Ein Gedicht schreiben: Moderne Kunst?

(Mit Dank an otrags für das Bild.)

Anlässlich der Vernissage meines jüngsten Gedichtbandes machte mir mein Freund, dem ich den Band gewidmet habe, ein starkes Kompliment. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich es im Augenblick richtig gehört und richtig verstanden habe, denn in  jenem Moment war ich noch ganz im Rausch aus Angst, Nervosität und stolzer Begeisterung über das Vollbrachte, so will ich das, was ich hauptsächlich davon verstanden und mitgenommen habe, so formulieren: Nach langer Beschäftigung mit moderner Kunst habe er oft noch seine liebe Mühe damit; das Verstehen, Einordnen, Einschätzen falle ihm schwer wie den meisten; für ihn seien meine Gedichte gerade vor diesem Hintergrund interessant, weil sie ähnlich kompromisslos auf ihrem Daseinsrecht beständen wie viele moderne Kunstwerke, ähnlich kompromisslos unverständlich – in einer Form von Widerstand oder bewusster Verweigerung gewohnter Sichtweisen und überkommener Lesarten und -gewohnheiten; dass ich in dieser trotzigen, auf das Eigene, den eigenen Weg beharrenden Art lebe und schaffe, sei für ihn immer wieder ein Ansporn, sich der modernen Kunst und auch meinen Gedichten und Texten offen und bereit zu nähern. (Ich will es nochmals sagen: Es kann durchaus sein, dass ich das Kompliment meines Freundes ganz falsch verstanden und aufgenommen habe – und ich es hier also verzerrt und verfälscht präsentiere; wie das so oft mit an mich gerichteten Botschaften passiert.)

Dieses Kompliment kreuzt nun mit meinem poetologischen Nachdenken, das von einer nicht gesuchten Kritik angestossen wurde, die Klingen. Diese Kritik hat mir als Lyriker nahezulegen versucht, wenn ich auf mehr Anerkennung stossen möchte, bekannter und gelesener werden möchte, sollte ich meine Art zu schreiben ändern. Genauer: ich solle zugänglicher, verständlicher, dem Alltag und Empfinden der Lesenden näher schreiben; eine Sprache und eine Form finden, die gehört, verstanden, eingeordnet und geschätzt werden könne. Es ist dies ein Ratschlag, den ich schon zu oft gehört habe, um ihn noch wahrnehmen (vergessen denn annehmen) zu können.

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In diesen Texten lerne ich verarbeiten und annehmen, wer ich als Lyriker bin. Nichts im Leben scheint mir dabei schlimmer als fehlende Selbstreflektion. Seit meinen ersten ernsthaften Anfängen vor 30 Jahren habe ich immer wieder versucht, meine Poetik zu verstehen und in kurzen Texten darzustellen und zu erfassen. Dabei haben mich drei Gefühle immer begleitet: Trotz, Wut und Scham.

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Beschämung und Bescheidenheit

Fast jede meiner Lesungen vor nicht-lyrik-affinenem Publikum endet in einem Gefühl der Scham.

Scham darüber, dass meine Gedichte ein weiteres Mal auf anscheinend taube Ohren und von stereotypen Erwartungen verstockte Herzen gestossen sind.

Ich fühle mich über die immer gleichen Bemerkungen – «das ist doch kein Gedicht», «ich habe nichts verstanden» – und wohlgemeinten Anregungen – «vielleicht solltest du einfacher schreiben», «in deinen Gedichten sind einfach zu viele Bilder» – entwürdigt  und erneut in eine Ecke gewiesen, aus der ich doch gerade, allen meinen Mut zusammennehmend, herausgetreten bin.

Nach der erste Erschütterung jedoch erkenne ich, dass ich kein Recht habe, meinen Gedichten solch einen Verrat anzutun. Wie andere, zugänglichere Gedichte haben sie eine Lebensberechtigung. Denn aufgrund ihres inneren Reichtums sehe ich meine Gedichte durchaus als Lebewesen an; jedes Mal, wenn ich frisch an eines herantrete, erweist es sich als verändert, weist eine neue Gestalt und Tragweite auf, zeigt seine mächtige Sprach- und Spannkraft.

