
Es ist Gleichzeit. Er hat das Wort vor Jahren gehört. In der Türangel fällt es ihm jetzt ein. Die Drehungen und Wendungen der letzten Jahre, Monate, Wochen und Tage geschehen immer noch. Sie haben längst nicht aufgehört. Sie mögen beben und zittern, widerstehen, es ist nicht die Zeit, die sie aufhalten wird. Er hat das Wort vor Jahren gehört, und es hat seine Schleimspur auf den Teig seiner Tage, Wochen, Monate und Jahre gelegt. Keine tiefe Spur, eine Spur wie ein Papierschnitt. Jetzt drückt es die alte Narbe auf, weitet die Lefzen der Haut und hebt seine Knospe in sein schweissblaues Gesicht. Mitten in sein Wiederkehren, mitten in sein Hineinrennen. Denn die Wörter haben Bestand, auch wenn ihr Bestand verkümmert und vergessen wird. Sie sind die Hände, die dich noch zum Menschen machen, wenn du nach Tagen, Wochen, Monaten und Jahren sie weder zum Greifen noch zum Zeigen mehr benutzen kannst. Aber Gleichzeit ist es. Das begreift er sofort, als das Wort zu ihm kommt. Glitschig glatt gleitet es in seinen trockenen Sprechtrakt. Er hat es nicht kommen sehen. Er hat es nicht willkommen geheissen. Eine Wimper, die ins Auge sticht. Mit jeder Reibung kehrt sie wieder, schlägt erneut ins Becken der Tränen. Er wehrt sich mit aller Kraft dagegen, in die Knie gezwungen zu werden. Wenn es das Wort gibt, und wenn es auf ihn auch zutrifft, dann kann selbst die Zeit ihn nicht aufhalten. Dann ist der Tod weniger wahrscheinlich, wie ein Ton, der sich in den Tagen, Jahren, Wochen und Monaten nicht abgeschliffen hat. Nicht abgeschliffen hat daran, dass Lippen und Auge verschlossen und hart wie Glas waren. In seiner Reibung daran seine Ausdauer nicht verloren hat, seine Wärme. So steht er in der Türangel, mitten in der Wiederkehr, angeschlagen wie eine schweissige, fleischige Glocke. Die Seltenheit des Moments drängt sich auf. Sie steht wie ein anderer Mensch vor ihm auf der Schwelle. Hinausgeneigt, ein wenig geduckt, horcht er auf das Ticken der Taubenkrallen im Treppenhaus. Die Geschwindigkeit hat sich gesteigert. Seine eigene zuerst, vermutet er. Eine Geschwindigkeit wie der Rückstoss an der Schulter. Eine Bewegung, die sich selbst aus dem Stand bringt. Das Ducken ist die Kehrseite des Hineinrennens. In den Jahren, Tagen, Monaten und Wochen hat sich angesammelt, was einem Ducken gleichkommt. Die lautere Abkehr von dem Entzücken am anderen Menschen. Ein Entzücken, das von keinem Wort getragen werden konnte. Er streift weiter durch die Wüste seiner Wohnung, die sich weithin erstrecken gelernt hat. Seine Bewegungen sind die schwersten Fäuste, an die er zu denken vermag. Das schürfende Schleifen eines Körpers auf dem Tummelfeld der Abwesenheit. Hinausgedrängt wurden die Menschen aus dem After seiner Ideen. Knollen mit Gesichtern, verknäulte Gesichter. Seine eigenen Träume bekamen Äste, die an Fenstern kraulen. Wochen, Tage, Monate und Jahre behindern ihn nicht mehr. Die Gleichzeit hat eingesetzt, Glas über den sanften Pfoten der Wiederkehr. Ein Keuchen, ein Tappen. Er ist sich noch keines Namens bewusst. Willig nimmt ihn das violette Schimmern des Sofas auf, aufgeschlagenes Auge. Vom Lindenplatz herauf kommen die Regentöne auf dem Asphalt, das im Tanz der vielen Aufschläge von der Unendlichkeit zu reden vermag. Obwohl es nichts Konkretes mehr