
Der Himmel finsterte schnell ein. Die vier Männer an der Schifflände hatten bereits ihre Pelerinen angezogen und Taue, Tisch und Tragbahren vorbereitet. Der Kahn drehte langsam und stampfend in der Mitte des Flusses. Kalmer und Regner standen bei den Pollern, kommentierten das Wendemanöver des Schiffs. Der Doktor lehnte am Tisch und rollte sich eine Zigarette. Seine in die Stirn geschobene Brille spiegelte den Himmel, was den Eindruck aus Ergebenheit und Ergriffenheit in seinem Gesicht noch verstärkte. Doktor Wolkenträger, dachte Anna, das passte gut zu ihm. An den vierten Mann, Fäs, hatte sie sich noch nicht gewöhnt. Er kauerte bei der Schifferhütte an der Wand, die Hände zwischen den Knien berührten die Planken. Fäs war nicht der älteste, Anna schätzte ihn auf knappe 30 Jahre, aber er war mit vielen Wächtern vertraut. Regner vermutete, dass er selbst einmal Wächter gewesen war. Fäs’ Bewegungen waren abgehackt und plötzlich, er konnte unerwartet an jemandes Seite auftauchen, einen mit diesen gelblichen Augen anstarren. Auch jetzt wusste Anna, Fäs wäre der erste beim Schiff, obwohl er am weitesten entfernt war. Anna war schon zweimal mit ihm zusammengestossen, einmal hatte er ihr den Weg vertreten, beim zweiten Mal hatte er sie an der Schulter angefasst und wie eine Spielfigur beiseite gestellt. Beide Male hatte er nichts gesagt. Einige Männer unter den Hütern hatten die Theorie, dass Fäs keine Zunge mehr habe. Sie selbst hatte ihn noch nie reden gehört. Das Schiff kam jetzt längsseits. Der Regen hatte eingesetzt, ein kalter, schräger Wurf unterm Wind. Von einem Moment auf den andern war nur noch die graue, raue Seite des Flusses zu sehen, das andere Ufer und die Turmruine waren verschluckt. Taue und Rufe schlickerten durch die zerhackte Luft. Anna schlüpfte in ihre Pelerine, die ihr der Doktor reichte, der Kunststoff klebte an den nassen Kleidern, die Haut darunter zusammengezogen und voller Kältehöcker. Regner schob die Landungsbrücke über die Planke, Kalmer fasste mit an, gemeinsam hoben und schoben sie den Eisensteg auf das Schiff. Zuerst war niemand auf dem Schiff zu sehen, aber Fäs war schon an Bord, schritt aus Richtung Brücke. Vom leichten Ostwind war ihm die Kapuze seiner Pelerine abgestreift worden, der Regen musste ihm kalt und hart ins Gesicht schlagen. Kalmer hatte sich umgewandt und Annas Blick gesucht, denn ein Betreten des Schiffs ohne den ausdrücklichen Befehl der Aufnahme-Offizierin war tabu. Anna schüttelte den Kopf. Auch sie stellte sich an den Kai, wo das Wasser grau zwischen Schiff und Anlegestelle schäumte. Das Schiff stank, selbst in diesem Wind. Das war nicht neu. Für einen Augenblick musste sie sich vom Fluss abwenden, um die aufkommende Übelkeit mit einem Blick in die Pappeln und Weiden zu bekämpfen. Die Bäume duckten sich in Wind und Regen. Ein Haselstrauch ein wenig weiter weg dagegen schien sich strecken und recken, weiten und wachsen zu wollen in diesem Wolkenbruch. Sie hätte ihm gerne noch ein wenig weiter zugesehen. Von der Brücke kamen jetzt Stimmen, sie kehrte sich dem Schiff zu. Fäs hatte sich die Listen geholt und war schon auf dem Rückweg. Eine Gestalt stand in der Türe der Brücke und hob den Arm, halb Gruss halb Ruf. Sie betrat das Schiff, als Fäs heruntergestürmt war. Er brachte die Liste dem Doktor, das war in Ordnung. Sie hielt ihre Kapuze fest und den Regen im Gesicht aus. Durch die offene Türe trat sie in den heissen Kommandoraum des Schiffs. Im hinteren Teil des bis auf die Armaturen kahlen Raums sassen einige Männer an einem