Den Rand um-armen

Damals wurde ich Vater. Es war eine Zeit der immer wieder drohenden und dann auch eintretenden materiellen Not, was ich gleichzeitig als befreiend erinnere.

Ich kam aus der Sicherheit, in der du für die Sorgen lebst. Die Sicherheit ist das Wichtigste; nicht nur ein Auskommen haben, auf ein Auskommen zählen, mit ihm rechnen können. Wer rechnet, vertraut nicht. Wer rechnet, sorgt sich. So lebten meine Eltern, in der Sicherheit in Sorge; aus Sicherheit in Sorge. Genug haben heisst zu wenig haben. Eine Haltung von Armen, die aufstiegen, aufgestiegen waren. Wer aufsteigt, kann jederzeit ins Rutschen und Fallen kommen.

Ich hatte kein Gefühl dafür – weder für die Sicherheit noch für das Sorgen. (Habe es auch heute nicht.) Ich war noch nicht dreissig. Die schwangere Frau an meiner Seite sorgte sich und suchte Sicherheit, würde Sicherheit und Sorgen einfordern. Im Ausland war mir die Enge und Beschränktheit meines Landes deutlich geworden. Das geht alle Schweizern so. Kurz, ich wusste mich befreit davon, in meiner Jugend von einem Gefühl der Ungefährdetheit getragen. Ich war unzuverlässig in hohem Grade. Bald würde ich mich verpflichten müssen, würde ich verpflichtet sein. Nicht daraus kam meine Unzuverlässigkeit – sie kam aus der Behütetheit, sie kam aus der Geschütztheit meiner Kindheit. Und aus meiner Jugend: weder konnte ich mir ein Ende meines Lebens (meiner Zeit) noch ein Scheitern desselben vorstellen.

In dieser Situation (fünfter oder sechster Monat) lernte ich Oe Kenzaburos „Eine persönliche Erfahrung“ kennen. Ich werde diese Lektüre-Erfahrung niemals vergessen. Sie hat meine Welt noch weiter aufgerissen, mein Wissen um die Breite menschlicher Schicksale durchlässiger und mich selbst auf das Scheitern, auf das Eingeständnis meiner Schwächen vorbereitet. Und sie hat mein Mannsein auf Schwäche und Feigheit geöffnet, auf den anderen, schwachen, gar zutiefst bodenlosen Mann hin eröffnet, der ich im Begriff war, sein zu wollen und zu werden.

Auf dem Weg zum Vatersein, das immer unerwartet kommt, verband ich mich empathisch und mit Abscheu mit diesem Bird, dessen Kind mit einer Gehirnhernie geboren wird, der sich einen Roman lang abmüht, dieses „pflanzliche Geschöpf“ loszuwerden, der sich aus der Verantwortung zu stehlen versucht, an einem unrealistischen Traum von einer grossen Afrika-Reise festhält. Ein Mann auf der Flucht, auch wenn ich nicht einen Moment an Flucht dachte. Ein Mann, der sich von seine menschlichen Verantwortung zu drücken versuchte, verstärkte mein Verantwortungsgefühl. (Denn Unzuverlässigkeit oder Verträumtheit hat nichts mit Verantwortungslosigkeit oder Verantwortungsvergessenheit zu tun, sondern mit Sorglosigkeit in Sicherheit: ständige (Selbst-) Vergewisserung ist nicht nötig.)

Ich war bereit, ein Vater nicht wie mein Vater zu sein, der nur für Sicherheit sorgte, versorgte – ein Mensch für einen Menschen: keine Rolle oder Haltung, ich selber in allen meinen Ausfaltungen. Hier sein, unverstellt, ausgestellt, ein ganz und gar persönliches Angebot.

Es gibt nicht viele solche Momente, in dem dir etwas geschenkt wird, das dir zugehören wird, dir schon zugehört: ein Geschenk, das das Geschenkte in dir eröffnet. Oe Kenzaburo verdanke ich einen solchen Moment. In mancher Hinsicht kam er zu früh, ich wusste noch nicht, wer ich sein kann und würde, unfertige Persönlichkeit. In mancher Hinsicht kam er gerade rechtzeitig, ich begriff meine Aufgabe und würde meine Gabe – von der Bird nicht einmal einen Begriff hatte – in meinem Leben nicht loslassen, in das Leben meiner Kinder hineintragen. Meine Kinder würden mich als jene Person kennenlernen, die ich sein würde.