gibt, beharrt das Konkrete darauf. Es gibt weder das Wegschliessen noch das Hinausrennen. Er erinnert sich an das Willkommen im Seufzen des Sofas, ausfahrender Atem. Seit Monaten, Wochen, Jahren und Tagen hat er es nicht für wahr gehalten, dass es in diesem Widerstreit eine Auskehr, eine Erinnerung gibt. Er hatte sie ausgelaufen, ausgetreten, ausgedreht in seinem langen, langen Gang. Nicht buchstäblich zerstampft, aber doch eingetreten in die Zeit, die vergeht. Wie die Fliesen unten im Eingang, die das Ticken der Taubenkrallen annehmen, aufnehmen und weitergeben. Er hat den Widerstreit nicht bemerkt, der seine glühende Schwebe beherrscht. Mitten im Wohnzimmer stehend, stellt er sich vor, der Regen fiele schon zeitenlang. Der Regen bedecke eine hemmungslose Scham, die er nicht kennt. Woher kommt dieses Gefühl, das bleiern in seinen Muskeln schwebt? Diese Schwäche, immer wieder diese Schwäche darüber, dass für Auswege seit Tagen, Monaten, Wochen und Jahren die Augenblicke nicht mehr kommen. Die andern Menschen, wenn er von Menschen überhaupt sprechen kann, wie er von den an der Scheibe ritzenden Ästen spricht, von dem Flügelsirren im Treppenhaus, dem Minzgeruch in seinem Hirn, seit er zu denken begonnen hat, dem warmen Prasseln seines Urins auf das strahlende Porzellan… Sie haben ihre Gestalt verloren, damit ihre Sprache. Sie sind wie die Schatten, die von mehreren Lichtern gleichzeitig von verschiedenen Seiten geworfen werden. Ein Drehen im Stehen, Stehen im Drehen. Ein Rasseln in seinem Hals kündigt die Worte an. Er spürt, den Kopf an die Waldscheibe gelegt, das Zerfliessen von Wissen darüber, was ihm was ausmacht, wie ihn was ausmacht. Er steht an und davor und lacht. Hände anlegen, Ausreden abwehren, Auswege gehen, niemand halten. Auswege ausgehen, wiederholt Auswege ausgehen, als kämpfe einer gegen die eigene Ungestalt. „Die Forderungen,“ sagt er, „wurden gestellt wie Schläge. Die Forderungen waren das, was verwirrt. Verrücken dahin, verrücken dorthin.“ Vorsichtig bettet er seine Glieder auf das Sofa, bündelt seine Arme und Beine wie spreuende Ähren um die Vorhut seiner Fluchtbewegung. In dieser Lage kommt ihm die Sprache des Regens sehr nah. Mitten in seinem fliessenden Schweiss versteht er die Wolken, die nachlassen. Das violette Leder vor seinem Gesicht gefällt ihm. Es hat einen Geruch von Bestand, leicht schmierig, einen Geruch, der das Vergehen nicht kennt. Gar nicht anschmiegsam, gar nicht haftend. Nur sein Leib haftet an dem, was er berührt. Was er denkt, das spelzt sich ab. Mitten im Stroh-Strom liegt er, ein Tümmler, lang und bloss in der Tröckne. Rundum fliegen Wimpern, Waldgeräusche und Wanddünen. Schon steht er wieder, bevor es ihn einklemmt. Jedes Mal, wenn er wieder auftaucht, und heute in diesem Wassergeräusch vom Lindenplatz herauf, bekommt er es mit den andern Menschen zu tun. Mit ihren Blicken, die etwas wollen, so sehr wollen. In Monaten, Tagen, Jahren und Wochen ist es ihm nicht gelungen, das zu erkennen. Es hat ihm weder an der Entschlusskraft noch an der Entschlossenheit gemangelt. Aus seiner anderen Menschheit die anderen Menschen zu erhalten, nicht einmal für sich. Wieder neigt er den Kopf an die Waldscheibe und hört das Reiben der Äste daran. Sie wollen nicht Einlass, sie wollen Auslass, denkt er. Er