Ein Gedicht schreiben: „Es“

Ich starre unverwandt und blank und ununterbrochen «darauf», was das Gedicht beschreibt oder sagt, jedoch ohne genau zu sehen, was dieses «Darauf» ist, denn sähe ich es genau (an), so verflüchtigte sich jedes Wort.

Denn die meisten empfindenden und denkenden (will heissen: hinterfragenden, lauschenden) Menschen haben «es» schon einmal empfunden oder gedacht – und dafür ein nützliches, nutzbar gemachtes Wort gebraucht – und «es» damit gesagt.

Doch Sagen ist nicht gleich Sagen: was ich da fast mit tränendem inneren Auge und mit zunehmender Verzweiflung fixiere wie die vermeintliche Fliege oder der angebliche Ölfleck auf dem weissen Hemd eines Mathematiklehrers, bis er «daran» glaubt, ­- was ich da festhalte, festzuhalten versuche – das ist ganz allein mein «Es»: und wenn mir gelingen sollte, «es» mit meinen Worten lange genug und immer näher zu umkreisen, bis es sich fast schon in meine Zwecke einspannen lässt, das Gedicht vielleicht sogar selbst voranzutreiben beginnt, also meine Rolle usurpiert, buchstäblich gleichzeitig Motor und Energie des Gedichts wird – wenn das gelingt: ist «es» auch zu dem «Es» eines denkenden und empfindenden Menschen geworden, die erkennen kann, dass es mit dem nutzbar gemachten Wort keineswegs oder ausschliesslich gemeint sein kann, der erkennen kann, wie verschieden und vielfältig in einem es doch zugleich sein kann und ist.

„Also der Typ mit dem Altsaxophon, Mann, gestern Abend – der hatte ES, und er hat es festgehalten; ich habe noch nie erlebt, dass einer es so lange halten konnte.“ Ich wollte wissen, was „ES“ bedeute. „Ah“, lachte Dean, „jetzt fragst du mich Imponderabilien, hmm! Hier steht zum Beispiel ein Typ, und da ist das Publikum, verstehst du? Seine Aufgabe ist es, auszudrücken, was die anderen fühlen. Er fängt mit dem ersten Chorus an, reiht dann seine Ideen aneinander, die Leute schreien „yeah, yeah, weiter so“, und dann stellt er sich zu seinem Schicksal auf, und muss etwas entsprechendes blasen. Und plötzlich, irgendwo mitten im Chorus, hat er es – alle blicken auf und wissen es; sie lauschen; er greift es auf und führt es weiter. Die Zeit bleibt stehen. Er füllt den leeren Raum mit der Substanz unseres Lebens, mit Geständnissen dessen, was ihm Bauchschmerzen macht, mit Erinnerungen an Iden, an Themen früherer Sessions. Er muss über die Brücke hinweg und wieder zurück, mit einem so tiefen, die Seele auslotenden Gefühl für die Melodie des Augenblicks, dass alle wissen, nicht auf die Melodie kommt es an, sondern auf ES -“ Dean konnte nicht weiter, er brach in Schweiss aus, während er darüber sprach.

Jack Kerouac, Unterwegs

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