Heute soll niemand sterben,
heute soll niemand eine Rache spüren,
die nicht auf Verantwortung und Nachsicht fusst,
heute soll von Gad bis Naftali, von Manasse bis Simeon keines der Kinder meines Volkes seinen Vater vermissen,
nur weil ein Mächtiger um seine Macht fürchtet,
nur weil ein Mächtiger seine wunde Niere für wichtiger hält als eure heile, helle Kehle,
nur weil ein Mächtiger die Sandkörner au seinen Füssen zu zählen versteht, die ihn stechen,
nur weil ein Mächtiger für ein Blinzeln im Steinauge Gottes diese eine Zipfelchen Land zu retten vermochte.
Heute ist kein Tag zum Feiern,
heute ist kein Tag zur Freude,
wir haben immer noch das Korn im Auge,
das vom Lauf der blossen Feindesfüsse aufgewirbelt ist,
wieder einmal reiben wir uns die Augen,
wieder einmal müssen wir uns fragen,
warum sind wir hier,
warum streiten wir um diese steinigen Hügel,
um diese faden Gräser, die zwischen Gemsenköteln und Ginster mit ihrer Zunge im Wind ein Flüstern erheben,
als seien sie Gottes kaum vernehmbare, rachedurstige, wutheiseren Worte?
Warum sind unsere Feinde wie Flut und Ebbe,
die uns Land schenken und nehmen?
Heute soll niemand sterben,
heute soll niemand ausgerechnet meine Ferse auf seinem Hals spüren,
denn ich kenne den Ginster,
seine eine Hälfte ist dürr und kahl, die andere Hälfte aber steht in weissem Blütenschnee,
und der im Berg geht, reibt sich die Augen, ob Mitten im August der Winter gekommen sei,
ich kenne auch die Gemsen,
die in die Steile und Schräge und ins Pfadlose steigen, hoch und höher,
doch willst du sie treffen mit einem Pfeil, springt sie dir im Nu hinweg,
wie ein Spatz, der auffliegt,
und wärmt nicht die Ginsterwurzel die Nächte der Machtlosen,
lässt der Sprung der Gemse in der Felswand nicht das Herz des Trägen selbst hüpfen und hoch aufspringen?
