Eine Leidenschaft, mit der ich allein lebe

Ein Rückblick auf vier Tage Lesung auf dem Holbeinplatz im Rahmen des «Tags der Poesie 2021»

Gerade bin ich durch den warmen Sommerabend zurückgeradelt ins stille Quartier, wo ich wohne. Ich habe mir einen leichten, billigen Weisswein eingeschenkt und will sofort Bilanz ziehen, da alles noch so frisch ist.

Das sind schon zwei

Ja, Poesie ist nichts, was in diesen unseren Städten und Dörfern und Ländern interessiert, interessieren kann. Für die Poesie musst du stehen bleiben und dein Ohr neigen. Das kann heute niemand mehr. Nur die Kinder – besonders jene, die noch nicht lesen können oder es gerade lernen – haben die Neugier und die Aufmerksamkeit noch, etwas zu bemerken, was keinen Wert hat. Wert hier im Sinne von «verwertbar». Das sollte uns alle aufwecken.

Ich bin schon wach. Das ist schon mal klar. Es ist ein ungeheures Erlebnis, jeden Tag wenn auch nur 2 Stunden auf einem öffentlichen Platz zu stehen und weilen. Und alles aufzusaugen, was man da erlebt: vom Spatzenflug und -schnattern über den Schattenlauf und die Sonnenflecken, vom Flug der Tauben über den Dächern bis zum kleinen Jungen, der von seiner Mutter erbarmungslos hinterhergezerrt wird – fast wie das Schosshündchen aus meinem Gedicht «Holbeinplatz». Nicht zu vergessen das alte Ehepaar, das sich schneckengleich nach Hause bewegt, von ihren Stöcken aufrechtgehalten. Und besonders den Penner, der immer von 16.00 bis etwas 17.00 Uhr seine kleine Stadtpause macht, mit seinem Dennersack und seinem schweren, verarbeiteten Körper.

Die Wahrheit von Günther Eichs Gedicht («Ich habe einen Leser in Thessaloniki/Und einen in Bad Nauheim/Das sind schon zwei») wurde mir wieder einmal schmerzlich bewusst. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Es entmutigt und verärgert und lässt einen an der eigenen Leidenschaft zweifeln.

Ich kann nicht sagen, wie schwer es ist, mit dieser Leidenschaft für die Poesie aushalten zu müssen, die niemand teilt. Ich will es auch nicht schwerer darstellen, als es ist. Doch es ist wie mit jeder Leidenschaft: je mehr du sie befeuerst, umso verzehrender wird sie.

Ich möchte mich bei den 5 Zuhörern bedanken, bei Matthias, bei Andreas und der namenlosen Frau, meinen beiden Eltern. Diese 5 Personen haben meine echte Achtung, auch wenn alle 5 wegen mir – und nicht wegen der Poesie gekommen sind. Denn selbst meine eigenen Freunde sind nicht gekommen.

Das kann einen verbittern. Das kann einen umso mehr verbittern, als mir seit schon sehr langer Zeit bewusst ist, dass Poesie oder Gedichte keinen Stellenwert haben. Viele Menschen leisten nur «Lippendienst» (wie die Engländer so schön sagen), aber nur wenige engagieren sich wirklich dafür. Und die «anerkannten» Lyriker*innen klingen in meinen Ohren eher wie Bürokraten der Lyrik als wie vehemente Verfechter einer aussterbenden Sorte von Leidenschaft.

Eine bittere Bilanz also?

Sicher überwiegt die Bitterkeit. Doch gehört diese zu meiner Lyrik wie meine Brille zu meinem Gesicht. Sie ist eine Triebkraft meiner Lyrik; nicht die wichtigste, aber eine der dankbarsten. Wollen wir sie also kurz hochleben lassen!

Es lebe die Bitterkeit, hoch soll sie leben! Dreimal hoch!

Doch ist es ein wundervolles Gefühl, seine eigenen gescheffelten und geschliffenen und geherzten Worte in die Luft eines öffentlichen Platzes zu sagen. Mit der eigenen Person und der eigenen Stimme mit dem Platz zu verschmelzen, eine Art Artefakt des Platzes zu werden – genau wie der Körper des alten Mannes, der einmal im Tag den Platz mit seinem Dennersack besucht, um sich dort auszuruhen. Es ist wundervoll, wenn der Verkehrslärm momentan verebbt, du die Bäume über dir rauschen hörst, die Spatzen zetern, von ferne eine Kinderstimme, die Sonne auf deinem Gesicht, und wenn du in den Schatten trittst, den Schatten.

Ich glaube ganz fest, dass ich damit etwas Gutes für die Welt getan habe. Das klingt in den Ohren der meisten vermutlich einfach idiotisch. Aber ich verstehe heute erstmals, wie idiotisch du sein musst, wenn du etwas für dich wirklich Wichtiges und Bedeutendes machst. Wie die ersten Christen, möchte ich fast sagen: «Unsere Klugheit ist ihnen Torheit», wie Paulus das so oder ähnlich in einem seiner Briefe gesagt hat.

Fast hätte ich also Lust, gleich nächstes Wochenende wieder irgendwo mich hinzustellen und zu lesen. Der allgemeinen Gleichgültigkeit trotzen, der Hast und der Unaufmerksamkeit, der Unachtsamkeit – die ja unsere Welt bereits unheilbar an den Abgrund geschoben haben – etwas bewusst anderes entgegen halten und sprechen. Töricht ja, aber leidenschaftlich töricht. So töricht, dass es schon wieder fast durchtrieben zu nennen ist.                                                                                                        

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