Doëgs Scham

Ich bin ein Hirte, mein Herr,
ich gehöre dem Sand und dem Blöken der Kamele,
ich gehöre dem flüsternden Blut des Widders,
ich gehöre dem Stolpern eines Kälbchens aus der Plazenta,
ich gehöre dem scharfen schlürfenden Wind,
der dir das Gesicht nimmt und das Antlitz schürft,
ich gehöre dem Sirren der Sterne und dem Drehen der Erdachse,
und ich wünsche mir den Gesang von Esaus Kriegern,
wenn ich höre, wie du haderst mit deinem Leben,
wenn ich höre, wie du dich weidest an deiner Verfolgung,
und ich folge dir, wohin du gehst, mein Herr,
habe mein Erbe verloren,
verloren habe ich längst, was mir gehörte,
und ich folge dir, denn mir gehört nichts,
und was dir gehört, hat doch mir gehört,
und ich zertrümmere die Schädel von Neugeborenen für dich,
ich erwürge die Alten aus dem Stamm Benjamin,
damit die Zukunft weniger das Antlitz eines Wolfes hat und mehr das einer schlachtreifen Zibbe,
ich gehe den Jungen aus dem Stamm Juda an die Kehle,
auf dass sie keine Erlösung über das Volk bringen können,
ich bin dort anwesend, wo du nicht sein kannst,
ich will das tun, was du nicht vermagst, mein Herr,
denn ich bin nicht dort, wo ich sein könnte,
denn ich tue nicht das, was ich vermöchte,
ich will jene verfolgen, die diesem euren Gott taugen,
ich will meine Brüder an deiner Seite rächen,
für meine Schwestern will ich euren Frauen dies und das antun,
und wenn ich fertig bin mit all dem, mein Herr,
werde ich wieder in den kupferfarbenen Horizont hinausgehen,
verschmelzen in der Glut der Steppe,
morgens mit dem Wispern der Minze aufwachen,
abends mit der roten Wärme im Magen unterm kalten Sternenzelt einschlafen,
ich werde mich langsam in meinem Erbe auflösen,
ich bin ein Hirte, mein Herr,
mit den Riten der Einsamkeit verwandt,
ich bin ein Hüter, mein Herr,
mit den Bräuchen der Dünen bekannt,
ich spreche deine Sprache, mein Herr,
die wie das Heulen der Esel ist,
doch behüte ich nichts,
denn ich wurde verraten,
doch bin ich nur allein,
wenn ich Köpfe ernte,
wenn ich Flüche säe,
wenn ich die einen den andern verrate,
die andern den einen an die Klinge liefere.

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