Du bist wie die Morgenträne,
die über das verzogene Gesicht läuft,
das noch keine menschliche Regung zeigt,
die als Schimmer auf den vollen Tränensäcken liegt wie ein Schneckenlauf. SELA
Du bist wie der Löwe, der beim Lamm liegt,
wie die grabende Hand der Mutter im Schoss,
du bist dieses leise Wort in der Kehle,
das sich nimmer löst,
ein Schleimkloss,
ein Kothaufen vor dem Thron,
reiche Gewänder unterm Tor,
du bist der Widerstand beim Küssen,
du bist die Stirn, auf der geschrieben steht, ich bin es,
du bist das Salz, das vergeht,
du bist die Zeit, die versteht,
du bist das Los, das nicht fällt,
du bist die Spucke auf der Backe,
du bist die Blicke im Rücken,
du bist die helle Stelle an meinem Speer, wo ich ihn umklammert halte,
tagein, tagaus,
du bist das Ereignis, auf das niemand gewartet hat,
du bist das Schwein, das wiederkäut,
du bist das Wort, das ich herunterschlucke,
du bist der Wolf, der die Beute teilt,
du bist das Sandkorn, das nimmer auszureiben ,
du bist die jubilierende Leber, die zu lange im Fett gebadet,
du bist das Herz, das durch die Galle watet,
du bist das steife Glied im Morgen,
du bist der Klippdachs im Weinberg,
du bist der Löwe ohne Wabe,
du bist die Gazelle ohne Sprung,
du bist die Frucht, die bleibt,
du bist die Bohne, die nicht treibt,
du bist der erntelose Frühling,
du bist die ungetrennte Spreu,
du bist die Hyäne im Tempel,
du bist die Taube im Haar des Geschickes,
du bist der Fuss im Öl des Traums,
du bist die schwarze, heisse Bahn meines Glaubens,
du bist das leere Bett an meiner Seite.
