
Die Vögel sind lange schon still. Gewesen, geworden. Unter den schweren klirrenden Perlenschnüren des Regens tänzelte er dahin. Reizwelle um Reizwelle erspürte seine Haut, seine Häutchen. Erringelten seine Ängste, die er sorgfältig und vorschnell von einem unsichern Ort zum anderen gefährdeten Unterstand hin und her schob. Erschauernder Zirkuskünstler. Seine Orientierung unter den Schauern und im Schaudern null und nichtig. Können Achänen im Regen fliegen? Er hielt seine Hände über seinen Kopf. Auf den Handflächen stichelte die Nähmaschine des Regens ein Muster. Die Handflächen wuchsen unter dem Muster an, Palmwedel. Seine Beine hatten kein Gefühl mehr, er schleuderte sie um sich und blieb aufrecht. Was Wunder. Wenn er stehen blieb, schüttelte ihn die knarrende Stille des Wäldchens. An jedem Bitzen seiner Haut zupften die Stränge ihres feuchten klebrigen Netzes. Die Bäume leuchteten wie aufgesprungene Tulpenkelche. Jeder ein gottverdammter Brunnen, tief wie Erdspalten, Marianengräben. Hatten die Vögel verschluckt, hatten die Vögel geteert und gefedert. Was Wunder. Die Äste unter seinen Füssen sahen aus wie abgehackte Storchenbeine, die Blätter über seinen Händen wie Kiebitzhauben. Sein ganzes Urteilen war von einem Schimmel punktiert. Vielleicht sind Menschen wirklich bald nicht mehr möglich. Dennoch erfasste ihn eine Art von Begeisterung, halb Häme halb Vorfreude. Er würde dem Kommenden nicht die Stirn bieten, das wusste er. Er, nein, er würde sich der Zeit nicht sperren. Schon nicht mehr länger, das sage ich dir. Was Wunder bei diesen, diesen, diesen. Phantome, so scheint es. Aber das Fehlen der Vögel, ist das etwa ein Phantom? Ein Grunzen kam aus seinem Mund. Ja wohl, so sehr. Ein Gefühl von ab-hier-bist-du-allein-Mama-hat-was-anderes-zu-tun. Nun stand er unter seinem Baum, ein torkelnder Däumling, unter den daunenweichen Testikeln der Eiche Warte-auf-dich. Verfluchtes Märchen. Ein Grunzen kam gleich nochmals aus seinem Mund, kehlig wie nach dem Reihern. Hier unten waren die Regenketten wie die Küchengardinen in der Stadt, die sich bewegt hatten unter den Händen der Feigen. Hier unten gab es keine folgenden Augen, hier unten gab es keine Distanznahme. Mehlig und schwer sank er in das Moos und zwischen die Eichensprösslinge. Aber er wusste, was zu tun war, nicht wahr? Jetzt, wo Mama hat was anderes zu tun. Er musste an seinem Urteilen feilen. Eine Stille befand sich wattig auf seinen Ohren. Über ihm der Blätterbrunnen, die Blättertiefe. Keine Kraft hinaufzusteigen, noch nicht, schon nicht. Die Stirn bieten, auch so ein Spruch aus Zeiten, als die Vernunft das Höchste gewesen war. Und wo hatte sie hingeführt, die Vernunft? Was Wunder, sass er jetzt da wie ein umgekippter Schemel, das Licht ausgeblasen für eine unbestimmte Dauer. Im Schoss des Baumes, die Fäuste immer noch sicher in den Taschen. War es nicht seine Aufgabe gewesen, auf dieses hier zu warten, auf dieses hier mit schmerzender Vorstellung zu plangen? Die Erscheinungen erstaunten ihn nicht länger. Das war, was erstaunlich war. Er konnte sich nicht mehr erstaunen, schon nicht mehr erschrecken. Obwohl der Schreck ihm mächtig in die Glieder gefahren war, für eine bebende Kälte sorgte dort, wo die Verantwortung ihren leeren Kelch hätte erheben sollen. Die Gesichter des Gesehenen verwoben sich immer noch breit und längs in einer Fieberwelle zur nächsten. Über ihm lispelten die Eichenblätter von den Stichen des Regens. Die Fäuste im Schoss, ein Wunder, das auf Fortsetzung wartete, immer noch auf Fortsetzung. Aber noch konnte er die Fäuste nicht öffnen, die vollmächtige Verantwortung ergreifen. Er wartete auf etwas, das ihm gegeben würde. Selbst jetzt noch konnte er nicht vornehmen und vorpreschen. Er legte den Kopf in den Nacken, mit seinem von Phantomen vernebelten Blick haschte er nach den aufblitzenden, aufspritzenden Sternen des Regens, der da oben stickte und stickte. Ich bin ein Geschöpf aus Boden und Stein, dachte er, was willst du von mir. Wie lange würde es dauern, bis dieser Steintrog gefüllt wäre, überflösse? Und das am falschen Ort, wohl, wohl. Denn wo keine Vögel, da kein