Die letzte Bitte

Ich weine nicht vergebens, wenn ich dich sehe,
ich trauere nicht umsonst, wenn ich dich ansehe,
in meinem ganzen Leben konnte niemand an mir vorübergehen, ohne Schade zu nehmen,
ich war eine Plage für jeden gütigen Menschen,
ein böser Geist war ich,
ich war der Widergänger,
ich war der Seelenfänger,
meine Taten haben für mich gesprochen,
meine Worte haben nach Furcht gerochen,
wie seltsam hat es sich gefügt, dass ein Lügner mir verzeihen muss,
ein Geschichtenflechter mir die Krone vergibt,
die ich zu tragen hatte zu meiner Vollendung,
ich wünsche nichts ungeschehen,
ich will nicht Wohnung nehmen in Vergangenheiten,
hausen mit all den Gräueln, die mir und dir geschehen in gleicher Weise,
ich will nicht vergeben, was vergebens war, mein Sohn,
denn bist du nicht mein Sohn, Märchenprinz? SELA

Ich trauere nicht für mich,
ich weine um den Rausch, der mich gehalten hat die ganze Zeit, die man Leben nennt,
rufe ihm scheu wie einer Geliebten nach, die man verraten hat,
immer noch voller Hoffnung,
das hätte ich nicht gewollt, am Schluss noch von der Hoffnung etwas zu erhoffen wie ein törichter Mensch, der alles glaubt,
der schlingt und säuft,
als wäre das Leben ein unterbrochenes Festmahl,
ich verfluche diesen Rausch, der mich im Leben gehalten hat,
ich flüchte in die Trauer, wie du in die Berge flüchtest,
als könnte ich dir etwas antun, mein Sohn,
ein Narr, der an das Heilige und das Schützende von Steinen glaubt,
stosse sie nur an, schon rollen sie,
Köpfe oder Menschen, selbst ihre Kinder rollen,
da kommen sie,
selbst die Berge sind nicht anders, ein Rütteln genügt,
da kommen sie wie harte Wolken hernieder und zerschlagen Bet-Arwen, Schilo, Rama und mein geliebtes Jabesch,
Hügel werden sie sein, unfruchtbare Glatzen im Land meines Volkes,
die Menschen werden auf ihnen die Steine finden für ihre eigenen mageren Häuser,
ich weine um die Dürre dieses Lebens, mein Sohn,
ich trauere um den Hunger dieses Lebens,
es war eine Plage in unserem Blut,
ist diese Plage denn nicht abzuwerfen? SELA

Doch jetzt schwöre mir bei deiner Urmutter Rut, der Gütigen, Duldsamen und Mutigen,
schwöre mir, dass mein Sohn, den du liebst,
dass sein Söhnchen Merib-Baal von dir verschont werden.
Zeige damit, dass du den Rausch nicht kennst,
der mich verdorben hat.

(Bild von Gustae Doré, gemeinfrei.)

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