinem Hals, über den Auswuchs. Würde ihn jemand je wieder erkennen? Das Schlucken fiel ihm schwer. Selbst wenn er die kaum gefundenen Erinnerungen, dieses trockene, ausgeschimmelte Brot, auf den Händen vor sich hertrug, es hinstreckte, um zu sagen, ich bin Mensch, fehlte ihm da nicht die Güte, um es aufzuweichen? Die kaum gefundenen Erinnerungen schmerzten wie die harten, raren Tränen. Für Sekunden ist dieses leere Schlucken an seinem Hals, dieses Zucken der faustgrossen Schwellung an seinem Hals, das einzige Zeichen für das Verstreichen der Zeit, für ein Leben, das zu leben bereit ist. Aber die Klangwelt des Himmels war abwesend. Durch die Fensterscherben drang das Fauchen des Walds, das Fächeln der Blätter. Und der rötliche Geruch des Waldbodens, die milde Säure der Nadeldecke. Umzukehren würde schwierig. Ohne Erfahrung umzukehren, noch schwieriger. Mit schlürfenden, schleifenden Bewegungen schürfen die Wolken etwas Blau vom Himmel, das er erkennt. Ein Blau, das ergrünen kann. „Miriam“, das erste Wort auf seinen harten Lippen. Ein Auge, das grüne Knospen schlägt in seiner sandigen Brust. Ja, Miriam. Er hatte sie noch nicht ganz vergessen, er hatte sie noch nicht ganz verloren. Aber würde sie ihn erkennen, mit seinen mumifizierten Fingern in den Händen, die einmal zu zeigen vermocht hatten? Er blieb auf der Wohnungsschwelle stehen. Musste er nicht dazu etwas sagen und geben können, das er war? Er war aus der Klangwelt der Menschen herausgegangen, bevor sie verstummt war. Er war von der Klangwelt der Erde verschwunden, bevor sie vertrocknete. Vertrocknete im schrecklichen Sommer, der den Wald wie einen Lederbeutel aufblies, dass er an seine Fenster stiess. Er hatte die Klangwelt des Himmels vermisst, bevor sie vorzeitig verblüht von den Bäumen gefallen war. Seine Füsse trafen auf die kalten Platten des Treppenhauses. Der Handlauf wie die Reling eines Schiffs im Sturm. Hinunter in den durchgurrten Maschinenraum. Die Tauben allein waren verblieben. Hatten sie je zum Himmel gehört, waren sie nicht eher graue Früchte des Bodens, im Reifenabrieb, im vom Wind feingeriebenen, kleingerollten Abfall gebadete Schnäbel? Seit er umzukehren versuchte, kamen nur Fragen, kannte er nur Fragen. So blieb er wieder stehen, in seiner Kehle das leise Quäken des Esels vor dem Engel. Die Platten des Eingangs waren weiss vom Schnee des Taubenkots. Die gläserne Eingangstür war eingeworfen, in die Halle hinein gesplittert. Hatte er Reifenabrieb gedacht, konnte er mit Sicherheit noch von Zeiten berichten, in der es Reifen gegeben hatte? Hatte er diese Zeiten erdacht oder erlebt? In seinem Blickfeld lag die gesprungene, rissige Fläche des Gehsteigs, ausgestreckt wie eine alte ledige Handfläche in die ebenso faltige Strecke der Strasse, von verbranntem Grün wie Achselhaar bewachsener Asphalt. Die Hitze zischte leise, wenn sie durch die Schneide des Glases fuhr, roch nach Mandeln und Steinbäuchen. Wann hatte er zuletzt die Dinge in den Mund genommen? Wann hatte er zuletzt die krabbelnde Innenseite der Erde geschmeckt? Oh, viele Male, er erinnerte sich, hatte er die Erde mit seinen Fäusten geschlagen, die Nase im Gras. Nackt, schweissüberströmt, stinkend, stand er in der Eingangshalle eines Hauses und erinnerte sich an eine andere Asphaltfläche. Jene Asphaltfläche glich jener Asphaltfläche