Aufbruch, weder Frühling noch Herbst. Ein verhärtetes Kind, das bin ich, dachte er, Trotz und Ohnmacht haben mich gestählt. Aber weder Ohnmacht noch Trotz sind Dinge, die grünen, Dinge aus dem Grünenden. Allen, allen, fuhr es durch ihn hindurch, fehlte von Anfang so ein Baumes-Schoss. In einem Baumes-Schoss, was Wunder, wirst versinkend aufgehoben. Und doch konnte er nicht beschliessen, er habe nichts damit zu tun. Es schmerzte ihn, die rissige raue Ründe der Rinde in seinem geraden Rücken zu spüren. Den schüchternen Geruch des Mooses zu riechen, ein blindes durchsichtiges Tasten. Hatte er sich denn wirklich aufgemacht? Und mit welchem Zweck? Wieder nur der natürlichen Unruhe gefolgt, ja, dann sitz jetzt mal still. Seit Jahren hatte er sich unter den Augen der Vorübergehenden in sich hineingestülpt, um sich nicht anzubieten, um sich nicht auszustellen. So sehr war er in sich geschlüpft, dass sie ihn sogar zu grüssen begonnen hatten. Und nun, ausgerechnet in diesem Moment, wäre er gerne begrüsst worden? War das wirklich die Zeit, um hinauszutreten? Langsam badete das Flüstern des Tages seinen geraden Körper. Allmählich kam die Eiche auf ihn zu, rückte an seine Schulter, schob sich an seine Hüfte. Er weinte nicht, denn er verstand nicht. Er verstand nicht, denn er hatte es nur zu gut gesehen. Er weinte nicht, denn hatte er nicht mit seinen innersten Worten Anteil an dem Gesehenen, das Gesehene ausgelöst? Und er begriff nicht, wie dieses nicht Begriffene ihn derart ergriff. Denn es lag nicht an seinem Bruder. Schon immer hatte der sich den Regeln der Welt zugeneigt, in sie hineingelehnt, das waren seine Stöcke und Schlingen. Während er selbst sich verkroch, verspann, auswich. Damit lebte, sich selbst zu betrauern. Was Wunder, wurde er zum Zauberer, zum Beschwörer. Aber das wollte er nicht beschworen haben, was er gesehen hatte. Und musste es doch immer wieder, verlangsamt und tranig-verschleimt, wahrnehmen. Es war in seinen Körper gesunken wie die klamme Luft in seine Brust. Argwohn nähte die Platzwunde seines Urteils, lange schwer gleitende, plötzlich zupfende Durchstiche. Das Wissen um die rutschende Zeit war gewisser, aber die Bedrohung bedrohte auch ihn. Damit war nichts gewonnen. Die Geister, die er gesehen hatte, waren noch nicht geläutert. Die Menschen, die sie trieben, hatten keine innersten Worte mehr. Die Borke des Baums in seinem Rücken war trocken, fast warm. Im Schoss des Baums war es harzig und sicher, ein gelbes Halo umgab die beiden, wie hoch am Himmel. Schweiss und Regen trocknete zusammen auf seiner höckerigen undurchlässigen Haut. Im lichten Trichter der Eiche ragten die Hirtenstabrunen der Äste über den Menschen hinaus, Zeichen- und Schutzhand in der Ungerade. An den Stamm gelehnt, gepresst, spürte Ueli die doppelte, gewürzige Bewegung des Baums. Er begann den Schrecken zu verwinden, denn hatte er nicht davon gewusst, von den Kähnen voller Menschen, die gingen und nimmer wieder kamen? Das Eichenblattwispern über ihm drehte sich um ihn, gerundet und unregelmässig, die Nerven liefen durch die Blätter ohne zu zögern, bis in die runden Grenzen der Blätter hinaus. Was Wunder hatte die Mauer nicht vermocht, was der Baum im Nu aus der Zeit grub, aus dem Menschen heraus schöpfte. Um die Säule dieses Baums, der ihn in die Ründe der Welt hob, in die geschüttelte und behütete Kurve der Zeit, wob der Regen die Falten des Tuches, aus dem geschah, was geschehen war, geschah und geschehen würde. Seine eigene Säule, nicht mehr als ein Zahnstocher, ein wütender Hirschkäfer vielleicht, steif und zerbrechlich, bog sich glucksend und jauchzend im Schatten des Baums und des Regens. Bis auf den umbemessen tickenden Regen verstummte das regsame Urteil. Dem leichten Wind gelang es nicht, die taumelnden Wahrheiten zu stützen. Es erhob sich in ihm, schwankend wie der Schild einer Schlange, die wischende Freude. Was ich gesehen habe, kann ich nicht ungesehen machen, dachte er. Er hob den Kopf aus seinen Händen. Sein Nacken schmerzte, seine Wangen brannten. Auch ich bin feige gewesen, flüsterte er und bewegte sich wie jemand, der in ein neues Kleid zu