So trete ich aus meiner Scham zurück in meine Bescheidenheit, in meine Demut. Ich wechsle vielleicht die Ecke, in der ich zuvor gekauert und gedichtet habe, aber nicht meinen Eifer und meine Versessenheit: Dranbleiben, dranbleiben, dranbleiben.

In dieser Bescheidenheit kann ich gut leben, genährt von der Scham: Nichts kommt zwischen mich und meine Sprachkunst, nur der strenge innere Richter kanzelt mich ab, wenn ich mich gehen lasse oder zu wenig konsequent bin.

Geduld und Wut

Zurück in meiner engen Kammer, die ich mit meinen Kugelschreibern weite, hat sich mein Gefühl verändert. Unbändig bäumt sich in mir die Kreativität, die Schaffenskraft und Schaffensfreude auf. Mit Beharrlichkeit horche ich auf diese Wut, die eine Wut aus Ohnmacht ist – die schönste Art von Wut.

Ein Zorn auch auf diesen Drang zum Schreiben. Er ist der Brunnen der Gedichte, der mich flutet. Murmelnd und schnaufend überquillt er noch stärker als zuvor.

Doch grundlegend ist die Wut über die Enge und Genormtheit dieser Welt, in die hineinzuschreiben ich mich bemühe – wohl wissend, dass ich sie niemals werde überschreiben können, vielleicht aber manchmal betäuben.

Als ich vor Jahrzehnten zu schreiben begann, war es mein erklärter Wunsch, mit einer ganz und gar eigenen Stimme die menschliche Erfahrung auszudrücken. Denn keine der Stimmen, die ich sonst vernahm in der literarischen Welt, sprach es so aus, wie ich es sagen würde. Das war mein allererster Antrieb.

Heute habe ich diese Stimme gefunden, geschaffen, ausgearbeitet – eine deutliche, eine unverwechselbare Stimme; sie ist die Frucht meines geduldigen, gehüteten Zorns, der immer wieder auf Anlässe stösst wie ein Irrender in einem Spiegelkabinett, – der immer wieder Gründe und Atemwege suchen muss, wie mit den Leiden und Lasten menschlichen Empfindens und Erlebens umzugehen, mit den eigenen Schwächen und Stärken hauszuhalten ist.

Trotz und Widerstand

Mit diesen beiden Bewegungen verbindet sich der tief in mir sitzende Trotz, Scheu und Abscheu in einem, gleichzeitig Verneinung und Entgegnung, aus dem heraus meine unverwechselbare Stimme stöhnt und schreit.

Wie ich mein Leben nicht nach den herkömmlichen Erwartungen und Vorstellungen leben, nicht dem Mammon Erfolg und dem Moloch Konsumismus opfern, keinen Besitz anhäufen und das Gute im Überfluss und in der weltschädigenden narzisstischen Machbarkeit suchen möchte, – so will ich auch mein Schreiben in Klarheit und Freiheit, in Kargheit und Armut, in Authentizität und Treue gegen diese Welt richten: ihr eine Sprache, ihr eine Kreativität entgegenhalten, die nicht nur ihre Abgründe, sondern auch ihre Möglichkeitsräume offenbart – und letztere sind keinesfalls mit den Machbarkeitsräumen von Wissenschaft und freiem Markt kompatibel…

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Das Kompliment meines Freundes, mit de mich diesen Text begonnen habe, ist vor dem Hintergrund dieser Überlegungen und Deklarationen mehr als ein Ansporn: es wird zu einem Auftrag.

Wie die moderne Kunst für viele Menschen eine unverständliche, verschlossene und verunsichernd-herausfordernde Kommunikationsform ist, die aber laut und deutlich «anti» sprechen und meinen kann, so will ich nun auch meine Texte mit einem neuen Selbstbewusstsein schreiben: eine eigene, von mir selbst geschaffene und verfochtene Kunstform, die sich immer radikaler auf neue Sprachwelten einlässt, um sie wie ein Antidot als Bereicherung und Befremdung in die verstandene, genormte und machbare Welt einzuspeisen – dieser Welt aus meiner Kreativität jene Möglichkeitsräume einzuschreiben, die mir in ihr immer fehlen werden.

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