Tisch und spielten stumm und schnaufend Karten. Hinter ihnen loderte in einem Eisenofen ein Feuerauge. Die Luft war abgestanden und roch scharf. Der Kapitän stand mit dem Rücken an die Armaturen gelehnt und wartete auf sie. Sie trat zu ihm hin und wollte die Hand zum Gruss der RETTUNG an den Hals heben. Der Kapitän schüttelte den Kopf. „Rieder Louis,“ stellte er sich vor. Er legte seine Hand kurz an die Kapitänskappe. Er trug keine Uniform, sondern weite braune Kleidung, die aus Hemden zu bestehen schien. Zögernd nahm er ihre Hand und liess sie fahren. Seine Hand hatte sich wie behaart angefühlt. Sie hatte noch nicht viele Entladungen geleitet, kannte nur erst zwei der Kapitäne der kleinen Flotte. Dieser hier schien etwas Besonderes zu sein. Seine Augen schimmerten wie in Rührung oder im Fieber. „Wir haben 71 dabei heute,“ sagte er, „Grüsse von Nadler.“ Sie nickte nur. Er streckte einladend die Hand aus und führte sie von der Brücke. „Ich zeige dir etwas,“ sagte der Kapitän vor ihr. Die Treppen donnerten unter ihren Schritten. Sie kannte niemand, der Nadler hiess. Jeder Kapitän grüsste sie von diesem Nadler. Sie hatte Schneider gefragt, aber auch er wusste von keinem Nadler. Aber es sei nichts Aussergewöhnliches, dass die Brigadiers am Rheinknie schnell wechselten. Einerseits, so Schneider, müssten sich die Wächter immer wieder gegen die Jurassier zur Wehr setzen. Diese hätten sich fast das Elsass geschnappt, nachdem hier die Türme gefallen seien. Doch das Elsass habe man retten können, und mit „man“ meine er die Wächter der RETTUNG. Er wolle sich nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn das Elsass den Jurassiern gehörte. Andererseits handle es sich bei den Wächtern halt einfach um eine Bande von Halsabschneidern, da passiere so manches, wenn der Tag lang genug sei. „Wie ist dieser Nadler?“ fragte sie den Nacken des Kapitäns. Ihre Stimme klang im engen Gang wie die Stimme eines Mädchens. „Frage muss heissen, wer ist dieser Nadler,“ antwortete der Kapitän und drehte ihr im Gehen die linke Wange zu. Sie glaubte, ein Lächeln zu erkennen. Über ihnen donnerten jetzt die Schritte ihrer Männer. Sie gingen in den Laderaum. Warum gingen sie in den Laderaum? Sie war noch nie im Laderaum gewesen, das war nicht ihre Aufgabe. Und warum liess sie sich führen? Sie war die Leiterin der Schiftende, sie gehörte nach der Begrüssung an Land. In der Halle des Laderaums lagen und kauerten die künftigen Häuter. Einige waren aufgesprungen. Diese hier waren nicht angekettet. Oben wurde die Ausstiegsklappe geöffnet. Sie konnte im dünnen Graulicht die in der Mitte abgenutzten Holzstufen der Treppe sehen. Sie wollte fragen, warum der Kapitän mit ihr in den Laderaum gekommen war, wenn doch keines der Kinder angekettet war, da war der Kapitän an die Leiter getreten. „Aufstehen, herkommen,“ sagte er laut, seine Stimme war harsch und weich. Die Körper erhoben sich und versammelten sich. Eine schiebende, scharrende, hustende Masse von jungen Menschen. Ein träger schwerer Geschmack legte sich über Anna, schleimige Sporen von Angst drangen bis in ihr Herz vor. Die Menge umschloss Anna, die einige Meter vom Kapitän stehen geblieben war. Die Gesichter hatten einen feuchten Glanz, die Augen schluckten das einfallende Licht sofort. Sprühregen fiel durch die offene Klappe, umgab den Kapitän wie eine Wolke. „Ich gebe euch die Hand. Was ihr tun müsst, das tut. Ihr seid nicht die Letzten, aber vielleicht werdet ihr die Ersten sein. Wenn ihr sterben müsst…“ Der Kapitän machte eine Pause. „Wenn ihr sterben sollt, sterbt im Stehen. Aber wenn ihr frei werdet, dann tut, was ihr gelernt habt.