
Ich musste durch eines dieser schwierigen Zusammentreffen von Umständen hindurch, wie man sich ihnen im Allgemeinen häufiger im Leben gegenübersieht und die man, auch wenn man sich in seinem Charakter und seiner Natur – unserer Natur, die unsere Lieben selbst erschafft, und beinahe auch die Frauen, die wir lieben, und sogar ihre Fehler – nicht verändert hat, niemals, das heisst, in den verschiedenen Lebensaltern, in der gleichen Weise angehen kann.
Proust, Im Schatten junger Mädchenblüte
Mitten im Roman stellt sich mir immer wieder die Frage, inwiefern sich der Protagonist meines Romans entwickelt oder entwickeln kann. Denn implizit schreibt da sowohl die Literaturgeschichte als auch die Lesererwartung mit.
Die Literaturgeschichte mit der Gattung oder dem Romantyp Entwickungsroman: Eine Figur wird mit der «erzählten Welt» konfrontiert und muss sich daran «abarbeiten» und «entwickelt» sich im besten Fall – zu einem mündigen Bürger oder einem aufgeklärten Menschen.
Die Erwartung der Leser*innen (auch meine eigenen, die ich beim Lesen an eine erzählte Figur stelle): Die Frage, ob ein Buch gelten kann, dessen Figuren am Ende unverändert «entlassen» werden. Es ist die Erwartungshaltung, die die moderne Welt, der moderne Mensch an sich und andere legt. Denn der moderne Mensch in der modernen Welt ist ja gerade dazu aufgerufen, fast schon im Selbstverpflichtungsmodus, «sich selbst zu verbessern» (elektronisch, virtuell, über Datenkontrolle und -verwaltung), weil in der modernen Welt ein konstanter Anpassungs-, Leistungs- und Evolutionsdruck herrscht. Eine Figur, die sich diesen Zwängen verweigert, die sich weder von Zielen leiten noch von Machbarkeiten drängen lässt, steht in meinen Augen fast archaisch in diesen Zeiten und Literaturen.
Ein bisschen Etymologie
Begibt man sich auf die Spurensuche nach der Wortherkunft von «entwickeln», stellt man folgendes fest:
- Das Verb «wickeln» selbst hat ein weites «Netz» über die Sprache geworfen, so finden sich in «Docht» wie in «Wachs» oder «Wacholder» Spuren davon.
- Ursprünglich in der Bedeutung von «Faserbündel, Docht», hat die Wortwurzel *ueg- mit «weben, knüpfen, Gespinst» zu tun.
- Das Duden-Herkunftswörterbuch bestimmt die Bedeutung wie folgt: «Das abgeleitete Verb «wickeln» bedeutet eigentlich «ein Faserbündel um einen Rocken winden», aber schon in den ersten Belegen tritt es in der allgemeinen Bedeutung «um etwas winden» auf.»
- «Entwickeln» ist dann so viel wie «auf-, auseinanderwickeln» (17. Jahrhundert), und im 18. Jahrhundert tritt es auch im übertragenen Sinne auf, also «(sich) entfalten, (sich) stufenweise herausbilden».
Befragt man den Duden nach der aktuellen Wortbedeutung, werden 7 Bedeutungsvarianten genannt. Meine Kritik am «Entwicklungswesen» gründet sich dabei vor allem an dem «stufenweise herausbilden» der ersten Variante (das ja bereits im ursprünglichen Begriff angelegt ist). Immer aber geht es um eine «Fort-Entwicklung», eine Verwandlung (die Entwicklung der Raupe zum Schmetterling) oder um ein prozesshaftes «Höher-Steigen» auf einer Art «Verbesserungs»-Leiter.
Wenn ich also darüber nachdenke, weshalb ich mich gegen das «Entwickeln» sperre oder dagegen ankämpfe, so hat das mit dieser mehr alltäglichen Verwendung von «Weiterkommen» und auch «erfolgreich sein» zu tun.
Das Beispiel Proust: Perspektivenwechsel und Reifungsprozess
Das zu Beginn stehende Zitat aus Prousts «Ewigkeitsschlaufe», der «Recherche», hat mich diese Woche – ohne nach Zitaten zu dem Thema auf der Suche zu sein – sehr und unmittelbar angesprochen.
Es verdeutlicht in meinen Augen sehr schön, dass es (wenn überhaupt) eine menschliche – charakterliche, auf die Persönlichkeit und ihre Verhaltensmuster bezogene – Veränderung oder Entwicklung gibt, diese sich mehr auf Anpassung, auf Reaktion als auf eine wirkliche evolutionär zu verstehende Weiterentwicklung konzentriert. «In veränderlichen Lebenslagen» sucht der handelnde Mensch andere (Aus-) Wege und Pfade, um den sich im Leben, in der Welt stellenden Problemen und Anfragen zu begegnen.
Proust gelingt es in seinem Meisterwerk vortrefflich zu zeigen, dass wir sehr früh einer gewissen «Natur» unterworfen sind und ihr gehorchen – in allem, was uns betrifft und berührt. Allein der in der Zeit und durch die Zeit – durch das Vergehen der Zeit, durch das Hindurchschreiten durch die Zeit – kann es dem Individuum gelingen, einen Perspektivenwechsel zu erreichen.
In Prousts Falle wird dieser Perspektivenwechsel nicht nur durch sein aufmerksames Beobachten sozialer Mechanismen herbeigeführt, auch durch das «Wiedervergegenwärtigen», das buchstäbliche «Aggiornamento» vergangener Momente und Gefühls- und Lebenslagen.
