
Der König trat über die hohe Schwelle in die Dunkelheit. In seinem Rücken sangen die Mechanismen der Türe. Das Schloss schnalzte. Der König fühlte die Felsenkälte unter seinen Füssen, roch das ranzige Öl der stehenden Maschinen. An seinen Händen, die er gewohnheitsmässig vor sein Gesicht hielt, war noch die Würze der Wacholderzweige. Und natürlich der violette Duft vom Lederschaft seines Speers. Die Dunkelheit war tief und vom steten Ticken und von der summenden Hektik des Altaraufbaus erfüllt. Dort musste auch der Prophet hingeschlüpft sein.
Der kleine Mann mit dem Dattelgesicht hatte ihn vom Festmahl weggebettelt. Wortlos und eindringlich war er neben seinem Thron gestanden. Die Generäle hatten ihre Gesichter in die Schüsseln gesenkt, die Damen hatten ihre kichernden roten Gesichter in die Hände gepresst. Mit dem Propheten kam immer ein Stück Scham und Trauer in den Raum, weihevoll und würdelos zugleich. Statt weiter zu prahlen, tanzen und singen begannen die Menschen zu zittern und verloren den Gedankenfaden. Wer küsste, küsste fester; wer lachte, fiel ins Schluchzen; wer ungerührt sass, den erfasste Schwindel und Beklemmung, das Würgen; wer vor der Ankunft des Propheten Pläne geschmiedet hatte, dem versanken sie in der Glut der Entgeisterung und in der Asche zu grosser Umsicht. Aus dem hellen trockenen Gesicht des Propheten stieg ihnen einen Welt entgegen, die aus Eisen, Mechanik und Berechnung war. Lieder verstummten, und Geschichten versiegten.
Der König wollte einen herrischen Satz sagen, um die Starre seines ganzen Wesens zu durchbrechen. Er atmete ächzend von der schweren, scharfen Luft und machte einen ersten schwachen Schritt in den hohen Raum hinein.
„Hier bin ich,“ hörte er aus der Mitte der Höhle die Frauenstimme des Propheten, „hier bin ich, Schaul.“
Der König rollte in einer Lockerungsbemühung die Schultern. Der kleine Mann sprach ihn immer bei seinem Mutternamen an, nie bei seinem Herrschaftsnamen. Er konnte ihn zu nichts zwingen. Das hatte ihm schon der Ochsentreiber seines Vaters vorhergesagt, als sie ihn geholt hatten, um ihn zu salben. „Achte sehr auf den Propheten, Bub“, hatte er gesagt, „er ist dein Diener, der dich beherrscht.“
„Hier bin ich,“ sagte die Vogelstimme, „komm zum Bund, Schaul.“
Im hinteren Teil der Höhle rasselte hustend eine Maschine; sie zählte die Zeit oder bemass den Lauf des Mondes, der König verzog sein Gesicht im Stolz über sein Unwissen.
Mit langsamen Schritten gelangte er zum Altaraufbau. Das Maschinengeräusch war hier sehr stark, es wühlte in den Eingeweiden. Und über dem Summen war dieser eine sehr hohe Ton, fast wie der Ruf einer Fledermaus in der Dämmerung, der in Wellen kam und ging und Übelkeit hervorrief.
„Was,“ die Stimme des Königs stockte, er musste die Magensäure hinunterschlucken, „was hast du mir zu sagen, Diener des Einen?“
„Hör gut zu, mein Sohn,“ sagte der Prophet. Er stand jetzt weiter entfernt, bei der grossen Tafel, die in den Felsen eingelassen war, wie der König aus der Erfahrung wusste. Dort bediente der Prophet die Kiste.
Der König atmete schneller. Er hörte auch das Atmen des kleinen Mannes, das fast ein Rasen war. Der grosse Hebel war schwer umzulegen. Es kreischte leise, dann erklang das Seufzen von Gummi auf Gummi.
Langsam erfüllte der Raum sich mit dem drängenden Summen des Hilasterions. Ein Auge nach dem anderen öffnete sich, dachte der König, obwohl er wusste, dass dies keine Augen waren und die Maschine keine eiserne Spinne. Das Summen steigerte sich noch. Jetzt übertönte es auch diesen hohen sirrenden Ton, der sonst aus der Kiste drang.
Eine riesige Rüsche, dachte der König, eine übervolle Insektenkammer.
Noch einmal schwoll das Summen an und wurde dann leiser, ein drohendes Wiegenlied.
Der König erschrak, als ihm der Prophet die Hand auf den Arm legte.
(Bild: Überführung der Bundeslade, 16. Jhrdt., anonym. Public domain.)
