Ich möchte… I

(Mit Dank für das Foto an JamesDeMers)

(für Joy Harjo)

Ich habe keine Heimat –
Ich erbe keinen Gesang –
Von meinen Leuten höre ich nur
Einsilbige mehrfach abgeleckte Briefmarken
Die du an den Wind haften könntest
An den nicht besonders behaftbaren Wind
Der durch die vom Land abgetrennten Kleinstädte
Und durch die Gehirne voller Entspiegelung
Kriecht und selbst die Föhnwelten
Niemals erreicht
Antiseptisch und redlos schlurft
Und mochte auch der Fluss im Frühjahr
Die Keller schwemmen war das eine Sache
Für einen Satz
Dem man alles abgespart hatte
Und einige Allzweckflüchte
Denen die Bodenhaftung längst abhandengekommen war
Wurden in den Wind geworfen
Wie leicht entflammbares Reisig
Dem das Licht von den Kronästen entzogen worden war
Flüche und Sätze wie die Vorderbeine eines Raubsauriers
Rückentwickelt und grad noch gut zu Gabel und Messer
(Jetzt nimm doch nicht ständig den Finger dafür!)
Lebende und gebräuchliche Fossilien
Ich verstand nicht warum niemand
Sich selbst aufheben wollte
Aufleben wollte in dem Begradigten und Erschlossenen
In dem Sänger von Massenware gekauft
Einen koffeinsüssen und hungerschaffenden Sirup
In unsere Kehlen legten und mit den Hüften zuckend
Von einem Begehren sprachen
Das wie ein zusätzliches Organ in uns wuchs
Wie eine Kettenreihe an uns zerrte und unsere Kehlen
Waren belegt vom Teer namens
Was sagen die andern –
Denn meine Leute sind kein Volk
Kein Stamm und ankern ohne Botenstoffe
Ungefährdet und unvertrieben
In der berechneten Welt
Die noch nie gesungen hat ­-
Ein sesshaftes Horssolvolk…
Und ich erbe keinen Tanz
Mit dem was im Kosmos zirkelt
In deine Hüften und Lenden fährt:
Als wären Wurzeln Flügel aufhebt
Was dich festhält in ein besser gewusstes Geheimnis
Keine Kraft aus dem Torfboden
Die die Scham überzähliger Träume verwandelt
Kein Stampfen-Signal
Keine jederzeit mögliche Stampede
Über dich hinausreichend: das die Wirklichkeit
Erschüttert auf dass ihr Mark austritt
Und auf dich tropft wie gute neue Wörter:
Ein Ich wäre jetzt… und du…
Das weiter wirkte als nur in die eigene Kindheit und
In den Bauch deiner Mutter: wie gute neue Wörter
Denn höre ich nur
Einige wenige davon
In ein Gedicht gestreut
Gleich den Überschwemmungsmarken in den Häusern am Fluss
Gleich den skelettierten Wäldern auf dem Peloponnes
Gleich den Jugendlichen
Die um Freiheit und Gemeinschaft
Vor keiner Autorität mehr zurückschrecken
Gleich den neurofibrillären Tangles im Stirnlappen meines Vaters
Gleich den Salzkrusten auf meinen Hemden
Spüre ich den Klimawandel
Und ich weine heisse Glückstränen
Mit denen ich den Grund aufweiche
Für ein nächstes Gedicht und ich weiss
Ich bin vom Weg abgekommen und ich denke an meinen Sohn
Der sagt: Mann Papa das sind aber viele Flaschen
Und ich erbe dieses Nomadengefühl
Das mich in die Sprache wandern lässt
In die ariden Zustände kurz vor der Verblödung
Die genauso wenig Heimat ist
Wie die überteuerte Zweizimmerwohnung für die äthiopische alleinerziehende Mutter mit ihren beiden Söhnen:
Ich habe keine Heimat und ich erbe kein
Gospel und keine Leidenswege
Die ein ganzes Volk traumatisieren
Meine Vertreibung findet noch statt
Und wenn ich zu viel getrunken habe
Sehe ich das Gedicht aus meinen schwankenden individualisierten Gliedern aufsteigen
Mit einem Hammel einem Hahn und einer Ente
Und es gibt nichts Schöneres
Als ein Gedicht zu schreiben
Das aus den Gleisen fällt
Denn daraus wird kein Schuss mehr fallen
Und hallen über die Steppe:
Die Herden werden zurückkehren
Schlingpflanzen und Pilze werden die Städte bewohnen
Kartäusernelken werden die Asphalte spalten
Und der Haufen zusammengepapptes Papier
Über das die Insekten huschen mit ihren haarigen Finger
Als könnten die Buchstaben damit besser entziffert
Besser verstanden werden wird bald fast schon Humus sein:
Ich erbe keine wirklichere Wirklichkeit
Keinen Herzensknäuel und kein
Geraubtes Land: das alles
Hat nichts mit mir zu tun
Und ich denke ich bin ein eigenes Volk
Das in Geschichten und meinen Kindern
Mehr schlecht als recht überlebt:
Aus diesem ungetanzten Wirbel
Den ich anrühre mit guten alten Worten
Und der nichts zu tun hat mit dem faden Säuseln
Das durch deine Städte streicht
Aufsteigen in die Kronen der Sumpfzedern
Auf dass du stolperst über die Luftwurzeln:
Ich habe keine Heimat und die Boten
Die mein Blut durchströmen
Waren der kargen Kost ausgeliefert
Die Geschichtenlosigkeit heisst:
Ich ersöffe gäbe es nicht
Die guten neuen Worte
Die mir die Tränen treiben
Im Schlick einer Mangrovenwelt
Aus dem Insekten sich erheben
Wie die vergessenen Reiche von Horten und Bewahren:
Jedes Gedicht ist Abrahams Zelt
An dessen Eingang Sara lacht.

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