Eingeboren

Ich bin eingeboren
In die Tiefe des Sessels
Im leisen Räuspern des Leders die Hand an der Stirne
An den pickelfreien Stirne pickend
An den Pickelgedanken pflückend
Die ich zugleich säe
Mit feuchten Augen und fallendem Mund
In die Vormittage hinein
In die kinderlosen Vormittage hinein
Auf dem Eishang der Stirn

Ich bin eingeboren
In das anschwellende Lachen der Plänkler
In die scharfen Witze des Fussvolks
In die rasselnde Heiterkeit eines Aufziehspielzeugs
Das über den Festtisch saust und im Erbarmensschoss von Oma landet
Es riecht nach Kerzenwachs und Zichorie dort
Und ihre kleine Hand auf dem Kopf des Kindes
Schliesst für Augenblicke allen Schall und allen Rauch aus

Ich bin eingeboren
In das Theater des Zorns
In die Ungehaltenheit der eigenen Gefühlswelt
In den Klamauk der gereimten Worte
In das Getrippel der Adjektive
In das plötzliche Lot der Ironie
Das meinen Grund streift und aufwühlt

Ich bin eingeboren
Im verschlungenen Darm
Der in mir seinen Weg findet
Mich mit seinen Fingern ausfüllt ohne zu zeigen
In dem meine Wünsche verwachsen mit ihren Polypenarmen
In dem meine Träume versinken mit den zu kurzen Beinchen
Der um die abgerissenen Senkbleie wuchert
Um mich zu verschlingen und umzubringen

Ich bin eingeboren
Nach Königsfelden
Wo ich isoliert werde
Wo ich gehalten werde wie ein ergrauter Paradiesvogel mit stumpfem Schnabel
Wo ich im Schlaf im Sessel die Zeiten des Zweifels überdauere
Wo ich befragt werde und Auskunft erteilen soll über jemand wie mich
Mit Blick auf die Herbsthänge des Juras
Die zum schweifenden Wandern einladen
Wo ich an unseren Verkümmerungen arbeite
Sie falte und entfalte
Aufblase und zersteche
Diese Schweinsblasen von einem Ich
Diesen Schrumpfwachs
Dieses Klingeln in den Ohren
Diese Widerstände im Denken
Um die ich schlaufe wie der Fluss um die Stadt
Wo mein Selbstmord in den geschlossenen Fenstern im dritten Stock auf mich äugt

Ich bin eingeboren
In die Bahnhofshalle
Ein Engel im Anorak
Dem die Züge nichts bedeuten
Mit allem Besitz im Einkaufswagen
Winters im Pfuusbus
Sommers im Platzspitz und Höngger Wald
Das Reden liegt weit zurück

Ich bin eingeboren
Über die flirrende und unendlich wiederholte Terz in dieses
Sucht mich nicht
Ich bin schon fern
Ich komm nicht mehr zurück
Das sich selbst nicht loslassen kann
Und zitternd überm Schwarzeis des Lebens steht

Ich bin eingeboren
In den Verlust der Erinnerungen
In das Höhlensystem hinter der Stirn
In die verkalkten Verhaltensmuster
Die aufrecht halten bis in den Tod
In die Zitterbeinchen unterm Schwellbauch
In das Gesicht
Dem die Person zu fehlen beginnt

Ich bin eingeboren
In das Saufen und Fressen
In das überbordende Gemüt
In den überbordenden Körper
In das dröhnende Lachen
In das Zuviel an Ich

Ich bin eingeboren
In die in die Luft geschriebenen Verbindungen zwischen den Menhiren
Die moosbedeckt warten auf die Gletscher
Im feuchten Wald
Im Moorland.


(Image by Max from Pixabay.)

Hinterlasse einen Kommentar