Das Lied des Pfeils

Heute stelle ich niemand nach,
heute habe ich kein Ziel, das mich will,
einen unschuldigen Stein kann ich treffen und von ihm abprallen mit einem Geräusch wie Kinderlachen,
im trockenen Boden kann ich mich nach viel zu hohem Fluge einbohren und haltlos umsinken,
doch noch liegt meine Wange an der Sehne,
doch noch liegt meine Spanne an der gespannten Sehne,
noch bin ich glücklich zu preisen, dass mein Flug Gutes wie Böses verheissen kann,
und der Junge, der mich aus dem Köcher zog, ist glücklich zu preisen, dass er einen Freund hat,
für den er mich aufgespart,
für den er mich bestimmt,
heute bin ich ein Pfeil der Freundschaft,
ein Pfeil für die Sorge und Liebe,
eine Botschaft für eine Grasnarbe, die nichts um ihr Glück weiss. SELA

Und im Flug, den ich nun Widerwillens nehme,
im Flug durch frühen grünen Morgenhimmel vergesse ich mein Zischen über dem Auge, das fehlt,
über dem dunkeln Schatten im Himmel,
den die Menschen feiern,
denn sie wissen um seine Anwesenheit in der Abwesenheit, wissen es im Voraus,
denn sie wissen, was abwesend ist, kann anwesend sein, auch wenn es nicht zu sehen ist,
wie der Junge da in den Dornen, sein Gesicht vom Hoffen ganz zerpresst,
als läge er wie ich gerade an einer Darmzunge, die aufs Zuschnappen wartet,
an einer trockenen Darmzunge, die jederzeit zum Singen bereit ist,
wie der Junge, der mich angelegt hat, als spielte er mit meinem Flug um den Jungen im Gebüsch,
mit seinen verkniffenen Lippen seinem Vater mehr gleicht, als er je wissen wird,
und jetzt streift die schwere Morgenluft meine pfeifende Kehle,
das Leben ist in mir,
der Flug ist mit mir,
und ich höre den Lauf des Knaben unter mir,
und ich schlage ein im Geröll, das aufstiebt wie flehende Hände,
und der Schütze ruft mit Silberstimme,
hat denn jemand meinen Gesang gehört?

Hinterlasse einen Kommentar