“ Er hob die Hand zu einem Gruss, den Anna nicht kannte. „Niemand hat uns noch gefunden,“ sagte er jetzt lauter. Ein Murmeln ging durch die Menge. Eine helle Stimme rief: „Bis zum Krieg noch 5 Stunden.“ Die Menschen um Anna herum begannen sich aufgeregt zu wiegen und wiederholten das Wort: „Bis zum Krieg noch 5 Stunden.“ Nochmals erhob der Kapitän die Stimme und wiederholte: „Niemand hat uns noch gefunden.“ Und wieder kamen die Stimmen aus den tiefen Mündern um sie her: „Bis zum Krieg noch 5 Stunden.“ Die Menschen um sie herum wiegten sich und hatten die Köpfe dabei gesenkt. Sie erwachte aus ihrem Erstaunen und kämpfte sich einen Weg durch die wogende Menge. „Was machen Sie denn?“ keuchte sie den Kapitän an. „Wir nehmen Abschied,“ antwortete Rieder, „ich schicke sie auf ihren Weg. Sind ein wenig meine Kinder.“ Die ersten Gestalten stiegen über die Treppe nach oben. Von dort kam jetzt ein Schrei. Regner hielt seinen Kopf in das Loch. Er hatte einen Jungen an der Hand, die andere Hand hatte er dem Nächsten auf den Kopf gedrückt, um ihn am Aussteigen zu hindern. „Chef, das geht nicht. Das geht doch nicht so,“ sagte er heiser. Das weckte sie ganz auf. „Kapitän, wir können sie…,“ begann sie. Dann fiel ihr das richtige Wort ein: „Ungebunden können wir sie doch nicht… wegbringen.“ „Nun, das müsst ihr jetzt wohl. Mangel an Seil, vermute ich.“ Ein Lächeln verschob die Geschichtszüge des Kapitäns, als habe jemand mit groben Fingern in das Gesicht gelangt. Seine Augen waren nicht zu sehen, verborgen unter den buschigen Brauen. „Aber es sind brave Mädels und Jungs, das kann ich sagen.“ Oben schwankte Regner zwischen den beiden Menschen. „Dann muss ich Verstärkung anfordern, tut mir leid,“ sagte Anna, „bis dahin kein Ausstieg.“ Sie trat direkt unter die Luke und rief hinauf: „Niemand steigt aus, bis ich den Befehl erteile.“ Sie konnte Regner nicken sehen, aber schon liess sie den Laderaum hinter sich. Draussen hatte der Wind zugenommen, der Regen war fett und schwer, schmeckte bitter und eisenhaltig auf den Lippen. Der Wind kam heute eindeutig aus dem Gebiet. Es war aber gut, wieder im Licht zu sein. Das Licht hatte, obwohl grau, fast grün, im Gegensatz zum menschenvollen Dämmer im Laderaum etwas plötzlich Beständig-Bestätigendes und zugleich Fragwürdiges. Hier draussen waren die Menschen in der Windleere und in der Lichtfülle nur Partikel, die Spucke eines grossen Tiers, über das Fell der Erde verteilt, dachte Anna. Sie war noch immer benommen und konnte nicht verstehen. Sie holte tief Luft, als sie auf die Plattform der Schifflände trat. Dann überquerte sie diese mit schnellem Schritt, an den beiden wartenden Männern vorbei. Beim Doktor blieb sie kurz stehen und beugte sich zu ihm hinunter, denn er hatte sein Gesicht auf die glatte saubere Scheibe des Tischs gelegt: „Da geht was nicht mit rechten Dingen zu, aufpassen.“ Als sie ihren Blick wieder auf das Schiff warf, sah sie, wie immer mehr Menschen ausstiegen. „Fäs, Kalmer,“ rief sie zu den beiden hinüber, „zieht den Landungssteg ab. Niemand steigt aus. Regner soll zurückkommen. Verstanden?“ Die beiden schauten gebannt auf das Schiff voller schwankender Menschen, die sich langsam über das im Regen glänzende Deck verteilten. „Verstanden?“ kreischte sie zu den beiden hinüber. „Verstanden,“ sagte Kalmer und setzte sich im Laufschritt in Bewegung. Sie trat in das Schauerhäuschen und holte die Telefontasche vom Haken.
(Bild von Christo Anestev auf Pixabay.)