Vor dem Hintergrund dieser «Rück- und Einblicke» gelingt es der erzählenden Hauptfigur, die anderen Protagonisten (etwa den Baron de Charlus) erneut zu beurteilen. Dabei erkennt die erzählende Hauptfigur – soweit ich das verstehe – keine eigentliche Entwicklung, sondern ihm (vorher und bisher) verborgene Merkmale und Eigenschaften, die die Persönlichkeit der betrachteten, analysierten Figur verständlicher machen oder schlicht plastischer hervorheben.
Letztlich steht die erzählende Ich-Figur am Ende des Romanzyklus bei Proust erst am Anfang seiner Arbeit: Er hat begriffen, worum es in seinem Werk gehen soll oder wird, er hat die Mechanismen der Erinnerungen erkannt, er ist bereit dazu, dieses ständige Verschieben der Perspektive durch das eigene Erleben darzustellen.
Dabei handelt es sich aber nicht wirklich um eine «Entwicklung»: seine Person, seine Persönlichkeit ist durch die Jahre nicht verändert worden. Sie hat sich – ganz im Sinne der ursprünglichen Wortbedeutung – erst recht entfaltet. Die Persönlichkeit ist insofern gereift, als sie ihre Aufgabe im Leben ernst zu nehmen und zu verwirklichen begonnen hat. Ihre Natur, ihr «Wesen», wie man auch sagen könnte, bleibt jedoch weitgehend unverändert. (So ist seine Vorliebe für (allzu) junge Mädchen auch im (hohen?) Alter noch so stark, dass er sich von seiner «ersten Liebe» deren Tochter quasi vorführen lässt. Gilberte gibt dabei eine merkwürdige Figur ab, wird fast zur «entremetteuse» für ihre eigene Tochter…)
Und im wirklichen Leben?
Auch ich selbst könnte von einer solchen «Reifung», die keine «Entwicklung» im Sinne einer chronologischen Linie ist, auf der ich mich immer weiter von meinem Ursprung entfernt habe, quasi «per aspera ad astra», auch ich könnte von einer solchen Bewusstwerdung meines Lebenssinns sprechen. Eine solche finale Bewusstwerdung führt immer (wie bei Prousts Helden) direkt in die Anwendung, ins Handeln.
So habe ich lange Jahre mich mit der Tatsache herumgeschlagen und mich daran abgekämpft, dass ich kaum Zeit habe zum Schreiben. Ich war die meiste Zeit unglücklich darüber und in einem ständigen Zustand von Unrast, Unruhe und Unzufriedenheit. Ich hatte immer das Gefühl, meiner eigenen Aufgabe im Leben nicht gerecht werden zu können – und, wie einige böse Geister in und um mich vermutet haben, wollen.
Erst jetzt aber, an der Schwelle zum halben Jahrhundert, habe ich mich wirklich darangesetzt, den Romanzyklus in Angriff zu nehmen, von dem ich seit mindestens 20 Jahren träume.
Das, weil ich begriffen habe, dass ich diese meine Berufung endgültig verraten würde, wenn ich mich nicht endlich beim Schopf aus dem Sumpf der alltäglichen Ablenkungen und Sorgen reisse.
Auch hier würde ich nicht von einer Entwicklung sprechen, sondern vom Schliessen eines Kreises. Einer «Entfaltung» im Sinne eines zyklischen Lebens- und Welt-Verständnisses. Ich würde für mich die englische Redewendung «he has come full circle» in Anspruch nehmen: ich bin jetzt endlich da, wo ich hinwill, genauer: wo meine ganze Natur, mein ganzes Wese hinstrebt, und bin damit sozusagen wieder an den Ausgangspunkt zurückgekehrt. Auf keinen Fall würde ich mich also mit einem Schmetterling vergleichen, der sich verpuppt hat und dann in neuer (besserer) Form aus seinem «gewickelten» Kokon schlüpft.
Ebenso wenig würde ich für mich in Anspruch nehmen, jetzt irgendwie charakterlich oder in der Persönlichkeit gereift zu sein. Nein, ganz im Gegenteil: ich mache immer noch die gleichen Fehler im Alltag und in Beziehungen, falle auf die gleichen Anreize «hinein»…
«Retour à la nature», Back to the Roots
Wenn ich mir nun also überlege, wie sich mein Romanheld Fritz Remund «entwickeln» soll, so wird mir vor dem Hintergrund der oben angeführten Überlegungen klar, dass auch er so eine kreisförmige oder zyklusförmige Entwicklung durchmachen wird. Er geht ohne Tochter auf die Suche nach der Tochter, findet Leidens- oder Schicksalsgenoss*innen und lernt sich «besser» kennen – im besten Fall erkennt er sich für das, was er ist – und lernt auf dieser «aventiure» auch, wer er ist. Und was ihm die Tochter bedeutet, wer sie für ihn ist.
Wenn ich also einen Entwicklungsroman schreibe, möchte ich ihn fast «Entfaltungsroman» nennen. Denn in ihm geht es nicht darum, dass der Held «etwas wird». Es geht vielmehr darum, dass er wird, wer er ist (immer schon war). Er ist am Ende nicht weiter oder besser als vorher. Er wird sich immer noch in die gleichen «falschen» Frauen verlieben und immer noch die gleichen «falschen» Verhaltensmuster ad infinitum durchziehen – aber er weiss jetzt besser, wer er ist.
Er hat also seine Wurzeln, seine Natur (im Sinne auch von Prousts Zitat) erkannt. Wie sein Autor.
