Kaum älter als du, Jonatan

Ich bin kaum älter als du, Jonatan,
ich begreife immer noch nicht alles,
ich verstehe die Zusammenhänge nicht so wie die Menschen,
ich sehe die Folgen vor meinen Augen aufziehen wie ein Heuschreckenschwarm,
ich klammere mich an Erfahrungen, die nur einmal gelten und ein zweites Mal wie die Kehrseite eines Schekels
zwinkern, den ich für einen Ratschlag in die Höhe werfe,
ich fühle den kindlichen Trotz noch ebenso wie das kindliche Vertrauen,
ich empfinde immer noch das Staunen eines Kindes, das eine Ameise tötet,
die schreckliche, mächtige Ohnmacht eines Kindes, das ein Fohlen in seinen Armen hält, mein Sohn,
alle meine Erfahrung ist nur altes Fleisch,
ist nur müde Muskeln,
ist nur schlaffe Haut und Zornfalten und Lachfalten,
und ich erinnere mich nicht an mein letztes Lachen, wohl aber an meinen letzten Zorn,
ich erinnere mich an das Keuchen danach,
an die tauben Lippen, das Sirren in den Fingerspitzen, den wohltuenden, Beine wegschlagenden Schwindel, Knie die Sülze,
und lange noch spüre ich meine Nasenspitze nicht,
ich bin wie eine Kiefer am Hang,
die sich klammert an Stein und Disteln und Schiefer und hinaufwächst in den dunkeln Himmel,
um immer weiter hinauszuschauen in das Land, das ihr zu Füssen liegt,
doch weiss sie weder woher sie kommt noch kennt sie ihren Auftrag,
wie die fliegende Münze mit ihrem blinkenden Ratschlag, mein Sohn,
ich befürchte, es gibt ihn nicht, den Auftrag,
nicht für mich, das fühle ich,
ich habe viele Frauen besessen, wie die Menschen sagen, besessen und geschmeckt,
doch besitzt niemand ein anderes Leben, ein anderes Fleisch, eine andere Kehle,
für Augenblicke strich ich mit Torenfingern das Gespinst von ihren Gliedmassen,
doch konnte ich sie nicht ansehen,
ich war ganz eingesponnen in meine Scham,
sie bedeckt mich ganz und gar,
und jede meiner Taten ist eine abgewogene Unwissenheit,
die ich kundig mit Schweiss und Bauernregeln, mit Tränen und abschätzigem Überschlag vermische,
wie ein Kind, das mit Stöckchen spielt und einen Turm baut,
ich bin noch nicht einmal so alt wie du, mein Sohn.

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