Wer bin ich denn nun?

Bin ich das, dieser Mann mit den aufgeworfenen Armen,
            diese rote Gestalt mit den geschürzten Lippen,
den weiten unregelmässigen Schritten, halb Stolpern halb Tanz?
            Bin ich das denn, Saul, dieser heulende Hund in den Gassen Gibeas?
Ist das denn noch mein Körper?
            Gibt es denn dafür noch Wörter?
Ich frohlocke und frohlocke und kenne die Gründe nicht für mein Frohlocken,
            ich gräme mich und weine und kenne die Gründe nicht für Trauer und Gram,
ich sehe die ungläubigen Gesichter der Gaffer und kenne nicht den Grund für ihren Unglauben,
            ich bin hoch unter ihnen und tief über ihnen,
ein Schaf ganz allein im Fels,
            ein Ochse ganz allein im Feld,
eine Weinrebe im Frost,
            wer bin ich denn nun, da ich kein Kind mehr sein kann,
weder Mann noch Frau in meiner Blösse und in meiner zertaumelten Gegenwart,
            die weder Zukunft noch Vergangenheit hat,
wer bin ich denn nun, da ich aus diesem Fleischballen und Talgballen geschlüpft bin,
            der leicht war wie das Licht, das ein Mädchen in seiner Kammer für ein Gebet angezündet hat,
der schwer war wie der Wurzelballen eines Baumes, der vom Sturm gehoben worden ist,
            dass mein Vater von mir abgefallen ist wie der Schorf einer Wunde am Fuss,
wer bin ich denn nun, der ich doch Saul geheissen habe?
            Ich sehe wohl den Onkel und den Vater beieinander stehen am Stadttor,
mein Vater mit seinem alten, lieben Kindergesicht, auf dem Gott das Wort für Hoffnung eingeprägt hat,
            mein Onkel mit seinem schwarzen, immer wütenden Antlitz einer gekränkten und verjagten Hebamme,
ich höre ihre Stimme und fühle die Tränen meines Vaters an meiner Wange,
            tu, was sich dir anbietet, sagen sie,
denn Gott ist mit dir, sagen sie,
            aber ich bin nicht Saul,
ich war nicht Saul,
            ich werde nicht Saul gewesen sein,
dafür trage ich zu viel unter dem Herzen.

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