Nach Luzern kommen heisst
Das Herz wie damals in den Kniekehlen tragen
Dich im Augenwinkel erwarten
Am Ausgang des Perrons
Zierlich und grau zur Seite gerückt
Deinem schmalen Lächeln entgegen
Das fragt und noch nichts wagt
Die Arme vorbereiten auf einen leichten Mädchenleib
Daunengleich
Der einsam und still reifte
Weis und schüchtern
Nüchtern und weise
In meiner Kehle die Bereitschaft des Lauschens auf dich
In meinem Ohr die Waage des Achtens auf dich
In meinem Auge den Schatten meiner Taten ohne dich
Das Fühlen vorbereiten auf den Unterschied
Der mir Nähe ist und noch jetzt
Bebend widerhallt
Wie ein Schrei aus Klüften
Mit Namen „endlich ankommen“
Zitternd wiederholt
Nach Luzern kommen heisst
Ein vergangenes Land in der Gegenwart betreten
Dessen Erbe ich niemals antreten werde ein Land
Das aus Schwellen bestand:
Aus offener Sicht und entschlossener Ferne
Aus einem Abschied ohne Ankunft
Aus den Heubeeren auf dem Weg in die Fräkmüntegg
Aus den Schimmelwänden meines Zimmers
Und der süssen Feuchte meiner Kleider
Aus dem Tanz auf dem Schiff unterm Sternenhimmel
Aus meiner verstohlenen Feder
Die stetig und heimlich mitschrieb
Die dich nicht zu erreichen versuchen durfte
Um nichts zu ritzen: deine Verse oder Verhemmung
Die unter deiner Haut blühte
Die aus deiner Einsamkeit brachen
Das nötige Unkraut und Lorbeerblatt
Nach Luzern kommen heisst
Die Dinge sind keine Dinge
Sondern Instrumente
Aus denen immer noch
Der warme Speichel des Erlebens tropft
Als dauerte der Kuss
Den ich dir zu geben versucht habe
Zu dem du mich nie ansetzen liessest
In ihnen immer noch an
Als hielte meine Hand noch die deine
Als versteiften sich immer noch unsere Schultern
Ob der ungleichen Länge unserer Schritte oder
Ob meines Storchengangs –
Die Dinge kurz vor dem Wort: Augenblicke
Als kämen sie aus dir
Als kämen sie aus mir
Nervenenden und Blutgerinnsel
Für immer mir und für immer
Dir entrissen kalt zitternd
Warm bebend lebend und
Geboren: unsere Kinder –
Nach Luzern kommen heisst
Larve und Flügel zu sein
An der Küste des Erbarmens zu wandeln
Wo das Nachspüren ein Wagnis
Wo das Achten Achten schlägt
Und ich strecke meine bescheidenen
Meine wehrlosen Waffen der Rührung
Entgegen und ich sage nimm nimm und
Vollführe mich.
