Ein Gedicht schreiben: Die Kürze eines Moments oder Der lange Atem?

Ein Gedicht trägt in seinem Kern den einen (manchmal den auslösenden) Moment in sich. Es ist ganz auf diesen ausgerichtet. Das Gedicht versucht ihn weder zu beschreiben noch zu erklären und vertiefen. Das Gedicht versucht diesen Augenblick zu sagen; ihn vielleicht zu verewigen. Will es etwas anderes, hat es gar eine Absicht oder (noch schlimmer) eine Botschaft, dann ist es eine Lüge.

Eine Kurzgeschichte oder eine Novelle dagegen nimmt diesen Moment, dieses kurze Geschehen in der Zeit, und spinnt ihn in eine Abfolge von Handlungen, verschafft ihm eine menschliche, weltliche Breite und Einbettung. Eine Kurzgeschichte liefert Kontext.

Ein Roman wiederum – das ist der lange Atem. Ein Puppenspiel ist das – und du hältst nicht nur die geschaffenen Figuren mit der rechten Hand im Spiel und lebensecht, sondern wiegst mit der anderen Hand die Kürze der Momente gegeneinander ab. Immerhin ergibt sich aus diesem kontinuierlichen Hintereinander von Momenten die Geschichte. Vielleicht sogar das Leben…

Stell dir vor, du würdest an jedem Ereignis im Lauf deines Tages festhängen wie an einem Gedicht, wie in einem Gedicht. Wäre das nicht furchtbar? Das wäre wie das Waten durch den Lungenschleim.

Alle diese Momente sammeln sich also zu einer Geschichte, zu einem Leben. Sie müssen gewichtet und gerichtet werden. Und mehr noch als die Kurzgeschichte oder die Novelle ist die Aufgabe des Romans das Kontextualisieren: Das mähliche Fortschreiten als ein Gleiten, nicht als ein Stocken und Stolpern, sichtbar und lesbar zu machen. In dieser Konstruktion eines Gesamt-Kontextes, einer Gesamt-Schau ist der Roman zwar eine Lüge, aber eine Lüge, die sich um Wahrheit bemüht.

Lüge ist der Roman nicht nur deshalb, weil er im Gegensatz zum Gedicht eine Aussage und (mehr noch) eine Aufgabe hat. Er ist in meinen Augen eine Lüge – und hier wage ich mich auf meine intellektuellen Äste hinaus, – weil eine Geschichte immer vorgibt, den Überblick zu haben oder wenigstens zu halten. Wenn eine Geschichte noch zudem die vorherrschende Tyrannei der Autor*in nicht offenbart, wie sie in den meisten Gedichten niemals herrschen wird, dann ist die Lüge schon Betrug geworden.

Ich schreibe diese Überlegungen hier vielleicht aus dem Bedürfnis, um mir eine Ausrede für meine bisher mangelnde Ausdauer einerseits und für meine bisherige Unfähigkeit des Zusammenhaltens andererseits zu (er)finden. Als möglicher Romanautor soll und muss ich diese Punkte einordnen, einbetten, in eine Perlenkette drehen. Ich soll und muss vorgeben, den Anfangs- und Endpunkt meiner Geschichte zu kennen, ja einen Plan zu haben für alle diese gewichteten, gerichteten Ereignisse, zumindest einen Weg oder eine Wegstrecke im Auge zu haben. (Dabei gilt es auch, die alltäglichen Seiten einer Handlung aufzuzählen, wie ich mich bereits in einem anderen Blogartikel beklagt habe.)

Doch empfinde ich so? Verstehe ich das Leben so? Als zusammenhängende, kohärente und in sich stimmende und stimmige Geschichte?

Mitnichten. Wie soll ich die einzelnen Ausschläge der Gefühlsnadel denn bewerten, ohne sie abzuwerten? Ist das Schnüren eines Schuhs wirklich weniger wichtig als der erste Kuss?

Aber es ist ja gut: Ich weiss, wohin ich gehöre: Zum Schnüren des Schuhs oder zum Flug der Wolke, die aufzeigen, wie der erste Kuss werden könnte.

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