zählt ihre Bemühungen, weiter vorzustossen, wieder voranzukommen. Wippend zäh. „Ich bin doch auch kein Mensch mehr,“ erklärt er in die Stille hinein. Hat es ihn jetzt auch noch in die Sprache verschlagen? Ohne Wind schreiben die Äste ihre Sprache an das Fenster. Er stellt sich vor, wie sie das Haus vor sich her schieben. Über den Lindenplatz hinweg, in die Stadtleere hinaus. Was sie tun, ist Zeitregelung. Ausdauernd, aber unregelmässig. In einer Stille, und auf den Blättern kein einziges Regenwort, kommen ihm die Gesichter entgegen. Als habe er sie im Aufstehen, dort auf dem Sofa, aufgescheucht, aufgeschüttelt. Ist das ein Sonnenstreif, hier zu seinen Füssen? Er sieht das Gesicht seiner Frau, die seinen Namen immer wieder verschluckt. Er sieht das Gesicht seines Vaters, der seinen Namen wie ein Haar auf seiner Zunge trägt. Er sieht das Gesicht seines Freundes Asagiri, dem sein Name ein klebriger Bericht aus der Zukunft war. Aus einer Zukunft, die seinem Land nicht nur drohte, war sie doch eingetreten. Er sieht das Gesicht seiner Tochter, Miriam, die um seinen Namen fürchtete. Die Zeit hat den Gesichtern weder den Schrecken genommen, dem sie ihm immer schon eingeflösst haben, noch die Schutzkraft. Da stehen sie vor ihm, in einer Garbe und doch einzeln. Er möchte sich auf sie werfen, sie pressen und schütteln, monatelang, jahrelang, tagelang, wochenlang. Bis er erfahren hätte, was die anderen Menschen sind. Wo sie jetzt nicht mehr sind, ist er sie. Muss er nicht sie sein? Den Schrecken nehmen und tragen: diese Trennung, die keine Abtrennung ist. Die Schutzkraft ergreifen, die in ihren schwarzen Blicken lag: daran zupfen, zerren, ziehen. Eine grosse Kabelrolle mit schwarzem Kabel, dieses Kabel abrollen, von hier aus hinaus in die Strecke der Zeit, die ihn von ihnen scheidet. Denn sie sind diese Wand, eine Wand aus Köpfen, im Wald gewachsen, den Asphalt mit Grün durchbohrend wie „steter Tropfen höhlt den Stein“. Er hat in sich genug Leere angesammelt. Vielleicht ist es das jetzt schon. Ist das jetzt dieses Überquellen, das ein Überlappen ist, ein Einlappen? Die Zungen der Lachen draussen auf dem Lindenplatz, ja. Die grünen Zungen der Bäume, ja. Aber die Nester von Erinnerung, die ihm jetzt ins Gesicht hängen, nein. In ihnen klimpert es, in ihnen klimpert etwas, während der Wind auswegslos durch die Geschichte fährt. Asagiris Lachen, das in ein keuchendes, grollendes Räuspern fährt, immer leiser werdend, bis zum Ersticken und wieder Aufbellen. Die Haut des Muttermals am Hals seiner Frau, das mit Küssen bekämpft werden musste, aber doch nur Haut war, weich und undurchdringlich. Die Tauben im Treppenhaus, die zwischen Scherben picken. Im Treppenhaus hört er die jahrelangen, tagelangen, monatelangen und wochenlangen Schritte hinauf und hinunter, stampfend und hüpfend, entschlossen und innehaltend. Er hört das Abklopfen von Hosen- und Westentaschen. Der Geruch von mühsam zurückgehaltener Angst steigt ihm in die Nase, der sich vor den Türen endlich ausbreiten kann, wo er doch zuhause keine Heimat haben darf, eingehalten. Wieder hält er inne, fühlt sich durchbohrt von den aufkommenden Wellen, die er gestillt glaubte. Von den Eidotter-Augen der ziegenhaften andern. Kann er wirklich das Atmen seines Kindes in der Halsbeuge fühlen, das