Einige Träume solltest du einfach gehen lassen

Ich will gar nicht erst anfangen mit den Milchaugengäulen vor der Hochzeitskutsche auf dem Sanktmichaelshügel
Und unten in der Milchsuppe die Schärpen aus Krähen
Ein Beginn wie unwirtliches Gebet am Anfang eines Wintertages
Noch verklebt vom Schweiss der Träume
Ausgespannt über mein Atlantis-Leben zwischen zwei Kontinenten: doch einfach gehen lassen
Wie der Ausblick von der Rigi auf mein Heimatland
Da drüben der Lindenberg mit seinen Pappeln und seinen Rapspupillen wie die Streifen eines Luchses
Dort die verschlungenen Reussgründe und weit hinten die Säule des Atomkraftwerks
Wie dieser Ausblick durch die Augen geht und einen Moment oder zwei eine Art Erkenntnis aber keinen Halt findet
Weder Dauer noch Erwiderung kennt
Kann ich diese Träume nicht gehen lassen
Denn diese Milchaugengründe
Zeigen mich als Kern
Als Samen: die tiefsten noch nicht ausgeschabten Wundhöhlen
Die ausgehöhltesten noch nicht ausgeleuchteten Rücken gefüllt mit dir
Diesem Abschatz der Träume
Diesem Spiegelgrund von Furcht und Abscheu
Scheu und Fürsorge: eine bronzene Frau zierlich wie eine Pappel mit diesem starkgelben Auge eines Ziegenbocks
Einer geschmeidigen Stimme und ich im Palace auf einem Balkon mit Sicht auf die Savoyer Alpen
Das bittere Prickeln von Champagner auf der Zunge und eine Kälte auf der Stirn wie eine Eisenkrone
In meinen Ohren ein ständiges Tapiola wie eine Zentrifuge
Und die Kinder mit ihren gestreiften Krawatten hinter dem Hotelkasten
In seinem Moosschatten und du leitest ihr Spiel an
Lachend tragen sie sich über die abschüssige feuchte Erde
Die leise nach russischem Tee fünfmal aufgebrühtem russischem Tee schmeckt wenn auch du prustend hinfällst
Und alle Kinder auf dich stürzen wie ein Spatzenregen: und wieder ihre Lagerfeueraugen und ich mit gesitteten Huckleberry-Schössen in der Bar am Fenster mit Aussicht auf ein Bourbakipanorama über einem Gedicht wie eine Gletschermühle und da heulen die Sirenen auf und auch du
Hechtest mit aufgestelltem Kragen in die Kellergewölbe des Molochs: die Träume einfach weggeben
Weggehen lassen: das ist doch nicht möglich
Als seien sie vollgeschissene Windeln die so schnell wie möglich vor die Türe gestellt und der Abfuhr übergeben werden sollten: mit aufgestelltem Kragen und voller Wut über diesen unnötigen Krieg
Der über unsere Köpfe hinweg geführt wird und schätze die Stärke des Kaffees immer noch ab in deinem Mund und rufe ihren Namen
Der sich wie Zahnschmelz anfühlt
Wie die Ohren eines Esels in deinem Gesicht
Und deine Stimme gleicht den Kartoffelessern
Und ich zähle mit meinen Kollegen die Kinder durch
Ihre weichen Visagen wie Äpfel unterm Baum und da sehe ich sie
Ihren schlanken schimmernden Körper in eine Isidora-Duncan-Toga gehüllt
Ach diese besaiteten Glieder
Und du fühlst in dir jesseninen
Was noch nie gejessenint haben kann du weisst es
Wie ein Gletschersee überflutet es das Tal deiner Vernunft
Deines ganzen bisherigen Lebens: und wiehernd wie ein Gaul auf der Nebelkoppel unterm Zeigefinger einer Tanne
Deine Stirne wie ein Storch beringt
Überfliegst du die Deponie deines allzu südlichen Lebens und kannst wieder Spanisch mit grosser Zuverlässigkeit und deine Worte und ihre Worte sind wie das zarte helle Krächzen einer Krähenkolonie in den Bäumen eines Morgens im Emaus
Und ich sehe den Kellner herbeieilen mit einer Rechnungsfahne in der Hand wedeln
Und wieder beginnen die Sirenen ihren liebevollen seufzenden Gesang
Über die Lautsprecher wird uns befohlen die Gamellen sorgfältig und gewissenhaft zu säubern
Und ich denke was heisst hier Gamellen
Wir haben doch immer im Speisesaal diniert
Die Gamellen sind doch sauber geblieben mit einigen verkrusteten Speisespuren vom letzten Sommer vielleicht
Und der Kellner beginnt zu erklären und ein Wort fliesst durch die Menschen hier unten
In ihrer Lebensnacktheit
Zechpreller
Zechpreller
Und die Augen entkleiden mich bis auf die Fasern meiner eigenen Geschichte und sie
Diese Stimme die meine Nieren mit Honig und mit Flüsterfingerliedern getränkt hat
Dieser Körper der meinem Körper angelegen und wie Südamerika zu Afrika gepasst hat über die Abgründe von Sprache Spucke und Spiel hinweg: wendet sich ab
Zechpreller und du stehst auf der Treppe im Kellerschacht und hörst die Engelsstimmen der Kinder lachen
Lachen und es ist wie feiner Regen der hart wie Reiskörner dir ins Gesicht prasselt
Schlägt und ich fühle den Anstieg in den Beinen
Als zweigte ich gerade von der Mohrentalstrasse in die Kantonsstrasse ab hinauf nach Besenbüren
Also 30 Jahre jünger
Aber ausser Atem wie ein alter Mann und wache auf im Schweisse deines Angesichts
Sehe die Krähe in der Birkenkrone sitzen
Die sich von ihrem Anflug noch leise wiegt
Wie jeden Morgen um die gleiche Zeit
Und ich schmunzle einen Moment und einen zweiten Moment und weiss
Diesen Traum gilt es fertig zu träumen um dich zu retten
Denn du weisst so gut wie ich
Dass auch die Hochzeitskutsche dir damals vor 30 Jahren mehr oder minder plötzlich
Zu einer Begräbniskutsche wurde oder wenigstens werden konnte
Und ich wende mich zur Wand
Die kalt und weiss ist mit einem Kaffeefleck darauf und suche erneut Rettung im Traum:
In einem sauren Schöpfungsgebet
Das mich dauert: das mir die Wahrheit über dich zu sagen immer wieder verspricht
Selbst wenn ich es wegschöbe wie eine Liebe
Die ich nicht erwidern kann: wie die rieselnden Hautschuppen meiner Nächte: auch dieser Traum gehört nun zu meiner Person
Wie die Sterne und Igel auf dem Meeresboden hinterm Hotelkasten.

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