Das Schreiben eines Gedichtes ist natürlich und immer ein Prozess, wie alle Schaffensarbeit. Ein Gedicht kann durchaus und sogar leicht auf einem Ton, in einer Stimmung beginnen und in einer ganz anderen Sprach- und Klangfarbe enden. Nicht zu vergessen: in einer ganz anderen Sinnbildlichkeit sich einrichten, die nicht „vorgesehen“ war; auf eine ganz anderen Stoffebene auf- oder absteigen, vielleicht sogar (im besten Fall) gegen den Willen der Autor*in.
Lange habe ich mich darum bemüht, Gedichte „einstimmig“, „harmonisch“, „ausgeglichen“ zu halten, sie in eine gewisse Neutralität und vorgespiegelte Finalität einzubetten. Immer wieder sind sie mir aber „drausgelaufen“. Ich hielt das ebenso lange für eine Schwäche, einen Fehler meinerseits: eine solche Zufälligkeit und Zusammenhangslosigkeit zuzulassen oder gar von vornherein mit in den Schreibprozess einzubeziehen.
Doch je mehr Erfahrung ich gesammelt, je mehr Gedichte ich geschrieben habe, und insbesondere seit ich ausdauernd und konsequent an einem Roman arbeite – denn Prosa-Arbeit ist etwas so vollkommen anderes als Gedicht-Arbeit! -, desto deutlicher wurde mir, dass es sich dabei nicht nur um ein kalkuliertes Risiko, sondern in allem Ernste um eine Aufgabe handelt: die Sprache wie ein durchgehendes Pferd zu lenken. Nur so, glaube ich jetzt zu wissen, kann sie, und mit ihr das Gedicht, das sagen, was zu sagen ich niemals vermöchte – so sehr ich mich auch um eine kontrollierte und vielleicht gar beherrschte Katastrophe bemühte.
Mit dem Einstieg in das serielle Schreiben stelle ich nun fest, was für eine Erlösung das für eine überbordende Fantasie und unaufhaltsame Sprachwut ein solcher Ansatz sein kann. Denn so kann sich das Sprachmaterial immer wieder adaptieren und verändern. Das Gedicht befasst sich mit einem Grundmaterial an Wörtern und Sätzen, Haltungen und Stimmungen – und variiert diese von Mal zu Mal, von lnkarnation zu Inkarnation.
So handele ich als eine Art „Durchlauferhitzer“ für die Sprache. Ich „kanalisiere“ ganz unesoterisch einerseits, was für Stimmungen und auch Leerungen in mir drin sind und gebe ihnen im Gedicht einen Raum und eine Zeit. Andererseits achte ich darauf, dass sich der Sprachstoff „entfalten“ kann: gebe dem wörtlichen Zerren und dem syntaktischen Zupfen nach, das ich ständig in mir verspüre.
Inzwischen – als reife, „geprüfte“ Schreib-Persönlichkeit – weiss ich auch, dass Schreibende eigentlich nichts zu sagen haben, nicht nur, wie ich als junger Mensch (bis 40 Jahre alt) dachte, weil schon alles gesagt ist, sondern weil-obwohl es nichts zu sagen gibt: die Sprache hat einen Willen, uns anderes sagen zu lassen, wenn wir genügend achtsam mit ihr umgehen, uns auf Umwege zu führen, die uns eher zu dem führen, was wir sagen können, was wir wirklich sprachlich gesehen sind.
Und wenn ich nun von einem Gedicht zum andern gehe in dem aktuellen Zyklus, fühle ich mich befreit von der Last, sowohl linear als auch begründet und-oder zweck- und zielorientiert, ganz vergessen leistungsorientiert sagen zu wollen: müssen. Ich kann der Sprache dabei zuhören, zusehen, wie sie mich führt. Ich kann der Sprache bei ihrem Lauf über das Papier und durch „meinen“ Stoff folgen, ihren Neigungswinkel verändern. Sie nimmt mich an die Hand und führt mich in die Gefilde hinaus. Dabei entstehen musikalische Kunstwerke, denen es mehr um die grossen Bögen geht, um das „laut Denken“. Und je tiefer ich in die Sprachwelt meiner Gedichtreihe eintauche, umso erfüllter wird das Schreibgefühl und der Schreibprozess. Und ich bin entspannt und glücklich: ich bin nur Zuschauer oder Zuhörer. Ich höre dem Diktat der „höheren Instanz“ zu, und das ist ja recht eigentlich die Grundbedeutung von „Dichtung“.