feuchte Hecheln. Die Zunge in seinem Mund ein feiner Farnwedel, rosa, unabhängig und frei. Den bitter-törichten, bitter-lockenden Geruch einer Kopfhaut, vermischt mit dem süsslichen Geruch von Kokosöl. Die darauf gestreuten Küsse wie Kerne zwischen niedergetretenen Grashalmen. Das ist Gleichzeit. Alle sind sie da. Da sind sie alle. Verwünscht und jetzt verwunschen. Er kauert mitten im Flur im Halbschatten, der leicht grünt. Seine Augen geben ein lautes Flappen von sich, als würden zwei Nusskerne gegeneinander geschlagen. Seine Hände machen die Bewegung des Zöpfewindens. Tagelang hat er nicht um die Reihen gewusst, die in ihm wurzelten. Monatelang hat er sich Listen aufgezählt, die ihn hier hielten. Jahrelang hat er auf die Anklageblicke gestarrt, die ihn ausschlürften. Wochenlang hat er sich wieder und nieder vergewissert, dass in der Tiefe der Zeit nichts übrig geblieben ist. Aber die anderen sind immer noch da. Sind schon wieder da. Ein Andrang von anderen, als hätten sie nur ihn. Als hätten sie nur ihn, um ihre Euter-Gesichter meckernd in sein Blickfeld zu drängen. Eindringliche, gelbe Blicke. Aber die Fische hoben schon ihre Mäuler aus dem Parkett. Hohl und hallend glaubte er sie entfernt zu haben. Die Namen kommen zuerst, stockend. Hände, die unerwartet und kalt seine Brustwarzen suchen. Nasen, die unerwartet und feucht in seiner Drosselgrube nisten. Pockenmarken, in deren Mulden spiegelbildliche Einladungen schimmern. All die Gelegenheiten, die sich ihm jetzt böten. Er sieht sie klar und deutlich. Können sie denn? Können sie denn wiederkehren? Einzeln wie Milchzähne. Vorsichtig, als sei er aus Zahnstochern, stemmt er seinen Fuss in den Boden. Er hört, spürt das Rieseln der Erde an seinem ganzen Körper. Sein Gehirn versucht immer wieder zu zählen, in dieser feisten, farnhaften Freesienluft. Es ist nur ein Versuch des Zählens, eine Abwehr. Er steht als Fragezeichen im Raum, die Hände nach vorne pendelnd. Wieder und wieder versucht er umzukehren. Ohne einen Schritt. Aber da sind die Fische, die ihre Mäuler aus dem Parkett hoben. Sein Körper befindet sich in verschiedenen Zeiten. Sein Körper befand sich in verschiedenen Zeiten. Sein Körper entwindet sich den verschiedenen Zeiten nicht. Sein Körper entwand sich keiner der Zeiten. Der Gang, den er wieder aufnimmt, in den er wieder einfällt, begann nicht wieder. Seine Räume sind andere. Auf allen Dingen klebten Namen. Selbst auf den Ästen vor den Scheiben, selbst auf seinen Kniescheiben, die er sehen wird, wenn er sich vornüberbeugt, weil er Atem fassen musste. Er wird zu einem Glas-Sarg. Unter dem Glas regt sich, regt sich, regte sich, was er nicht mehr kannte. Knisternd rollen Tränen über die sandigen Flächen seiner Wangen. Wie Finger drückten die Gestalten, die Zöpfe, das Lachen, die Gesichter, die Beschimpfungen, die Krankheiten, die Schürfungen, die wütenden Gerüche der Lust, in sein Kreuz. Fuhren über die empfindlichen Stellen aussen am Brustkorb. Richteten seinen Körper auf, indem sie die Schulterblätter Richtung Herz pressten. Der Regen fällt in den Wald wie auf die grünen Scherben einer Prasserei. Nichts mehr sehend, zerbricht er das Fenster zum Wald. Seine Stirne blieb dabei heil. Klappernd wie ein Kasper stand er im heissen Wind.
(Bild von miezekieze auf Pixabay.)