im Süden, die Sonne brannte genauso, die Kinderstimmen fehlten, die rufenden Mütter. Er sog den Duft ein, er wurde ein anderer. Sauer verschob das Benzin der Tankstelle die Zeit, stand er an der Leitplanke hinter der Tankstelle, blickte auf das Meer hinaus, Meer von Scherben. Hinter ihm der brennende Geruch von Urin, vor ihm der steile Abhang mit den krummen, stummen Kiefern. Damals hätte er sie hören können. Eine Frauenstimme, die einen Namen rief, immer wieder einen Namen rief, zwei Silben, die ihm auf den Scherben des Horizonts hüpfend entgegenkamen. Dann ihre starke Hand auf seiner Schulter, und jetzt spürte er den warmen Strom zwischen den Beinen, jetzt musste er noch länger stehen bleiben, bis der Strom getrocknet war, im Rücken das heisere Heulen der Motoren. Die Frauenhand rüttelte ihn durch, er hatte sich wieder vergessen. „Du hörst die Klangwelt des Menschen,“ sagte er in die Halle hinein, „aber du hörst nicht die Klangwelt der Erde. Du hörst die Klangwelt der Erde, aber du hörst nicht die Klangwelt des Himmels.“ Er stieg vorsichtig durch die Scherben, durch die Tür, die nichts mehr abschliesst, zurückhält. Für Minuten geht er langsam über den Platz, betrat die magere Rasenfläche, ein Gerufener, der seinen Rufer verloren hat. Oder den Ruf, das Rufen. Erst spät bemerkte er seinen überströmten Körper unter dem träge fliehenden Himmel. Der Regen war eine leise sirrende Walze, die alles berührt, nichts versehrt. Das gibt es, erinnerte er sich, aber das gibt es nicht mehr. Auf der Rasenfläche, die seine Schritte nachgiebig begrüsst hat, machte er die Bewegung dazu. Das andere, das eine: Benzin, Motoren, die Ferne, Weite, aber das in die Weite, Ferne Rufende immer noch, die Breite des Himmels, das fernher, stellt er sich vor, kommende Wetter. Immer noch, das Harte, Scherbenhafte, Todlose gegen das Weiche, Wiederkehrende, Sterbende. Er wiederholte die Bewegung, er erinnert sich. Er ging in die Knie, liess sich in das Gras nieder, in das ausgebrannte, durchtränkte Gras. Das Zupfen am Gras holte die Wurzeln aus der Erde. Jetzt wiederholt er den Namen, „Miriam“, aber ein Name ist kein Satz. Und es ist nicht sein Name, erinnerte er sich. „Aber du hörst nicht die Klangwelt des Himmels,“ sagte er, stärker rupfend, einen schlammigen Kreis um sich öffnend. Er rutschte auf den Knien im Gras. Aber auch ein Satz brächte sie nicht zurück. Ein Name ist ein Gefäss für so viel Zeit, dachte er, wenn das noch denken war. Er spürte deutlich die Erde unter den Fingernägeln. Was war denn dieses Rufen, das ihn rief? Er hörte sein eigenes Stöhnen und freute sich daran. Motoren und Bildschirme, dahinter die Maschinen, aber die Schönheit eines Namens, eines Wetters. Eingeschlossene, doch nicht abgeschlossene Veränderung. Klangwelten, seine Hände flechten Erde und Gras zu einem Zopf, zu einem Kreis um sich. Und im Aufstehen, die Innenseite der Schenkel warm von der Schönheit, die er nicht sieht, aber weiss, entdeckt sein Gesicht das Lächeln. Es schmerzte ein wenig, als habe eine Scherbe darein geschnitten. Denn er hat nochmals den Namen gehört, gerufen und zweisilbig, in seinem Rücken. Rief ihn der Wald zu sich. Mit stotternden Augen ging er wieder auf das Haus zu. Er sah das Schild „Lindenplatz“, eine Schraube hatte sich gelöst am Pfeiler. Er wollte den Namen holen, dort