
Dem entgegenzukommen, was einer am nächsten war. Das war gerade hier im Gebiet wichtig. Die Wirklichkeit nicht so anzunehmen, wie sie sich darstellte. Das Wirkliche dem Bedürfnis anzugleichen. Sie wusste es schon. Doch schien es nur in den Pausen möglich, wenn sie sich von der Aufsicht entfernen durfte. Wie jetzt, auf ihrem Weg den Stalden hinunter, wenn sie den Fluss fast schon riechen konnte. Sie wusste, dass auch die Menschen ausserhalb des Gebiets mit diesem Aber lebten, leben mussten. Doch immer war ihr das eigene Aber wichtiger gewesen. Fliessender Fluss, freier Himmel, zerstörte Grundfesten. So hatte es Regine gestern formuliert, als sie nach dem Abendessen auf der Schaukel gewippt hatten. Die Schaukel war das einzige, was vom Spielplatz noch brauchbar war, der zwischen den von der Explosion ausgeblasenen, skelettierten Wohntürmen lag. Dornen und Farne, Birken und Hasel. Regine und sie, Anna, hielten sich abends oft dort auf, fern der Männer. Manchmal gab es etwas zu bereden, manchmal nicht. Gestern hatte es etwas zu reden gegeben. Anna blieb einen Augenblick stehen, bevor sie die Gleise überquerte. Es war so schwer, sich etwas wie Züge vorzustellen, die auf Schienensträngen weite Strecken zurücklegten. Eine weite Strecke, das war jetzt dieser Weg, den sie ging. An den Fluss. Sie konnte sich an Züge erinnern, so alt war sie schon. An diesen Luftstoss, den sie vor sich hertrieben, wenn sie in die Station einfuhren, wie eine Herde verkohlter Schafe. Die Luft hatte dann immer ein wenig fremder, ein wenig herrlicher gerochen, nach Wiese vielleicht oder nach dem Regen vor einer Stunde, durch die der Zug gefahren war. Und der Geruch der Bremsen, diese verbrannte scharfe Luft. Das Seufzen der Türen, das Knattern der Ansagen, das Trappeln der Schritte, die Rufe der Begrüssung. Darum konnte sie nicht anders als Stehenbleiben. Vielleicht dachte sie auch an ihren Vater, auch wenn sie das verlernt zu haben glaubte. Sie war jetzt schon darüber hinaus, schritt durch den Wald aus Weiden und Eschen, der im Unterdorf gewachsen war. Sogar in den abgedeckten Häusern, zwischen den verbogenen, geschmolzenen Gestängen, die aus dem gewürfelten Beton ragten, wuchsen die Pflanzen, krallten sich in die leblose Materie. Jedes Mal, wenn sie durch das Unterdorf ging, fragte sie sich, warum hier noch nicht gehäutet worden war. Regine meinte, es sei zu nah an den Reaktoren dran, aber Anna wusste, dass die Reaktoren inzwischen nur noch ein leises Glühen ihrer Selbst waren. Darüber stritten sie sich regelmässig, rechneten an Halbwertszeiten herum, bedachten die Windrichtung, erörterten genetische Zerfallsprozesse und natürlich den Sinn und Unsinn des Häutens selbst. Regine wusste mehr, hatte aber keine Vorstellungskraft. Die hatte Anna, bis zur Selbstauflösung. Gestern hatten sie über die Kinder gesprochen. Zuerst hatten sie über das Sterben der Kinder gesprochen. Regine hatte Anna vorgeworfen, dass sie ihre Beförderung genutzt habe, um nicht mehr mit dem Leben der Kinder in Berührung zu kommen. Denn das Leben der Kinder sei ein Sterben der Kinder, und Anna wolle das nicht sehen. Und sehen wollen hiesse doch verhindern wollen. Wo denn ihre berühmte Vorstellungskraft bliebe. Dieser Angriff war für sie unerwartet gekommen. Regine hatte von einem Mädchen erzählt, das am Morgen gestorben war. Sie hatte ihren Blick nicht abgewandt, nicht wie die andern Kinder, nicht wie die Wächter. Es müsse etwas zu tun sein. Es müsse, es müsse doch. Anna kannte diese Klage, diese Anklage. Gestern hatte sie zugegeben, zum ersten Mal, dass sie darum an die Schifflände hatte versetzt werden wollen. Sie hatte zugegeben, dass sie die Beförderung angenommen hatte, um nicht mehr hinsehen zu müssen. „Du wolltest einfach wegsehen,“ hatte Regine gesagt, „du wolltest nicht mehr zusehen müssen.