Ich nehme ab,
ich bin nicht mehr die Flut,
ich bin nur noch die Wut.
Ich träume mich zusammen unter deiner Schamesröte, Mond.
Du legst dein Leichentuch über das Land und über die Geschichte,
ausgefaltet ist die Geschichte und das Land unter meinen Füssen als ein Spruchband, auf dem tausendmal der Name Gottes steht.
Früher, noch nicht sehr lange her,
und doch vor ungezählten Jahren,
war ich ein Kind,
und für dieses Kind waren die Dinge und die Lebewesen Gefässe der Freude und des Aufbruchs,
silber glänzende Treppenstiegen hinauf in den Tempel seines Begreifens.
Ich schwinde sehr,
ich halte mich grade so fest an mir,
eine Schaumkrone im mitternächtlichen Sand,
eine Geschichte, die seitwärts läuft,
ein Anfang, der ein Sickergrund geworden ist.
Ich spüre, wie mir die Geschichte entgleitet,
meine Glieder sind käsig und weich und träge vom Warten auf den Neumond,
die Menschen meines Volkes sehen mich eingehen und schrumpfen,
und selbst wenn meine Stimme noch mächtig schallt,
so klingt es leer von Wänden und Balken zurück,
und der Stuhl, auf dem ich sinne, rieselt unter dem zunehmenden Gewicht meiner Gestalt wie ein Brocken Salz unter meinem Tränenfluss in eine helle, schimmernde Lache zusammen. SELA
Ich war in Höhlen, noch nie am Meer,
ich war an Bächen und Wasserfällen, noch nie am Meer,
ich war in Wäldern, noch nie am Meer,
ich war in Schluchten, noch nie am Meer,
ich war in Bergen, noch nie am Meer.
Ich war bei Menschen, noch nie ein Mensch,
ich war bei Eseln, noch nie ein Mensch,
ich war bei den Schafen, noch nie ein Mensch,
ich hielt schon Kinder im Arm, noch nie einen Menschen,
ich weiss von den Frauen, noch nie ein Mensch,
ich weiss um die Feinde, noch nie ein Mensch. SELA
Ich weiss noch nichts von der Geschichte, die man mir umgelegt hat wie einem Jungen den zu grossen Mantel des Vaters,
auf dass er stolziere und sich meine, wie es der Menschen Art ist,
und ich fühle die Kälte im Rücken, die plötzliche und andauernde Kälte im Rücken,
denn eine einzige Regung, eine einzige Bewegung hat ihn abgeworfen, den alten, rauchigen Mantel.
So stehe ich da, mit dem Körper eines Kindes und dem Geist eines Bösen.