hinter dem Haus. Er glaubte daran, dass dort unter den Nadelbänken ein, sein Name zu finden wäre. Dass das das Rufende war, nicht das Wetter und nicht die verschwundenen Tauben. Er erinnerte sich an ein Lied, wie ging es nochmal? Es hatte mehr als zwei Silben. Auch das konnte er nicht zusammenfinden. Ein Lied nicht, zwei Silben nicht. Und wenn die Klangwelt des Menschen vorbei war, dann hatte das Lied auch ausgesungen. Er fühlte die Glut all der auseinandergewachsenen Silben und Geschichten. Er selbst war ein dunkler Kohlenstein, nass glänzend, mit einem roten, leuchtenden Bauch. Ausgezogen, durchnässt, Wolke ohne Hose, wiederkehrendes Wetter. Er begann zu begreifen, wie all die aufeinandergewachsenen Erinnerungen einen Abhang aufstellten vor seinem Auge. Die Verzweiflung loderte immer noch in seinem Herz, das langsam wieder denken lernte. Ein Feuer unter der durchtränkten Decke der Sinne. Dann stand er vor dem Haus, das Haus stand nicht allein. Das Haus war nicht der Würfel, den er gedacht hatte. Er betrachtete die Häuserreihe, beide Enden von einer Strasse abgeschlossen. Nach der Wiese roch die Strasse, auf der er entlangtappte, viel stärker nach dem Regen, der wieder fiel. Das raue Band legte sich warm an die Füsse, die Innenhaut von Geschichten, von seiner Geschichte, er bliebt stehen und fühlte die tausend Unebenheiten der Strasse erfolglos auf seine Haut einstechen. Würde ich ein Buch schreiben, käme ich nicht über die ersten Schritte hinaus, dachte er plötzlich. In seinem Herz begann eine Klangwelt zu herrschen, zitronengelb und dunkel zerfasert. Ich würde, dachte er, den Satz mit einem Vogel beginnen lassen, mit einer Amsel im Vorgarten. Ich liesse also die Vögel wieder kommen. Das Gehen ging leicht, wenn auch wiegend, er hatte etwas anderes gefunden als die randlose Vergeisterung seiner Wohnung. Er begann sich zu korrigieren, Entgeisterung meiner Wohnung. An der Rückseite der Häuser fand er den Hohlpfad, der hinter ihnen entlangführte und nach einigen Metern in den Wald einschwenkte. Er hielt an, drehte sich zu seinen Fenstern hinauf, aber der Regen fiel zu dicht, wie rote Ameisen blitzte es in seinen Augen auf, die Fenster waren immerhin da oben, Klangwelt des Menschen. Er hatte an seinem Denken gemerkt, der Boden hatte sich verändert. Nicht wie der Boden der Wiese, weich wie der Bauch einer Frau, nachgiebig und satt. Er ging unter die Bäume. Mit der Zeit hörte der Regen auf, und er setzte sich erschöpft und ein wenig atemlos an einen Baumstumpf. Es roch nach Moder und Pilz, nach tausend, zehntausend Gliedmassen, die wühlten, wirkten und wahrnahmen. Er legte den Hinterkopf auf den Spiegel des Stumpfs, der ihn angeblinzelt hatte, als er an ihm angekommen war. Ich könnte dir erzählen, flüsterte er in den Regen hinauf, könnte dir erzählen von den ungezählten Dingen und Wesen, die in mir hausen. Aber ich würde dir erzählen von dir, fuhr er fort, und du horchst ja schon. Er würde hier ein wenig bleiben, im Ohr des Waldes, das ihn harzig anatmete, beschloss er, befreit von allem Gesang, Klangwelt der Erde. Sein Körper leuchete im lichten Wald, unter den matten Farben des Regens, über der sauren Nadeldecke. Niemand hat uns noch gefunden, sagte er in den von den Ästen versperrten Himmel hinauf.

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