Eine Frau aus Juda

Bald werden wir nicht einmal mehr klagen können,
            bald wird unsere Zunge erlahmen,
unsere Kehle ertauben,
            und von Beerscheba bis Hebron, von En-Gedi bis Ziklag,
wird ein flüsterndes Hauchen und Heulen herrschen,
            ein Röcheln erblindeter Hoffnung,
ein totgeborenes Stammeln der Entrüstung,
            und die Männer werden sich gürten mit dem bleichen Haar ihrer Frauen,
die Frauen werden sich baden in der Spucke der Hebammen und Brautwerberinnen,
            und über das Meer wird der Geruch von tausendfacher Opferung zu uns dringen,
aus dem Osten werden die Freudenfeuer aufsteigen wie die Augen von Tieren in der anbrechenden Nacht,
            und ich lausche auf die Stimmen der Männer auf dem Dach, einmal heftig, einmal sanft,
die Kinder bewegen sich im Bett wie gestrandete Fische
            und ich selbst kaue auf meinen Locken wie eine Deborah auf der Suche nach einem Traum,
auf der Suche nach einem Traumgesicht,
            in dem ein Morgenstern über den grauen Blutungshorizont aufsteigt wie die stupfende, kühle, ferne Schnauze
eines Zickleins,
wie der Finger eines tränenden Grossvaters, der meinen Kindern segnend über die Stirnen streicht,
            bald nämlich wird in Erfüllung gehen,
und der Fleischbrocken liegt immer noch umsummt auf meinem Küchentisch,
            das Tuch nur halb aufgeschlagen,
ich höre die Insekten, als kröchen sie über meine Augenlider,
denn alle wussten sofort, worum es sich handelte,
was dieses Nierenstück heissen sollte,
das in seinem blutdurchtränkten Tuch auf die Türschwelle geworfen worden war,
ja, ich sehe die Erfüllung herankommen wie ein hinkendes Füllen, das die Jungen im Dorf gebunden haben,
            und es hebt seinen schweren Kopf mit den grossen Wangenknochen und ruft,
ruft in den aussergewöhnlich stillen Morgen hinaus,
            es kreischt um Luft, es hechelt vor Erschöpfung eine Klage,
mit diesen leidbereiten quellenden Augen eines bereits erwachsenen Tiers,
            und ich hebe meinen Jüngsten an meine Brust,
bald wird uns das Klagen gänzlich vergehen,
            bald werden unsere Herzen gänzlich verblöden im Klagen,
und nur noch die Katzen werden ihr Hochzeitsgeheul aus den Gassen der Stadt in die Wüste schicken.

Hinterlasse einen Kommentar