“ Da war die Anklage persönlich geworden, unerwartet stand sie als Vorwurf in der Stille zwischen den Trümmern. Im Gehen schüttelte Anna den Kopf. Es nutzte nichts, auch sie würden bald sterben. Sie hatte gestern weder Kraft noch Worte gehabt, um das zu sagen. Das Eingeständnis war für sie zum Eingeständnis vor sich selbst geworden. Das hatte sie müde gemacht, sie war mitten im Gespräch erschlafft. Regine hatte dann nichts mehr gesagt. Hatte gemerkt, dass sie nicht an Anna, sondern an sich selbst gedacht hatte. Regine hatte ihr die Hand gereicht, und zusammen waren sie in den Bunker zurückgegangen. Anna tränenüberströmt, Regine mit dünnen, gepressten Lippen. Jetzt ging sie an der römischen Mauer entlang. Die römische Mauer war das Schönste im ganzen Dorf. Auch wenn sie nicht mehr hoch aufragte, bewunderte Anna jedes Mal die Sorgfalt und Genauigkeit, mit der die Steine aufeinander geschichtet worden waren. Sie liess ihren Blick einige Zeit auf den Steinen ruhen. Das beruhigte sie wieder. Sie betrachtete die Stelle, wo eine junge Esche am Fuss der Mauer Halt gefunden hatte. Auch die Esche trieb feine Knospen aus. Doch die Knospen rochen nicht, als sich Anna über sie beugte. Sie waren fast geruchlos, vielleicht gab es da eine Spur von Honig oder Zuckerwasser. Sie nickte im Weitergehen. Es brachte nichts, an die Menschen zu denken. Davon war sie überzeugt, die Menschen waren nicht wichtig. Die Menschen waren nicht mehr wichtig. Es war etwas im Kommen. Es war etwas am Kommen. Das würde die Menschen an den Rand schieben, kippen lassen über den Rand. Sie brauchte eine Weile, bis sie am Fluss zu jener Stelle fand, wo sie vor den Blicken der Schiffer geschützt war und bequem sitzen oder liegen konnte. Der Fluss war jetzt frei, er arbeitete unermüdlich am Ufer, unterhöhlte an einer Stelle und schwemmte an der anderen Stelle an. Sie stellte sich den Fluss als eine raspelnde Schnecke vor, die ihren Weg durch das verdorbene Land frass. Überall brach das Ufer ein, lehnten sich mächtige Weiden zu weit vor, kippten hinein. Der Weg am Ufer war schwierig. Auch heute holte sie sich nasse Füsse. Aber sie hatte Glück, der Fluss hatte den ausgehöhlten Stamm noch nicht untergraben und fortgetragen, den sie letzte Woche entdeckt hatte. Er lag jetzt jedoch sehr nah am Wasser. Ein Haselbusch mit seinen grauen, rötlichen Kätzchen bedeckte ihn fast ganz. Sie legte sich hinein und wurde als Begrüssung vom Hasel eingestäubt. Sie konnte die Hand ausstrecken und das Wasser berühren, das neben ihr floss. Die Mulde im Baum war tief genug, um sie ganz aufzunehmen. Darin zu liegen war köstlich. Lange schloss sie die Augen. Das Holz war glatt und weich, roch leise nach feuchten Lebewesen aus der Erde, salzig und faul. Das Wasser machte dieses flüsternde, schmatzende Geräusch. Ihre linke Hand liebkoste den haarig rauen Rand des Baums, den ein Blitz so verletzt haben mochte. Sie liess ihrer Hand die Zeit, um den Pilz zu