schlüpfen versucht. Und das Kleid war triefend nass und eiskalt. Seine Bewegungen, eben noch tänzerisch, verloren ihren Takt. Alle Muskeln verspannten sich. Während er seine eigenen Vorhänge zerriss, glühte sein Gesicht wie der transparente leuchtende Körper eines Tiefseefisches. Sein Mund vollführte Atembewegungen. Sein Gehirn presste mit ganzer Macht an den Schläfen wie eine Fischblase vor dem Platzen. Seine roten Lippen mit dem Metallgeschmack zuckten wie ausgegrabene Würmer. So ist es, fuhr es ihm durch und durch, wenn du nicht mehr lügst, dich nicht mehr betrügst. Und vor den alten, lau nassen Furchen des Baums konnte ein Fremder in dem hin- und hergeworfenen Körper die Schemen unbekannter Organe sich regen sehen. Dieser Fremde stand auf dem andern Ufer des Dorenbachs. Sein Gesicht sah aus wie tausendmal aufgetrennt und tausendmal vernäht. Er stand im Schatten einer Weide, die ihre Rutengänger-Äste verwirrt über das Wasser streifen liess. Der Fremde trat aus dem grünen Vorhang heraus. Für Momente konnte nicht gesagt werden, ob es eine Frau oder ein Mann war. Die Gestalt sprang leichtfüssig über die Steine im Bach und neigte nach wenigen Sekunden ihr spitzes, tropfendes Gesicht in das von Ueli. Ihr Atem schmeckte sauer und frisch. Zurücktretend, stimmte sie ein helles hustendes Lachen an und verschwand für einige Augenblicke aus Uelis Blickfeld. Wie jemand, der das riesige Leinentuch des Regens ausschüttelt, verschwand die Lachende dahinter, und das Lachen wurde dumpf, an Nähten reissender Stoff. Dann war das Gesicht wieder da, und er konnte jede Bartstoppel sehen. „Bischt im Brünneli?“ fragte der Fremde und tanzte wieder ausser Sicht. Das nächste Mal war der Atem an seinem rechten Ohr und sagte: „Wo isch denn das Sünneli?“ Jetzt konnte Ueli deutlich den deutschen Akzent hören, flache Schiefersteine, schlecht geworfen. Er schlug nach dem Gesicht, traf aber nicht. Er war noch nicht ganz sicher, ob er es sich nicht einbildete. Um ihn herum hatte der Regen Gestalt angenommen, jeder Tropfen war ausgesucht und stach mit Bestimmung durch die gräuliche Luft. Seine Kehle war mit Moos ausgekleidet. Der Fremde war da und liess sich aus dem Stehen in einen korrekten Schneidersitz fallen. Die Beine des Fremden sahen aus wie eine eingerollte Schlange. Der Fremde hielt ihm seine gelbe lange Nase unter das Kinn und äugte zu ihm hinauf. „Bischt verschrocke?“ fragte der Fremde. Ueli konnte noch nicht antworten. Er konzentrierte sich darauf, dieses scharfe Gesicht nicht zu sehen. Dieses Gesicht war von zwei mächtigen Händen gepresst worden, von Geschwindigkeit oder von Anziehungskraft. Weder Fisch noch Vogel. Langsam wandte Ueli den Kopf von der einen zur anderen Seite. Er spürte seine Hände wieder. Seine Wirbelsäule knackte und krachte wie ein Scheit, das auseinandergerissen wird, nachdem die Axt es gespalten hat. Gelber Regen, Sägespäne. Dann war die Sicht wieder gut. Er streckte die Hand aus und berührte die Erscheinung an der Schulter. „Auf Erkenntnis folgt Überprüfung“, sagte der Fremde, „ich sehe, funktioniert doch.“ Der Fremde lehnte sich auf seine Hände zurück und hielt das Gesicht in den Regen. Im gelben Licht sah es aus wie die frisch geschlagene Spitze eines Zaunpfahls. Der Fremde bewegte sich ruckartig, schon war seine Hand nach vorne geschossen und berührte fast Uelis Brust. „Rothermund Samuel, wenn Sie gestatten,“ sagte er. Ueli brummelte seinen Namen, zögerte aber, die Hand zu ergreifen. Die Hand zuckte weiter nach vorne. „Musst sie schon annehmen, sonst geht das nicht,“ sagte der Fremde und berührte mit den Fingerspitzen Uelis Brustbein. „Sämi, der Einfachheit halber.“ Nochmals berührten die Fingerspitzen Uelis Brustbein. Diesmal ergriff er die honigweiche Hand, die keinen Druck ausübte. Dennoch war er plötzlich auf den Füssen. Mit leichtem Schwindel stand er unter dem Baum. Was Wunder, dachte er, dass ich nicht zur Hälfte noch im Boden stecke. Ein Kichern kam und ging. Jemand stand an seiner Seite und hielt ihn an der Schulter umarmt. „Ich muss dir etwas zeigen,“ sagte die Stimme neben ihm.
(Bild von Manfred Antranias Zimmer auf Pixabay.)
