
In meinem Rücken rauschen die Wälder aus Schs, mit leisem Brummen erklimmen sie die Gründe meines Herkommens, meines Stammes: derzeit können sie nur auf das Geflatter der Äste zählen, auf die Falten aus Distanz und Luft. In meiner Nase schwillt die Vertröstung wieder rauchig und pelzig auf, der ich doch nicht mehr begegnen kann hier im Wakan. Denn hier im Wakan bin ich doch in der Sekundenblüte aus Starre, Winkeln, Schlunden, Löchern, Abgründe. Im Grasland des Grossen Geistes, sagt mir das, Namen! Ihr könnt nicht ewig zirkeln, kreisen, krümmen, wippen, nicht wahr? Sagt mir das, Namen! Sagt mir das Namen! Meine Lippen sind zerbissen von der Geduld. Lasst mich aus der Zeit, die mich lehmt… und es kommen die Arbeiter aus den Kokosplantagen / und schreiben Liebeslieder / die die Schwestern der Umgebung / nicht zu kennen nicht kennen… Der Stein ist zu lebendig, sein Beben erregt mich zu sehr. Die Toten, die Toten! Der Stein ist zu lebendig, seine Erregung ist zu innig. Ich greife ins Gras, das wie Speere um mich den Himmel erreichen will. Ich erinnere mich, erinnere mich an etwas. Ich griff ins Gras, das tat ich damals. Die Geschichte kommt mir durch Röhren entgegen, hallt wie ein Funkspruch aus den parsec-Tiefen, beendet das Erschauern der Sterne, die Materie gierig schluchzend schlucken, ein Keuchen kommt in das Wakan gelaufen, die Leisten weiten ihre Seiten. Ich kann mich nicht erinnern an das Nicht-Erinnern. Ich höre zwischen den versammelten Stimmen der Namen – atti, atti – ein Kind sagen: Aber Herr Füglister, wenn ich weiss, dass ich es vergessen habe, warum weiss ich dann nicht, was ich vergessen habe? Wie kann ich wissen, was ich nicht weiss? Es war in Odaiba, Miyuko war an meiner Seite. Mit den Augen am Himmelswinkel, der sich färbte, Sakura-Sintflut, die Hände in unserem Rücken aufgestützt, im Sand und spärlichen Gras, Büsche im Rücken mit ihrem Rascheln. Miyukos Hand so nah, keine Distanz wäre trennender gewesen. Ich erzähle das im Wakan. Ich halte den Stein umfasst, der sich schält in seinem Beben, Jahrmillionen flüstert, kann ich ihn denn nicht beruhigen, will er mir von den Toten erzählen, die mich nicht allein lassen werden? Miyukos ganzer Körper verschattete meinen eigenen, verlappte sich deinem Körper. Der Schmerz war zu gross, mit einem Seufzen beugte ich mich über meine Knie, kaum sahst du den Rüssel der Rainbow-Bridge, ich rupfte am Gras, konnte Miyuko nicht fassen, nicht anfassen, weil die Distanzen uns verwoben hatten, ihre Hand so nah und warm an meiner Hüfte, ihre Stimme eine wippende Ähre hinter meinem Ohr, ein Schmelzen von Haut und Kosmos, ein Ballen von Mangel, hättest du sie angefasst, hättest du die Weite aufgerissen, Lichtjahre von heute. So zittern Steine von dem Leben der Toten. Noch hier im Wakan, lassen sich nicht beruhigen. Stöhnen ist nicht erlaubt, / soll ich es dir sagen, / und gibt es auch keinen Winter, / so macht das noch keinen Sommer, / so rupfte ich an den Gräsern, Liebstöckel, bummel und laibe mit mir im Gras, Wollkraut, Königskerze, Kermesbeere, Holunder, ein Zerren und Zupfen, und ich höre noch Miyukos Worte wie die Namen zischen – atti, atti, –, sie längen sich hier im Wakan wie das Licht von den Sternen, über Lichtjahre gealterte, gereifte, wahnsinnige Tränen, ich erinnere mich an die Trauben, die hinter meinem Ohr schmelzen, harzig ist ihr Schmelzen, ein Knistern hinterm Ohr dringt in mein Ohr, die Haut wellt sich mit dem ganzen Schläfenbein, hebt sich aus dem Körper, ich erinnere mich, noch hier im Wakan, und ich rupfte an den Gräsern, ich bin ins Wakan gelaufen mit diesen blossen Füssen, und das Kielschwein meines ganzen Körpers hebt sich aus meinem Leben, ein Einbaum aus Schläfenbein, ausgehöhlt von Miyukos Stimme, bin ich denn so weit gelaufen, um so nah zu kommen?
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