Eines Morgens brach ich in meines Vaters Studierzimmer ein und sagte,
Wenn ich erwachsen bin, will ich auch jagen, will ich jagen nach
Wörtern und Giraffen, Bildern, Büffeln und Büchern,
und er, einen Stift und eine Teetasse in der Hand, sagte, Kleiner Vater,
Wörter jagen kann gefährlich sein – aber es ist doch am besten,
früh anzufangen. Er winkte mit seinem Pic-Kugelschreiber und sein Büro verwandelte sich
in den Nyandarua-Wald. Es war Morgen, der Nebel stieg
von der Erde wie Atem, Strahlen von der Sonne fielen hart
auf den Boden wie spitze Nägel. Kleiner Vater, siehst du
Ihn? – fragte mein Vater. Nein, sagte ich. Schau nochmals hin – der Nebel
Ist ein Spiegel – siehst du ihn? Und ich schaute nochmals hin und
Da war ein Maasai-Krieger hoch aufgeschossen wie die Bäume, den Speer in der Hand.
Beschatte ihn, ahme seine Bewegungen nach, beschatte ihn bis
Seine Bewegungen deine Bewegungen sind. Auf meinen Füssen
Durch die Blätter laufend schritt ich hin, wo er war, hingekauert
Wie er, so nahe an der Erde, die Füsse einsinkend
In den Boden wie in Schlamm, drehte mich und las den Wind
Und schwand in den Nebel, bis ich eins wurde mit dem Wald.
Für einen halben Tag blieben wir so – müde und hungrig,
ich war bereit, nach Hause zu gehen. Aber mein Vater sagte, Ich sagte nicht
dies sei einfach – du kannst Wörter nicht mit einem vollen Magen jagen.
Und grad als er geendet hatte, geschah ein so lautes Brüllen
Und Stampfen, dass heisse Untergrundströme aufbrauchen
Wie etwa ein Dutzend Wasserröhren, die zischendes,
dampfend heisses Wasser hoch in die Luft schicken. Ich wandte mich zur Flucht,
doch der Krieger hielt seine Stellung. Als das Brüllen
und Donnern näher kamen, verwandelte sich sein Haar, geflochten und voll von rotem
Ocker, in so lange Dreadlocks, dass es schien, es seien dies
Wurzeln, die aus der Erde herausstiessen. Als die Verwandlung
Vollendet war, stand vor mir ein Mau-Mau-Krieger, den Speer
In der einen Hand, die selbst gebastelte Pistole in der anderen, die Augen so rot,
dass sie durch den Nebel aussahen wie heisse geschmolzene
Schlacke, die langen Dreadlocks tausend dünne
Schlangen im Wind, Blätter und Gras und Dornen
Schossen an ihm vorbei. Du musst ihm helfen, steh nicht einfach
Da, hilf ihm – flehte mich mein Vater an, doch kaum hatte ich
Meine kleinen Hände zu Fäusten geballt, erschien der Löwe
Hoch in der Luft, den Körper in seiner ganzen Länge
Ausgestreckt, und der Mau-Mau-Krieger zog den Speer,
als sei er eine lange Wurzel, aus der Erde. Der Löwe versuchte, mitten in der Luft,
anzuhalten, zog seine Pratzen als Friedensangebot zurück, aber es war zu
spät, und er liess ein weiteres Brüllen entweichen, als seine Brust einbrach
in den Speer, die Brustplatte gab nach, bis der Speer
seinen Weg ins Herz gefunden hatte. Sterbend dann tot,
setzte er seinen furchtbaren Bogen fort und landete. Ich winkte,
und das Bild stand still. Mein Vater kam zu mir
und fragte, Wieso hörst du mit der Jagd auf? Ich sagte,
«aber wir töteten ihn – ich habe, wofür wir gekommen sind.» Ich zeigte dorthin,
wo der Mau-Mau-Krieger seinen Speer herauszog
aus dem Kadaver, aber mein Vater schüttelte seinen Kopf und sagte,
– Du hast es gut gemacht, aber schau genau hin – wie kannst du
All das in einem Wort tragen? Wie können wir das nach Hause tragen?
Es ist zu schwer. Ich lachte und sagte – «Vater, so hilf mir doch.»
Aber er zeigte auf den Boden, auf einen stetigen Strom eines hellen
Dünnen Flusses, der sich wütend wand durch die Kerben
Des Speers in die Erde. Auch ich deutete, unfähig zu sprechen
– die Schönheit grösser als meine Vorstellungskraft. Ich war verwirrt.
Ich hatte keine Wörter. Komm, lass uns nach Hause gehen, Kleiner Vater.
Wenn du alt genug bist, wirst du die Wörter finden, sagte er.
Doch sei immer vorsichtig – ein Wort jagen heisst ein Leben jagen.
Mukoma Wa Ngugi,
übersetzt aus dem Englischen von Oliver Füglister