finden. Es waren zwei grosse Lappen, die eine Handbreit neben dem Höhlung im Baum wuchsen. Sie bemerkte, dass sie heute den Arm ein wenig abwinkeln musste, um den Pilz zu berühren. Sie war das erste Mal ein wenig erschrocken, als ihre Hand plötzlich den Pilz gefühlt hatte. Die beiden Lappen lebten in einem Zustand zwischen hart und weich, zwischen fliessend und gelähmt. Sie wusste nicht einmal ihre Farbe, weil sie dem Fluss immer mehr Aufmerksamkeit schenkte als ihrer näheren Umgebung. Sie schätzte, dass er einen grünen Hut hatte, dessen Wachstumsringe gegen den Stamm hin gräulich wurden. Den oberen Lappen konnte sie mit ihrer Hand ganz erfassen, mit den Fingerspitzen in die leicht schmierigen Rillen hineinlangen. Sie konnte spüren, wie der Pilz an den Fingerspitzen saugen wollte. Wie in einem Spiel mit dem lebenden Stoff hob sie ihre Fingerspitzen wieder heraus, um sie dann wieder in die kühlen Rinnen zu senken, die sich langsam an ihre trockene, raue Haut schmiegte. Die Kruste des Pilzes fühlte sich hart, aber nachgiebig an, wie Schwielen. Ihr Blick folgte den tiefen Nebelschwaden des Morgens. Weiter stromabwärts hörte sie das Prusten einer Maschine. Bald würde das Schiff an der Anlegestelle sein, Rufe erklingen und Befehle. So konnte es sein. Eine Handbreit Freiheit im Gehirn, eine Hand an einem lebenden Stoff, das konnte so lange dauern wie es mochte, nie war es genug. Die würden sie wieder suchen, und Stäger… Sie schloss krampfhaft die Augen, aber das Bild vom Mann war schon in sie eingedrungen, umschlang wie eine Schleimspur ihre Angst, presste sie in Erregung. Die Punkte auf ihrer Netzhaut tanzten verwirrt und richtungslos wie Mücken. Die Angst sang sirrend. „Du bist die einzige hier unten, Schweighöfer, die lesen kann. Wenn du fehlst, hältst du den Betrieb auf,“ hatte er das letzte Mal gesagt. Seine Stimme löste in ihr eine flirrende Übelkeit aus, selbst wenn sie nicht in die Höhe stieg vor Eifer. Wenn er aufgebracht war, ging die Stimme in ein unsicher schwankendes Piepsen über, ihr brach darüber fast der kalte Schweiss aus. „Du bist die einzige hier unten,“ sagte sie laut in die feuchte, leise webende Luft. Dem Wirklichen nicht entgegenkommen, dachte sie. Sie hob ihre Hände vor das Gesicht, spürte das Gewellte und Gerissene an ihrem Rücken. Die Finger ihrer linken Hand waren feucht und bläulich, die Finger der rechten Hand waren leicht gerötet vom Krallen ins Holz. Was einer am nächsten war, führte sie den Gedanken fort, das kam ihr auch zuvor. Regine verstand das nicht, nicht einmal Regine. Darum war sie doch hier, in diesem Baum: das Nächste, das waren diese fast leblosen Gesellen, diese wachsenden Zellen. Ein Zischen und Räuspern in dem, was nicht leben konnte, aber leben hatte. Es machte ihr Angst, es machte ihr Freude, vielleicht sogar ein wenig Hoffnung. Ein Ziehen und Wollen in dem, was ihr entgegenkam. War immer schon da, ungebraucht und unwirklich. Nicht einmal Regine verstand es. Drüben hatte das Rufen und Stampfen begonnen. Sie hatte den Kahn nicht an sich vorbeifahren gehört. Sie schlug sich alles andere aus dem Kopf, Knöchel an der Stirne. Bevor sie ging, klopfte sie auch auf die beiden Pilzhüte. Sie waren wirklich grün und grau. Der Klang war gar nicht anders als jener von ihrer Stirn. Langsam schneller werdend, verschwand sie in den Uferbüschen.
(Bild von Markus Distelrath auf Pixabay.)