Ich habe in meinem Leben zweimal eine Wette auf mein Schreiben abgeschlossen. In diesen Monaten vor der Geburt meines ersten Kindes setzte ich mich in jeder freien Minute hin und begann einen ersten Roman zu schreiben, „Die Heizung“. Ich wollte wissen, ob ich das könne: einfach sitzen und eine Welt schreibend erkunden, erstehen lassen. Sehr schnell merkte ich, ich konnte es, ich konnte es so sehr, dass ich nur noch das tun sollte. Aber weil das Kind bald geboren werden würde, brach ich das Projekt ab, liess die Geschichte aber nie aus der Faust meiner Vorstellungskraft fallen. Ich musste versorgen, Sicherheit erarbeiten; ich nahm die Aufgabe an. Es war zu spät zum Träumen. (Auch Bird findet sich am Ende mit der Realität ab.)

(Die andere Wette war einige Jahre später, ich arbeitete an meinem ersten Gedichtzyklus, in einem Rustico im Valle Maggia: ich wollte wissen, ob ich die Kraft besässe, Gedichte ohne äusseren Anlass, aber aus innerem Trieb und Willen „aus dem Nichts“ zu schöpfen. Auch hier eine Art Weltenbau. Auch damals hielt ich meine Träume für Träume – und nicht für die inneren Notwendigkeiten, als die ich sie doch erkannt hatte. Sicherheit und Sorge sind Traumkiller.)

Wenn ich also an Oe Kenzaburo denke, dann denke ich liebevoll an das Leben, das danach begann. Und heute noch andauert. Ich las andere Romane und Geschichten von Oe, las seine Nobelpreisrede. Darin erklärt er sein literarisches Selbstverständnis als das eines von der geografischen und kulturellen Peripherie herkommenden Autors, war er doch auf Shikoku aufgewachsen. Auch diese Rede leuchtete mir sofort ein: Ich war der erste Studierte in meiner Familie, im Gymnasium von Anwalts-, Unternehmens- und Arztkindern umgeben, die in ihren Häusern auf der Sonnenseite des kapitalistischen Wahnbildes residierten, wir waren in einer Mietwohnung zuhause, mein Vater stieg später sogar zum Prokuristen auf, und in der Universität Freiburg i. Ue. lernte ich, dass ich als „katholischer Junge vom Land“ genau die Universität gewählt hatte, die meinesgleichen besucht.

Erst viel später erfuhr ich selbst, was Oe vielleicht eher gemeint hatte: den Blick vom Rand aus auf die Gesellschaft, die Sicherheit und Vorsorge zu heften – und in dieser Abgelegenheit von den Träumen und Sehnsüchten der herrschenden Systeme ein Geschenk, vielleicht sogar eine bewusste Wahl zu sehen, mehr als ein Glück.

All das hängt für mich mit Oe Kenzaburo zusammen: verdanke ich ihm fast persönlich. In diesem Februar und März habe ich „Eine persönliche Erfahrung“ also wieder gelesen, habe all das erkannt – und herausgefunden, dass einer meiner geistigen Väter und Wegbegleiter, Wegbereiter im letzten Jahr im Alter von 88 Jahren gestorben ist. Immer in Gedanken daran, dass Oe für seinen Sohn Hikari geschrieben hat, nicht für sich. Mich hat diese verspätete Nachricht erschüttert, weil ich keine Berichte davon gehört oder gelesen hatte.

„Life comes full circle“, könnte man diese Gedanken zusammenfassen. Je öfter ich über solche Momente in meinem Leben nachdenke, umso mehr wird mir deutlich, wie sehr das Leben ein Zusammenfliessen, ein Zusammenkommen ist: Nicht nur ist in der Kindheit und Jugend alles schon in dir „angelegt“, verwurzelt, keimbereit, im Rückblick leicht zu identifizieren, mehr noch ist diese Anlage, dieser Wurzelstock deine Aufgabe, dein Auftrag im Leben – und Gottseidank gibt es diese Momente – und die Momente der Retrospektive -, in denen du dies realisierst. Die Komplexität dieser Realisation kann jedoch kaum ausgedrückt werden, denn sie ist im Fluss, bewegt sich noch, dauert noch an.

Aber genug davon. Ich möchte hier einfach einen Gruss in die Nachwelt schicken: Danke, Oe-san, von ganzem Herzen danke ich Ihnen. Ich verneige mich vor Ihnen in tiefer Dankbarkeit. Sie leben weiter.


(Fotografie von Thesupermat – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19577900.)

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