Rahels Gebet

Ich trug mein ganzes Leben zwischen meinen Brüsten die reich ausgestattete Göttin,
            zwischen meinen leeren Brüsten hauste seit meiner ersten Blutung das Stäbchen ihrer Anwesenheit,
und sie kam mit mir aus meiner Heimat bis an diesen verfluchten Ort,
            am Rande einer weiteren Reise,
an den staubigen Rest meiner Kraft.
            In meinem Sattelbeutel rettete ich die anderen Pfählchen,
die durch den Mund zwischen ihren Schenkeln sprechen,
            und ihr Zwitschern hat mich all die Jahre erfreut und aufmerksam gemacht,
aufgeweckt hat mich ihr Flöten für die Lügen der Männer und Söhne,
            für die Versprechen ihres Gottes, die Drohungen sind,
und wenn ich blutete,
            und wenn mein Schoss zerriss,
wenn mein hohler Bauch sich häutete und all seine Fleischesfülle ausleerte,
            sass ich auf dem Sattelkorb meines Kamels und spürte die Leiblein wie die fingerdicken Spähne für ein Wegesfeuer unter meinem Leib,
und nicht wie die knotigen knorrigen knochigen Finger meines Mannes,
            die mich wie eine Zibbe vor der Schur behändigen,
dessen Kraft unzählige Male schon in mich gefahren ist wie ein Sommergewitter,
            das sogleich verdunstet, mitten im Fallen schon aufsteigt,
dessen Glied mich ausschabte,
            dessen Hitze mich verkühlte,
hier am Wegrand, hier auf einer weiteren Reise,
            gedenke ich der Göttin und halte sie in meiner feuchten Hand und schreie,
presse und schreie,
            ich spüre meinen Muttermund zerreissen, ein letztes Mal,
die gelben Hänge und Wiesen verschwimmen vor meinen Augen,
            das Gesicht meines Mannes über mir, dessen Namen ich vergesse und verfluche,
doch mein Schoss will ein letztes Mal ein Ja ausstossen für die Göttin,
            oh, und nicht für seinen Besitzergott, für seinen Reichengott,
ein letztes Wort will mein Leib sich entringen,
           ein Schmerzenswort, ein Schmerzenskind,
und der Mund meiner Göttin öffnet sich kreischend und von Süsse erfüllt jetzt für mich.

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